Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Kultur des Prager Bürgertums zur Zeit der Anwesenheit Rudolfs II. in Prag, also von 1583 bis zu seinem Tod 1612.
Betrachtet man die Kultur des Bürgertums um 1600, so ist es nicht möglich, diese auf wenige Bereiche wie Kunst, Literatur oder Musik zu beschränken. Vielmehr ist der Begriff ‚Kultur’ hier mit ‚Lebensstil’ zu übersetzen. Im Folgenden soll versucht werden, zunächst ein geschlossenes Erscheinungsbild Prags im Untersuchungszeitraum zu entwerfen und vor diesem Hintergrund die bürgerliche Kultur greifbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. PRAG
1.1 Die Prager Agglomeration
1.2 Prag auf dem Weg zur kaiserlichen Residenz
1.3 Prag unter Rudolf II.
2. DAS PRAGER BÜRGERTUM
3. DIE BÜRGERLICHE KULTUR
3.1 Bildung
3.1.1 Das Prager Schulsystem, schulische Ausbildung und Studium
3.1.2 Sprachkenntnisse
3.2 Die Buchkultur
3.2.1 Das Leseverhalten der Bürger
3.2.2 Exkurs: Die einheimische Bücherproduktion
3.3 Bürgerliche Hausgalerien
3.4 Musik
3.5 Architektur
3.5.1 Die bauliche Gestaltung
3.5.2 Interieur und Haushaltsgegenstände
3.6 Mode
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Lebensstil und die kulturellen Ausdrucksformen des Prager Bürgertums während der Regierungszeit Kaiser Rudolfs II. (1583–1612). Ziel ist es, ein umfassendes Bild der bürgerlichen Kultur zu zeichnen, die sich als eine komplexe Synthese aus Bildung, Kunstsinn, Musikpflege und repräsentativem Wohnen darstellt.
- Struktur und demographische Entwicklung der Prager Agglomeration um 1600
- Die Rolle von Bildung, Schulen und Sprachkenntnissen für das bürgerliche Selbstverständnis
- Entwicklung von Buchkultur, Leseverhalten und bürgerlicher Buchproduktion
- Bedeutung von Hausgalerien, Musikpflege und dem Wandel in Architektur und Innenausstattung
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Das Leseverhalten der Bürger
Durch Massenproduktion und kräftigen Import wurde das Buch im untersuchten Zeitraum zu einem verhältnismäßig billigen Gebrauchsgut. Die Anschaffung einer eigenen Bücherkollektion stellte für die meisten Bürger keine allzu große finanzielle Belastung dar. Allgemein lässt sich sagen, dass bei etwa einem Drittel der Bürgerfamilien in den böhmischen Ländern Bücher zu finden waren. Zu den Lesern sind dabei auch Frauen zu rechnen, obwohl sie keine formalisierte Bildung besaßen. In Prag selbst lag der Anteil der bürgerlichen Buchbesitzer um 1600 wohl noch etwas höher. Hauptquelle für die Untersuchung privater Buchbestände sind Besitzinventare, hauptsächlich bürgerliche Nachlassinventare. Diese geben jedoch hauptsächlich über Bürger mit komplizierten Familien- und Vermögensverhältnissen Auskunft. Auch ist die Quelle nur für besser bemittelte Stadtbewohner repräsentativ, da ärmere sich die Verwaltungstaxe nicht leisten konnten oder gar kein Vermögen zu verzeichnen hatten. Von den Nachlassinventaren aus Altstadt, Neustadt und Kleinseite aus der Zeit von 1570 bis 1620 wurden insgesamt 1040 ausgewertet, dabei fanden sich 469 Bücherlisten (45%) mit der konkreten Nennung von 13.000 Büchern, von denen ein Drittel näher identifiziert werden konnte.
Religiöse Titel machten dabei ca. 60% der Bücherbestände aus, wobei religiöse Literatur allgemein eher in kleinen Bücherkollektionen zu finden war als in großen Fachbibliotheken der bürgerlichen Intelligenz. Konfessionell wollten sich die Prager Bürger in ihrer Buchauswahl nicht festlegen, Titel der tschechischen Reformation des 15. Jahrhunderts standen neben solchen lutherischer und kalvinistischer Lehre, eine wichtige Rolle spielte Erasmus von Rotterdam. Der populärste Verfasser konfessioneller Literatur war jedoch Martin Luther, gefolgt von anderen lutherischen Schriftstellern wie Philipp Melanchthon, Johann Sprangenberg und Urbanus Regius.
Die meisten Bürger besaßen ein bis zwei Bücher von Luther, meist zum alltäglichen Gebrauch wie die Postillen, die Bibelübersetzung, seine gesammelten Predigten oder den Katechismus. In 16 Fällen fanden sich jedoch größere Sammlungen, in der Altstadt sogar vier Mal die Gesamtausgabe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. PRAG: Das Kapitel zeichnet die demographische und politische Entwicklung Prags zur Residenzstadt nach und beschreibt die städtischen Strukturen sowie den Wandel unter Rudolf II.
2. DAS PRAGER BÜRGERTUM: Hier wird die soziale und ethnische Zusammensetzung des Bürgertums analysiert und dessen Dynamik sowie der wachsende Einfluss des Hofes auf die Bürgerschicht beleuchtet.
3. DIE BÜRGERLICHE KULTUR: Dieses zentrale Kapitel behandelt die vielfältigen kulturellen Facetten wie Bildungswesen, Buchkultur, Kunstbesitz, Musik, Architektur und Mode als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins.
Schlüsselwörter
Prag, Rudolf II., Bürgertum, Kulturgeschichte, Renaissance, Bildungsgeschichte, Buchkultur, Hausgalerien, Musikinstrumente, Architektur, Sgraffiti, Nachlassinventare, konfessionelle Vielfalt, Residenzstadt, Lebensstil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Lebensstil und die kulturellen Betätigungen des Prager Bürgertums in der Zeit von 1583 bis 1612.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen das Bildungswesen, die Buchkultur, den Aufbau privater Kunstgalerien, die Musikkultur sowie architektonische und modische Trends.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, ein geschlossenes Bild des Prager Bürgertums und seiner kulturellen Entfaltung in einer Zeit intensiver städtischer Wandlungsprozesse zu entwerfen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich primär auf die Auswertung bürgerlicher Nachlassinventare und Testamente sowie zeitgenössischer Bilddokumente und vergleichender Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben der geschichtlichen Ausgangslage die verschiedenen Aspekte bürgerlicher Alltagskultur – von der Schule über das Leseverhalten bis hin zur Hausausstattung – detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Prager Bürgertum, rudolfinische Zeit, Kulturgeschichte, Bildung, Kunst, Buchdruck und Residenzstadt.
Wie wirkte sich die Residenz des Kaiserhofes auf das bürgerliche Leben aus?
Die Anwesenheit des Hofes förderte einerseits Wirtschaft und Kultur, führte aber auch zu massiven Preissteigerungen, sozialen Problemen und einem verstärkten Bedürfnis des Bürgertums nach Repräsentation.
Warum spielt die tschechische Sprache eine besondere Rolle in der Arbeit?
Tschechisch war Staatssprache und ein wesentlicher Pfeiler des Bildungslebens; die Arbeit thematisiert den Erhalt dieser Identität trotz der sprachlichen Mehrsprachigkeit und Zuwanderung in Prag.
Was besagen die Untersuchungen zu den Bildersammlungen?
Gemälde wurden zunehmend populär und dienten neben der Repräsentation dazu, das bürgerliche Selbstbewusstsein zu stärken, indem man sich stilistisch am Adel orientierte.
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- Mareike Kern (Author), 2005, Praga, caput regni - Die Kultur des Prager Bürgertums zur Zeit Rudolfs II. , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74816