Über Martin Heideggers "Die Frage nach dem Ding"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangsfrage: Wie ist eine Metaphysik möglich?

3. Das Mathematische als Grundgedanke der “Kritik der reinen Vernunft”

4. Der Satz vom Widerspruch als Grundsatz aller analytischen Urteile

5. Erkenntnis als Denken und Anschauung

6. Neuer Urteilsbegriff

7. Weitere Eigenschaften des neuen Urteilsbegriffes

8. Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes

9. Die Axiome der Anschauung

10. Die Antizipationen der Wahrnehmung

11. Die Analogien der Erfahrung

12. Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt

13. Kreisgang der Beweise/Oberster Grundsatz der synthetischen Urteile: Das Zwischen

14. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heideggers Buch „Die Frage nach dem Ding“ hat eine Vorlesung zum Inhalt, die im Wintersemester 1935/36 unter dem Titel „Grundfragen der Metaphysik“ an der Universität Freiburg im Breisgau gehalten wurde. Hauptteil des Buches ist die Dingfrage in Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“.

In seiner Vorlesung gibt Heidegger zunächst einen knappen geschichtlichen Überblick über die Dingfrage und die Metaphysik von der griechischen Antike bis zur frühen Neuzeit, um sich dann im Hauptteil der Dingfrage anhand von Immanuel Kants Hauptwerk, der “Kritik der reinen Vernunft” zu nähern. Die Frage nach dem Ding, die Heidegger im Titel des vorliegenden Buches und im ersten Teil seiner Vorlesung stellt und vorstellt, fragt nicht nach der Beschaffenheit eines bestimmten Dinges wie z. B. der Zoologe sich um die Beschaffenheit eines bestimmten Tieres kümmert, sondern nach der Beschaffenheit eines bestimmten Dinges als Ding. Gemeint ist also die Frage nach dem Dinghaften der Dinge und damit auch nach dem, was die Dinge in ihrer Dinghaftigkeit be-dingt. Dieses die Dinge Be-dingende muss selbst un-bedingt sein, also die Dinge in ihrem Sein beeinflussen und selbst durch nichts beeinflusst sein. Der Zusammenhang mit der “Kritik der reinen Vernunft” besteht in der Antwort auf die Dingfrage: Das die Dinge Be-dingende, was den Dingen ihre Dingheit verleiht, sind die Grundsätze der reinen Vernunft, die Kant in seinem Hauptwerk vorstellt. Die “Kritik der reinen Vernunft” antwortet also auf die Dingfrage, weswegen Heidegger sie zum Hauptbestandteil seiner Vorlesung macht.

Um die Frage nach dem Ding anhand der “Kritik der reinen Vernunft” zu beantworten, legt Heidegger das zweite Hauptstück der transzendentalen Analytik aus, das “System aller Grundsätze des reinen Verstandes”.

Diese Arbeit soll die Argumentationsstruktur des von Heidegger ausgewählten “Hauptstückes” der “Kritik der reinen Vernunft” wiedergeben und aufzeigen, wie das vorgestellt wird, was die Dinge in ihrer Dingheit bedingt, wie das “System aller Grundsätze des reinen Verstandes” sich auf die Dingheit der Dinge auswirkt.

Die Aufgabe und das Ziel der “Kritik der reinen Vernunft” von Kant ist eine Kritik des menschlichen Vernunftvermögens überhaupt im Sinne einer Umgrenzung seines Potentials und seiner Möglichkeiten. Anlass dieser Kritik ist das Anliegen, klären zu wollen, welche Erkenntnisse überhaupt vom menschlichen Verstand auf sicherem Wege gewonnen werden können, darüber hinaus und damit einhergehend, ob eine Metaphysik als Wissenschaft möglich ist und inwiefern sie möglich ist.

Um Heideggers Hinwendung zum System der Grundsätze der reinen Vernunft nachvollziehen zu können, muss der Gedanke des Mathematischen erläutert werden, der eine grundlegende Wende in der Grundhaltung zu den Dingen einläutet und der die Grundhaltung der “Kritik der reinen Vernunft” bestimmt.

2. Ausgangsfrage: Wie ist eine Metaphysik möglich?

Die Frage, was die innere Möglichkeit einer Metaphysik als Wissenschaft ist, kann als “Antrieb” der “Kritik der reinen Vernunft” verstanden werden. Eine Grundlegung der Metaphysik muss diese Frage beantworten. Da Metaphysik die Lehre von den Dingen außerhalb der Erfahrung und deswegen eine reine Vernunfterkenntnis ist, lautet die erste Bedingung einer Metaphysik als Wissenschaft, dass ihre Erkenntnisse a priori sind, also nicht auf Erfahrungen gründen. Die Forderung, Metaphysik als Wissenschaft zu betreiben, legt derselben noch eine zweite Bedingung auf: ihre Erkenntnisse müssen in synthetischen Urteilen bestehen, da nur synthetische Urteile im Gegensatz zu analytischen Urteilen erkenntniserweiternd sind. Daher ist die Frage nach der inneren Möglichkeit einer Metaphysik als Wissenschaft gleichzusetzen mit der Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?

3. Das Mathematische als Grundgedanke der “Kritik der reinen Vernunft”

Die “Kritik der reinen Vernunft” von Kant ist vom Gedanken des Mathematischen (μάθησις) getragen. Der Begriff des Mathematischen kommt vom griechischen τα μαθήματα - “das Lernbare” und bezeichnet etwas, das an den Dingen lernbar ist. Der Gedanke des Mathematischen ist eine Grundhaltung der Erkenntnisgewinnung, bei der die Erkenntnis vom Objekt nicht einfach einwegig von ihm abgelesen und konsumiert wird, sondern in der Zuwendung zum Objekt vom Erkennenden konstruiert und dann am Objekt erkannt wird. Heidegger bezeichnet diesen Lernvorgang als “höchst merkwürdiges Nehmen, ein Nehmen, wobei der Nehmende nur solches nimmt, was er im Grunde schon hat.”[1] Der Erkenntnisvorgang ist also in gewisser Hinsicht zweiwegig: Auf die Beschaffenheit des Objekts wird vor dem eigentlichen Zugang zu ihm in Form eines geistigen Modells vorgegriffen, das dann am Objekt abgelesen wird. Die Beschaffenheit des Erkenntnisobjekts ist abhängig vom Modell, das der Erkennende vor dem Erkenntnisvorgang in es hineinlegt.

Der Gedanke des Mathematischen ist insofern leitend für Kants K.d.r.V., als dass Kant bei seiner Grundlegung der Metaphysik nicht davon ausgeht, dass die Eigenschaften der Dinge konsumierend und einwegig einfach von ihnen abgelesen werden können, sondern dass die Beschaffenheit der Welt um den Menschen herum im Wesentlichen von der Prädisposition durch seinen Erkenntnisapparat abhängt.

Die Frage nach den Grundbedingungen der menschlichen Erkenntnis, also nach den Mustern, die jede menschliche Erkenntnis auf ihre Objekte legt und dadurch Erkenntnis ermöglicht, markiert den Beginn der Transzendentalphilosophie und den Kern der K.d.r.V. und ist gleichbedeutend mit der Frage nach dem Un-bedingten, was die Dinge be-dingt.

Dass Kant von solchen Grundbedingungen der menschlichen Erkenntnis, die selbige formen, ausgeht, ist z.B. im zweiten Abschnitt der Einleitung zur zweiten Auflage der “Kritik” zu sehen, der betitelt ist mit “Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, uns selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche” und in dem das u.a. das Kausalitätsprinzip erwähnt wird:

Daß es nun dergleichen notwendige [...], mithin reine Urteile a priori, im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen; will man ein solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen.[2]

Die Begriffe “rein”, “Urteil” und “a priori” sollen im Folgenden noch geklärt werden, genau so wie die Art und Weise, in der die genannten Grundbedingungen die Erkenntnis von den Dingen formen.

Der Beweis dieser Grundsätze und ihrer Art und Weise, wie sie sich auf Erkenntnis von den Dingen auswirken, ist – wie sich im Verlauf der dieser Arbeit zeigen soll - der innerste Kern von Kants Hauptwerk und Ziel der in dieser Arbeit rekonstruierten Argumentationsstruktur.

Das gesuchte System der Grundsätze des reinen Verstands ist das, was den Gedanken des Mathematischen in der K.d.r.V. trägt. Dieses System muss ein System der Grundsätze aller Sätze und Aussagen, also aller Urteile über Dinge sein, da Urteile den Leitfaden zur Bestimmung der Dinge darstellen und Urteilen eine Verstandeshandlung ist. Nur in Urteilen ist Erkenntnis von Dingen denkbar.

Das System dieser Grundsätze ist, sobald es begründet und bewiesen ist, gleichzeitig auch das Wesen der Erfahrung, weil es diese erst bedingt. Kant charakterisiert das hier ausgewählte Kernstück, das das System aller Grundsätze enthält, bildhaft als “Land der Wahrheit”, das einem “stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitz des Scheins” umgeben ist. Heidegger fügt hinzu: “Das durchmessene und ausgemessene Land, der feste Boden der Wahrheit, ist der Bereich der gegründeten und begründeten Erkenntnis. Diese nennt Kant >Erfahrung<.”[3] Die Grundsätze des reinen Verstandes spannen also, sobald sie durchmessen und erkannt sind, einen Raum auf, der der einzige ist, in dem wir Erkenntnis herstellen können, die der Wahrheit entspricht. Das Kriterium der Wahrheit geht von dem Ding aus, das wir erkennen. Ob eine Aussage über ein Ding wahr oder falsch ist, hängt von der Beschaffenheit des Dinges im Zusammenspiel mit der Beschaffenheit der Aussage ab. Wahre Erkenntnis von Dingen ist also zunächst nur im Bereich der Erfahrung möglich, die Erfahrung stellt den Prüfstein für die Wahrheit von Erkenntnissen dar und gleichzeitig die Möglichkeit zur Überprüfung, wie unsere Grundsätze auf unsere Erkenntnis wirken.

Nachdem anhand der Erfahrung festgestellt ist, dass unsere Erkenntnis gewissen Bedingungen unterliegt, kann die Hauptfrage Kants nach einer Möglichkeit der Metaphysik angegangen werden, da der Bereich der möglichen Erkenntnis umzeichnet ist.

“Nur in dem ausdrücklich und in begründeter Weise von dem festen Boden der ausweisbaren Erkenntnis, dem Land der Erfahrung und der Karte dieses Lande, Besitz genommen wird, ist eine Stellung bezogen, von der aus über die Gerechtsame und die Anmaßungen der überlieferten rationalen Metaphysik, d. h. über deren Möglichkeit entschieden werden kann.”[4]

4. Der Satz vom Widerspruch als Grundsatz aller analytischen Urteile

Der Satz vom Widerspruch hat in der traditionellen Metaphysik eine leitende Rolle als oberstes Axiom aller Erkenntnis vom Sein, die Kant abschwächen will. Dies geschieht durch eine Einschränkung seiner Gültigkeit. Den ersten Abschnitt des Systems der Grundsätze beginnt Kant mit:

Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf das Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, daß sie sich nicht selbst widersprechen; widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch ohne Rücksicht aufs Objekt) nichts sind.[5]

Diesem Satz sind mehrere Einschränkungen des Satzes vom Widerspruch zu entnehmen: Kant spricht von “unserer”, also von menschlicher Erkenntnis. Absolute, unendliche Erkenntnis unterliegt dem Satz vom Widerspruch nicht. Des Weiteren hat der Satz vom Widerspruch nur Gültigkeit, was unsere Urteile betrifft. Das deutet darauf hin, dass Urteile nicht die gesamte Erkenntnis ausmachen, sondern nur ein Bestandteil von ihr sind. Diese Einschränkung raubt dem Satz vom Widerspruch die Vormachtstellung als oberstes Axiom, die er in der traditionellen Metaphysik noch besitzt. Schließlich ist noch auf das Objekt hingedeutet, das Gegenstand unserer Erkenntnis ist, aber offensichtlich vom Urteil unabhängig.

[...]


[1]Heidegger, Die Frage nach dem Ding, Tübingen 1987, S. 56.

[2]Kant, Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt am Main 1974, B 3-5.

[3]Ding, S.98.

[4]Ding, S.99.

[5]A 150, B 189.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Über Martin Heideggers "Die Frage nach dem Ding"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Martin Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V74376
ISBN (eBook)
9783638741590
ISBN (Buch)
9783638742351
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Korrektor:"Angenehm zu lesen."
Schlagworte
Martin, Heideggers, Frage, Ding, Martin, Heidegger, Kant, Problem, Metaphysik
Arbeit zitieren
Asmus Green (Autor), 2007, Über Martin Heideggers "Die Frage nach dem Ding", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74376

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