Der Autor beschäftigt sich in seiner Arbeit mit den nationalsozialistischen Presseanweisungen des Propagandaministeriums. Nach einem allgemeinen Teil (Einordnung in das System nationalsozialistischer Presselenkung, Vorstellung der Untersuchungsobjekte) wird in einer ersten Untersuchung zunächst der Inhalt der Presseanweisungen nach „Thema der Anweisung“, Ausgabeanlass und nach „Vorgabearten“ aufgeschlüsselt. Es wird von der bisherigen Praxis abgewichen, pro Anweisung nur eine Vorgabe zu codieren (z. B. nur Verbot oder nur Sprachregelung). Da eine Presseanweisung in der Regel mehrere Vorgaben enthält, vermittelt die Analyse ein schärferes Bild als vergangene Untersuchungen.
In einer zweiten Untersuchung wird anhand von drei Göttinger Zeitungen, die sich in ihrer politischen Tendenz unterscheiden (liberal, deutschnational, nationalsozialistisch), die Umsetzung der Anweisungen in den Jahren 1933 bis 1935 untersucht. Die als Input-Output-Analyse ausgestaltete Untersuchung beschränkt sich dabei nicht auf das simple ob der Umsetzung (Ja/ Nein). Darüber hinaus wird zwischen der Art der Abweichung (Abweichendes Erscheinungsdatum, Verbot nicht eingehalten, …) und der Artikelaufmachung (Seite, Umfang, Foto) unterschieden. Weiterhin wird untersucht, ob für den Rezipienten ersichtlich war, dass es sich um gesteuerte Berichterstattung handelte. Um dem qualitativen Anspruch zu genügen, wird der Betrachtung und Diskussion von Auffälligkeiten genügend Platz eingeräumt.
Die Aufstellung der beiden standardisierten Messinstrumente wurde sorgfältig dokumentiert. Die Codierregeln im Codebuch festgehalten. Somit stellt die vorliegende Arbeit zwei geprüfte Messinstrumente zur Verfügung, die sich für über das Jahr 1935 hinausgehende Untersuchungen der Presseanweisungen bzw. der Umsetzung von Presseanweisungen durch Zeitungen eignen.
Gliederung
1. Einleitung
1.1 Themeneinführung
1.2 Kapitelübersicht
2. Forschungsstand
3. Die Presse im Nationalsozialismus
3.1 Das System der Presselenkung
3.2 Inhaltliche Presselenkung
3.2.1 Die Reichspressekonferenz und die Presseanweisungen
3.2.2 Zur Überlieferung der Presseanweisungen
3.3 Exkurs: Möglichkeiten publizistischen Widerstands
4. Die soziale, wirtschaftliche und politische Situation in Göttingen vor und nach der Machtergreifung
4.1 Die Folgen der Weltwirtschaftskrise
4.2 Ablehnung der Demokratie
4.3 Frühe Wahlerfolge der NSDAP in Göttingen
4.4 Straßenschlachten und antisemitische Anschläge
4.5 Der 21. Juli 1932
4.6 Die Machtergreifung in Göttingen
4.7 Zwischenfazit
5. Der Göttinger Zeitungsmarkt in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus
5.1 Die Göttinger Zeitung
5.2 Das Göttinger Tageblatt
5.3 Die Göttinger Nachrichten
6. Methodischer Teil
6.1 Inhalt nationalsozialistischer Presseanweisungen
6.1.1 Inhaltsanalyse
6.1.2 Methodisches Vorgehen
6.2 Die Umsetzung der nationalsozialistischen Presseanweisungen am Beispiel von drei Göttinger Zeitungen
6.2.1 Input-Output-Analyse
6.2.2 Methodisches Vorgehen
7. Analyseergebnisse
7.1 Zum Inhalt der Presseanweisungen
7.1.1 Politikthemen dominieren
7.1.2 Verbote in der Mehrzahl
7.1.3 Zwischenfazit
7.2 Zur Umsetzung der Presseanweisungen durch die Göttinger Zeitungen
7.2.1 23,3 Prozent Abweichungen bei der Göttinger Zeitung
7.2.2 Graduelle Unterschiede in der Aufmachung
7.2.3 Eine Abweichung bedeutet nicht automatisch Widerstand
7.2.4 Distanzierung durch Quellenangabe?
7.2.5 Ab 1934 Gleichschaltung der Göttinger Presse
7.3 Fazit
8. Ausblick und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirksamkeit nationalsozialistischer Presselenkung mittels geheimer Presseanweisungen am Beispiel von drei Göttinger Lokalzeitungen im Zeitraum von 1933 bis 1935, um festzustellen, inwieweit politische Vorgaben des Propagandaministeriums in die Berichterstattung einflossen und inwiefern abweichendes Verhalten als Widerstand gedeutet werden kann.
- Analyse des Systems nationalsozialistischer Presselenkung
- Untersuchung von Göttinger Lokalzeitungen (Zeitung, Tageblatt, Nachrichten)
- Standardisierte Inhaltsanalyse der Presseanweisungen
- Input-Output-Vergleich zwischen Anweisungen und tatsächlicher Berichterstattung
- Diskussion über Formen publizistischen Widerstands und Gleichschaltung
Auszug aus dem Buch
3.3 Exkurs: Möglichkeiten publizistischen Widerstands
Darüber ob, wie und mit welchem Erfolg Journalisten im Dritten Reich Widerstand gegen das Regime ausgeübt haben, existieren in der Literatur unterschiedliche Ansichten (vgl. Sösemann 1985). Fakt ist jedoch, dass das scheinbar so ausgeklügelte System der Presselenkung keineswegs lückenlos durchorganisiert war und den Journalisten vor allem in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft gewisse Spielräume beim Schreiben offen ließ (vgl. Frei/ Schmitz 1999: S. 29; Sösemann 1985: S. 197f.). Andererseits besteht Einigkeit darüber, dass es schon bald nach der Machtergreifung nicht mehr möglich war, offen Kritik am Regime zu äußern (vgl. z. B. Frei/Schmitz 1999: S. 128f.). Stattdessen gewannen Techniken an Bedeutung, die sich unter der Bezeichnung „Schreiben zwischen den Zeilen“ (ebd.: S. 128) zusammenfassen lassen. Als wichtige Beispiele publizistischen Widerstands gelten insbesondere die liberalen Großstadtzeitungen wie die Frankfurter Zeitung oder das Berliner Tageblatt aber auch Zeitschriften wie die Deutsche Rundschau (vgl. ebd. S. 121ff.).
Zu den Techniken des verdeckten Schreibens zählen:
- Das frühzeitige Aufgreifen eines Themas, noch bevor Presseanweisungen dazu ausgegeben wurden (vgl. Frei/ Schmitz 1999: S. 50).
- Die sprachliche und stilistische Distanzierung, durch Vermeiden des nationalsozialistischen Jargons (lingua tertii imperii), die Verwendung des Konjunktivs, die Kenntlichmachung der fremden Herkunft z. B. durch die Form des Zitats. (Vgl. ebd.: S. 51; Sösemann 1985: S. 204)
- Die Erzeugung von Ironie und Satire, durch übertriebene Befolgung der Anweisungen, geschickte Zusammenstellung und Platzierung verschiedener Meldungen oder dem Gegenüberstellen von Zitaten aus Mein Kampf und denen widersprechenden aktuellen Meldungen. (Vgl. Hagemann 1970:S. 302).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der nationalsozialistischen Presselenkung und Darstellung des methodischen Vorgehens sowie der Zielsetzung.
2. Forschungsstand: Überblick über existierende Studien und Literatur zur Presselenkung im Dritten Reich sowie Identifikation von Forschungslücken.
3. Die Presse im Nationalsozialismus: Erläuterung der rechtlichen, wirtschaftlichen und inhaltlichen Lenkungsmechanismen, inklusive des Systems der Presseanweisungen.
4. Die soziale, wirtschaftliche und politische Situation in Göttingen vor und nach der Machtergreifung: Analyse der lokalen Bedingungen in Göttingen und deren Vergleich mit anderen Regionen.
5. Der Göttinger Zeitungsmarkt in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus: Vorstellung der untersuchten Lokalzeitungen und ihres publizistischen Hintergrunds.
6. Methodischer Teil: Detaillierte Beschreibung der Inhaltsanalyse als Methode, der Instrumentenentwicklung und der Input-Output-Analyse zur Untersuchung der Zeitungsberichte.
7. Analyseergebnisse: Präsentation der Ergebnisse zur inhaltlichen Steuerung durch Presseanweisungen und deren konkrete Umsetzung in den drei Göttinger Zeitungen.
8. Ausblick und Schluss: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und Reflexion über die Wirksamkeit der Presselenkung.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Presselenkung, Presseanweisungen, Göttingen, Inhaltsanalyse, Gleichschaltung, Lokalzeitung, Propaganda, Medienkontrolle, Publizistischer Widerstand, Göttinger Zeitung, Göttinger Tageblatt, Göttinger Nachrichten, Input-Output-Analyse, Journalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die nationalsozialistische Regierung versuchte, Lokalzeitungen inhaltlich zu steuern, und wie diese Zeitungen in Göttingen diese Vorgaben umgesetzt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Methoden der Presselenkung durch das Propagandaministerium, die Umsetzung von Geheimanweisungen durch lokale Zeitungsredaktionen und die Frage nach publizistischem Widerstand.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Untersuchung der Effektivität der inhaltlichen Steuerung von Lokalzeitungen durch Presseanweisungen und die Identifikation von Abweichungen in der Berichterstattung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine standardisierte quantitative und qualitative Inhaltsanalyse sowie eine Input-Output-Analyse, um Presseanweisungen und Zeitungsartikel systematisch miteinander zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den theoretischen Grundlagen der Presselenkung, der historischen Situation in Göttingen, der Analyse des Inhalts der Presseanweisungen sowie der konkreten empirischen Auswertung der Umsetzung in den drei Göttinger Zeitungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nationalsozialismus, Presseanweisungen, Gleichschaltung, Göttinger Lokalzeitungen und Inhaltsanalyse.
Warum wurde Göttingen als Untersuchungsort gewählt?
Göttingen bot mit drei Zeitungen unterschiedlicher politischer Tendenzen ein ideales Forschungsfeld, zudem war die Quellenlage durch Mikrofilme in hiesigen Archiven hervorragend.
Wie effektiv war die Presselenkung laut der Untersuchung?
Die Untersuchung zeigt, dass die Presselenkung ab 1934 ein sehr effektives Instrument war, wobei insbesondere nach dem Jahr 1933 fast keine Abweichungen von den staatlichen Vorgaben mehr feststellbar waren.
- Quote paper
- Dipl.-Sozialwirt Nils Oschinski (Author), 2007, Inhalt und Umsetzung früher nationalsozialistischer Presseanweisungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74945