Einführung
Spracheneinfluss und Sprachentrennung sind in der Bilingualismusforschung der letzten Jahre umstrittene Themen gewesen. Diese Arbeit soll mithilfe verschiedener empirischer Studien von bilingualen Kindern zeigen, dass die zwei Begriffe einander nicht notwendigerweise ausschließen. Es kann gleichzeitig Sprachentrennung und Spracheneinfluss im selben Individuum auftreten, wobei Spracheneinfluss nicht die Sprache als Ganze betrifft, sondern ganz spezifische grammatische Bereiche, nämlich Verbstellung im Hauptsatz, Verbstellung im Nebensatz und Objektauslassung.
Zunächst soll den Begriff des Bilingualismus definiert und verschiedene Arten von Bilingualismus beschrieben werden. Der zweite Abschnitt gibt einen Überblick über die Forschung der letzten Jahre in den Bereichen Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss. Danach sollen die Manifestationen des Spracheneinflusses und die Bedingungen für sein Auftreten erklärt werden. Der vierte Abschnitt bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem Spracheneinfluss in den oben genannten grammatischen Bereichen betrachtet und analysiert werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Was ist Bilingualismus?
2.1. Arten von Bilingualismus
3. Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss
3.1. Fusion
3.2. Sprachentrennung
3.3. Sprachentrennung mit Spracheneinfluss: Sprachdominanz
4. Sprachentrennung mit Spracheneinfluss in bestimmten grammatischen Bereichen.
4.1. Spracheneinfluss
4.1.1. Manifestationen von Spracheneinfluss
4.1.2. Bedingungen für die Existenz von Spracheneinfluss
4.1.3. Komplexität
4.2. Die Studie von Müller et al. (2001): Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienish/Deutsch und Französisch/Deutsch im Vergleich
4.2.1. Sprachdominanz der untersuchten Kinder
4.2.2. Beschleunigung: Verbstellung im Hauptsatz
4.2.3. Transfer: Verbstellung im Nebensatz
4.2.4. Verlangsamung: Objektauslassung
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Spracheneinfluss bei bilingualen Kindern in spezifischen grammatischen Bereichen wie der Verbstellung im Haupt- und Nebensatz sowie der Objektauslassung, um zu zeigen, dass Spracheneinfluss und Sprachentrennung koexistieren können und dabei weitgehend unabhängig von der allgemeinen Sprachdominanz sind.
- Bilingualismus und früher Erstspracherwerb
- Fusion und Sprachentrennung im kindlichen Spracherwerb
- Manifestationen von Spracheneinfluss (Beschleunigung, Transfer, Verlangsamung)
- Fallstudie zu italienisch-deutsch bilingualen Kindern
- Die Rolle der grammatischen Komplexität
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Manifestationen von Spracheneinfluss
Müller et al. (2001, 2006) nennen drei „Manifestationen des Spracheneinflusses“: „Beschleunigung“, „Transfer“ und „Verlangsamung“.
Beschleunigung bedeutet in diesem Kontext, dass sich ein spezifisches Element in einer der Sprachen eines bilingualen Kindes durch Einfluss der anderen Sprache schneller entwickelt als dieses Element sich durchschnittlich bei monolingualen Kindern mit der ersteren Sprache als Muttersprache entwickelt.
Transfer, im Gegensatz, bedeutet, dass eine Sprache eines bilingualen Kindes einen negativen Effekt auf ein Element seiner zweiten Sprache hat. Ein grammatisches Phänomen der einen Sprache wird nicht-zielsprachlich (d.h. inkorrekt für jene Sprache verwendet) in der anderen Sprache inkorporiert.
Die dritte Manifestation, Verlangsamung, handelt sich auch um einen negativen Effekt einer Sprache auf die andere in einem bestimmten grammatischen Bereich. In diesem Fall ist die Entwicklung eines Elementes in einer Sprache durch Einfluss der zweiten Sprache eines bilingualen Kindes verzögert, wenn man sie mit der Entwicklung dieses Elementes im Spracherwerb eines monolingualen Kindes vergleicht.
Für jede Manifestation soll im Abschnitt 4.2. ein bestimmter grammatischen Bereich analysiert werden, wo ein solcher Einfluss vorliegt, und es wird versucht, Begründungen für die Einflüsse zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit stellt die Bilingualismusforschung vor und führt in die Thematik der Interdependenz zwischen Sprachentrennung und Spracheneinfluss ein.
2. Was ist Bilingualismus?: Definition und Abgrenzung von Bilingualismus als doppelter Erstspracherwerb im natürlichen Kontext sowie Beschreibung der Haupttypen von Bilingualismus.
3. Fusion, Sprachentrennung und Spracheneinfluss: Darstellung theoretischer Ansätze über den Spracherwerb, von der Theorie fusionierter Systeme bis hin zur frühen Sprachentrennung und dem Konzept der Sprachdominanz.
4. Sprachentrennung mit Spracheneinfluss in bestimmten grammatischen Bereichen.: Hauptteil der Arbeit, der Spracheneinfluss definiert und mittels der Studie von Müller et al. (2001) in drei spezifischen grammatischen Bereichen analysiert.
5. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse, die zeigen, dass Spracheneinfluss bereichsspezifisch auftritt und durch individuelle Faktoren sowie grammatische Strukturen beeinflusst wird.
Schlüsselwörter
Bilingualismus, Spracheneinfluss, Sprachentrennung, Erstspracherwerb, Sprachdominanz, grammatische Bereiche, Beschleunigung, Transfer, Verlangsamung, Verbstellung, Objektauslassung, Syntax, Mehrsprachigkeit, Longitudinalstudie, Sprachvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Frage, ob und wie bilinguale Kinder ihre Sprachen trennen und ob es zu gegenseitigen Beeinflussungen kommt, obwohl die Kinder das Ziel haben, beide Sprachen korrekt zu erwerben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die theoretischen Konzepte von Fusion und Trennung im Bilingualismus, die Definitionen von Spracheneinfluss sowie die empirische Analyse spezifischer grammatischer Phänomene.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, mithilfe empirischer Daten zu demonstrieren, dass Spracheneinfluss trotz Sprachentrennung stattfindet und dass dieser Prozess primär von der grammatischen Struktur abhängt, nicht von einer allgemeinen Sprachdominanz.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse theoretischer Modelle kombiniert mit der Auswertung einer Longitudinalstudie (Müller et al., 2001) über die sprachliche Entwicklung zweier italienisch-deutsch bilingualer Kinder.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse von Beschleunigung, Transfer und Verlangsamung in Bezug auf Verbstellungsregeln im Haupt- und Nebensatz sowie Objektauslassungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Spracheneinfluss, Bilingualismus, Syntax, Sprachdominanz und den Erwerb von Verbstellungsmustern charakterisiert.
Warum spielt die Komplexität der Grammatik eine so große Rolle?
Die Komplexität entscheidet laut dem sogenannten Ökonomieprinzip darüber, in welche Richtung ein Einfluss stattfindet: Kinder neigen dazu, die in ihrer Wahrnehmung weniger komplexe Struktur über beide Sprachen hinweg zu generalisieren.
Warum unterscheidet sich die Objektauslassung bei den Kindern?
Die Analyse zeigt, dass das bilinguale Kind eine vom Deutschen beeinflusste Strategie zur Objektauslassung wählt, da diese Struktur im Vergleich zum Italienischen im deutschen Sprachkontext präsenter ist und somit das Verständnis für zielsprachliche Regeln verzögert.
- Citation du texte
- Helen Stringer (Auteur), 2006, Zur Identifizierung von Spracheneinfluss in bestimmten grammatischen Bereichen im Spracherwerb bilingualer Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75079