Die Emotion Angst kann man wohl als allgegenwärtig bezeichnen, weshalb sie Krohne als „die zentrale Emotion“ bezeichnet. Dies mag mit ihrer ursprünglichen biologischen Funktion zusammenhängen und insofern ist das Verspüren einer gewissen Angst zum Beispiel in einer vermeintlichen Bedrohungssituation durchaus normal und gewissermaßen arterhaltend. Neben diesen positiven Effekten kann Angst bzw. Ängstlichkeit jedoch auch negativ Wirken, wenn die Angstreaktion nicht mehr angemessen ist und eine Angststörung vorliegt. So kann pathologisch gewordene Angst das Leben des Betroffenen enorm einschränken. Nach Stavemann leiden schätzungsweise 15-20 Prozent der Bevölkerung an Ängsten und Angststörungen. Die Bundes-Gesundheitsurvey von 1998, die erste repräsentative Erhebung diesbezüglich, bestätigt diese Schätzung in etwa. Demnach leiden 14,2 Prozent der 18- bis 65jährigen Befragten im Zeitraum von einem Jahr unter einer klinisch relevanten Angststörung. Bei dieser hohen Zahl an Erkrankten in der Bevölkerung wird die Bedeutung des Themas auch für Lehrkräfte deutlich, denn diese Zahlen implizieren, dass in jeder Schulklasse wohl mindestens eine Form von Betroffenheit anzutreffen ist. Sei es direkt in Form einer Erkrankung eines Schülers oder indirekt in Form einer Erkrankung eines Elternteils, eines Verwandten oder Bekannten des Schülers. Eine solche Betroffenheit verlangt vom Lehrer im Allgemeinen und vom LER-Lehrer im Speziellen mindestens Informiertheit und bestenfalls Ansätze zum Umgang mit ihr. Aber auch in nicht unbedingt pathologischer Form ist Angst eine Emotion, die im Schulalltag von großer Bedeutung sein kann. So sind Prüfungsangst und Schulangst Phänomene, welche es näher zu betrachten gilt. Ein erstes Ziel dieser Arbeit ist es jedoch, der Emotion Angst vorerst allgemein und in Abgrenzung zur Ängstlichkeit näher zu kommen. Eine nähere Betrachtung der möglichen Vorkommnisse von Angst und Ängstlichkeit in Zusammenhang mit Schule wird dann zu Überlegungen zum Umgang damit führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkungen
2. Theoretische Betrachtung des Phänomens Angst
2.1. Allgemein
2.2. Angst und Ängstlichkeit
2.3. Angst und Furcht
2.4. Erlebenskomponenten der Angst
2.5. Testmethoden
3. Relevanz von Angst im Schulalltag
3.1. Allgemein
3.2. Leistungsangst
3.3. Sozialangst
4. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Emotion Angst im Kontext des Schulalltags, mit einem besonderen Fokus auf die Differenzierung zwischen Angst und Ängstlichkeit sowie deren Auswirkungen auf die schulische Leistung und das soziale Miteinander.
- Kognitive-transaktionale Theorie von Stress und Emotionen
- Abgrenzung von Leistungs- und Sozialangst
- Einfluss von Attributionsstilen auf die Leistungsbewertung
- Methoden zur Erfassung von Angstzuständen und Ängstlichkeit
- Handlungskonsequenzen und Präventionsmöglichkeiten für Lehrkräfte
Auszug aus dem Buch
2.1. Allgemein
In Anlehnung an Schwarzer und auch Krohne kann Angst ganz allgemein als unangenehmes Gefühl beschrieben werden, welches in Situationen auftritt, die als bedrohlich eingeschätzt werden. Zu unterscheiden sind eine Vielfalt von angstauslösenden Situationen, wobei nicht die tatsächliche Bedrohungssituation oder Gefahr maßgeblich ist, sondern deren Bewertung durch das Individuum, also die subjektive Interpretation der Situation.
Dieser Ansicht liegt zu großen Teilen die kognitiv-transaktionale Theorie von Stress und Emotionen zugrunde, welche von Lazarus und anderen seit den 1960er Jahren entwickelt und weiterentwickelt wurde. Diese besagt eben, dass Emotionen aufgrund von kognitiven Bewertungsprozessen entstehen. In einer Stresssituation wird zuerst eine Ereigniseinschätzung (primary appraisal) und fast gleichzeitig eine Ressourceneinschätzung (secondary appraisal) vorgenommen. Das Ereignis kann im ersten Schritt irrelevant, günstig oder stressinduzierend sein. Ist es stressinduzierend wird es je nach vorhandenen Ressourcen zum Beispiel als Bedrohung oder Herausforderung eingeschätzt. Damit verbunden ist die Überprüfung der zur Verfügung stehenden Bewältigungsmaßnahmen. Folgt aus diesen Einschätzungsprozessen, dass das Ereignis relevant und eine Bedrohung ist und dass eine ungenügende Bewältigungskompetenz vorliegt, entsteht Angst, der sich Bewältigungsprozesse und Neubewertungen anschließen. Die Bewertungsprozesse sind abhängig von interagierenden antezedenten Bedingungen, was bei Lazarus Situationsvariablen und Persönlichkeitsvariablen meint. Unter Situationsvariablen werden bewusste oder unbewusste Umweltfaktoren verstanden. Persönlichkeitsvariablen sind das Ergebnis der biologischen und kulturellen Herkunft sowie der Biographie einer Person und meinen zum Beispiel die spezifische Angstneigung oder die Bewältigungsstrategien einer Person.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkungen: Einführung in die Allgegenwärtigkeit der Emotion Angst, ihre biologische Funktion sowie die Relevanz des Themas für den schulischen Bereich unter Bezugnahme auf kognitive psychologische Ansätze.
2. Theoretische Betrachtung des Phänomens Angst: Detaillierte Darstellung der Entstehung von Angst durch kognitive Bewertungsprozesse, die Differenzierung zwischen Zustandsangst und Persönlichkeitsmerkmalen sowie die Vorstellung gängiger Testmethoden.
3. Relevanz von Angst im Schulalltag: Analyse der schulischen Angstbereiche, insbesondere Leistungs- und Sozialangst, sowie deren Auswirkungen auf Lernprozesse und die Rolle der Lehrkraft bei der Gestaltung angstfreier Lernumgebungen.
4. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Reflexion über die Komplexität des Themas und Aufzeigen von Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Alltag, um die Entstehung von Ängsten zu verhindern.
Schlüsselwörter
Angst, Ängstlichkeit, Leistungsangst, Sozialangst, Kognitive Bewertung, Selbstaufmerksamkeit, Stressbewältigung, Prüfungsangst, Attribution, Selbstkonzept, Schulalltag, Pädagogische Psychologie, Testverfahren, Emotion, Bewältigungsstrategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die psychologischen Hintergründe der Emotion Angst und untersucht deren spezifische Ausprägungen im schulischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie der Angstentstehung, der Unterscheidung von Leistungs- und Sozialangst sowie den praktischen Konsequenzen für Lehrkräfte.
Was ist das primäre Ziel dieser Arbeit?
Ziel ist es, ein Verständnis für das Phänomen Angst zu schaffen, um daraus konkrete Handlungsansätze für den Umgang mit ängstlichen Schülern im Unterricht abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf den Ansätzen der Kognitiven Psychologie und der kognitiv-transaktionalen Theorie von Stress und Emotionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es werden die theoretischen Grundlagen der Angst, verschiedene Erlebenskomponenten, gängige Messmethoden sowie die spezifischen Probleme von Leistungs- und Sozialangst diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Angst, Ängstlichkeit, Leistungsangst, Sozialangst, Attribution, Selbstkonzept und pädagogische Handlungskompetenz.
Wie wirkt sich Leistungsangst laut der BIJU-Studie auf den Lernprozess aus?
Die Studie zeigt, dass nicht der Wissenserwerb selbst beeinträchtigt wird, sondern lediglich die Wiedergabe des Wissens in Prüfungssituationen.
Welche Rolle spielt die Selbstaufmerksamkeit bei Sozialangst?
Die öffentliche Selbstaufmerksamkeit führt dazu, dass sich Schüler als soziales Objekt wahrnehmen, was in Bewertungssituationen zu Hemmungen und Ängsten führen kann.
Warum ist ein transparenter Umgang mit Prüfungen für ängstliche Schüler wichtig?
Transparenz bezüglich Inhalt, Zeit und Art der Prüfung reduziert die Unsicherheit und ermöglicht eine angemessene Vorbereitung, was das Risiko für hilfloses Verhalten senkt.
- Quote paper
- Stefan Grzesikowski (Author), 2006, Angst und ihre Relevanz im Schulalltag, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75087