Das moralische Urteil beim Kinde nach Piaget: Zwang der Erwachsenen und moralischer Realismus


Referat (Ausarbeitung), 2005

15 Seiten


Leseprobe

Das moralische Urteil beim Kinde nach Piaget: Zwang der Erwachsenen und moralischer Realismus

I. Die Spielregeln

Am Beispiel des Murmelspiels werden zwei verschiedene Erscheinungen von Regeln untersucht: Die Praxis der Regel und das Regelbewusstsein.

Die vier Stufen der Praxis der Regel

Motorisches/individuelles Stadium (0-3 Jahre)

Murmelspiel verläuft nach selbst erdachten Regeln. Beispiel: Murmel immer wieder fallen lassen.

Egozentrisches Stadium (ab 2-5 Jahren)

Bestimmt durch die Unfähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Regeln werden nach-geahmt, es wird aber immer noch alleine gespielt. Beispiel: Jeder kann gleichzeitig Gewinner sein; die Kinder spielen, jedes für sich selbst, nach eigenen Regeln. Zwischenstadium zwischen rein indi-viduellem und vergesellschaftetem Verhalten.

Stadium der beginnenden Zusammenarbeit (ab 7-8 Jahren)

Einheitliche Spielregeln, weil jeder nun versucht, den anderen zu besiegen. Es herrschen noch wider-sprüchliche Aussagen zu den Regeln, die Kinder sind aber in der Lage sich zu einigen.

Stadium der Kodifizierung der Regeln (ab 11-12 Jahren)

Allen Mitspielern sind die Regeln bekannt. Die Regeln bestimmen die einzelnen Spielpartien pein-lich genau. Es herrscht ein „Interesse für die Sache als solche“.

Die Drei Stufen des Regelbewusstseins

kommen in gewisser zeitlicher Verzögerung zu Stadien der Praxis der Regel auf.

Individuelle Riten (bis 5 Jahre)

Individuelle und soziale Normen werden noch nicht unterschieden. Es besteht keine soziale Ver-pflichtung zur Einhaltung von Regeln; Kinder geben sich selbst Schemata für ihre Handlungen. Beispiel: Kind legt Murmel immer wieder irgendwo hin.

Heiligkeit/Unantastbarkeit der Regeln (bis 10 Jahre)

Allmähliches Erkennen des sozialen Ursprungs von Regeln, Regeln werden auf Festlegung durch Autoritäten zurückgeführt. Das Kind macht in der Anwendung der Regeln was es will. Trotzdem be-hauptet es, dass die Regeln schon immer so gewesen seien. Bewusstsein und Verhalten liegen hier weit auseinander.

Autonomes Regelverständnis. (10-15 Jahre)

Demokratie. Regeln werden nicht mehr als ein von außen kommendes Gesetz, sondern als das Er-gebnis eines auf Gegenseitigkeit beruhenden Entschlusses aufgefasst. Regeln können gemein-schaftlich verändert werden.

2. Zwang der Erwachsenen und moralischer Realismus

Charakterzüge des moralischen Realismus

- Die Pflicht ist heteronom: Jede Handlung ist gut, welche vom Gehorsam der Regeln/der Erwachsenen gegenüber zeugt, jede nicht den Regeln entsprechende Handlung ist schlecht. Es kommt nicht auf den Inhalt der Regeln an, sie werden nicht durch das Bewusstsein beurteilt oder ausgelegt. Sie sind statt dessen „in fertiger Form von außen her ins Bewusstsein getragen“ und werden als durch den Erwachsenen offenbart und von ihm aufgezwungen betrachtet. Das Gute wird demnach ausschließlich durch den Gehorsam definiert.
- Die Regel muss wörtlich und nicht dem Geiste nach befolgt werden. Diese Eigenschaft ist Folge der vorigen.
- Der Moralische Realismus bringt eine objektive Auffassung der Verantwortung mit sich und ist besonders an diesem Merkmal zu erkennen. Indem das Kind die Regel wörtlich versteht und das Gute nur durch den Gehorsam definiert, wird es anfänglich die Handlungen nicht aufgrund der Absicht, sondern auf Grund ihrer materiellen Übereinstimmung mit den vorgeschriebenen Regeln einschätzen.

Objektive und subjektive Verantwortlichkeit

Kennzeichen der objektiven Verantwortlichkeit ist, dass eine Handlung nicht nach der hinter ihr stehenden Absicht, sondern nach ihrer buchstäblichen Übereinstimmung mit der Regel beurteilt wird. Urteile, die auf die subjektive Verantwortlichkeit gegründet sind, ergeben sich hingegen durch eine vorrangige Berücksichtigung der Absicht bei der Beurteilung einer Handlung.

Heteronomie und Autonomie

Beim Kind sind zwei verschiedene Typen der Moral vorhanden zu sein: Heteronome und autonome Moral. Diese Typen lassen sich auf Bildungsprozesse zurückführen, die aufeinander folgen.

Heteronome Moral beruht auf dem Zwang der Erwachsenen und bewirkt den moralischen Realismus (Die Pflichten sind unabhängig vom Bewusstsein; Jede Handlung aus Gehorsam gegenüber einer Regel ist gut).

Autonome Moral beruht auf Zusammenarbeit und Kooperation der Kinder. (Die Pflichten haben sich verinnerlicht und werden durch das persönliche autonome Bewusstsein reflektiert. Sie werden als Übereinkunft, als gegenseitige Vereinbarung betrachtet.)

Zwischen den beiden kann man ein Stadium der Verinnerlichung und Verallgemeinerung der Regeln und Weisungen unterscheiden. Das Kind gehorcht nicht mehr lediglich den Befehlen der Erwachsenen, sondern der Regel selbst, welche verallgemeinert und in selbständiger Weise angewendet wird, wobei die Entwicklung in die Richtung der Autonomie des Gewissens noch nicht voll verwirklicht ist. Die Regel ist immer noch von außen aufgezwungen, ohne als Ergebnis des Bewusstseins selbst zu erscheinen.

Literatur

Jean Piaget (1973). Das moralische Urteil beim Kinde. Frankfurt/Main: Suhrkamp (stw 27)

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das moralische Urteil beim Kinde nach Piaget: Zwang der Erwachsenen und moralischer Realismus
Hochschule
Universität Bielefeld  (Psychologie/Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Unterrichtspsychologie – Piagets Theorie für die Schule
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V74328
ISBN (eBook)
9783638712866
ISBN (Buch)
9783638864367
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urteil, Kinde, Piaget, Zwang, Erwachsenen, Realismus, Seminar, Unterrichtspsychologie, Piagets, Theorie, Schule, Kind, Kohlberg, Pädagogik
Arbeit zitieren
Florian Beer (Autor), 2005, Das moralische Urteil beim Kinde nach Piaget: Zwang der Erwachsenen und moralischer Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74328

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