Die in dieser Arbeit zu untersuchende These soll daher lauten: Segregation als Makrophänomen erklärt sich durch Mikrophänomene der Wohnstandortwahl, die sich im Rahmen der Sozialstruktur abspielen. Zur Untersuchung dieser These soll in dieser Arbeit zunächst expliziert werden, welche Konzepte zur Erklärung der Segregierung von Stadtbevölkerungen die Segregationsforschung bereithält und wo mögliche Ansatzpunkte für eine Verbindung mit den Theorien sozialer Ungleichheit liegen könnten. Einige dieser Modelle der Sozialstruktur sollen in einem zweiten Schritt dargestellt werden und auf ihre Aussagekraft für eine Erklärung der Segregation überprüft werden. In einem dritten Schritt soll schließlich aus den erarbeiteten Ansätzen ein möglichst erschöpfendes Konzept zur Erklärung von Segregation aus der Sozialstruktur heraus zusammengefügt werden, das es gestattet, die eingangs vorgestellte These zu beweisen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Segregationsheorien
1.1 Definiton
1.2 „Klassische“ Segregationsmerkmale: Ethnie, sozioökonomischer Status
1.3 Theorie der Wohnstandortwahl nach Friedrichs
1.4 Der Lebensstilansatz
2 Ansätze zur Sozialstrukturanalyse mit Lebensstilen
2.1 Soziale Positionen und Lebensstile nach Bourdieu
2.2 Der Constrained-Choice-Ansatz
3 Verbindung von Mikro- und Makroebene
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie residentielle Segregation als Makrophänomen durch Mikrophänomene der individuellen Wohnstandortwahl erklärt werden kann, die sich innerhalb der Sozialstruktur abspielen. Ziel ist die Entwicklung eines umfassenden Konzepts, das den Zusammenhang zwischen Struktur und individuellem Handeln unter Berücksichtigung von Lebensstilansätzen integriert.
- Grundlagen der Segregationstheorien und klassische Segregationsmerkmale
- Analyse der Wohnstandortwahl als Verbindung zwischen Makro- und Mikroebene
- Vergleichende Untersuchung der Ansätze von Bourdieu (Habitus) und des Constrained-Choice-Modells
- Integration soziokultureller Faktoren in die Segregationsforschung
Auszug aus dem Buch
1.3 Theorie der Wohnstandortwahl nach Friedrichs
Wie genau läuft nach Friedrichs nun die Wohnstandortwahl ab? Sein Modell versucht die Makroebene mit der Mikroebene zu verbinden, indem ein so genannter „Kontexteffekt“, z.B. die Sozialstruktur in Form von Einkommensunterschieden oder auch Diskriminierungen, die Bedingungen für das Handeln der Individuen setzt. Innerhalb der Einschränkungen des Kontexts agieren die Individuen gemäß ihrer Präferenzen, soweit dies eben möglich ist: „Selbst unter der Bedingung, dass alle Haushalte die selben Präferenzen hätten, […] träte eine Segregation auf, weil die Individuen/Haushalte einen ungleichen Zugang zu den verfügbaren Wohnungen haben. Eine Vielzahl von Haushalten ist demnach gezwungen, einen Wohnstandort zu wählen, der ihren Präferenzen nicht entspricht.“ Der Kontext, „ein Aggregat beliebiger Größe“, stellt praktisch eine Mittlerkonstruktion zwischen Makro- und Mikroebene dar: „Die Kontexthypothese enthält eine Aussage über die Wirkung eines Merkmals auf der Makroebene auf ein Merkmal auf der Individualebene“. Auch die die Beschaffenheit des Wohnungsangebotes (Qualitätsunterschiede und räumliche Verteilung) oder Vorurteile können einen Kontexteffekt darstellen.
Somit ist die Rolle der Chancen im Prozess der Wohnstandortwahl geklärt. Unklar bleibt, wie die Rolle der Präferenzen im Segregationsprozess aussehen könnte. Friedrichs verweist hierzu auf das Modell von Thomas C. Schelling. Sein Grundmodell geht von zwei Gruppen aus („Schwarze und Weiße“), deren gruppeninterne Präferenz für den prozentualen Anteil der jeweils anderen Gruppe an der ethnischen Zusammensetzung der Nachbarschaft homogen und konstant ist. Dabei wird von einer höheren Toleranz der Minorität gegenüber der Majorität ausgegangen als umgekehrt. Die „Nachbarschaft“ eines Individuums umfasst immer die umgebenden 8 Felder des insgesamt 64 Felder großen Schachbretts, das ein geschlossenes System darstellt. Mit der anfangs zufällig durchmischten Anordnung werden Umzugsprozesse durchgespielt, die als Ergebnis die Erfüllung aller vorhandenen Individual-Präferenzen bezüglich der Nachbarschaft haben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Phänomen der residentiellen Segregation ein und formuliert die These, dass dieses Makrophänomen durch Mikrophänomene der Wohnstandortwahl im Rahmen der Sozialstruktur erklärt werden kann.
1 Segregationsheorien: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Segregation und erläutert klassische Erklärungsmodelle wie den sozioökonomischen Status und den Lebensstilansatz, ergänzt durch die Theorie der Wohnstandortwahl nach Friedrichs.
2 Ansätze zur Sozialstrukturanalyse mit Lebensstilen: Hier werden unterschiedliche theoretische Perspektiven auf Lebensstile diskutiert, insbesondere das deterministische Konzept von Bourdieu und der voluntaristische Constrained-Choice-Ansatz von Lüdtke.
3 Verbindung von Mikro- und Makroebene: Dieses Kapitel synthetisiert die vorangegangenen Ansätze und stellt die Überlegungen von Dangschat vor, um ein umfassendes Segregationsmodell zu konstruieren, das Struktur und Lebensstil verbindet.
Fazit: Das Fazit fasst die theoretische Möglichkeit einer Integration von Sozialstruktur und Lebensstil zur Erklärung der Segregation zusammen und weist auf die Notwendigkeit weiterer empirischer Belege hin.
Schlüsselwörter
Residentielle Segregation, Sozialstruktur, Wohnstandortwahl, Makroebene, Mikroebene, Lebensstilansatz, Bourdieu, Constrained-Choice-Ansatz, Habitus, Soziale Ungleichheit, Soziologie, Stadtentwicklung, Kontexteffekt, Praxis, Kapitalformen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Erklärungen für die ungleiche räumliche Verteilung von Bevölkerungsgruppen in Städten, bekannt als residentielle Segregation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Verknüpfung von Makro-Strukturen (soziale Ungleichheit) mit Mikro-Entscheidungen (Wohnstandortwahl) sowie die Rolle von Lebensstilen in diesem Prozess.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein schlüssiges Konzept zu erarbeiten, das residentielle Segregation aus dem Zusammenspiel von sozialer Struktur und individuell begründeten Lebensstilen erklärt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die bestehende soziologische Theorien und Segregationsmodelle zusammenführt, vergleicht und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Segregationstheorien dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse lebensstiltheoretischer Ansätze (Bourdieu, Lüdtke) und deren Übertragung auf den Segregationskontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Segregation, Sozialstruktur, Wohnstandortwahl, Lebensstile, Habitus und die Verbindung von Mikro- und Makroebene.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Bourdieu von dem von Lüdtke?
Bourdieu vertritt eine eher deterministische Sichtweise, in der der Habitus die Lebensstile vorgibt, während Lüdtke mit dem Constrained-Choice-Ansatz die freie Entscheidung des Individuums innerhalb struktureller Grenzen betont.
Welchen Beitrag leistet Jens S. Dangschat zur Theoriebildung?
Dangschat versucht, die Schwächen des Modells von Bourdieu auszugleichen, indem er den Kapital-Strukturbegriff um weitere Dimensionen wie Ethnie, Haushaltsform und Geschlecht erweitert, um die Entstehung sozialer Lagen besser zu erfassen.
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- Christoph Sprich (Author), 2006, Sozialstruktur und Segregation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74834