Als am Abend des 30. Januar 1933 Anhänger der Nationalsozialisten den lang ersehnten "Tag der Machtübernahme" mit Fackelzügen durch das Brandenburger Tor feierten, waren sich weite Teile der deutschen Bevölkerung des Ausmaßes der kommenden Veränderungen nicht bewusst. Der „Vertrauensvorschuss“1 – so nennt der Historiker Hans Mommsen die Haltung -, welchen die große Masse der Staatsbürger dem Kabinett Hitler einräumte, sollte den Weg freimachen für die Entwicklung einer grausamen Mordmaschinerie. Die strikt antijüdische Politik, die das Regime im selben Jahr noch einschlug und die sich mit der Zeit weiter entfaltete und radikalisierte, traf in erster Linie die Juden selbst, aber auch ihre „arischen“ Verwandten. So kam es, dass in den letzten Tagen des Februars und den ersten Tagen des März 1943 mitten in Berlin „arische“ Verwandte verfolgter Juden sich zu einer einmaligen Protestaktion zusammenfanden. Die „arischen“ - in der Mehrheit Frauen - protestierten tagelang vor dem Jüdischen Gemeindebüro in der Rosenstraße, in dem ihre jüdischen Verwandten festgehalten wurden, und befürchteten eine Deportation. Eben dieser Protest der Frauen und die anschließende unerwartete Freilassung sollte 50 Jahre später die Grundlage für den „Historikerstreit um die Rosenstraße“ bilden.
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, ob der Protest der Frauen in der Rosenstraße tatsächlich die Freilassung bewirkt hat oder ob das nationalsozialistische Regime zu diesem Zeitpunkt gar keine Deportation von „jüdisch Versippten“ in Betracht gezogen hatte und sie deshalb wieder freiließ.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Hintergründe der „Fabrik-Aktion“
2.1 Zur Situation der Juden unter dem NS-Regime 1935/43
2.1.1 Die Jahre 1933/34
2.1.2 Die Nürnberger Gesetze 1935
2.1.3 Die Novemberpogrome 1938
2.1.4 Der Judenstern 1941
2.1.5 Der Weg von der Kollektivausweisung zur Deportation
2.1.6 Zur Lage zwischen 1942/43
2.2 Die „Mischehe“ – Eine Terminologie der Nationalsozialisten?
2.2.1 „Privilegierte“ und „nicht-privilegierte“ Mischehen
2.2.2 „Mischlinge 1. und 2. Grades“, „Geltungsjuden“ und „Volljuden“
2.2.3 Maßnahmen zur Behandlung von „Mischehen“
2.2.4 Die Situation der „arischen“ Frauen in „Mischehen“
2.2.5 Ehen zwischen Trennung, Zwangsscheidung und Standhaftigkeit
3. Der Historikerstreit um die Rosenstraße
3.1 Der Ablauf der „Fabrikaktion“ und des Protests
3.1.1 „Judenfrei“ - Die „Fabrik-Aktion“ vom 27. Februar 1943
3.1.2 Die Situation in den Sammellagern
3.1.2.1 Sortierung im Sammellager
3.1.2.2 Der erste Schritt in die Freiheit?
3.1.3 Flucht und Widerstand während der „Fabrik-Aktion“
3.1.4 Juden aus „Mischehen“ und die Internierung in der Rosenstraße
3.1.4.1 Die Anzahl der Verhafteten- Ein mögliches Indiz?
3.1.4.2 Unstimmigkeiten über die Lagerung
3.1.5 Hintergrundinformation zum Protest der „arischen“ Verwandten
3.1.5.1 Der Protest
3.1.5.2 Die widersprüchlichen Zeitzeugenaussagen
3.1.6 Die Freilassung
3.2 „Erfolg des Protests“ oder „nationalsozialistisches Kalkül“?
3.2.1 Öffentliche Erinnerungen und ihr Einfluss auf die Zeitzeugen
3.2.1.1 „Der Aufstand der Frauen“ – Ein Bericht von Georg Zivier
3.2.1.2 Tagebuchaufzeichnungen der Ruth Andreas-Friedrich
3.2.1.3 Die Fortsetzung des „Mythos“ – Der Film „Rosenstraße“
3.2.1.3.1 Authentizitätsansprüche
3.2.1.3.2 Die historische Botschaft- Widerstand war möglich!
3.2.2 Historische Relevanz von Zeitzeugenaussagen
3.2.3 Die „Oral History“
3.2.3.1. „Oral History“ vs. wissenschaftliche Forschung
3.2.3.2 Zur Subjektivität von Zeitzeugenaussagen
3.2.3.3 Zur Unzuverlässigkeit von Zeitzeugenaussagen
3.2.4 Subjektivität von Zeitzeugenaussagen am Beispiel der Rosenstraße
3.2.5 Zeitzeugenaussagen im Zusammenhang mit historischen Quellen
3.3 Rekonstruktion der Ereignisse mittels historischer Faktenlage
3.3.1. Dokumente offenbaren: Deportation war nicht beabsichtigt
3.3.2 Die Auschwitz-Rückkehrer-Ein Indiz für den Erfolg des Protestes?
3.3.3 Die Aussagekraft der Tagebucheinträge von Joseph Goebbels
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Untersuchung des „Historikerstreits um die Rosenstraße“, mit der zentralen Forschungsfrage, ob der Protest der „arischen“ Verwandten in der Rosenstraße im Februar 1943 tatsächlich die Freilassung ihrer jüdischen Angehörigen bewirkte, oder ob das nationalsozialistische Regime zu diesem Zeitpunkt ohnehin keine Deportation dieser Personengruppe beabsichtigte.
- Historische Analyse der NS-Judenpolitik und des Status von „Mischehen“.
- Rekonstruktion der Ereignisse rund um die „Fabrik-Aktion“ 1943 in Berlin.
- Methodenkritische Untersuchung von Zeitzeugenaussagen und Oral History im Kontext des Historikerstreits.
- Konfrontation subjektiver Erinnerungen mit der objektiven historischen Faktenlage und offiziellen Dokumenten.
- Einordnung der Bedeutung von Zivilcourage gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur.
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Sortierung im Sammellager
In den Sammellagern wurden die Häftlinge zunächst sortiert. Die nationalsozialistische Bürokratie nahm es sehr genau mit den Zuteilungen. Jeder Gefangene musste einzeln ein Büro betreten und wurde mit einer Kartei verglichen. Je nach Herkunft wurden die Gefangenen dann in die für sie vorgesehenen Lager gebracht.126 Der erste Schritt nach der Ankunft in den Sammellagern war die Sortierung nach „Volljude“, „Mischling“ oder Jude aus „Mischehe“ usw. „Volljüdische“ Bürger (also „Judensternträger“) erhielten gelbe Zettel. Die „jüdisch versippten“ Bürger hingegen erhielten rote Zettel und wurden in die Rosenstraße weitertransportiert.127
Curt Radlauer, der zunächst in die Synagoge in der Levetzowstraße verfrachtet wurde, erinnert sich im Nachhinein an den Ablauf in dem Sammellager folgendermaßen:
„Gleich nach unserer Ankunft […] wurden wir von zwei jüdischen Ordnern und einem dahinterstehenden Gestapoangehörigen nach bestimmten Gruppen eingeordnet. Da ich nach der damaligen Terminologie in einer sog. Mischehe lebte, mußte ich eine Treppe hoch zur Galerie der Synagoge gehen und mich in der Folgezeit dort aufhalten […]. Am Nachmittag des gleichen Tages wurden wir in Mischehe lebenden jüdischen Bürger zur Rosenstr. gebracht.“128
Alle Inhaftierten, die einen gelben Zettel erhielten, wurden später in die KZs transportiert.129
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Historikerstreits um die Rosenstraße ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der tatsächlichen Ursache der Freilassung der jüdischen Angehörigen aus Mischehen im Jahr 1943.
2. Historische Hintergründe der „Fabrik-Aktion“: Dieses Kapitel beleuchtet chronologisch die systematische Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland seit 1933 sowie die spezifische und ambivalente rechtliche Stellung von sogenannten „Mischehen“ unter der NS-Rassenideologie.
3. Der Historikerstreit um die Rosenstraße: Der Hauptteil analysiert die konträren Positionen in der Geschichtsforschung bezüglich der Rolle des Protests und des Deportationswillens des NS-Regimes, unter Einbeziehung von Zeitzeugenaussagen, Dokumenten und methodischen Aspekten der Oral History.
4. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Dokumentenlage gegen eine direkte Kausalität zwischen dem Protest der Angehörigen und einer geplanten, aber abgebrochenen Deportation spricht, betont jedoch den hohen persönlichen und symbolischen Wert der Zivilcourage in dieser Zeit.
Schlüsselwörter
Fabrik-Aktion, Rosenstraße, Historikerstreit, Mischehe, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Zivilcourage, Deportation, Zeitzeugenaussagen, Oral History, Widerstand, NS-Rassenideologie, Antisemitismus, NS-Staat, Endlösung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht den sogenannten „Historikerstreit um die Rosenstraße“. Dabei geht es zentral um die Frage, ob die Proteste von Angehörigen im Februar 1943 tatsächlich die Freilassung inhaftierter Juden aus sogenannten Mischehen bewirkten, oder ob das NS-Regime eine solche Deportation zum damaligen Zeitpunkt gar nicht plante.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die Chronologie der NS-Judenpolitik, die rechtliche und gesellschaftliche Stellung von Mischehen, die Ereignisse während der sogenannten „Fabrik-Aktion“ sowie die kritische Reflexion der methodischen Arbeit mit Zeitzeugen und historischen Quellen im Rahmen der Geschichtswissenschaft.
Welches primäre Ziel verfolgt die Verfasserin?
Ziel ist es, anhand unterschiedlicher historischer Sichtweisen und einer Analyse der Faktenlage herauszuarbeiten, warum die Deutung der Ereignisse als „Erfolg des Protests“ so stark in der kollektiven Erinnerung verankert ist und wie sich diese von einer Interpretation auf Basis offizieller Dokumente unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit kombiniert eine historische Analyse (Untersuchung von Dokumenten und Literatur) mit einer methodenkritischen Auseinandersetzung mit Zeitzeugenaussagen (Oral History) und deren Einfluss auf die historische Erinnerungskultur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Ereignisse der „Fabrik-Aktion“, die Situation in den Sammellagern, die Hintergründe des Protests sowie den wissenschaftlichen Diskurs über die Glaubwürdigkeit und den Stellenwert von Zeitzeugenaussagen im Kontrast zu dokumentarischen Beweisen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie „Fabrik-Aktion“, „Mischehe“, „Historikerstreit“, „Zivilcourage“ und die methodische Diskussion um die Objektivität und Subjektivität von historischen Quellen und Zeugenberichten.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Joseph Goebbels in diesem Kontext?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit den Tagebucheinträgen von Goebbels auseinander. Sie argumentiert, dass diese nicht als verlässlicher Beleg für einen durch Proteste erzwungenen Deportationsstopp gewertet werden können, sondern vielmehr im Kontext der Selbststilisierung des Autors und der Führungsstruktur des NS-Regimes betrachtet werden müssen.
Welchen Stellenwert räumt die Arbeit den Zeitzeugenaussagen ein?
Zeitzeugenaussagen werden als wichtige Quelle der individuellen Erfahrung gewürdigt, jedoch in ihrer Objektivität kritisch hinterfragt. Die Arbeit betont, dass diese Aussagen oft von späteren Erinnerungskonstruktionen und Medienberichten beeinflusst sind und daher immer mit anderen historischen Quellen abgeglichen werden müssen.
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- Nazife Öztürk (Author), 2007, Der Historikerstreit um die Rosenstraße, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74422