Sport an der Schule - wozu?


Examensarbeit, 2003
92 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Begründungsnot des Faches
2.1 Bildung und Erziehung als Aufgaben der Schule
2.1.1 Erziehung
2.1.2 Bildung
2.2 Weitere schulische Aufgaben

3 Begründungsversuch aus anthropologischer Sicht
3.1 Anthropologische Grundannahmen
3.2 Anwendung auf menschliche Bewegung
3.2.1 Die instrumentelle Bedeutung der Bewegung
3.2.2 Die wahrnehmend-erfahrende Bedeutung
3.2.3 Die soziale Bedeutung
3.2.4 Die personale Bedeutung der Bewegung
3.3 Grundmotive für das Sporttreiben
3.3.1 Gesundheit
3.3.2 Wohlbefinden
3.3.3 Spielen
3.3.4 Leistung
3.3.5 Ästhetik
3.4 Anwendungen auf den Schulsport
3.5 Der Sinn des schulischen Sports
3.5.1 Sporttreiben lernen
3.5.2 Unmittelbare Erfahrungen im Sport
3.5.3 Gewohnheit und Einstellung im Sport
3.5.4 Wissen über Sport
3.6 Zusammenfassung
3.6.1 Anwendung auf den schulischen Sport

4 Ziele der schulischen Ausbildung
4.1 Allgemeine Ziele
4.2 Spezifische Funktionen des schulischen Sports
4.2.1 Handlungsfähigkeit
4.2.2 Die Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung
4.2.3 Soziale Verhaltensweisen
4.2.4 Erfahrungen sammeln
4.2.5 Lebenslanges Sporttreiben
4.2.6 Fitness
4.2.7 Ausgleich schaffen
4.3 Auftauchende Kritik
4.4 Fazit

5 Mehrperspektivität als Begründung für Sportunterricht
5.1 Entwicklungsbezogene Perspektive
5.2 Gesellschaftsbezogene Perspektive
5.3 Sportbezogene Perspektive
5.4 Schulbezogene Perspektive
5.5 Zusammenfassung

6 Gesellschaftliche Vorteile als Begründung
6.1 Zur innerschulischen Begründung
6.2 Zur außerschulischen Begründung
6.2.1 Zur innersportlichen Begründung: Erziehung zum Sport
6.2.2 Zur außersportlichen Begründung: Erziehung durch Sport
6.3 Zusammenfassung

7 Instrumentalisieren als Legitimation?
7.1 Sportpädagogische Sichtweise
7.2 Tendenzen in der Sportpädagogik
7.2.1 Bilanz
7.3 Sport ein Bildungsgut?
7.3.1 Bildungswert
7.3.2 Bildungswert und Wirklichkeitsbereich des Sports
7.3.3 Stellungnahme
7.4 Sport doch ein Mittel zum Zweck?

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Sport an der Schule - wozu?

1 Einleitung

Mit welcher Begründung kann jemand „von Amts wegen“ zum Sporttreiben gezwungen werden, was macht den Sport an der Schule von heute rechtens, wenn er in den Augen vieler Schüler Zwang und Gängelei ist? Viele Schüler und Schülerinnen sind heute mehr den je der Meinung Spiel und Sport sollte Spaß machen und nicht Zwang, sondern freiwillig sein. Ein enormes Problem des heutigen schulischen Sports ist, dass er zumeist nicht im geringsten diese Anforderung erfüllt. Weitere Argumente, die gegen den Sport an der Schule, so wie er im Moment durchgeführt wird, sprechen sind, dass die Schule von heute mit Fächern und mit Inhalten schon genug überladen ist. So stellt sich bei Schülern und auch Eltern oft die Frage, gibt es in der heutigen Zeit nicht Wichtigeres in der Schule zu lernen als Sport! Außerdem wird, so könnte man argumentieren, den Schülern durch die Verpflichtung zum Sporttreiben im Unterricht doch der Spaß am eigentlichen Sport und an der gezielten Bewegung genommen! Daher stellt sich die Frage:

Worin bestehen die entscheidenden Eigenschaften des Schulsports, die es ermöglichen ihn als einen Teil des Bildungsanspruches der Schule und somit als unentbehrlich anzusehen?

Diese Fragestellung macht deutlich, dass eine Begründung für ein Schulfach mit der Bezeichnung „Sport“ wohl kaum möglich ist ohne gründliche Überlegung und Definition der Begriffe „Bildung“ und „Erziehung“ im Zusammenhang mit dem allgemeinen Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule. Auch sollten die Vorgaben, welche die gesamte Schule und ihren Unterricht betreffen, geklärt werden. Insgesamt stellen diese Vorgaben einen Anhaltspunkt dafür zur Verfügung, was für den allgemeinen Bildungsauftrag der Schule wichtig sein könnte. Des Weiteren müssen diese Vorgaben und Ansichten mit den Zielen und den verschiedenen Aufgaben der Schule und besonders den speziellen sportlichen Absichten und Bestrebungen in Zusammenhang gebracht werden. Denn die Schule, als eine Institution des Lehrens und Lernens, und auch in erster Linie die dort unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer[1], haben in der heutigen Zeit verschiedene Aufgaben und Funktionen zu erfüllen, damit sie dem der Schule zugewiesenen Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht werden können. Dieser Auftrag und die damit verbundenen Funktionen sollen erläutert werden, ebenso bedürfen die Begrifflichkeiten der „Bildung“ und der „Erziehung“ einer genaueren Betrachtung und Ausführung, um den Stellenwert des Schulsports erläutern zu können.

Nachdem die Begrifflichkeiten sowie deren Notwendigkeit erklärt wurden, sollen einige Ansichten und Begründungsversuche beschrieben werden. Besonders die pädagogisch-anthropologische Sichtweise mit ihren verschiedenen Ebenen und Deutungsansätzen soll hierbei als Erklärungsansatz herangezogen werden. Des Weiteren möchte ich auf die gesellschaftlich-kulturellen Ansätze eingehen, die als Begründung für den Sport an der Schule herangezogen werden. Es soll auf verschiedene Sichtweisen und Ansätze eingegangen werden und damit eine Verbindung zum Sport als Schulfach gezogen werden. Denn die Tatsache, dass ein in der heutigen Gesellschaft etabliertes, traditionsreiches und im Alltag als wichtig anerkanntes gesellschaftliches Phänomen wie das des Sports sich für seinen Bestand an der Schule noch begründen muss, verwundert zu erst doch recht stark. Doch wird schon auf den zweiten Blick deutlich, bei genauerer Betrachtung der vielfältigen Sportarten und Möglichkeiten den Begriff Sport zu umschreiben, dass gerade die gesellschaftliche Komponente des Sports und des Sporttreibens ein Problem für den Sportunterricht darstellen kann. Denn aus den verschiedenen Ansichten über die Ziele und Aufgaben des Sports und deren Auslegungen kann es sowohl zu vielfältigen Möglichkeiten für Innovationen innerhalb der Schule, als auch zu teilweise starker Ablehnung dem Begriff gegenüber kommen.

Diesbezüglich sei jedoch schon an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es wohl kaum durchführbar ist, alle möglichen Ausprägungen des gesellschaftlichen Phänomens Sport im Schulsport zu thematisieren und zu unterrichten, noch dürfte dies bei der fast unendlichen Fülle an Bewegungs- und Sportarten und deren Varianten sinnvoll sein.

Auf dieser Grundlage ist es angebracht darüber nach zu denken, wie es gelingen kann den Schulsport als spezielles Fach dauerhaft in den Fächerkanon der Schule einzugliedern. Denn dies wird voraussichtlich nur erreicht werden können, wenn bewirkt wird, dass unverwechselbare und einzig durch den Sport zu erreichende Bildungs- und Erziehungsziele festgelegt werden können, die von keinem anderen Fach zu ersetzen sind. In welchen Sportarten und Bewegungsarten diese dann erfüllt werden, soll in dieser Arbeit nicht weiter dargelegt werden, da dies ein sehr weites Feld ist und den Umfang sprengen würde. Des Weiteren gibt es nicht eine Sportart, die eine Aufgabe oder ein Ziel als einzige erfüllen kann, denn jede Bewegungsweise umfasst immer gleich mehrere Sinnrichtungen und dem Sport auferlegte Aufgaben, auf welche im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2 Die Begründungsnot des Faches

Das Thema der Begründung des Sportunterrichts ist wahrscheinlich so alt wie das Schulfach selbst. Denn die etwa „zweihundertjährige Geschichte des Schulfaches ‚Sport‘ ist die Geschichte der permanenten Notwendigkeit, die Existenz und Stellung des Faches im Kanon der Schulfächer zu begründen und zu legitimieren“ (Denk, 1985, S. 144). Schon seit ihren Anfängen stand die Leibeserziehung bzw. der Sportunterricht also unter einem besonderen Druck, welcher für keines der anderen Fächer vergleichsweise so stark war. Auch auf Grund der Tatsache, dass dem Unterrichtsfach Sport wie jedem anderen Fach an der Schule ein spezifischer und verpflichtender Erziehungs- und Bildungsauftrag zu Grunde liegt, wird der Sport begründungspflichtig. Die Frage nach der Begründung des Faches als möglichem Teil des Erziehungs- und Bildungsauftrags der Schule ist folglich noch immer von großer Aktualität. Denn nur wenn dieser Unterricht über einen speziellen Bildungsgehalt verfügt, der von keinem anderen Fach erbracht werden kann, ist ein Grund gefunden, warum das Fach Sport in der Schule unverzichtbar ist und zum Fächerkanon gehören muss. Diese Tatsache wird umso auffälliger, wenn beachtet wird, dass Schulsport zurzeit - meist sind es wohl finanzielle Gründe - an Stunden beschnitten wird, oder hin und wieder sogar Forderungen laut werden, diesen ganz abzuschaffen.

Wichtig im Zusammenhang mit der Begründung des Sportunterrichts ist auch die Tatsache, dass der Sportunterricht im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht stattfindet. Außerdem ist er zusammen mit Mathematik, Religion bzw. Ethik und Deutsch das einzige Fach, welches die gesamte Schulzeit hindurch belegt werden muss. Auch deshalb unterliegen die Schüler den selben Bedingungen und Vorraussetzungen wie in den anderen Fächern auch. Das heißt für sie bestehen nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich diesem Fach in begrenztem Umfang entziehen zu können, so z.B. auf Grund von gesundheitlichen Gegebenheiten oder stundenweise mit ärztlichem Attest. Ansonsten können die Schüler sich weder den unterrichtenden Lehrer noch die Mitschüler aussuchen, auch die Inhalte und die zeitliche Einordnung in den Schulalltag werden vom Lehr- und Stundenplan vorgegeben. Dieses enge Korsett an Vorgaben und Verpflichtungen macht es in der heutigen Zeit notwendig, das Fach mit all seinen Gegebenheiten und Bedingungen neu zu begründen und somit dafür zu sorgen, dass es weiter im Fächerkanon bestehen bleibt. Hierbei müssen Begründungen genannt werden, warum den Heranwachsenden vorgeschrieben wird gerade in dieser Art und Weise Sport zu treiben.

Für einige Ansätze in der Diskussion um den Erhalt des Sportunterrichts und die daraus resultierende Argumentation scheint es, laut Knut Dietrich und Gerhard Landau (1990), heutzutage zunehmend auszureichen, den Schulsportunterricht in seinem Kern damit zu begründen, dass er einen Ausschnitt gesellschaftlicher Wirklichkeit repräsentiert. Diese Begründung ist wohl hauptsächlich die einer Zweck-Mittel-Argumentation. Es wird demnach meist Bezug genommen auf die gesellschaftlich wünschenswerten Folgen des Sporttreibens in der Schule, das heißt auf die mit seinem Vorhandensein verbundenen Vorteile oder in der Umkehr mit den Nachteilen, wenn diese Art des Sporttreibens nicht stattfindet. Auf diese gesellschaftlichen Faktoren wird an späterer Stelle speziell näher eingegangen.

Einen anderer Ansatz liefert die Aussage, dass Sport wie auch die Fächer Bildende Kunst, Musik und Werken zu den Fächern zählen, die den Schülern helfen sollen, sich bestimmte Bereiche ihres Lebens zugänglich zu machen, welche freilich zur Existenzbewältigung nicht absolut notwendig sind, „die aber die Qualität ihres Lebens aktuell und für lange Zeit, oft sogar auf Lebenszeit“ (Brodtmann, 1997, S. 6) bereichern und bestimmen können. Jedoch gerade der Umfang, die Komplexität und Ambivalenz dieses Wirklichkeitsausschnitts lassen den Eindruck aufkommen, dass man die Schüler dem Sport nicht unvorbereitet ausliefern kann. Die Anwendung der tatsächlich möglichen Umsetzungsstrategien schulischen Sportunterrichts hängt somit auch eng mit der Frage nach dem Erziehungs- und Bildungsgehalt des Sportunterrichts zusammen. Besonders in den letzten Jahren gab es daher intensive Diskussionen über die Ziele, Aufgaben und Funktionen des modernen Sportunterrichts.

2.1 Bildung und Erziehung als Aufgaben der Schule

Zu Beginn der Diskussion über die Begründung des Schulsports soll eine erste Klärung der im Weiteren wichtigen Begrifflichkeiten stehen. Auf Grund der Tatsache, dass die Schule einen bildenden und erziehenden Auftrag für sich in Anspruch nimmt soll geklärt werden, worin dieser besteht. Denn wenn der Schule ein erzieherisches Konzept zu Grunde liegt, welches die gesamte Schule sowie den Unterricht, und hier speziell den Sport, beinhaltet und welches sich aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten ableiten lässt, dann kann vermutet werden, dass es sich beim Sport um eine gesellschaftliche, kulturelle Errungenschaft handelt, die als relevantes Phänomen der heutigen Gesellschaft betrachtet werden kann. Infolgedessen wäre der Sport, wie die anderen Fächer auch, ein lehrbares Fach. Mit anderen Worten, der Schulsport soll unter der Prämisse der „Allgemeinbildung“ betrachtet werden.

Hierbei steht jedoch ausschließlich die Zielebene des Sports im Mittelpunkt des Interesses. Die Absicht dieser Arbeit ist es daher nicht, ein ausgearbeitetes didaktisches Konzept vorzustellen, welches sich z.B. auf die drei von Größing (1997, S. 29f) erarbeiteten didaktischen Ebenen stützt oder versucht diese zu analysieren. Vielmehr sollen Grundlagen erarbeitet und erklärt werden, die aufzeigen inwieweit der Sport an der Schule einen bildenden und erziehenden Anteil im System der Schule übernehmen kann. Dies wiederum kann nur dadurch gelingen, dass versucht wird, die für die Schule wichtigen Ziele und Aufgaben zu formulieren.

2.1.1 Erziehung

Unter dem Begriff der Erziehung versteht man eine beabsichtigte pädagogische und zielgerichtete Tätigkeit, welche dazu dienen soll die Heranwachsenden zu fördern und möglichst dauerhaft zu formen. Die jungen Menschen sollen „mit allen ihren Anlagen und Kräften zu vollentwickelten, verantwortungsbewussten und charakterfesten Persönlichkeiten im Sinne der geltenden Persönlichkeitsideale gebildet werden“ (Bertelsmann, 1996, S.172). Außerdem gehören zur Erziehung auch die Wissensvermittlung und Ausbildung von Fertigkeiten, die Gewissens- und Willensbildung, sowie die Entwicklung der Fähigkeit sich selbst einzuschätzen und zu beurteilen.

Die besondere Aufgabe und Leistung von Erziehung in der Schule besteht darin, dass den Schülern sogenannte „Schlüsselqualifikationen“ vermittelt werden sollen, welche auf Ansätze von Klafki zurück gehen.

„Schlüsselqualifikationen sind erwerbbare allgemeine Fähigkeiten, Einstellungen und Strategien, die bei der Lösung von Problemen und beim Erwerb neuer Kompetenzen in möglichst vielen Inhaltsbereichen von Nutzen sind“ (Bildungskommission NRW, 1995, S.113).

Die herausragenden Qualifikationen, die der heutige Sportunterricht durch seine Orientierung an der menschlichen Bewegung und der körperlichen Handlung, den Heranwachsenden vermitteln kann, sollen hier kurz zusammengefasst werden. Jedoch sind die Qualifikationen sehr allgemein gehalten, das heißt die unterrichtenden Lehrer müssen die jeweiligen Qualifikationen dem Entwicklungsstand ihrer Schüler anpassen und sowohl Alter, wie auch körperliche Fertigkeiten und Fähigkeiten berücksichtigen. Folgende Schlüsselqualifikationen werden in Bezug auf den schulischen Sport genannt.

Die Sachkompetenz, z.B. körperliche Fähigkeiten und Fertigkeiten und sportliches Können verbessern, grundlegende Kenntnisse über Zusammenhänge erlangen, Sport und Wissenschaft, Sport und Natur, sowie Sport und Training.

Die Selbstkompetenz, z.B. Leistungsbereitschaft verbessern und Selbstwertgefühl dabei aufbauen bzw. stabilisieren.

Die Sozialkompetenz, z.B. sich teamorientiert und partnerschaftlich verhalten, fair Sport treiben und Konflikte friedlich lösen.

Die Methodenkompetenz, z.B. durch Bewegungsbeobachtung Fehler bei sich und anderen korrigieren lernen, sportliche Aktivitäten planen, durchführen und auswerten.

Mit dem Begriff Schlüsselqualifikationen sind demnach Fähigkeiten gemeint, wie das Interesse an Erkenntnis und selbständigem Lernen, aber auch die Fähigkeit des Dazulernens, das heißt die eigenen Lernprozesse durch Reflexion zu optimieren. Eine weitere wichtige zu erlernende Fähigkeit ist das Vertrauen auf die eigene Selbstwirksamkeit als Grundeinstellung, kreatives Denken sowie Flexibilität und die Fähigkeit zur Kommunikation und zur Teamarbeit.

Die Richtlinien und Lehrplänen sollen daher solche Schlüsselqualifikationen im Sinne von lebensbedeutenden Problemen und Themen auswählen und durch diese ein fächerübergreifendes Netzwerk herstellen, welches die Zusammenhänge für die Schüler durchschaubar macht. Ein zweites Ziel ist es, die Schule als Lebensraum zu gestalten, in der die Heranwachsenden soziale und emotionale Orientierung erhalten können. Die dritte Vorgabe lautet, dass in der Schule Raum für ein ganzheitliches Erziehungsverständnis zu ermöglichen ist (vgl.

Aschebrock, 1997, S. 66). Es ist jedoch kaum möglich die oben genannten Qualifikationen unmittelbar und eigenständig zu erlernen. Vom Heranwachsenden werden deshalb Anleitungen und Hinweise benötigt, die ihm aufzeigen, wie er die ihm entgegentretenden alltäglichen Lebenssituationen bewerkstelligen kann. Zu beachten ist jedoch, dass besonders Schlüsselqualifikationen im Sinne eines persönlichkeitsbezogenes Fähigkeitspotential sich nicht durch direkte Anweisungen erwerben lassen, „sondern durch indirekte Förderung der persönlichen Kräfte und Kompetenzen“ (Reetz zitiert nach Schodrok, 2002, S. 337). Verbunden damit soll auch ein Lernen ermöglicht werden, das verdeutlicht, wie Widersprüche und Konflikte gehandhabt und gelöst werden können.

Besonders dieser Aufgabe muss sich auch der schulische Sport stellen.

Ganz allgemein können die erzieherischen Wirkungen und Handlungen von einzelnen Personen ausgehen, Lehrern, Eltern, Freunden und Geschwistern, aber auch von nicht direkt im Kontakt mit dem Kind stehenden Menschen, wie Popstars, Schauspieler und Idole jeglicher Art. Die Gruppe der Eltern und Lehrer will normalerweise bewusst und zielgerichtet erziehen, Freunde und Geschwister dagegen ergreifen meist keine absichtlichen erzieherischen Handlungen, sondern ihr Bezug zum Heranwachsenden ist auf andere Ziele gerichtet. Auch Idole und besonders Schauspieler und Sportler sind in ihrer Lebensart ein gewisses Vorbild für den Jugendlichen. Ihr Denken, ihr Verhalten und ihre Einstellungen gegenüber das tägliche Leben betreffende Dinge und Situationen, üben eine oft entscheidende Wirkung auf das Denken und Fühlen des Jugendlichen aus. Diese Personengruppen erziehen somit indirekt und unbewusst. Auch Medien, Institutionen und Organisationen haben neben ihrem offiziellen erzieherischen und bildenden Aufgaben diese eher versteckte erzieherische Wirkung auf Kinder und Jugendliche, welche daher auch nicht genau definiert in Lehrplänen und Verordnungen festgeschrieben ist.

Erziehung umfasst daher nicht nur das damit gemeinte Handeln und den implizierten lebenslangen Prozess der Erziehung, sondern auch die Ergebnisse der verschiedenen absichtlichen, intentionalen oder ungeplanten erzieherischen Bestrebungen. Dass man Erziehung auch immer von der Seite der Ergebnisse betrachten muss wird durch die Redewendung verdeutlicht, dass jemand eine „gute“ oder „schlechte“ Erziehung genossen hat. Das entscheidende Ziel der Erziehung ist es somit, dem Heranwachsenden bei seiner Identitätsfindung zu helfen, daher kann sie als ein notwendiger Teil des Bildungs- und Erziehungssystems der Schule angesehen werden, und insbesondere der Sport als körperliche Erziehung kann einen enormen Beitrag zu diesem Prozess leisten. Darauf wird im Folgenden noch näher eingegangen werden.

Als Zusammenfassung kann man sagen, dass es bei der hier gemeinten allgemeinen Bildung um eine Selbstbestimmungsfähigkeit geht, diese betrifft den eigenen Bezug zum Leben, wie auch die Auslegungen im Sinne der zwischenmenschlichen, beruflichen, ethischen und religiösen Art. Auch befähigt sie zur Mitbestimmungsfähigkeit im Bereich öffentlicher Angelegenheiten und einer gewissen Fähigkeit zur Solidarität gegenüber den Personen, die nicht zu einer Selbst- und Mitbestimmung innerhalb der gesellschaftlichen Bezüge fähig sind. (Grupe/ Krüger, 1997, S. 66). Diese zentralen Begrifflichkeiten können auch mit dem Schlagwort der „Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung“ umschrieben werden (Kurz, 2000, S. 78) und ermöglichen überhaupt erst eine „Handlungskompetenz“.

2.1.2 Bildung

Bildung ist, wie auch der zuvor genannte Begriff der Erziehung, ein grundlegender Begriff der Pädagogik und Didaktik. Die Bildung stellt gleichwohl keinen Ersatz, sondern eine Ergänzung zur Erziehung und der damit verbundenen Sozialisation dar.

Mit Bildung ist die Selbstgestaltung des Menschen in einem dynamischen Prozess gemeint, in dem er sich mit sich selbst und den Gegenständen und Werten der Kultur, die ihn umgeben, auseinandersetzt. Insofern erfolgt eine Aneignung von kulturellen Werten der Umwelt und der Vergangenheit, sowie deren Verarbeitung. Dieser Selbstgestaltungsprozess umfasst sowohl von außen an den Heranwachsenden herangetragene, wie auch die von ihm selbst ausgehende Maßnahmen der Erziehung. Somit ermöglicht die Bildung „dem Geiste eine eigene und neue Ansicht der Welt und dadurch eine eigene neue Stimmung seiner selbst“ (Humboldt zitiert nach Beckers, 1997, S. 20).

Lange Zeit lag der Schwerpunkt der Bildung auf geistig-seelischen Vorgängen, deshalb wurde die körperliche Ausbildung und Erziehung als zweitrangig aufgefasst. Für den Sport bzw. das Turnen oder die Leibeserziehung bedeutete dies, dass sie nicht zu den klassischen Bildungsgütern gezählt wurden. Doch in heutiger Zeit wurde dieser Begriff im Zusammenhang mit der Diskussion um die bildungstheoretische Didaktik wieder aufgewertet und speziell die Bildung durch und im Sport, durch Bewegung und im Spiel gewann wieder an Bedeutung. Gleichwohl ist diese Art der Bildung mehr als eine reine Ausbildung des Körpers oder eine Steigerung sportlichen Könnens wie auch sportlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Bildung im Sinne der Sportpädagogik, wie sie hier verwendet wird, „zielt auf die personale Verarbeitung von Erfahrungen in sportlichen Handlungs- und Sinnzusammenhängen mit Ziel der Selbstgestaltung und kritischen Weltaneignung“ (Röthig, 1992, S. 92). Der Begriff der Bildung im Zusammenhang mit der Entwicklung des Heranwachsenden, sollte folglich in einem dreifachen Sinne verstanden werden.

„Er umfaßt den Vorgang der Entfaltung, das Bewirken dieser Entfaltung durch Erziehung und Unterricht und ihr Ergebnis (den jeweiligen Grad der Geprägtheit der Persönlichkeit)“ (Bertelsmann 1996, S. 526).

2.2 Weitere schulische Aufgaben

Die Erziehung und Bildung als die besonderen Aufgabe oder Funktion der Schule werden noch durch zwei andere ergänzt, auf welche hier nicht weiter eingegangen werden soll. Dies sind die Orientierungsfunktion, sowie die Selektionsfunktion der Schule.

Damit es der Schule als Institution gelingt die Heranwachsenden zur Selbständigkeit und Mündigkeit im oben beschriebenen Sinne zu führen, muss sie diesen vier Hauptfunktionen angemessen entgegentreten. Diese vier schulischen Funktionen sollten als eine Einheit betrachtet werden, in welcher jeder einzelnen dieser Funktionen eine unverzichtbare Rolle zukommt. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die vierteilige Einheit als ein Ganzes und kümmert sich um die ganzheitliche Bildung des jungen Menschen. Kommt die Gesamtheit jedoch durch eine Überbetonung einer dieser Aufgaben in ein Ungleichgewicht, so wird damit das ihr gegebene innere Gleichgewicht gestört und es ist zu befürchten, dass die Schule dem ihr auferlegten Auftrag nicht mehr gerecht werden oder sogar überhaupt nicht mehr nachkommen kann. Eine Problematik dieser Art betrifft jedes einzelne Schulfach gleichermaßen. Denn Schule ist nur dann zeitgemäß und kann somit auch nur dann der heutigen Zeit entsprechend arbeiten, das heißt Lehren und Lernen ermöglichen, wenn jedes einzelne Fach imstande ist genau zu belegen, welchen unentbehrlich Beitrag es zu den Grundfragen der Erziehung und Bildung leistet. Denn nur unter diesen Bedingungen ist es der Schule auch in Zukunft möglich sich der immer wieder aufkommenden Kritik und der Zweifel an ihrer Stellung innerhalb der Ausbildung der Kinder und Jugendlichen zu stellen. Gerade diejenigen Fächer, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als lebensnotwendig, oder vielmehr auf das Leben vorbereitend, erachtet werden, wie z.B. Bildende Kunst oder Religion oder eben auch der Sportunterricht, unterliegen einem erhöhten Zwang sich zu begründen und somit ihre Zugehörigkeit zum Fächerkanon der Schule zu erhalten (Vgl. Brodtmann, 1997, S. 6).

Auf der Grundlage der erzieherischen und bildenden schulischen Aufgaben sollte es nun möglich sein, genauere, auch pädagogische, Ziele für den Sport als Unterrichtsfach zu formulieren, der im Rahmen der Schulfächer einen speziellen, von keinem anderen Fach zu leistenden Beitrag zu einer zeitgemäßen Allgemeinbildung leisten soll. Dazu sollen zuerst allgemeine Ansichten der

Anthropologie aufgezeigt werden, auf welche im Weiteren die folgenden Ansätze aufbauen bzw. sich beziehen.

3 Begründungsversuch aus anthropologischer Sicht

Zunächst sollen einige anthropologische Anschauungen erläutert werden, um die Frage zu klären, wie und warum der Schulsport in den schulischen Bildungs- und Erziehungskontext eingebunden werden kann.

Den Ausgangspunkt der anthropologischen Überlegungen bildet die Ansicht, dass der Mensch ohne die Betrachtung seines Körpers und seiner Bewegungen nur unzureichend erfasst wird, zum anderen soll dargelegt werden, was das zu Grunde liegende Menschenbild charakterisiert. Denn die anthropologischen Erkenntnisse lassen Aussagen über das Selbstverständnis des Menschen zu, welche in nicht unerheblichem Maße die erzieherischen Entscheidungen im schulischen Kontext beeinflussen. Grupe formuliert es so: „... nur ein Sport, der dem Wohl des Ganzen dient, hat auch Anspruch, öffentlich gefördert und als für alle verpflichtendes Fach in den Kanon der Schulfächer aufgenommen zu werden“(Grupe/ Krüger, 1997, S. 41).

Die hier betrachtete Sportanthropologie umfasst und beschreibt den sporttreibenden, spielenden oder auch sich bewegenden Menschen als ihren wichtigsten Schwerpunkt, sie beschäftigt sich intensiv mit der menschlichen Körperlichkeit und deren Wandelfähigkeit in Bezug auf das jeweilige Leben und dessen Verhältnisse. Ausschlaggebend ist dabei die Annahme, dass der Mensch, hier besonders das Kind und auch der Jugendliche, nicht fähig ist als ein ganzheitliches Wesen zu leben ohne die Kontrolle über seinen Körper und dessen Bewegungen zu haben und dass er nur mittels seines Körpers er selbst sein kann. Insofern bildet der menschliche Körper die Grundlage der jeweiligen Identität und der Ausprägung der eigenen Bewegungen. Hierbei muss zwischen den Einzelphänomenen des Körpers und der Bewegung, der Gesundheit, dem Spiel und der Leistung unterschieden werden. Diese bilden die vier Grundphänomene der menschlichen Bewegung.

3.1 Anthropologische Grundannahmen

Die primären Grundannahmen der Betrachtung des menschlichen Verhaltens sind hier die von Helmuth Plessner bzw. Ommo Grupe formulierten Thesen, dass der Menschen ein weltoffenes, handelndes, soziales und historisches Wesen ist. Diese anthropologischen Erkenntnisformen versuchen nachzuweisen, dass der Mensch Freiheit, Persönlichkeit, menschliche Würde und Unverletzlichkeit besitzt. Mit diesen Annahmen ist eine den Menschen auszeichnende Doppelrolle verbunden. Diese besteht in einer Verschränkung des menschlichen Körpers und Geistes und wird mit den Begriffen des Leibsein im Gegensatz zum Körperhaben umschrieben. Bei dieser Sichtweise wird auch die Veränderlichkeit des menschlichen Leibverhältnisses mitbedacht. Das Leibsein bezeichnet Situationen, in denen der Körper nicht bewusst wahrgenommen wird. Der Begriff des Körperhabens bezieht sich in besonderer Weise auf das unmittelbare Erleben und Wahrnehmen des Körpers.

Diesen Punkt betreffend unterscheidet Prohl (1999) drei Dimensionen, eine aktuelle, eine überdauernde und eine biographisch Dimension. Jede dieser drei spielt auch im Schulsport eine wesentlich Rolle, insofern, als dass sie dem Heranwachsenden dazu verhelfen, seinem eigenen Leib näher zu kommen und ihn zu erfahren, außerdem soll der Jugendliche, aber auch bereits das Kind, lernen mit seinem Körper in verantwortungsbewusster Manier umzugehen. Grupe nennt die Anthropologie in dieser Hinsicht und in Bezug auf Bollnow deshalb einen „Schlüssel zum Verständnis von pädagogischen Systemen“ (Grupe/ Krüger, 1997, S. 181).

Die Unterscheidung der anthropologischen Auffassungen gemäß Otto Friedrich Bollnow hat bezüglich der begrifflichen Verhältnisse zwei Seiten. Er fasst deshalb die pädagogische Anthropologie unter einem zweifachen Sinn auf. Denn er betont, dass zu unterscheiden sei, ob die Gesamtheit der einzelnen Wissenschaften über den Menschen oder die philosophische Anthropologie gemeint sei. Betrachtet man die hier als zweiten Gegenstand betroffene Wissenschaft, so müsste man streng genommen von einer pädagogischen, im philosophischen Sinne gemeinten, Anthropologie oder einer philosophisch-pädagogischen Anthropologie sprechen. Da dies allerdings sehr schwerfällig und kompliziert klingt, sollte für jeden Fall angegeben werden, welche Art von pädagogischer Anthropologie im jeweiligen Fall gemeint ist. Bollnow weicht diesen Schwierigkeiten aus, indem er „die Bezeichnung ‚pädagogische Anthropologie’ für die unter pädagogischem Gesichtspunkt gesehene und behandelte integrale und basale empirische Anthropologie verwendet“ (Bollnow, 1965, S. 47f).

Nach dieser kurzen einführenden Klärung der verschiedenen Begriffsverwendungen soll der pädagogisch-anthropologische Ansatz und das darin erläuterte Menschenbild veranschaulicht werden. Um der aufgezeigten Doppeldeutigkeit auszuweichen beziehen sich im Weiteren die Begriffe „Anthropologie“ und „anthropologisch“ auf die erwähnte pädagogische Sichtweise.

Ganz allgemein zusammengefasst besagt die Anthropologie, dass das menschliche Verhältnis zum eigenen Leib nicht nur durch das unmittelbare eigene Körperverhältnis bestimmt wird, sondern darüber hinaus auch durch das spezifische Verhältnis zur sozialen und naturhaften Umwelt. Der menschliche Leib übernimmt dabei eine Art Mittlerfunktion zwischen dem Ich, als Person und Körper, und der Welt, die dieses Ich umgibt. Dabei verflechten und verbinden sich Prozesse des Wachstums und der Entfaltung mit Lern-, Reifungs- und Alterungsprozessen, sozialen Prägungen und deterministischen Bedingungen. Der individuelle Wandel des Leibverhältnisses beeinflusst auch in nicht zu unterschätzendem Ausmaß die Wahrnehmung der Umwelt. Dennoch hängt es entscheidend von der jeweils ermöglichten Erziehung und Bildung des einzelnen Menschen ab, wie er die ihm gegenübertretende Umwelt wahrnimmt und erfährt. Gerade in dieser besonderen Sichtweise der menschlichen Bewegung und dem Körperverständnis liegt die Begründung für die Möglichkeit der Bildung und Erziehung des Menschen (vgl. Grupe/ Krüger, 1997, S. 180).

3.2 Anwendung auf menschliche Bewegung

Aus diesen Überlegungen heraus unterscheidet Grupe (1982) hinsichtlich des Sports vier unterschiedliche Bedeutungen der Bewegung. Diese speziellen Bedeutungen können zwar von einander abgegrenzt werden, hängen jedoch eng miteinander zusammen und verschmelzen teilweise sehr stark ineinander.

3.2.1 Die instrumentelle Bedeutung der Bewegung

Die instrumentelle Bedeutsamkeit des Körpers bezieht sich darauf, dass der Körper hinsichtlich der Bewegung als eine Art Werkzeug gehandhabt werden kann: Rad fahren, Laufen, Hüpfen und vieles mehr. Dieser instrumentelle Umgang mit dem Körper geschieht zumeist unmerklich oder unbewusst und wird erst dann bemerkt, wenn Bewegungen auf Grund von Verletzung oder anderer Gebrechen eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sind. Die Entdeckung der einzelnen Funktionen des Körpers, das Ausdifferenzieren der individuellen Motorik ermöglichen die Erschließung und Bezwingung der Welt. „Die Objektivierung des eigenen Körpers wird zu jener entscheidenden und größten Entdeckung, die den Menschen als Menschen konstituiert“ (Grupe, 1982, S. 86).

Instrumentalität bedeutet jedoch auch eine gewisse Abhängigkeit und Beschränkung durch den Unterschied zwischen dem Wollen und Können der einzelnen Person. Dies drückt sich zumeist im Gelingen oder Misslingen einer Tätigkeit aus. Ungeachtet dessen hat dieser Kontrast eine bedeutende Funktion für die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Identität. Daher kann die instrumentelle Bedeutung des Körpers als eine elementar wichtige Bedeutung betrachtet werden.

3.2.2 Die wahrnehmend-erfahrende Bedeutung

Der Sport eröffnet vielgestaltig Erfahrungsmöglichkeiten, dabei spielen Erfahrungen des Körpers und solche über den Körper eine entscheidende Rolle. Grupe unterteilt diese Bedeutungsebene nochmals in drei Unterpunkte. Erstens in Hinsicht auf das Körperlich-Leibliche und die Bewegung an sich, daher leibliche Erfahrungen. Zweitens in Richtung auf die materiale Umwelt, materiale Erfahrungen. Drittens die sozialen Beziehungen und Interaktionen, soziale Erfahrungen. Diese werden in Punkt 3.5.2 nochmals aufgegriffen und eingehender verdeutlicht.

Kurz gefasst besagen diese:

Die Leibliche Erfahrungen richten sich zunächst auf das Leibliche und die Bewegung selbst. Der Mensch erlebt die Leistungsfähigkeit seinen Körper, was dieser leisten oder eben nicht leisten kann. Die bei sportlichen Tätigkeiten erworbenen körperlichen Erfahrungen können nicht getrennt beurteilen werden. Denn „sie sind zumeist verbunden mit der Erfahrung der Dinge, zwischen denen wir uns bewegen und die wir bewegen, und die wiederum, indem sie bewegt werden, ihre besonderen Eigenschaften aufzeigen“ (Grupe, 1995, S. 23). Daher sind Erfahrungen der Bewegung immer auch Erfahrungen des Leiblichen betrachtet im Kontext der Dinge und Situationen, inmitten derer sich der Mensch bewegt und die er selbst bewegt. Darunter gehören die Erfahrungen von Gegenständen und ihren Eigenschaften wie auch die Erfahrungen von Umgebung und Natur, welche man unter dem Begriff der materialen Erfahrung zusammenfasst. Außerdem sind die zu machenden Bewegungserfahrungen immer mit Erfahrungen der sozialen Wirklichkeit in der wir leben verbunden. Besonders bei den im Spiel zu erfahrenden Konfrontationen, im Sieg oder der Niederlage und der Rolle des Einzelnen, die er in der Mannschaft innehat, zeigen sich soziale Beziehungen (vgl. Grupe/ Krüger, 1997, S. 79).

3.2.3 Die soziale Bedeutung

Gerade in den erwähnten sozialen Erfahrungen ist die Bewegung ein Medium für soziale Beziehungen. Auf Grund der Tatsache, dass sie zu diesen Beziehungen verhelfen und sie herstellen kann, erfährt die Bewegung daher eine soziale Bedeutung. Sie ermöglicht diese Erfahrungen mit anderen sporttreibenden Menschen auf verschieden Ebenen. Jedoch werden gewisse Voraussetzungen benötigt, damit es zu einem befriedigenden Erlebnis des Sporttreibens kommt.

Allgemein sind die sozialen Beziehungen in Form der Verständigung über Zeichen miteinander verbunden. Diese Formen sind Übereinkünfte, welche ein Zusammenleben sichern. So müssen im Straßenverkehr alle bei Grün in die gleiche Richtung anfahren. Auch die hier betrachteten sportlichen Handlungen sind ohne Übereinkünfte nicht durchführbar. Bedingung dafür, dass diese Zeichen funktionieren, sind die zuvor festgesetzten sozialen Verhaltensregeln einerseits und andererseits das kollektive Wissen um Zeichen, Regeln und Bedeutungen, welche zuvor gelernt werden müssen. Wer aber umgekehrt nicht mit den Grundlagen und Abläufen der auftretenden Bewegungen vertraut ist, wer den verschiedenartigen Bedeutungsgehalt von Situationen nicht feststellen kann, der kann nicht an solchen sportlichen Ereignissen teilnehmen und er wird die Aktionen und Reaktionen der anderen Teilnehmer nicht verstehen. Denn die soziale gesellschaftliche Realität macht nicht Halt vor „sportspezifischen Bewegungen“, sondern „durchdringt sie bis in ihre feinsten Verästelungen, wird aber auch selbst von ihr bestimmt“ (Grupe, 1982, S. 95). Das Sich-Bewegen übermittelt demnach soziale Bedeutungen, die selbst gesetzt oder von der auftretenden Situation bestimmt werden, die einerseits von intersubjektiven Bedeutungszuweisungen abhängen und andererseits sich aus partiellen oder globalen Traditionen, Übereinstimmungen und Regelungen ergeben.

Diese soziale Bedeutsamkeit von Körper zusammen mit Bewegung verdeutlicht, dass Bewegungen keineswegs völlig natürlich sein können, denn diese Natürlichkeit wurde selbst zu einer sozialen und kulturellen Norm gemacht. Grupe (1982) erläutert, dass die menschlichen Bewegungen mit ihrer anfänglichen Natürlichkeit in die soziale Lebenswelt des Menschen eingegliedert wurden. Da jedoch die gesellschaftliche Realität sich immer in einem Wandlungsprozess befindet, muss beachtet werden, dass die sozialen Bedeutungen von Bewegungen sich gleichfalls ändern können.

3.2.4 Die personale Bedeutung der Bewegung

Die personale Bedeutung der Bewegung begründet sich darin, dass auf Grund von speziellen Situationen, biologischen Einschränkungen, individuellen Erfahrungen und Gewohnheiten, die sozialen und kulturellen Regeln der jeweiligen Bewegung nie gänzlich festgesetzt werden können. Alle Bewegungsausführungen und Gestaltungen sind immer auch mit persönlichen Empfindungen und Entscheidungen verknüpft.

Die Erfahrung unserer leiblichen Begebenheit ist immer verbunden mit der Erfahrung des Einzelnen sich selbst realistisch einzuschätzen und Möglichkeiten und Bewertungen sich anzueignen um dies zu können. Daher sieht Grupe (1982) im Sport mit all seinen vielen Möglichkeiten und Aufforderungsebenen eine große Anregung für Erfahrungserwerb. Der Sport ist ein Musterfall für Situationen, welche nicht von Natur aus gegeben sind, sondern welche künstlich erschaffen wurden. Folglich ermöglicht der Sport immer wieder neue Situationen, in welchen der Mensch in eine neue Lage versetzt wird. Somit ist ein jeder gezwungen seinem Leben neue Spannung zu geben, sich zu erproben und aus sich heraus nach seinen Grenzen zu suchen. Wie bereits durch die voran genannten Bedeutungen verständlich geworden ist, besteht daher ein enger Zusammenhang zwischen persönlicher Identität und unserem Bewegungsempfinden. Dies verdeutlicht, dass der Mensch mit Hilfe seiner Bewegung seine kulturelle und soziale Welt durchdringt. Der Mensch und besonders noch das Kind ergreift, erfasst, erfährt seine Umwelt und findet durch seine Bewegungen Zugang zu ihr. Mit anderen Worten, das Kind baut sich ein Bild seines Körpers und seiner Fähigkeiten auf, welches sich aus den körperlich gemachten Erfahrungen von Erfolg oder Misserfolg, sowie der Leistungsfähigkeit und der eigenen Grenzen zusammen stellt. Innerhalb dieses Bildes oder Konzepts erlangt jede unserer Bewegungen ihre Bedeutungen letztendlich im Zusammenhang mit unserer Umwelt. Zum einen sind Bewegungen ohne ein Verstehen der gesellschaftlichen Realitäten nicht möglich, zum anderen ist die jeweilige Bedeutung einer Bewegung für den Einzelnen nur von Fall zu Fall zu beschreiben.

Dementsprechend wird klar, dass Bewegungen nur im Vollzug ihre eigentliche Gestalt annehmen, aber auch hier ist wohl immer noch ein kleiner Rest von Rätselhaftigkeit enthalten. Wenn also Grupe darauf hinweist, dass der Mensch diese vier Bedeutungen benötigt um sich in seiner Identität zu finden, so erlangt in einem Schulsport mit bildendem Anspruch das Thematisieren dieser Bedeutungen eine außerordentliche Rolle.

3.3 Grundmotive für das Sporttreiben

Auf Grundlage der beschriebenen Ebenen können die spezifischen Motive und Sinngehalte der menschlichen Bewegung und somit des Sporttreibens näher betrachtet werden. Den Bedeutungen kommen im Zusammenhang mit dem Sporttreiben fünf weitere Phänomene zu. Diese sind für den Schulsport von enormer Wichtigkeit, denn sie liefern eine umfassende Erklärung für Ziele und Möglichkeiten. Auch folgen sie dem Anspruch der Ganzheitlichkeit und der Allgemeinbildung, welche eingangs gefordert wurde, um den schulischen Sport im Fächerkanon zu bestätigen und dessen unentbehrlichen Beitrag zur Erziehung und Bildung der Heranwachsenden zu erklären.

3.3.1 Gesundheit

Die soeben beschriebenen Bedeutungen der Bewegung sind auch Ausgangspunkt für den Zusammenhang zwischen der körperlichen Erziehung und der Gesundheitserziehung. Denn in regelmäßigen Abständen wurde die Hoffnung auf eine vorteilhafte gesundheitliche Wirkung des Sports als ein Kernargument des Schulsports genannt. Daher ist es auch nicht abwegig, dass diesem Gesundheitsmotiv in den Bildungs- und Lehrplänen eine bedeutende Rolle zu geschrieben wurde.

Betrachtet man den Begriff „Gesundheit“ näher so wird klar, dass von einem pädagogischen Blickpunkt aus sich ein ganzheitliches Gesundheitsmodell herausschält. Dieses Konzept ist in ein schulisches Gesamtkonzept eingegliedert, welches auch andere Funktionen und Aufgaben mit einbezieht. Die gesundheitlichen Themen des Sports rücken hierbei in den Vordergrund und gehen auch über den sehr Begriff des nur präventiven Trainings als biologische Adaption des menschlichen Körpers hinaus. Infolgedessen ist das gesundheitliche Konzept als ein In- und Miteinander physischer, psychischer, sozialer und ökologischer Faktoren aufzufassen, in dem auch medizinische Parameter fest verankert sind. Folgt man der Auffassung von Kottmann & Küpper (1991) so kann der allgemeine Gesundheitsbegriff erweitert und durch vier Kennzeichen verdeutlicht werden. Demzufolge ist Gesundheit erstens ein individuelles und subjektives Ergebnis des Erfahrenen, zweitens als Resultat eines aktiven Bemühens zu bewerten, welches drittens von der jeweiligen Lebenswelt und dem individuellen Lebensstil abhängt und viertens erweist es sich schlussendlich als ein Balancezustand, in dem die Ausgewogenheit zwischen subjektiven und sozialen Dimensionen immer wieder von neuem erwirkt werden muss.

[...]


[1] Im Weiteren wird der Begriff Lehrer stellvertretend für beide Geschlechter verwendet, ebenso wird mit der Bezeichnung Schüler verfahren.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Sport an der Schule - wozu?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (IFS)
Note
1,8
Autor
Jahr
2003
Seiten
92
Katalognummer
V74555
ISBN (eBook)
9783638636469
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Schule
Arbeit zitieren
Anja Möller (Autor), 2003, Sport an der Schule - wozu?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74555

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