Die Begriffsgeschichte stellt einen Zweig der Kultur- und Geschichtswissenschaften dar, der sich mit der Geschichte der Sprache, genauer mit der historischen Semantik von Begriffen und Wörtern auseinandersetzt.
Sie versucht, durch die Beschreibung von sich verändernden Begriffsinhalten den Wandel von Wirklichkeitsauffassungen zu verfolgen und zu erklären.
Die daraus entspringende Erkenntnis ist nicht nur eine Erkenntnis des sich ändernden Begriffsgebrauchs und ein Wissen um alte Bedeutungen von Wörtern, sondern sie kann auch gesellschaftliche Zusammenhänge erhellen, die auf den untersuchten Begriffen basieren. Sofern man Sprache als konstituierendes Element für gesellschaftliche Erfahrungen ansieht, fungiert eine Begriffsgeschichte auch als Geschichte des gesellschaftlichen Bewusstseins.
Da Sprache nicht nur neutrales “Kommunikationsmedium” ist, sondern wesentlich zur Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beiträgt, verspricht die Untersuchung des sprachlichen Niederschlags bestimmter gesellschaftlicher Ereignisse Aufschluss über die Ereignisse selbst und das gesellschaftliche Bewusstsein hinter ihnen. Den engen Zusammenhang zwischen Sprache und Erkenntnis bezeichnet sehr treffend Friedrich Hölderlin: “So wie die Erkenntnis die Sprache ahndet, so erinnert sich die Sprache der Erkenntnis.”
Der Blick auf die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten der Begriffe “Frömmigkeit” und “fromm” zeigt ihre semantische Überfrachtung im heutigen Sprachgebrauch und dass die Verwendung dieser Begriffe Unklarheiten unterliegen muss.
Diese Arbeit soll den Bedeutungswandel des Begriffes “Frömmigkeit” (bzw. als Adjektiv “fromm”) nachzeichnen und erklären. Dabei soll zunächst bei den rekonstruierbaren Wurzeln des Wortes begonnen werden. Ist dieses Fundament umrissen, soll im Verlauf der Arbeit der diachrone Wandel des Begriffs verfolgt und kommentiert werden. Dazu werden zuerst einige biblische Textstellen auf den semantischen Gehalt des Begriffes “fromm” untersucht. Im Anschluss daran sollen außerbiblische und schließlich auch außerchristliche Texte auf dieses Thema hin befragt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung des Begriffes
3. “Frömmigkeit” im biblischen Gebrauch
4. “Frömmigkeit” in Schriftgut außerhalb der Bibel
5. “Frömmigkeit” in außerchristlicher Literatur
6. Säkularisierung als Grund für die Bedeutungsverschiebung von “Frömmigkeit”
7. “Frömmigkeit” in der systematischen Theologie
8. “Frömmigkeit” als negativ aufgeladener Begriff
9. Schlussbetrachtung
10. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den diachronen Bedeutungswandel des Begriffs „Frömmigkeit“ vom Mittelalter bis zur Gegenwart, um die semantische Überfrachtung und Unschärfe im heutigen Sprachgebrauch zu erklären. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie sich die Bedeutung von einer ursprünglichen Konnotation der Rechtschaffenheit und Gesetzestreue hin zu einem subjektiven, religiösen Glaubensgefühl gewandelt hat.
- Begriffsgeschichtliche Analyse der Wurzeln von „fromm“
- Untersuchung des biblischen Begriffsverständnisses
- Rezeption in christlicher und außerchristlicher Literatur
- Einfluss der Säkularisierung auf die Bedeutungsverschiebung
- Systematisch-theologische Einordnung des Begriffs
Auszug aus dem Buch
3. “Frömmigkeit” im biblischen Gebrauch
Der Blick in die Bibel verrät, dass der Begriff “fromm” vom Übersetzer Martin Luther in seiner traditionellen Bedeutung gebraucht wird. Im Folgenden sollen einige Beispiele den Gebrauch des Begriffes in Luthers Bibelübersetzung illustrieren.
Das erste Beispiel für die Verwendung von “fromm” stammt aus dem ersten Buch Mose des Alten Testaments: Als nun Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm. Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir schließen und will dich über alle Maßen ehren. Da fiel Abram auf sein Angesicht. Und Gott redete weiter mit ihm und sprach: Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden.
Gott schließt einen Bund mit Abram und fordert ihn auf, vor ihm fromm zu sein. Diese Frömmigkeit, die Gott hier von seinem Bündnispartner einfordert, meint die Rechtschaffenheit im Bezug auf Gottes Gesetz. Dass mit “sei fromm” nicht ein Ausdruck von Gläubigkeit und Gottvertrauen überhaupt gemeint ist, zeigt die mehrfache Erwähnung des Bundes, der an dieser Stelle besiegelt wird. Die eingeforderte Frömmigkeit ist Bedingung für den Bund und gleichzeitig seine Regel – der Bund mit Gott verpflichtet Abram zu einem Leben nach Gottes Gesetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Begriffsgeschichte als Disziplin und Darstellung der Problematik des Bedeutungswandels von „Frömmigkeit“.
2. Entstehung des Begriffes: Historische Herleitung des Begriffs „fromm“ aus dem mittelhochdeutschen „fruma“ im Sinne von Rechtschaffenheit und Nützlichkeit.
3. “Frömmigkeit” im biblischen Gebrauch: Analyse biblischer Textstellen, die „Frömmigkeit“ als Lebenswandel nach göttlichem Gesetz und nicht als bloßes Glaubensgefühl identifizieren.
4. “Frömmigkeit” in Schriftgut außerhalb der Bibel: Untersuchung von Luthers Katechismus und Paul Gerhardts Kirchenliedern hinsichtlich des Begriffsgebrauchs.
5. “Frömmigkeit” in außerchristlicher Literatur: Analyse der Begriffsverwendung bei Schiller und Goethe, die den Wandel zur subjektiven Gefühlswelt einleitet.
6. Säkularisierung als Grund für die Bedeutungsverschiebung von “Frömmigkeit”: Darstellung der Säkularisierung als Prozess, der den religiösen Begriff in die Privatsphäre abdrängt.
7. “Frömmigkeit” in der systematischen Theologie: Beschreibung der Etablierung des Begriffs als Kern der Dogmatik durch Friedrich Schleiermacher.
8. “Frömmigkeit” als negativ aufgeladener Begriff: Erläuterung des Ursprungs der pejorativen Verwendung des Begriffs im Kontext des Pietismus.
9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassender Rückblick und Fazit zur heutigen vorsichtigen Verwendung des Begriffs.
10. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Frömmigkeit, Begriffsgeschichte, historische Semantik, Säkularisierung, Rechtschaffenheit, Glaubensgefühl, Martin Luther, Friedrich Schleiermacher, Pietismus, Bedeutungswandel, Religion, Gesetzestreue, Dogmatik, Sprachwandel, Exegese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Begriffsgeschichte von „Frömmigkeit“ und analysiert, wie sich die Bedeutung des Begriffs über Jahrhunderte hinweg verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Sprachanalyse, biblische Exegese, die Reformation, die Säkularisierung sowie die systematische Theologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Bedeutungswandel von der ursprünglichen „Rechtschaffenheit“ hin zur modernen Interpretation als „subjektives Glaubensgefühl“ aufzuzeigen und zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine diachrone begriffsgeschichtliche Methode angewandt, um die historische Semantik des Wortes anhand ausgewählter Textquellen nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen biblischer Texte, Luthers Schriften, literarischer Werke von Goethe und Schiller sowie theologische und historisch-gesellschaftliche Analysen zur Säkularisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Frömmigkeit, Bedeutungswandel, Rechtschaffenheit, Säkularisierung und historisches Bewusstsein charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das biblische Verständnis von Frömmigkeit vom heutigen?
Biblisch meint „fromm“ primär die Einhaltung göttlicher Gesetze und einen gerechten Lebenswandel, während heute meist ein inneres, subjektives Gefühl gemeint ist.
Welchen Einfluss hatte der Pietismus auf den Begriff?
Der Pietismus trug zur negativen Aufladung bei, da Kritikern die gelebte Frömmigkeit der Bewegung oft als heuchlerisch und fassadenhaft erschien.
- Citation du texte
- Asmus Green (Auteur), 2007, "Frömmigkeit" - Begriffsgeschichtliche Untersuchung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74392