Der "edle Heide" - Über die Darstellung der Heiden im ersten Buch von Wolframs "Parzival"


Hausarbeit, 2007
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund
2.1. Morgenland und Abendland
2.2. Zu Autor und Geschichte.

3. Heiden und Christen
3.1. Parzival, I. Buch – Gachmuret im Heidenland
3.2. Mittelalterliche Toleranz gegenüber Heiden
3.2.1. Zum Toleranzbegriff
3.2.2. Der mittelalterliche Toleranzbegriff
3.2.3. Toleranz gegenüber Heiden

4. Schlussfolgerung über die Darstellung der Heiden im ‚Parzival’

1. Einleitung

Der Parzival, das Erstlingswerk Wolframs von Eschenbach, das um die Jahre 1200 und 1210 verfasst wurde, besticht vor allem durch seine Motiv- und Stoffvielfalt. Der Autor, der im Gegensatz zu seinen dichtenden Zeitgenossen nicht die unter ihnen übliche geistliche Bildung genossen hat, hat in selbständiger Arbeit Wissensstoffe aus den verschiedensten Bereichen zusammengetragen. Er vereint Themen wie Religion, Astrologie, Literatur, Wissenschaft oder Magie in einer Fülle in diesem einen Werk, dem Parzival, die manchem Leser übertrieben erscheinen mag, lässt es dabei jedoch nicht an der nötigen ironischen Distanz fehlen, die das angeberische Auftrumpfen anderer Autoren mit Buchwissen auf hintergründige Weise entlarvt.

Wolfram von Eschenbach lebte und wirkte in einer Zeit, die von Krisen politischer und religiöser Art geprägt war. Eine sich fortschreitend entwickelnde Laienbewegung, die die Abkehr von Priestern und Kirchenorganisationen als Vermittler zwischen Gott und Menschen forderte, führte dazu, dass die bestehenden Kirchenlehren zunehmend in Frage gestellt wurden. Als Folge dieser Entwicklung wurde die Haltung vieler abendländischer Feudalherren zu ihren orientalischen Standesgenossen sehr liberal und bildete die Gegenperspektive zu der kirchlichen Ansicht des verdammten Heiden. Es hatte sich nämlich vor allem während der Kreuzzüge gezeigt, dass die Bewohner des Morgenlandes keineswegs unkultivierte Ungläubige waren, sondern mächtige kulturreiche Menschen, die in ihrer Lebensweise der abendländischen weit überlegen war, die mit ihrem vorbildlichen Dasein das Bild vom „edlen Heiden“ entstehen ließen.

An diesem Punkt soll die vorliegende Hausarbeit anknüpfen. Die Themen Heidentum und Christentum werden von Wolfram im ersten Buch des Parzival aufgegriffen, vor allem aber das gängige, von Kirchenvätern entworfene Heidenbild des Mittelalters in Frage gestellt. Denn das Werk vertritt nicht, wie in der mittelalterlichen Literatur bis dahin üblich, das Ziel religiöser Bildung oder klerikale Interessen; vielmehr repräsentiert es den in der Zeit der feudalhöfischen Klassik zunehmenden Anspruch des weltlichen Feudaladels, sich der Welt und anderen Religionen zu öffnen. Es liegt nahe, dass Wolfram sich der These vom „edlen Heiden“ nicht verschlossen hat. Wie er die Thematik verarbeitet und welches Heidenbild er selbst im Parzival entworfen hat, soll nun analysiert werden.

2. Historischer Hintergrund

2.1. Morgenland und Abendland

Schon zur Zeit des Mittelalters waren Orient und Okzident über die Kämpfe um das Mittelmeer und die Vorherrschaft in den angrenzenden Regionen miteinander verbunden. Die Einflüsse des Morgenlandes waren somit am stärksten dort ausgeprägt, wo auch militärische Angriffe auf Europa günstig waren – in Südfrankreich, Italien und Spanien zum Beispiel. Im vierten bis sechsten Jahrhundert nach Christus, als die westliche Welt geistig noch vom Ostchristentum bestimmt war und Kirchengelehrte und Päpste meist aus Syrien und Griechenland stammten, zogen Pilger in den Osten, um heilige Stätten zu besuchen. Infolgedessen wurden außer Reliquien und anderen Kostbarkeiten wie Gold und Stoffen auch kulturelles Gedankengut importiert, wie die Inschrift im Kirchenfenster der Kathedrale von Chartres bezeugt:

„qu’ occupaient les martyrs orientaux dans l’esprit de ces artistes, qui semblent avoir capté dans leur splendides verrières tout l’éclat de la lumière d’Orient.“ [1]

Später im 12. und 13. Jahrhundert folgten orientalische, besonders aber arabische Einflüsse, wobei die Übersetzerschule zu Toledo in Spanien keine geringe Rolle spielte. Dort wurden die arabischen Wissenschaften gelehrt und weiter verbreitet, da diese zu jener Zeit gegenüber den abendländisch-christlichen Lehren wesentlich weiter entwickelt waren[2].

Auch von Kleinasien drang arabisches Kulturgut in Philosophie, Künste und Wissenschaften des Westens ein. Die Überlegenheit der orientalischen Kultur wurde nach anfänglicher Ablehnung jedoch bald anerkannt und so entstand von europäischer Seite die Bereitschaft, sich dem Fremden anzugleichen.

Die Kreuzzüge taten ihr Übriges zu dieser Kulturadaption, da sie Indien, Zentralasien und den fernen Osten in den Blick des Abendlandes rückten, also Länder welchen man bis in die zweite Hälfte des Mittelalters kaum Beachtung geschenkt hatte, sofern man überhaupt von ihrer Existenz wusste. So kamen mit einem Mal Geistliche und Ritter mit der Lebens- und Denkweise des Orients in Berührung, welche die Neugestaltung Europas vorantrieb. Somit wurden der Stand der Medizin, der Mathematik, der Astronomie und das erneute Interesse für die aristotelische Philosophie im mittelalterlichen Abendland erst ermöglicht.

Wie die „morgenländische Kulturflut“[3] sich in Architektur, Kleidung, Speisen und Kreditwesen niederschlug, so manifestierte sie sich ebenfalls in der Dichtung. Neue Stoffe wurden aus dem Orient erworben, alte „mit neuer orientalischer Pracht, mit exotischem Farbenreichtum ausgestattet und mit dem Wunderbaren, Ungeahnten verquickt, das ihnen [den Dichtern] aus mündlichen oder schriftlichen Berichten oder durch eigenen Augenschein zufloß“[4].

Kurz vor, nach und während des dritten Kreuzzugs erreichte der Einfluss des Ostens auf den Westen schließlich seinen Höhepunkt. Inwiefern die historischen Begebenheiten die Atmosphäre im ‚Parzival’ Wolframs von Eschenbach beeinflusst haben, wird im Folgenden kurz beleuchtet.

2.2. Zu Autor und Geschichte

In den ersten Zeilen des ‚Parzival’ beginnt der Erzähler Wolfram mit der Ansage: „ich sag als ichz hân vernomn“, wobei er sich damit tatsächlich auf Tatsachenberichte beziehen könnte, wie die Schilderungen Marco Polos oder des mohammedanischen Historikers Ibn Mouyassar vermuten lassen, da sie den Beschreibungen in Hinsicht auf Speisen, Medizin, Reichtümer und Astrologie im Parzival stark ähneln[5]. Letztere wurde von Thomas von Aquin sogar dermaßen aufgewertet und mit den kirchlichen Lehren vereinbart, dass man beispielsweise die Aussage des Erzählers, Anfortas’ Krankheit sei dem Einfluss des Saturn zuzuschreiben, nicht im Sinne einer ketzerischen Ansicht interpretieren kann. Vermutlich hat der Autor den Orient nie selbst gesehen, jedoch stattdessen aufmerksam Berichte von Reisenden geradezu aufgesogen; viele Stellen im ‚Parzival’, zum Beispiel sein Wissen über den „Salamander“ genannten Stoff Asbest, der im Abendland bis dahin nicht bekannt war, weisen darauf hin. Auf diese Weise müssen ihm ebenfalls Schilderungen über Heiden zu Ohren gekommen sein, die ihn, gestützt von seiner liberalen religiösen Einstellung, zu seiner Schilderung der Heiden veranlasst hat. Letztere soll im nächsten Kapitel näher betrachtet werden.

3. Heiden und Christen

3.1. Parzival, I. Buch - Gachmuret im Heidenland

In „Das Haus Anjou und der Orient in Wolframs ‚Parzival’“ verwendet Willem Snellemann in Bezug auf die Schilderung der Heiden im Parzival den Begriff des „edlen Heiden“. Weshalb letzterer durchaus auch als Geisteshaltung Wolframs gegenüber dem Heidentum gewertet werden kann, soll im Folgenden dargelegt werden.

[...]


[1] Snellemann, Willem: Das Haus Anjou und der Orient in Wolframs ‚Parzival’, G.F. Callenbach N.V., Nijerk 1941, S. 147.

[2] Ebd.

[3] Ebd S. 150.

[4] Snellemann S.150.

[5] Vgl. Snellemann. S.152.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der "edle Heide" - Über die Darstellung der Heiden im ersten Buch von Wolframs "Parzival"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V74418
ISBN (eBook)
9783638870955
ISBN (Buch)
9783638952644
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heide, Darstellung, Heiden, Buch, Wolframs, Parzival
Arbeit zitieren
Caroline Deckert (Autor), 2007, Der "edle Heide" - Über die Darstellung der Heiden im ersten Buch von Wolframs "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74418

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