Die Theorie des Spracherwerbs gemäß Jean Piaget ist eng verbunden mit seiner Theorie der kognitiven Entwicklung des Kindes. So ist sowohl der Spracherwerb, als auch die Entwicklung der Intelligenz das Ergebnis eines aktiven Konstruktionsprozesses, der zwischen zwei entgegengesetzten Polen, der Assimilation und der Akkommodation, der Anpassung an die Umwelt, pendelt, bis ein relativ stabiles Gleichgewicht (Äquilibration) erreicht wird. Erst durch die aktive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und dem daraus entstehenden Konflikt ist das Kind im Stande seine kognitiven Fähigkeiten voll zu entwickeln.
Soll der Spracherwerb untersucht werden, so ist besonderer Augenmerk auf die Entwicklung der Intelligenz zu legen, die Piaget in vier Stufen unterteilt und in deren Verlauf die ersten wichtigen Fähigkeiten, die zum Spracherwerb benötigt werden, zu finden sind.
Die erste und für diese Arbeit wichtigste Stufe, die der sensomotorischen Intelligenz, nimmt die ersten zwei Lebensjahre des Kindes in Anspruch. Piaget unterteilt diesen Abschnitt in sechs Unterstufen, auf deren genauen Inhalt hier nicht weiter eingegangen werden soll. Viel wichtiger gestalten sich die Ergebnisse dieses Lernprozesses.
Die Schemata der Objektpermanenz, Kausalität sowie das Schema von Raum und Zeit bilden eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der Intelligenz und somit auch für den Spracherwerb.
Die darauffolgenden Stufen der Intelligenzbildung zeichnen sich besonders durch das immer systematischer werdende Denken des Kindes aus, sowie die immer stärker werdende Operationalisierung der Gedanken und Handlungen. Kann in der zweiten, der voroperationalen Stufe (2-7 Jahre) noch kaum von einem systematischen Denken gesprochen werden, da es weder zu der Erstellung bestimmter Klassen kommt, noch die Perspektive anderer Personen eingenommen werden kann, so wird das Denken in der folgenden, der konkret-operativen Stufe (7-12 Jahre) deutlich systematischer bzw. operativer, was sich besonders gut beobachten lässt, wenn man Kindern konkrete Aufgaben stellt. In der letzten, der formal-operationalen Stufe ist das Kind nun fähig unabhängig von den ihm gestellten Aufgaben, über Sachverhalte nachzudenken, alle Optionen einer Situation einzubeziehen und letztlich eine der Situation entsprechende Lösung zu finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Kurze Zusammenfassung der kognitiven Entwicklung, sowie der Intelligenzbildung gemäß Piaget
2. Sprachentwicklung
2.1. Entstehen der Repräsentationsfunktion
2.1.1. Nachahmung
2.1.2.Spiel
2.2.Begriffs-und Bedeutungsentwicklung
2.3.Kommunikationsentwicklung
3. Vergleich zu nativistischen Modellen des Spracherwerbs
4. Kritik an Piagets Theorie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Spracherwerb aus der kognitiven Perspektive Jean Piagets und setzt diese in den Kontext seiner allgemeinen Entwicklungstheorie. Die zentrale Forschungsfrage ist, inwieweit die kognitiven Fähigkeiten des Kindes die notwendige Voraussetzung für den Erwerb von Sprache und Kommunikation bilden.
- Kognitive Entwicklung und Intelligenzbildung nach Piaget
- Mechanismen der Repräsentationsfunktion (Nachahmung und Spiel)
- Entwicklung von Begriffen und Kommunikation
- Kontrastierung mit der nativistischen Spracherwerbstheorie (Chomsky)
- Kritische Würdigung der piagetschen Stufenmodelle
Auszug aus dem Buch
2.1. Entstehen der Repräsentationsfunktion
Unter der Repräsentationsfunktion versteht Piaget die Fähigkeit etwas durch etwas anderes darzustellen. Diese Fähigkeit bildet sich im Zuge der sensomotorischen Intelligenz heraus. Wichtig hierbei sind die oben erwähnten Schemata der Objektpermanenz, also der Fähigkeit Objekte unabhängig von ihrem Erscheinen zu repräsentieren, der Kausalität, sowie von Raum und Zeit.
Eine besondere Form der Repräsentationsfunktion stellt Sprache dar, doch lassen sich auch Zeichen der Repräsentation im Spiel und in der Nachahmung finden. Was die Sprache jedoch so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sie dem Kind eine besonders einfache Art zur Verfügung stellt mit seiner Umwelt zu kommunizieren, bzw. sich mitzuteilen, „[ ] indem sie einen Kontakt mit anderen sicherstellt, der viel stärker ist als die bloße Nachahmung und so der sich entwickelnden Vorstellung ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu steigern, indem sie sich auf die Kommunikation stützt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kurze Zusammenfassung der kognitiven Entwicklung, sowie der Intelligenzbildung gemäß Piaget: Das Kapitel erläutert die Grundlagen von Piagets Theorie, insbesondere den aktiven Konstruktionsprozess durch Assimilation und Akkommodation sowie die vier Stufen der Intelligenzentwicklung.
2. Sprachentwicklung: Hier wird dargelegt, wie die Repräsentationsfunktion durch Nachahmung und Spiel entsteht und wie sich daraus allmählich die Begriffs- und Kommunikationsfähigkeiten des Kindes entwickeln.
3. Vergleich zu nativistischen Modellen des Spracherwerbs: Das Kapitel stellt Piagets Theorie dem nativistischen Ansatz von Noam Chomsky gegenüber, wobei insbesondere die Rolle von angeborenem Wissen gegen die aktive Interaktion mit der Umwelt abgewogen wird.
4. Kritik an Piagets Theorie: Dieser Abschnitt thematisiert wissenschaftliche Befunde, die Piagets Annahmen widersprechen, insbesondere bezüglich der starren Stufenmodelle und der Rolle der Kognition als alleinige Voraussetzung für den Spracherwerb.
Schlüsselwörter
Jean Piaget, Spracherwerb, Kognitive Entwicklung, Repräsentationsfunktion, Assimilation, Akkommodation, Sensomotorik, Objektpermanenz, Nachahmung, Spiel, Kommunikation, Nativismus, Noam Chomsky, Universal Grammar, Dezentrierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Prozess des Spracherwerbs aus der kognitionstheoretischen Sicht von Jean Piaget und untersucht, wie kognitive Strukturen die Sprachentwicklung ermöglichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Entstehung der Repräsentationsfunktion, die kindliche Nachahmung, das symbolische Spiel, die Begriffs- und Kommunikationsentwicklung sowie die Abgrenzung zur nativistischen Sprachtheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Sprachentwicklung bei Piaget untrennbar mit der allgemeinen kognitiven Entwicklung und dem aktiven Konstruktionsprozess des Kindes verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit Piagets primären Schriften zur Entwicklung des Kindes sowie dem Vergleich mit alternativen psycholinguistischen Modellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Stufen der sensomotorischen Intelligenz als Grundlage für Repräsentation, die Entwicklung von Begriffen und die Stadien der Kommunikationsentwicklung vom Monolog hin zur sozialisierten Sprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kognitive Entwicklung, Repräsentationsfunktion, Assimilation, Akkommodation und die kritische Auseinandersetzung mit Chomskys Nativismus geprägt.
Warum unterscheidet Piaget zwischen verschiedenen Stadien der Nachahmung?
Piaget unterteilt die Nachahmung, um aufzuzeigen, wie sich das Kind von rein reflexhaften, stimmlichen Äußerungen schrittweise zu einer systematischen inneren Repräsentation und symbolischen Tätigkeit entwickelt.
Welche Rolle spielt die Kritik am Stufenmodell für Piagets Gesamttheorie?
Die Kritik verdeutlicht, dass die Entwicklung bei Kindern oft individueller abläuft als in den starren Stadien vorgesehen und dass kognitive Entwicklung nicht der einzige Erklärungsfaktor für Spracherwerb ist.
- Quote paper
- Mirja D. Dauphin (Author), 2006, Zu: Jean Piaget - A Cognitive Approach to Language Acquisition, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74991