Diese Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, ob eine Primärstellung der Neurowissenschaften (bzw. Neurophilosophie) in der Debatte um das psychophysische Problem gerechtfertigt ist, oder ob die Philosophie nicht auch einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Problems liefern kann und soll. Demzufolge muss zuerst geklärt werden was unter einer reduktionistischen Forschungsstrategie beziehungsweise dem eliminativen Materialismus zu verstehen ist und welche Auswirkungen sie auf die Philosophie des Geistes hat. Des Weiteren werde ich versuchen darzustellen, in wieweit die neurowissenschaftliche Forschung diesen Anspruch erfüllt und was Neurophilosophie ist und leisten kann. Abschließend bleibt die Frage zu klären, welche Rolle die Philosophie in der aktuellen Debatte einnehmen kann und sollte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das reduktionistische Forschungsziel bzw. Der eliminative Materialismus
3 Der Anspruch der neurowissenschaftlichen Forschung
4 Was kann die Philosophie leisten – Kritikpunkte und Auswege
4.1 Kritik am eliminativen Materialismus
4.2 Was die Neurophilosophie leisten sollte
4.3 Was die Philosophie leisten kann
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Philosophie und Neurowissenschaften im Kontext des psychophysischen Problems. Ziel ist es zu klären, ob ein Primat der Neurowissenschaften gerechtfertigt ist oder ob die Philosophie einen essenziellen Beitrag zur Lösung des Problems leistet, insbesondere durch die begriffliche Analyse und die Kritik an reduktionistischen Ansätzen wie dem eliminativen Materialismus.
- Psychophysisches Problem und das Leib-Seele-Verhältnis
- Eliminativer Materialismus und die Theorie der Volkspsychologie
- Anspruch und Grenzen neurowissenschaftlicher Forschung
- Transdisziplinäre Methodik der Neurophilosophie
- Philosophie als notwendige Instanz zur Begriffsklärung
Auszug aus dem Buch
4.1 Kritik am eliminativen Materialismus
Eines der Hauptprobleme des eliminativen Materialismus liegt darin begründet, dass das psychologische Vokabular der Alltagssprache als Postulat einer Theorie betrachtet wird, erschaffen um menschliches Verhalten erklärbar und vorhersagbar zu machen. Prinzipiell ungeeignet zur Erklärung menschlichen Verhaltens soll dieses zugunsten neurowissenschaftlicher Begrifflichkeiten verworfen werden. Die sich nun aufdrängende Frage ist, wenn Bewusstseinszustände lediglich eine Erfindung der Menschen darstellen, wieso sollten sie menschliches Verhalten besser erklärbar machen. Die Problematik besteht darin, dass dieser Erklärungsansatz auf einer Annahme von Zuständen beruht, die selber – da fiktional – nicht erfahrbar beziehungsweise erklärbar sind. Was sollte einen Menschen also dazu veranlassen bei einer unspezifischen Erregung auf einen spezifischen mentalen Zustand der Angst oder der Freude zu schließen? Michael Pauen führt zur Verdeutlichung folgendes Beispiel an:
„Was hätten sich unsere Vorfahren unter einem Wunsch nach Wasser vorstellen können, wenn sie dergleichen noch nie verspürt hätten? Weit plausibler und als Erklärung völlig ausreichend wäre es in jenem Szenario gewesen, wenn sie sich darauf berufen hätten, dass der Person, die zur Quelle geht, eben Wasser fehle.“
Des Weiteren ist es auch für den eliminativen Materialismus nicht möglich seine Hypothesen und Modellbildungen konstruktionsunabhängig innerhalb seines eigenen Rahmens zu begründen – neuronale Mikromechanismen enthalten nicht bereits ihre eigene Interpretation. Daraus folgt, dass auch neurowissenschaftliche Aussagen und Modelle auf theorieabhängigen Begriffs- und Modellbildungen beruhen. Das Problem besteht demnach darin, dass die Neurowissenschaften nicht ohne die Alltagssprache auskommen, da sie sie benötigen, um ihre Theorien und Modelle zu entwerfen und zu beschreiben. Neuronale Mikromechanismen haben an sich keinen semantischen Gehalt, auch wenn sie eine Voraussetzung von Wahrnehmungen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das psychophysische Problem und Darstellung des zunehmenden Einflusses der Neurowissenschaften auf die Philosophie des Geistes.
2 Das reduktionistische Forschungsziel bzw. Der eliminative Materialismus: Analyse des eliminativen Materialismus, der mentale Zustände als fiktive Konstrukte der Volkspsychologie betrachtet und durch neurowissenschaftliche Theorien ersetzen will.
3 Der Anspruch der neurowissenschaftlichen Forschung: Untersuchung der aktuellen Forschungsschwerpunkte der Neurowissenschaften und der kritischen Hinterfragung ihres Anspruchs auf eine vollständige Erklärung menschlichen Bewusstseins.
4 Was kann die Philosophie leisten – Kritikpunkte und Auswege: Diskussion der kritischen Einwände gegen einen radikalen Reduktionismus sowie Vorstellung der Neurophilosophie als vermittelnde und methodisch fundierte Disziplin.
5 Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Koexistenz von Philosophie und Neurowissenschaften, die für eine umfassende Erforschung des Bewusstseins als notwendig erachtet wird.
Schlüsselwörter
Psychophysisches Problem, Neurowissenschaften, Philosophie des Geistes, eliminativer Materialismus, Neurophilosophie, Volkspsychologie, Bewusstsein, Reduktionismus, Erkenntnistheorie, transdisziplinäre Methodik, neuronale Korrelate, Begriffsklärung, mentale Zustände, körperliche Ereignisse, Leib-Seele-Problem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die aktuelle Debatte zwischen den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes hinsichtlich der Erklärung menschlicher Bewusstseinszustände.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten gehören das psychophysische Problem, der eliminative Materialismus, die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschungsmethoden und die Rolle philosophischer Begriffsanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob die Forderung nach einer Primärstellung der Neurowissenschaften berechtigt ist oder ob die Philosophie unverzichtbare Beiträge zur Klärung begrifflicher Probleme leisten muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine methodisch-analytische Herangehensweise, um verschiedene philosophische Thesen und neurowissenschaftliche Forschungspositionen gegenüberzustellen und kritisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der eliminative Materialismus, der technologische und methodische Anspruch der Hirnforschung sowie die Notwendigkeit der philosophischen Begriffsarbeit detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind das psychophysische Problem, der eliminative Materialismus, die Neurophilosophie, der Reduktionismus und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.
Inwiefern unterscheiden sich die Sichtweisen von Neurowissenschaftlern und Philosophen laut dieser Arbeit?
Während Neurowissenschaftler primär neuronale Mechanismen und physische Strukturen untersuchen, konzentriert sich die Philosophie auf die begriffliche Analyse und die Klärung semantischer Voraussetzungen von Theorien.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf die Neurophilosophie?
Die Arbeit plädiert dafür, die Neurophilosophie nicht als Konkurrenz zu sehen, sondern als ein transdisziplinäres Feld, das eine gleichwertige Behandlung von Erste-Person- und Dritte-Person-Perspektiven ermöglicht.
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- Christian Kellner (Author), 2007, Zur Stellung von Philosophie und Neurowissenschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74426