Die Darstellung und Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland

Am Beispiel der Walser-Bubis-Debatte sowie den autobiographischen Werken "Ein springender Brunnen" von Martin Walser und "weiter leben" von Ruth Klüger


Hausarbeit, 2006
61 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

A Einleitung

B Die Darstellung des Holocaust
I. Die Walser-Bubis-Debatte
1. Die Rede Martin Walsers
2. Die Reaktion Ignatz Bubis
3. Klaus von Dohnanyi und Ignatz Bubis
4. Walsers Antwort an seine Kritiker und die abschließende Aussprache
5. Interpretation und Fazit der Debatte
II. Der Holocaust in der deutschen Autobiographie am Beispiel von Martin Walser und Ruth Klüger
1. Martin Walser und „Ein springender Brunnen“
1.1 Der Roman
1.2 „Ein springender Brunnen“
1.3 Gewissensfreiheit
1.4 Fazit
2. Ruth Klüger und „weiter leben“
2.1 Die ästhetische Diskussion zur Darstellung des Holocaust
2.2 Ruth Klüger und ein „neuer Kanon“ der Holocaust-Literatur?
2.3 „weiter leben“
2.4 Erinnerung in „weiter leben“
2.5 Fazit
3. „Christoph“ und „Ruth“ – „deutsche“ und „jüdische Identität“ und die unüberwindbare Kluft zwischen „Deutschen“ und „deutschen Juden“

C Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis
Quellen
Darstellungen

Anhang: Die Unfähigkeit zu trauern – Ein Gespräch mit Frau Margarethe Mitscherlich, Mitautorin von „Die Unfähigkeit zu Trauern“.

A Einleitung

Am 10. Mai 2005 wurde das offizielle Holocaust-Mahnmal in Berlin eingeweiht. Die Diskussion um ein zentrales Mahnmal zum Gedenken an die ermordeten Juden Europas während des Nationalsozialismus begann jedoch bereits im Jahre 1989. Selbst 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ist die Darstellung und Aufarbeitung des Holocaust Thema einer der heftigsten Kontroversen in der deutschen Öffentlichkeit.

Bereits kurz nach der Befreiung der Konzentrationslager[1] durch die Alliierten im Jahre 1945 kam es in Deutschland zu heftigen Auseinandersetzungen über die Darstellung und Aufarbeitung des Holocaust. Paul Rassinier, selbst KZ-Häftling, kann als Hauptvertreter des zu dieser Zeit aufkommenden „Revisionismus des Holocaust“ angesehen werden. Er verharmlost in seinem Hauptwerk „Was ist die Wahrheit? Juden und das dritte Reich“ die Zustände in den KZs und versucht, den Holocaust als solchen zu revidieren. Rassinier belegt dies damit, dass es schon allein technisch unmöglich sei, eine so große Menge Zyklon B[2] über einen längeren Zeitraum einzusetzen und spricht sich, auf diese Argumentation gestützt, gegen die tatsächliche Vergasung von Juden aus. Auch andere „Wissenschaftler“, wie z.B. der US-Amerikaner Reinhard K. Buchner, versuchen zu dieser Zeit mit Datenmaterial zu belegen, dass eine derartige Massenvernichtung rein technisch nicht durchführbar sei.[3] Der Revisionismus gipfelt schließlich in der sogenannten „Auschwitzlüge“. Vertreter dieser Theorie gehen soweit, Auschwitz und somit den Holocaust schlichtweg abzustreiten. So behauptete Ties Christophersen, selbst ehemaliger „SS-Mann“ in Auschwitz, im Jahre 1972, Gaskammern habe es nie gegeben.[4] Zudem ist David J. C. Irving als Hauptvertreter der Holocaustleugnung zu nennen.[5]

In Folge der zahlreichen Versuche, den Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten abzustreiten und zu revidieren, wurde in Deutschland ein Gesetz erlassen, das ein Leugnen oder Billigen von nationalsozialistischen Straftaten strafbar macht.[6] Dieses Gesetz führte allerdings zu neuen Kontroversen, wie der von 1986 bis 1988 stattfindende Historikerstreit sehr deutlich zeigt.[7] Es beginnt eine Diskussion von deutschen Intellektuellen, vorrangig Historikern, die sich mit der Aufarbeitung des Holocaust beschäftigen. Als bedeutendste Kontrahenten sind hier der „Neo-Revisionist“[8] und Historiker Ernst Nolte auf der einen sowie der Philosoph Jürgen Habermas auf der anderen Seite zu nennen. Nolte, der versucht, den Holocaust mit Hilfe von Vergleichen und Assoziationen mit dem Stalinismus zu relativieren,[9] erntet scharfe Kritik von Seiten Habermas, der die „historische Einzigartigkeit“ des Holocausts betont und vor der Gefahr eines Werteverlustes der Deutschen durch eine Revisionierung des Holocaust warnt.[10] Christian Meier, damaliger Vorsitzender der Historikergesellschaft, plädiert für die Wichtigkeit der im Rahmen des Historikerstreits aufgekommenen Debatte und verlangt infolgedessen, die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands als Stück deutscher Geschichte anzuerkennen. Demnach sollen sich die Deutschen durch die Verwendung des Kollektivpronomens „wir“ zu einer, wenn auch negativ belasteten deutschen Identität bekennen,[11] so schreibt Meier: „Wir gehören zum Volk der Täter. Wir sind insoweit Deutsche [...], wie wir uns zu dieser Bindung bekennen“.[12]

Ein anderes Beispiel für die Aktualität der Holocaust-Debatte ist das Phänomen der Americanization of the Holocaust, das auf zahlreiche öffentliche Kritik stieß. In popularisierenden US-amerikanischen Filmen über den Holocaust, wie z.B. in Schindler’s List aus dem Jahre 1993, werde, anstatt das Leiden der Opfer hervorzuheben und über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuklären, stets nur der „Retter“ dargestellt und dessen Ehre betont, so die Kritiker.[13] Auch im Holocaust Memorial Museum, in dem sich die weltgrößte Sammlung von Andenken an die NS-Zeit befindet, werde stets die „Retterrolle“ der amerikanischen Alliierten betont.[14] Kritiker, wie Caroline Schaumann klagen an, man gewinne hier den Eindruck, es gehe den Initiatoren nicht um Aufklärung, sondern viel mehr um Selbstdarstellung und Selbstverherrlichung.[15]

Die hier vorliegende Arbeit muss als Produkt dieser Debatte um die Repräsentation des Holocaust im deutschen Gedächtnis gesehen werden und zeigt exemplarisch an der Darstellung der Walser-Bubis-Debatte sowie den Autobiographien Martin Walsers „Ein springender Brunnen“ und Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend.“, wie unterschiedlich der Umgang mit der deutschen Vergangenheit aussehen kann. Es soll gezeigt werden, wie weit die Erinnerungen der „Täter“ und die der „Opfer“ auseinander klaffen und wie schwer auch heute noch eine gemeinsame Erinnerung und Aufarbeitung der nachfolgenden Generationen zu sein scheint. Im Anhang dieser Arbeit befindet sich eine aufgezeichnete Stellungnahme zu der behandelten Thematik von Margarethe Mitscherlich, Mitautorin des psychoanalytischen Werkes „Die Unfähigkeit zu trauern“ aus dem Jahre 1967.

B Die Darstellung des Holocaust

I. Die Walser-Bubis-Debatte

1. Die Rede Martin Walsers

1998 erhielt Martin Walser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998 muss als Ausgangspunkt für eine ausführliche und kontroverse Debatte um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland gesehen werden.

Walsers Rede weist eine „eigene Form der Darstellung von Auschwitz“[16] auf, Walsers zentrale These ist das eigene, private Gewissen, das durch eine „durchgängige Zurückgezogenheit in sich selbst“ und damit mit einer Undarstellbarkeit verbunden ist, es sei somit „nicht repräsentierbar“.[17] Walser sieht das Erinnern an die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands als etwas, das auf den persönlichen Raum eines jeden Menschen beschränkt sein solle und keinen Platz in der Öffentlichkeit habe.[18] Ein öffentliches Erinnern, wie die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, bezeichnet er als „Monumentalisierung der Schande“ und „fußballfeldgroßen Alptraum“.[19] Walser sieht sich durch die Dauerpräsentation der NS-Vergangenheit seinem persönlichen Recht auf ein eigenes Gewissen beraubt, er fühlt sich unter „Rechtfertigungsdruck“, will er über „das Schöne“[20] sprechen, „Ein Sonntagsrednerpult, Paulskirche, öffentlichste Öffentlichkeit, Medienpräsenz, und dann etwas Schönes! Nein, [...] das durfte nicht sein“.[21]

Damit spricht Walser eine Grundproblematik der Holocaust-Debatte an, nämlich die Frage, ob Deutschlands Intellektuelle Auschwitz verpflichtet seien.

Walser verneint dies sehr deutlich und plädiert für die Freiheit, die für ihn grundlegend mit dem Schriftstellerdasein verbunden sein muss, „Nichts macht so frei wie die Sprache und Literatur“.[22]

In einem Deutschland, in dem es keinen Tag gebe, an dem „unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande“ nicht durch die Medien präsentiert werde, sieht Walser keine Möglichkeit, die „Seite der Täter zu verlassen“.[23] Er selbst sieht sich jedoch nicht als Täter, vielmehr beschreibt er sich und „alle Deutschen“[24] als ein „zu unrecht beschuldigtes Opfer-Kollektiv“.[25] Die Allgegenwärtigkeit der NS-Zeit in den Medien beklagt Walser als „Instrumentalisierung“ von Auschwitz „zu gegenwärtigen Zwecken“.[26] Er sieht sich und „die Deutschen“ als Opfer der Medien, die ihm Tag für Tag versuchen einzubläuen, auf welche Art er sich zu erinnern habe.[27] Infolgedessen kommt es zu einem Wegschauen, ohne das diese „Dauerpräsentation unserer Schande“ für ihn nicht zu ertragen sei, „Ich habe lernen müssen, wegzuschauen. [...] Auch im Wegdenken bin ich geübt. Ich käme ohne Wegschauen nicht durch den Tag und schon gar nicht durch die Nacht. [...] In einer Welt, in der alles gesühnt werden müsste, könnte ich nicht leben“.[28]

Schließlich spricht Walser sich für „Gewissensfreiheit“ aus.[29] Niemandem dürfe eine ständige Thematisierung des Holocaust vorgeschrieben werden. Walser wünscht sich vielmehr eine „normale“ Nation. Denn nach Walser ist ohnehin jeder „mit seinem Gewissen allein“, er spricht von einer „inneren Einsamkeit“.[30]

Die gesamte Dankesrede ist von einem „Verteidigungsgestus“ durchzogen, immer wieder drängt sich das Gefühl auf, Walser sei von einem unbestimmten „Gegner“ Zwang angetan worden, von dem er sich befreien müsse.[31]

Als diese nur „ungenau genannten Gegner“ sind neben den Medien, diejenigen der deutschen Intellektuellen zu sehen, die von einem Literaturverständnis ausgehen, das sich „über die explizite Politisierung seines Inhalts“ legitimiert.[32] Walser wehrt sich gegen solch einen „moralisch-autoritären Kurs“, der seine Freiheit als Schriftsteller erheblich einschränke.[33]

Am Ende seiner Rede wird Walsers Vokabular fast militärisch, er spricht von einer „Moralpistole“ der „Meinungssoldaten“, durch die ihm ein öffentliches Gewissen aufgedrängt werde.[34] Im Gegensatz dazu steht Walsers versuchte Rückbindung der „Freiheit des Gewissens“ und des „Begriffs des Schönen“ an die romantische Vorstellung Friedrich Schlegels einer „Poetisierung der Welt“. Diesen Idealen des deutschen Idealismus sieht Walser durch die ihm auferlegten Zwänge entgegengewirkt.[35] Das eigene Gewissen ist für ihn schlichtweg nicht darstellbar, und infolgedessen spricht er sich gegen eine kollektive Erinnerung und ein kollektives Gewissen aus.[36]

2. Die Reaktion Ignatz Bubis

„Geistige Brandstiftung“ nannte Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, Walsers Rede, als er sich am 9. November 1998 in der Synagoge Rykerstraße in Berlin empört über die Dankesrede des Friedenspreisträgers äußerte.[37] In seiner Rede zum Gedenken an die „Reichspogromnacht“ vom 9. November 1938 nimmt er Walsers Rede zum Anlass, die deutsche Gedächtniskultur zu resümieren und zu hinterfragen. Er sieht in Walsers Formulierung der „Schande“, anstatt den nach Bubis Ansicht angemesseneren Ausdruck der „Verbrechen“, eine Verschiebung und Verdrängung der Realität, welche „die Täter“ entlaste, denn eine Schande passiere, ein Verbrechen werde begangen.[38]

Walser spreche sich, so Bubis, für eine „Kultur des Wegschauens und des Wegdenkens aus, die im Nationalsozialismus mehr als üblich war und die wir uns heute nicht wieder angewöhnen dürfen“.[39] Die von Walser angeklagte „Instrumentalisierung von Auschwitz zu gegenwärtigen Zwecken“ ist für Bubis ein Argument, das er rechtsextremen Parteien zuordne.[40] Er sehe in Walsers Argumentation die Gefahr, dass Rechtsextreme diese in Zukunft als Legitimation ihrer rechten Programme nutzen könnten.[41] Gegen Walsers Bezeichnung der „Moralkeule Auschwitz“ wendet Bubis ein, „Man kann, soll und muß aus „Auschwitz“ Moral lernen“.[42] Bezüglich Walsers Annahme einer „Monumentalisierung der Schande“ durch ein zentrales Holocaust-Denkmal in Berlin entgegnet Bubis, der Holocaust sei monumental gewesen und werde nicht erst durch ein solches Mahnmal monumentalisiert.[43]

Als besonders problematisch sieht Bubis den Wunsch Walsers nach „Normalität“, einem „normalen, deutschen Volk“. Diese „Normalität“ setzt Bubis in Verbindung mit einem Verdrängen der Erinnerung an den Holocaust und der Gefahr des Auflebens eines neuen Antisemitismus und Rassismus.[44] In dieser Angelegenheit stimme ihm Thomas Assheuer in seinem Artikel in der ZEIT [45] zu, so Bubis. Nach Assheuer fordere Walser lediglich Gerechtigkeit für die „Deutschen“, für „die Nation, von deren Normalität er besessen ist“.[46] Normalität könne es nur durch „einen gelassenen, analytischen und nichtinstrumentellen Umgang mit der Vergangenheit“ geben, so Assheuer, „Normalität besitzt einen Eigensinn, sie ist etwas Unbefragtes und entzieht sich politischer Zudringlichkeit“.[47]

Bubis zitiert am Ende seiner Rede einen Satz aus dem Talmud,[48] wo es heißt: „ das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung“, und betont somit einmal mehr die Wichtigkeit einer ständigen Erinnerung an die deutsche Vergangenheit.[49]

Er beendet seine Rede schließlich mit den Worten „Wir sind es den Opfern schuldig, ihrer nicht zu vergessen! Wer diese Opfer vergisst, tötet sie noch einmal!“[50] Bubis wehrt sich gegen die von Walser geforderte Trennung von privater und öffentlicher Erinnerung, er spricht sich für eine grundsätzliche Untrennbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart aus.[51]

3. Klaus von Dohnanyi und Ignatz Bubis

Walser entgegnete auf die Rede Bubis, dieser habe ihn schlichtweg nicht verstanden.[52] Der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi verteidigt die Auffassung Walsers in seinem FAZ -Artikel „Eine Friedensrede“ vom 14.11.1998. Nach Klaus von Dohnanyi sei Bubis als „deutscher Jude“ gar nicht in der Lage, Walsers Rede zu verstehen, Walser habe sich an „die Deutschen“ gerichtet.[53] „Die Schande trifft noch heute jeden einzelnen von uns“ schreibt von Dohnanyi, er sieht die Vergangenheit des Holocaust als ein „deutsches Schicksal“ an. Bubis ist seiner Meinung nach ein „Deutscher ohne schuldiges Gewissen“, und sieht darin eine Parallele zu seinem eigenen Schicksal als Sohn des deutschen Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi, der 1945 von den Nazis ermordet wurde.[54] Er bemerkt zwar den Unterschied zwischen dem „frei gewählten Widerstand“ seines Vaters und dem Schicksal Bubis, selbst zu den Opfern eines Völkermordes zu gehören, doch finde er sich selbst oft, wie Bubis, in der Rolle der „guten Ausnahme der Deutschen“ wieder, „ganz unverdient“, wie er schreibt.[55] Die folgenden, auf diese Argumentation beruhenden Sätze von Dohnanyis sorgten für große Aufregung in der deutschen Öffentlichkeit: „Allerdings müßten sich natürlich auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten der anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 „nur“ die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären.

Ein jeder sollte versuchen, diese Frage für sich ehrlich zu beantworten“, schreibt von Dohnanyi.[56] Bubis bezeichnet diese Frage später als „bösartig“.[57]

Wie Walser verteidigt auch von Dohnanyi die Vorstellung des eigenen, privaten Gewissens und empfindet die Dankesrede Walsers als „Verteidigung seines persönlichen Gewissens“, „Ich finde auch, man muss es jedem einzelnen überlassen, wie viel von den Verbrechen zu sehen er ertragen kann und wie oft er sie sehen will“, so von Dohnanyi.[58] Walser ist für von Dohnanyi ein „persönlich unschuldiger Deutscher“, Walsers Rede bezeichnet er als „verständliche, ja notwendige Klage eines gewissenhaften nichtjüdischen Deutschen über das schwierige Schicksal, heute ein solcher Deutscher zu sein“.[59]

Bubis ist erneut empört. In seinem FAZ -Artikel „Ich bleibe dabei“ vom 16.11.1998 wirft er wiederum von Dohnanyi vor, er habe bestimmte Aspekte in Walsers Rede hinein interpretiert, um diese besser darzustellen. Zudem führt er an, dass es durchaus auch andere Hörer bzw. Leser gegeben habe, die Walser missverstanden haben, so die Nationalzeitung, die Auszüge aus Walsers Rede zitierte, um damit ihre rechtsextremen Grundsätze zu unterstützen. Walser habe sich als „Mann des Wortes“ anders ausdrücken können und müssen, falls er es anders gemeint habe.[60]

Von Dohnanyi reagiert mit einer weiteren Verteidigung Walsers und nun auch seiner eigenen Stellungnahme. Bubis habe ihn „falsch wiedergegeben“, so von Dohnanyi.[61] Er appelliert an Bubis „Wir sind nämlich alle verletzbar“, Bubis solle doch etwas behutsamer mit seinen Landsleuten umgehen.[62] Daraufhin wirft Bubis von Dohnanyi und Walser das Streben nach einem „Seelenfrieden“ vor, für den er, als Jude, sorgen solle, indem er ein Verdrängen der „geschichtlichen Last“ billige.

Das könne und wolle er nicht leisten, „Damit kann ich nicht dienen, denn Ihretwegen oder wegen Walser werden wir nicht auf das Gedenken, selbst auf ein ritualisiertes Gedenken nicht verzichten“.[63]

4. Walsers Antwort an seine Kritiker und die abschließende Aussprache

Nachdem die Debatte um Walsers Dankesrede sich intensiviert, schlägt Klaus von Dohnanyi schließlich in der FAZ vom 20.11.1998 eine öffentliche Aussprache der Kontrahenten vor. Bevor es am 14.12.1998 tatsächlich zu einer Aussprache zwischen Ignatz Bubis, Martin Walser, Frank Schirrmacher und Salomon Korn kommt,[64] wendet sich Walser in der FAZ vom 28.11.1998 noch einmal an seine Kritiker. In seinem Artikel Wovon zeugt die Schande, wenn nicht von Verbrechen verteidigt Walser seine These der „Nicht-Repräsentierbarkeit des Gewissens“.[65] Er weist dabei den Vorwurf Bubis und anderer Kritiker zurück, er wolle einen „Schlussstrich“ unter die NS-Vergangenheit Deutschlands ziehen, vielmehr ginge es ihm um das Recht auf ein eigenes, privates Gewissen.[66] Walser beruft sich auf Hegels romantische Vorstellung des Gewissens als „tiefste, innerliche Einsamkeit mit sich“. Zudem hebt Walser die enorme Resonanz heraus, die seine Rede erfahren habe. Seine Rede werde als „befreiend empfunden. Das Gewissen befreiend“.[67]

In der persönlichen Auseinandersetzung am 14.12.1998 ergreift nun Bubis erneut das Wort und betont, ihm ginge es vor allem darum, wer Walser sei und welche Verantwortung er trage. Er spreche in seiner Position als bedeutender Schriftsteller auch zu Leuten, die sonst „solchen Äußerungen“ nicht zuhören würden.[68]

Besonders junge Menschen sehe er in Gefahr, wenn von „Wegschauen“ gesprochen werde, „Aber was mich, wie gesagt, am härtesten traf, dass man jungen Menschen das Gefühl gibt, ihr werdet beschuldigt, ihr werdet instrumentalisiert, wenn ihr hinschaut“.[69] Diesen Zusammenhang zwischen Wegschauen und Beschuldigtsein sieht Walser nicht, er habe lediglich betonen wollen, dass er sich immer auf der Seite der Schuldigen gesehen habe, entgegnet er.[70]

Im weiteren Gesprächsverlauf behauptet Walser entgegen Bubis Vorwürfen, er selbst sei schon auf dem Gebiet der Vergangenheitsbewältigung tätig gewesen, als Bubis „noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt“ gewesen sei.[71] Er bezeichnet sich als eine Art „Urvater“ auf diesem Gebiet. Auf den Einwand Bubis, er habe es früher nicht ertragen, sich damit zu beschäftigen, entgegnet Walser, er habe sich damit beschäftigen müssen, um weiterleben zu können.[72]

Bubis betont zudem die Gefahr, dass Walsers Rede so ausgelegt werden könne, dass Rechtsextreme oder Geschichtsrevisionisten endlich jemanden hätten, auf den sie sich berufen könnten, „Die Befreiung vom eigenen Gewissen. Man erlebt jetzt eine Entlastung, man kann jetzt sagen, man habe jemanden, auf den man sich berufen kann, auf Martin Walser, einen unverdächtigen Mann“.[73]

Auf die Frage Salomon Korns, warum Walser seine Rede nicht im Nachhinein erklärt oder verändert habe, so dass sie nicht mehr fälschlich ausgelegt werden könne, entgegnet Walser schlichtweg: „Ich werde meine Rede nicht verändern, wenn ich sehe, daß sie missbraucht werden kann. Das habe ich noch nie getan“.[74] Zudem besteht Walser darauf, er habe niemals provozieren wollen, sondern habe mit seiner Rede „etwas ausgelöst, ohne es zu wollen“.[75]

Trotz heftiger Diskussion kommt kein wirklicher Dialog zustande. Zwar nähern sich die beiden Kontrahenten aneinander an, so nimmt Bubis beispielsweise seinen Vorwurf, Walser habe „geistige Brandstiftung“ betrieben zurück[76] und Walser betont, dass auch er für eine „öffentliche Erinnerungspflege“[77] sei, doch im Endeffekt muss man sich darauf einigen, dass der von Bubis angestrebte Weg einer „gemeinsamen Erinnerung“ noch nicht gefunden wurde.[78] Walser spricht sich zwar in Bezug darauf ebenfalls für eine „neue Sprache“ aus, die gefunden werden müsse, um dem Thema gemeinsam gerecht zu werden, doch während des gesamten Gesprächs drängt sich das Gefühl auf, dass die Kontrahenten einander missverstehen und an ihren Standpunkten festhalten. So plädiert Walser weiterhin für eine strikte Trennung von „Politischem und Privatem [Gewissen]“[79] und Bubis beklagt, er habe Walser zwar im Laufe des Gesprächs besser verstehen können, doch die öffentliche Wirkung der Dankesrede bleibe erhalten.[80] Man trennt sich, so scheint es, inmitten der Diskussion, mit den Worten Walsers „Jetzt gehen wir hinaus, finde ich, weil wir jetzt noch lebendig sind“.[81]

5. Interpretation und Fazit der Debatte

Allein die wichtigsten Beiträge zur Walser-Bubis-Debatte füllen über 600 Seiten einer Doku­mentation Frank Schirrmachers.[82]

Diese Fülle an Stellungnahmen, die von sehr persönlichen Leserbriefen bis zu Beiträgen wie die von Richard von Weizsäcker und Roman Herzog reichen, zeigt, dass die Bedeutung dieser Debatte im Hinblick auf den „gesellschaft­lichen Diskurs über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands“ als sehr hoch einzuschätzen ist.[83] Die wichtigsten Diskussionspunkte der Debatte sollen hier noch einmal herausgegriffen und bewertet werden.

[...]


[1] Im Folgenden KZs genannt.

[2] Zyklon B wurde zur Vergasung der Juden in den KZs eingesetzt.

[3] Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene. Interpretationen zu weiter leben, S.13.

[4] Vgl. Ebenda, S.13f.

[5] Irving wurde zunächst durch Publikationen zum „Dritten Reich“ bekannt. Später bestritt er den Einsatz von Giftgas beim staatlich organisierten Massenmord an europäischen Juden im KZ Auschwitz-Birkenau. Deutsche und österreichische Behörden haben Einreiseverbote gegen ihn ausgesprochen.

[6] Wer sowohl die Existenz von Gaskammern in Auschwitz als auch die gezielte Massenvernichtung von Juden im Dritten Reich öffentlich bestreitet, begeht nach der Rechtssprechung der Deutschen Strafgerichte Straftaten der Beleidigung (§§ 185, 194 Abs. 1 Satz 2 StGB), der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189 StGB) und der Volksverhetzung (§ 130 StGB).

[7] Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene. Interpretationen zu weiter leben, S.14.

[8] Ebenda, S.15.

[9] Nolte stellte die KZs der Nationalsozialisten als Reaktion auf die Arbeitslager Stalins und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahre 1941 als präventive Abwehrmaßnahme Adolf Hitlers dar. Er bestreitet damit die alleinige deutsche Kriegsschuld und deutet den Holocaust als zufällige Folge des von außen aufgenötigten Krieges um.

[10] Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene. Interpretationen zu weiter leben, S.15.

[11] Vgl. Ebenda.

[12] Meier, Christian. – Zitiert in: Ebenda, S.16.

[13] In dem Fall von Schindler’s List stellt Oskar Schindler diesen „Retter“ dar, der während des Nationalsozialismus über 1000 Juden vor dem sicheren Tod bewahrte. Vgl. dazu Krankenhagen, Stefan. Auschwitz darstellen, S.221f.

[14] Zu erwähnen ist hier zudem, dass sich das Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., in den USA befindet.

[15] Vgl. Schaumann, Caroline. Ruth Klüger, S.331.

[16] Krankenhagen, Stefan. Auschwitz darstellen, S.237.

[17] Walser, Martin. Sonntagsrede, S.14.

[18] Vgl. Jaecker, Tobias. Erinnern oder Vergessen, S.1.

[19] Walser, Martin. Sonntagsrede, S.13.

[20] Martin Walser bedient sich hier dem Vokabular der Ästhetik des Deutschen Idealisten Friedrich Schlegel.

[21] Walser, Martin. Sonntagsrede, S.7-13.

[22] Ebenda, S.16.

[23] Ebenda, S.11.

[24] Walser, Martin. Sonntagsrede, S.11.

[25] Jaecker, Tobias. Erinnern oder Vergessen, S.1.

[26] Walser, Martin. Sonntagsrede, S.12.

[27] Vgl. Ebenda.

[28] Ebenda, S.8-12.

[29] Ebenda, S.14.

[30] Ebenda.

[31] Vgl. Krankenhagen, Stefan. Auschwitz darstellen, S.238.

[32] Vgl. Ebenda.

[33] Vgl. Ebenda, S.237.

[34] Vgl. Walser, Martin. Sonntagsrede, S.15.

[35] Vgl. Krankenhagen, Stefan. Auschwitz darstellen, S.238f.

[36] Vgl. Ebenda, S.242.

[37] Vgl. Bubis, Ignatz. Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, S.111.

[38] Vgl. Ebenda, S.109.

[39] Ebenda, S.111.

[40] Vgl. Ebenda.

[41] Die Erfahrung hat gezeigt, dass er damit Recht behalten sollte.

[42] Bubis, Ignatz. Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, S.112.

[43] Vgl. Ebenda.

[44] Vgl. Ebenda.

[45] Am 12.11.1998 erscheint Thomas Assheuers Artikel „Ein normaler Staat?“ in der ZEIT.

[46] Bubis, Ignatz. Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, S.112.

[47] Assheuer, Tomas. Ein normaler Staat? S.138.

[48] Talmud (hebräisch: Lehre): jüdisches Gesetzes- und Religionswerk.

[49] Vgl. Bubis, Ignatz. Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, S.112.

[50] Ebenda, S.113.

[51] Vgl. Eshel, Amir. Vom eigenen Gewissen, S.340.

[52] Klaus von Dohnanyi schreibt in der FAZ vom 14.11.1998, Martin Walser habe sich zu Ignatz Bubis Rede ärgerlich geäußert: „Der hat offenbar nicht richtig zugehört und kein Wort verstanden; ich kann es ihm ja noch mal privat erklären!“.

[53] Vgl. Von Dohnanyi, Klaus. Eine Friedensrede, S.146.

[54] Vgl. Ebenda, S.146f.

[55] Vgl. Ebenda, S.146-148.

[56] Ebenda, S.148.

[57] Bubis, Ignatz. Ich bleibe dabei, S.158.

[58] Von Dohnanyi, Klaus. Eine Friedensrede, S.149.

[59] Ebenda, S.150.

[60] Vgl. Bubis, Ignatz. Ich bleibe dabei, S.158.

[61] Von Dohnanyi, Klaus. Wir sind alle verletzbar, S.164.

[62] Vgl. Ebenda.

[63] Bubis, Ignatz. Über den Seelenfrieden, S.175.

[64] Frank Schirrmacher ist Mitherausgeber der FAZ und war Walsers Laudator bei der Friedenspreisverleihung 1998. Salomon Korn ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main sowie Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

[65] Krankenhagen, Stefan. Auschwitz darstellen, S.242.

[66] Vgl. Walser, Martin. Wovon zeigt die Schande, wenn nicht von Verbrechen, S.258.

[67] Ebenda, S.259.

[68] Vgl. Bubis, Ignatz. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.438.

[69] Ebenda, S.439-441.

[70] Vgl. Walser, Martin. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.441.

[71] Vgl. Walser, Martin. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.442.

[72] Vgl. Ebenda, S.442f.

[73] Bubis, Ignatz. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.457.

[74] Walser, Martin. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.459.

[75] Ebenda, S.461.

[76] Vgl. Bubis, Ignatz. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.464.

[77] Walser, Martin. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung,S.446.

[78] Vgl. Bubis, Ignatz. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.461.

[79] Walser, Martin. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.454.

[80] Vgl. Bubis, Ignatz. Gespräch: Eine neue Sprache für die Erinnerung, S.462.

[81] Ebenda, S.465.

[82] Schirrmacher, Frank. Die Walser-Bubis-Debatte. Frankfurt am Main 1999.

[83] Vgl. Eshel, Amir. Vom eigenen Gewissen, S.339f.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung und Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland
Untertitel
Am Beispiel der Walser-Bubis-Debatte sowie den autobiographischen Werken "Ein springender Brunnen" von Martin Walser und "weiter leben" von Ruth Klüger
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
61
Katalognummer
V75009
ISBN (eBook)
9783638743273
ISBN (Buch)
9783638770187
Dateigröße
873 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Aufarbeitung, Holocaust, Deutschland
Arbeit zitieren
Lisa-Marie Rohrdantz (Autor), 2006, Die Darstellung und Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75009

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