Die vorliegende Publikation "Beten für den Krieg? Bruder Willram und der "Heilige Kampf" Tirol" basiert auf dem Grundgedanken die Person des in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bekanntesten Tiroler Dichters und meistgefragten Redners und Predigers seiner Zeit, des Priesters Anton Müller (unter dem Pseudonym Bruder Willram bekannt), als pars pro toto für gewachsene Mentalitätsstrukturen weiter Tiroler Bevölkerungskreise rund um den Ersten Weltkrieg vorzustellen. Die Arbeit bedient sich einer argumentativ-qualitativ orientierten, hermeneutisch-deskriptiven und induktiven methodischen Herangehensweise und hinterfragt das von Bruder Willram besonders in seiner Kriegsdichtung vorgestellte deterministische Weltbild eines auf imaginären und konstruierten Traditionen beruhenden "Heiligen Landes Tirol". Die Person Bruder Willrams und sein Schaffen werden vor dem Hintergrund des historischen und geographischen Kontextes in eine Reihe von unterschiedlichen Themenkreise eingebunden (ausgehend von Tirols Bindung an die Katholische Kirche über den Tiroler Freiheitskampf, den Tiroler Kulturkampf, die Instrumentalisierung des Herz-Jesu-Bundes, die Mystifizierung Andreas Hofers, die gezielte Feindbildproduktion, prädestinatorische Kriegstheologie, Kriegspropaganda und Kriegsrealitäten etc. bis hin zur Rezeption des Dichters heute), die vor allem auf einen als entscheidend angenommenen politischen Landeskatholizismus bezug nehmen. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen historisch gewachsene ,Grundhaltungen´ im Land Tirol, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer antimodernistischen konservativen Abwehrreaktion formierten, in der Krisensituation des Weltkrieges ihren Höhepunkt erlebten und weit über den Ständestaat hinaus nachwirken.
Ein Gesicht Tirols rund um die Jahrhundertwende wird dargeboten, wobei die wechselseitigen Beziehungen zwischen prägender Struktur und Handelndem, respektive plakativem Repräsentanten, im Vordergrund stehen und auf ihre Wurzeln untersucht werden sollen.
Neben einer erstmalig erstellten umfassenden Biographie Bruder Willrams, basierend auf sämtlichen verfügbaren Quellen zu seiner Person und seinem literarischen Schaffen, soll die Arbeit einen mentalitätsgeschichtlichen Beitrag zum Verständnis des Entstehens von Ängsten, Feindbildern, Radikalismen, Kriegspropaganda etc. und eine Annäherung an Abstrakta wie kulturelle Identität oder spezifische Tiroler Patriotismen rund um den Großen Krieg anbieten.
Inhaltsverzeichnis
TEIL I: EINLEITUNG
1. Einleitende Worte
1) Ziele der Arbeit
2) Fragen an die Vergangenheit
3) Formulierung einer Hypothese (mehrere Einzelthesen)
4) Aufbau der Arbeit
2. Methodologisches und Vorverständnis
1) Persönliches Geschichtsverständnis
2) Zur Arbeitsmethodik
3. Der Nachlaß Anton Müller im Brenner–Archiv
1) Weitere Primärquellen zur Person:
TEIL II: BRUDER WILLRAM
1. Biographie
1) Kindheit
2) Schulzeit
3) Kooperatorenjahre
4) Italien
5) Innsbrucker Jahre
6) Tod
2. Das literarische Schaffen Bruder Willrams
1) Vom Heimat– zum Kriegsdichter
2) Zäsur 1918
3) Mediale Präsenz
4) Episch–Dramatische Versuche
3. Ad Namensgebung
4. Zur Person Bruder Willrams
1) Der Mensch Anton Müller
2) Der Redner Bruder Willram
A) Veröffentliche Ansprachen und Predigten
B) Rhetorisches, Stilmittel, Inhalte
1) „Die Symbolik der Arbeiterfahne“
2) „Gut und Blut für unsern Kaiser!“
C) Inhaltliches
3) Willram als Politiker
4) Der Lehrer Bruder Willram
Exkurs: Bruder Willrams Frauenbild
5) Bruder Willram der Romantiker
TEIL III: DAS BEDROHTE TIROL. WURZELN REAKTIONÄR–KONSERVATIVER MENTALITÄTSSTRUKTUREN
1. Einleitung
2. Das ,Heilige Land Tirol’
Tirols Bindung an die katholische Kirche
Exkurs: Die Tiroler Diözesaneinteilung
3. Die Ängste der Macht
1) Dimensionen der Angst
2) Die Abwehrreaktion als Aggression
3) Masse und Macht
4. Politischer Katholizismus im Tirol der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
1) Der Tiroler Kulturkampf
2) Die Lagerspaltung: Konservative vs. Christlich–Soziale
Exkurs Alttiroler – Jungtiroler:
Exkurs: Tourismus und Katholizismus
A) Bruder Willram und der Bruderzwist
5. Machterhaltung und Feindschaftserwartung
6. Instrumentarien des Politischen Katholizismus in Tirol
1) Die Idyllisierung von Vergangenheit
2) Die ,Nation Tirol’ als Ausdruck kultureller Identitäten
A) Nationale Identität
B) Deutsche Internationalität
C) „Immobiles sicut patriae montes“ – Tiroler Selbstverständnis
3) Das Bündnis mit dem Herzen Jesu
A) Herz–Jesu–Verehrung
B) Eine ,Geistliche Waffe’
C) Das Herz Jesu als Abwehrinstrument
4) Der Sandwirt–Mythos
A) Mythen im Nationalisierungsprozeß
B) Der Tiroler Freiheitskampf
C) Die Kreation eines Mythos
Exkurs: Tirols schwieriges Verhältnis zur Wiener Zentrale
D) 1909 – Am Höhepunkt der Hoferverehrung
E) Der Abwehrkampf von 1809 und Tirols militärischer Sonderstatus
5) Die Tiroler Landesfeiern zwischen 1863 und 1909
Exkurs: Tirol und die Habsburger
A) 1863: Die Vereinigungsfeier
B) 100 Jahre Tiroler Freiheitskampf
6) Xenophobie
A) Feindbildproduktion
B) Der ewige Jude
(1) Willram und Antijudaismus
C) Die roten Teufel
(1) Willram und Marxismus
7. Die Techet–Affäre
8. Bruder Willrams Katholizismus
9. Zusammenfassung
TEIL IV: GOTT DER KRIEGSHERR
1. Einleitung
2. Der Krieg als Chance
Katholische Theologie im Ersten Weltkrieg
3. Katholische Kriegsvorsehungslehre
4. Das Herz Jesu im Ersten Weltkrieg
5. Die Kriegstheologie in der Praxis:
1) Kriegsgebetsbücher
6. Zusammenfassung Kriegstheologie:
7. Bruder Willrams Heiliger Kampf
8. Schadensbegrenzung
9. Gott verliert den Weltkrieg
10. Anmerkung
TEIL V: DER BLUTIGE DICHTER
1. Dichtung und Krieg
2. Die unbekannte Wirklichkeit
1) Der verhinderte Soldat
2) Der Krieger am Schreibtisch und der Soldat an der Front
Vergleich von Willrams Phraseologie mit den Kriegseindrücken von Felix Hecht
A) Blut:
B) Größe:
C) Gott:
D) Tirol und Italien:
3) Dio in guerra
Vergleich Bruder Willrams mit Giosuè Borsi
TEIL VI: "DER FEIGE WELSCHE WICHT"
1. Einleitung
2. Die Irredenta
3. Deutsche Kultur und welscher Verrat
Antiitalienische Kriegspropaganda und –dichtung im Weltkrieg
4. Wider die österreichischen Barbaren
Italienische Kriegspropaganda
1) Gabriele D’Annunzio
A) Anmerkung zur Rezeption Gabriele D’Annunzios in der Literatur
TEIL VII: BILDER VON BRUDER WILLRAM
1. Der Kriegsdichter
2. Der verschmähte Dichter
Die Zwischenkriegszeit
1) Die Heimkehrerrede
2) Karl Kraus und Bruder Willram
3) Die späten Zwanziger und Dreißiger Jahre
3. Der wiederentdeckte Dichter
Die Nachkriegsjahre
4. Bruder Willram heute
1) Bruder Willram seit dem Zweiten Weltkrieg
2) Die Kindergartenaffäre
3) Bruder–Willram–Straßen
4) Die Brunecker Stadtgalerie
5) Gedenkfeiern und Würdigungen in den letzten Jahren
6) Der Bruder–Willram–Bund
7) Universitäre Arbeiten über Bruder Willram
A) Zur Dissertation von Iris Garavelli über ihren Urgroßonkel Anton Müller
TEIL VIII: SCHLUSSTEIL
1. Nachwort
2. Testament eines Dichters
3. Kurze Anmerkung zur binären Gerechtigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Person Anton Müllers, bekannt unter dem Pseudonym Bruder Willram, als zentralen Repräsentanten Tiroler Mentalitätsstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, seine Rolle als einflussreicher Dichter, Redner und Wegbereiter eines totalitär-reaktiven Katholizismus aufzuzeigen, wobei die Arbeit in einen historischen und geographischen Kontext eingebettet ist, um die Radikalisierung und gesellschaftliche Entsolidarisierung der Zeit verständlich zu machen.
- Die Darstellung von Bruder Willrams Biografie und seinem Einflussbereich in Tirol (1905–1920).
- Die Analyse seines literarischen Schaffens und seiner Rolle als prominenter Kriegshetzer.
- Die Untersuchung der ideologischen Wurzeln des reaktionär-konservativen Tiroler Katholizismus.
- Die Rolle der Kirche bei der Bildung und Instrumentalisierung kollektiver Feindbilder.
- Die Auseinandersetzung mit der Rezeption Willrams und den Kontroversen um sein Erbe in der späteren Tiroler Geschichte.
Auszug aus dem Buch
1 ) Persönliches Geschichtsverständnis:
Wichtig erscheint es mir für diese Arbeit zu sein, einige Vorbemerkungen über das persönliche Geschichtsverständnis vorauszuschicken, um die Lesart dieser Dissertation zu beeinflussen.
Ich verstehe Geschichte als magistra vitae im Sinne eines Selbsterfahrungsprozesses und eines ansatzweisen (Kennen–)Lernens der eigenen Lebenswelt, der eigenen Ansichten und – im Endeffekt – der eigenen Wurzeln, des persönlichen durchaus archaischen Erbes, der eigenen Geschichtlichkeit als urmenschlichem Wesenszug.
Giambattista Vico (1668–1744) schreibt: „In der Geschichte begreift der Mensch sich selbst, und indem er sie sich erzählt, schafft er sie sich selbst nach seinen eigenen Gesetzen.“ In diesem Kontext ist also die lebensweltliche Relevanz von Geschichte und das Bewußtsein, daß die eigene Identität immer und zwangsläufig in „symmetrischer Relation“ mit dem aus dem Vergangenen Präsenten steht, zu bedenken, denn der oben angeführte Ansatz beinhaltet zweifellos die Gefahr für den Historiker, sich selbst und seiner Arbeit im Wege zu stehen.
„Ob etwas Falsches gehört werden möge oder ob etwas Wahres nicht gehört werden möge, entscheidet die Geschichte.“ – dieser Verantwortung in der Auswahl wie auch der Bearbeitung und Darstellung des Forschungsfeldes können Historiker letztlich nur versuchen möglichst gerecht zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitende Worte: Einführung in die Zielsetzung, die Forschungsfrage und den methodischen Aufbau der Untersuchung zur Person Bruder Willram.
Methodologisches und Vorverständnis: Darlegung des persönlichen Geschichtsverständnisses des Autors sowie der wissenschaftlichen Arbeitsmethodik.
Der Nachlaß Anton Müller im Brenner–Archiv: Überblick über die Quellenlage im Nachlass und deren Werdegang bis zur Archivierung.
Biographie: Detaillierte Darstellung des Lebens von Anton Müller von der Kindheit in Bruneck bis hin zu seinem Tod und Begräbnis.
Das literarische Schaffen Bruder Willrams: Untersuchung der Entwicklung seines schriftstellerischen Werks vom Heimat- zum Kriegsdichter und die Zäsur im Jahr 1918.
Ad Namensgebung: Analyse der Entstehung und Bedeutung des Pseudonyms "Bruder Willram".
Zur Person Bruder Willrams: Tiefgreifende Betrachtung des Menschen Anton Müller, seiner Rolle als Redner, Politiker, Lehrer und seinem Selbstverständnis als Romantiker.
Schlüsselwörter
Bruder Willram, Anton Müller, Tiroler Identität, Politischer Katholizismus, Erster Weltkrieg, Kriegspropaganda, Herz-Jesu-Kult, Andreas Hofer Mythos, Antisemitismus, Nationalismus, Tiroler Landtag, Mentalitätsgeschichte, Österreich, Radikalismus, Klerikalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Person Anton Müllers (Bruder Willram) als einen prägenden Repräsentanten Tiroler Mentalitätsstrukturen um die Jahrhundertwende und den Ersten Weltkrieg.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Buch?
Zentral sind der politische Katholizismus in Tirol, die Rolle von Mythen und Feindbildern im Tiroler Patriotismus sowie die Person Bruder Willrams als Wegbereiter radikaler konservativer Strömungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, anhand der Person und Funktion Bruder Willrams die Entstehung und Verbreitung von Ängsten in einer Umbruchszeit sowie die daraus resultierenden Radikalisierungsprozesse zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine mentalitätsgeschichtliche Arbeit, die qualitative Analysemethoden zur Text- und Kontextinterpretation nutzt und dabei den Fokus auf eine biographisch eingebettete Darstellung legt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Biografie Bruder Willrams, eine Analyse seines literarischen Schaffens und der Instrumentarien des politischen Katholizismus sowie die Rolle der Kriegstheologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Tiroler Identität, politischer Katholizismus, Kriegspropaganda, Herz-Jesu-Kult, Andreas-Hofer-Mythos und Antisemitismus.
Welche Rolle spielt die "Techet-Affäre" in der Arbeit?
Die Affäre dient als prägnantes Negativbeispiel für den repressiven und restriktiven Umgang mit Kritikern innerhalb der Tiroler Gesellschaft und Identitätsvorstellung zu dieser Zeit.
Was hat es mit der "Kindergartenaffäre" auf sich?
Die Diskussion aus dem Jahr 1986 um die Benennung eines Kindergartens nach Bruder Willram verdeutlicht die auch heute noch bestehenden Kontroversen um die öffentliche Würdigung von Personen mit NS-naher oder nationalistischer Vergangenheit.
- Quote paper
- Dr. David Schnaiter (Author), 2002, "Beten für den Krieg?" Bruder Willram und der "Heilige Kampf" Tirols, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74291