Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2007

63 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Individualisierungstheorie
1.1 Individualisierung in der modernen Gesellschaft
1.2 Allgemeiner Bezug der Individualisierungstheorie auf den Sport
1.3 Fazit

2 Die Sportvereine
2.1 Die Entstehung der Sportvereine
2.2 Merkmale der Sportvereine und deren Bezug zur Individualisierungstheorie
2.3 Aktuelle Mitgliederzahlen des Deutschen Olympischen Sportbundes
2.4 Fazit

3 Kommerzielle Fitnessstudios
3.1 Die Entstehung der kommerziellen Fitnessstudios
3.2 Merkmale von Fitnessstudios und deren Bezug zur Individualisierungstheorie
3.3 Aktuelle Mitgliederzahlen in deutschen Fitnessstudios
3.4 Fazit

4 Zusammenfassende Gegenüberstellung von Sportvereinen und Fitnessstudios
4.1 Gegenüberstellung von Sportvereinen und Fitnessstudios in Bezug zur Individualisierungstheorie
4.2 Vergleich der aktuellen Mitgliederzahlen von Sportvereinen und Fitnessstudios
4.3 Fazit

5 Empirischer Teil
5.1 Konzeption der empirischen Untersuchung
5.2 Auswertung der Interviews
5.2.1 Sportbastelbiographie
5.2.1.1 Angebotsbreite
5.2.1.2 Sportartenwechsel
5.2.1.3 Zeitliche Flexibilität
5.2.1.4 Identifikation
5.2.2 Leistung
5.2.3 Wahlgemeinschaft
5.2.3.1 Möglichkeiten des Kennenlernens
5.2.3.2 Intensität der Gemeinschaft
5.2.3.3 Verpflichtungen
5.2.4 Körperformung und Gesundheit
5.3 Fazit

6 Fazit und Ausblick: Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft

Anhang

Einleitung

„Frisch, fromm, fröhlich, frei“, so lautet das Motto der Sportvereine, die auf eine fast 200-jährige Tradition zurück blicken können: Gegründet im 19. Jahrhundert, waren sie zunächst hauptsächlich für Jungen und Männer eine Institution der körperlichen Ertüchtigung. Erst 160 Jahre später, in den 70er Jahren, verhalfen eine Vielzahl an Werbeaktionen, die Kinder, Frauen und Alte ansprachen, die Sportvereine für alle zu öffnen. Ein exorbitanter Mitgliederboom war daraufhin die Folge (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/Mitgliederentwicklung-Jahresmagazin-2004.pdf, S. 1). Als einzige Sportinstitution Deutschlands, nahm der Sportverein eine Monopolstellung ein.

In den 80er Jahren bekamen die Sportvereine allerdings eine ernstzunehmende Konkurrenz in Form von kommerziellen Fitnessstudios: Sie zielen auf Gewinn ab und passen sich deshalb schneller an die sich wandelnden Bedürfnisse der Gesellschaft an, um für den individualisierten Sportler attraktiv zu sein. Ab den 90er Jahren konnten deshalb die Fitnessstudios ihre Mitgliederzahl 10 Jahre lang um 11% jährlich steigern (vgl. http://www.dsg.uni-paderborn.de/_pdf/smi_material/375/2162-0.pdf, S.5). Im Gegensatz zu modernen Fitnessstudios besitzen Sportvereine traditionelle Merkmale wie zum Beispiel ein traditionelles Sportangebot, verstärkte Bindung und ehrenamtliches Engagement und nehmen insgesamt gesehen langsamer neue Sporttrends in ihr Angebot auf. Folgt man Überlegungen von zum Beispiel Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim oder Karl-Heinz Bette zur fortschreitenden Individualisierung in der Gesellschaft, so lassen diese auf veränderte Bedürfnisse des individualisierten Sportlers schließen. Er müsste sich demnach für das individualisierte Fitnessstudio und gegen den traditionellen Sportverein entscheiden.

In der vorliegenden Bachelorarbeit wird versucht die Frage zu beantworten, welchen Stellenwert Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft einnehmen.

Die Bachelorarbeit ist in folgende Abschnitte eingeteilt:

Zunächst wird die soziologische Individualisierungstheorie betrachtet (1.1) und im Anschluss auf den Sport bezogen (1.2).

Im zweiten Abschnitt wird die Entstehung der Sportvereine beschrieben (2.1) sowie deren Merkmale in Bezug zur Individualisierungstheorie (2.2). Die theoretischen Überlegungen werden anhand von aktuellen Mitgliederzahlen überprüft (2.3).

Danach werden die kommerziellen Fitnessstudios fokussiert: Zunächst ist die Entstehung der Studios von Bedeutung (3.1), danach ihre Merkmale in Bezug zur Individualisierungstheorie (3.2). Die theoretischen Überlegungen werden mit aktuellen Mitgliederzahlen verglichen (3.3).

Es erfolgt eine Gegenüberstellung der Strukturen von traditionellen Sportvereinen und Fitnessstudios in Bezug zur Individualisierungstheorie (4.1) und ein Vergleich der Mitgliederentwicklungen, um anhand der Statistiken eine Aussage zum Stellenwert der Vereine machen zu können (4.2).

Im empirischen Teil soll der theoretische Teil der Bachelorarbeit mit Hilfe von drei qualitativen Interviews überprüft werden (5). Als erstes wird die Konzeption der empirischen Untersuchung beschrieben (5.1), danach werden die sich im Anhang befindenden Interviews ausgewertet (5.2).

Im Schlussteil (6) werden die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammenfassend wiedergegeben und es wird ein abschließendes Fazit gezogen, welchen Stellenwert Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft einnehmen.

1 Individualisierungstheorie

Im folgenden Abschnitt geht es zunächst um die Prozesse der Individualisierung und deren Konsequenzen für die heutige Gesellschaft. Dabei wird auf die zentralen Punkte Bastelbiographie, Leistung, Wahlgemeinschaft und körperliche Gesundheit eingegangen. Diese theoretischen Aspekte werden im zweiten Abschnitt auf den Sport bezogen. Das schafft die Grundlage, um in den darauffolgenden Abschnitten die unterschiedlichen Offerten der Sportvereine und der Fitnessstudios in Bezug zur Individualisierung herauszuarbeiten.

1.1 Individualisierung in der modernen Gesellschaft

In der vorindustriellen Gesellschaft dominierten Formen gemeinschaftlicher Lebensführung und Existenzsicherung, die eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft darstellten. Aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen Mitglieder voneinander, wurden die Gemeinschaften ein Leben lang beibehalten. So lebte die Familie mit ihren Arbeitern und Angestellten gemeinschaftlich zusammen in einem großen Bauernhaus, um die Landarbeit und weitere wirtschaftliche Aufgaben erfüllen zu können (vgl. Beck-Gernsheim 1994b, S. 317). In diese traditionelle Gesellschaft und ihre Vorgaben wurde der Mensch hineingeboren. Man gehörte ein Leben lang einer bestimmten Schicht oder einer bestimmten Religion an, die das Leben weitestgehend vorbestimmten. Die Fragen nach einem „was bin ich und was will ich“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S.15ff) mussten somit nicht gestellt werden. Die Entscheidungsfreiheit der Menschen über ihr eigenes Leben war stark eingeschränkt. Auf der anderen Seite gaben von der Religion, der Politik oder der Gesellschaft vorgegebene „Normalbiographien“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13) eine gewisse Sicherheit und Stabilität im Leben. Der Druck, im Leben etwas erreich zu müssen, war nicht vorhanden, denn jeder akzeptierte sein von Gott gegebenes Leben so, wie es war, ohne großartige Veränderungen erreichen zu wollen und zu können (vgl. Beck& Beck-Gernsheim 1994, S. 10ff). Dass Religion eine große Rolle spielte, zeigte sich darin, dass man Krankheit als Strafe Gottes interpretierte, der man durch aktives Handeln nicht entgehen konnte (vgl. Beck-Gernsheim 1994b, S. 318).

Mit der fortschreitenden Industrialisierung lösten sich familiäre Vorsorgungsbezüge zunehmend auf: die strikte Trennung der Klassen und Stände fiel weg, vormals klare Geschlechterrollen wurden aufgelöst, Beziehungen zu Familie und Nachbarschaften wurden brüchig, von der Religion, der Tradition oder vom Staat vorgegebene Lebensvorgaben brachen zusammen (vgl. Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 12).

Die Existenzsicherung ist heutzutage nun nicht mehr die Aufgabe der „Sippe“ (Beck-Gernsheim 1994, S. 317), sondern liegt in der eigenen Verantwortung des Individuums. Es ist darauf angewiesen, durch individuelle Leistungen und Durchsetzungsfähigkeit die Mittel zum Lebensunterhalt selbstständig zu erwerben (vgl. ebd.). Die Auflösung sozialer Lebensformen wird in der Soziologie mit dem Begriff Individualisierung bezeichnet. Die Menschen der heutigen Gesellschaft dürfen und müssen über ihr Leben alleine entscheiden. Es ist ihre Aufgabe, ihr Leben selbst aktiv in die Hand zu nehmen. Sie sind nun für ihr Leben eigenverantwortlich, denn keine Religion, Staatsmacht oder Institution gibt ihnen eine Lebensvorgabe. Somit wird die Identitätsarbeit zu einer individuellen Aufgabe, die das Individuum in Form aktiven Handelns bewältigen muss (vgl. Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 10ff). Durch die Individualisierung gewinnen die Menschen an Entscheidungsfreiheit, verlieren aber an einem schützenden, kollektiv und individuell verbindlichem Sinn (vgl. Hitzler & Honer 1994, S. 307). Daraus resultiert, dass die ehemals vorgegebene Normalbiographie zur individuell herstellbaren „Bastelbiographie“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13) wird. Es findet eine „Pluralisierung von Lebensstilen“ (z.B. in Mayer & Müller 1994, S. 265) statt, denn es gibt in der heutigen Gesellschaft nicht mehr den einen Lebensstil, sondern jedes Individuum „bastelt“ sich sein Leben individuell zusammen. Auf diese Weise können sich die einzelnen Individuen voneinander abgrenzen. Allerdings sind die selbst zusammengestellten Biographien mit einem gewissen Risiko verbunden. Das, was das Individuum im Beruf und auch im Privatleben erhält, ist eng an die eigenen Leistungen und Fähigkeiten geknüpft. Dieses führt laut Schuster (2004) zu einem zunehmend individualisiertem Leistungs- und Erfolgsdruck im Beruf und in der Freizeit (vgl. ebd., S. 161). Die falsche Wahl in Beruf oder Branche kann zum Scheitern führen, so dass die Bastelbiographie schnell zur „Bruchbiographie“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13) wird:

„Für den einzelnen sind die ihn determinierenden institutionellen Lagen nicht mehr nur Ereignisse und Verhältnisse, die über ihn hereinbrechen, sondern mindestens auch Konsequenzen der von ihm selbst getroffenen Entscheidungen“ (Beck 1986, S. 218).

Im Falle des Versagens ist das im Zentrum der Handlung stehende Individuum also selbst für sein Scheitern verantwortlich. Dadurch werden Entscheidungen zur schweren Last, denn die Konsequenzen jeder Entscheidung müssen abgeschätzt werden (vgl. Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 14). Individualisierung beruht deshalb nicht auf einer freien Entscheidung der Individuen, sondern, wie Sartre es ausdrückt, „die Menschen sind zur Individualisierung verdammt“ (Jean-Paul Sartre, in Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 14). Beck & Beck-Gernsheim (1994) beschreiben die Konsequenzen der Individualisierung wie folgt:

„Individualisierung ist ein Zwang, ein paradoxer Zwang allerdings, zur Herstellung, Selbstgestaltung, Selbstinszenierung nicht nur der eigenen Biographie, sondern auch ihrer Einbindungen und Netzwerke, und dies im Wechsel der Präferenzen und Lebensphasen und unter dauernder Abstimmung mit anderen und den Vorgaben von Arbeitsmarkt, Bildungssystem, Wohlfahrtsstaat usw.“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 14).

Eine weitere Folge, die die Individualisierung mit sich zieht, ist die „Vereinzelung“ (Schuster 2004, S. 161) der Individuen. Die Individuen besitzen eigene, differierende Vorstellungen von ihrem Lebensstil, Lebenswünschen und Wohnorten, so dass Verbindungen zu anderen Menschen erschwert werden. Um der Individualisierung des Individuums entgegen zu wirken, bestehen nach wie vor Sehnsüchte nach Intimität, Geborgenheit und Nähe zu anderen. Bindungen und Beziehungen der Moderne sind jedoch von anderer Art, was Umfang, Verpflichtungen und Dauer betrifft, als zur Zeit des Zusammenlebens der Familie auf Höfen. Man wird nicht mehr in eine feste Familienstruktur hineingeboren und muss mit diesen Mitgliedern sein ganzes Leben verbringen, sondern Familie und Freundschaften werden zu „Wahlgemeinschaften“ (Beck- Gernsheim 1994, S. 134), zum Verbund von Einzelpersonen, die ihre je eigenen Interessen, Erfahrungen, Lebenspläne einbringen und auch individuell eigenen Kontrollen, Risiken und Zwängen ausgesetzt sind. Der „neo-existentialistische Typus“ (Hitzler & Honer 1994, S. 308ff) ist kaum noch Mitglied, sondern muss sich erst für Mitgliedschaften entscheiden. Er sucht Anschluss, nimmt Kontakt auf, geht Beziehungen ein, schließt Freundschaften und wird somit freiwillig Mitglied. Das bedeutet wiederum, dass ein höherer Aufwand nötig ist, um die verschiedenen Einzelbiographien zu einer Wahlgemeinschaft zusammenzuhalten (vgl. Beck-Gernsheim 1994, S. 134). Kümmert man sich nicht um seine Freundschaften, so verliert man die anderen Menschen schnell aus dem Auge, da der Lebenswohnraum eben nun nicht mehr der eigene Hof ist, sondern sich auf die Stadt, einen Nachbarort oder verschiedene Länder ausbreitet. Auch haben die einzelnen Individuen unterschiedliche, zum Teil verändernde Bedürfnisse, die sich schwer in einer Gemeinschaft vereinbaren lassen. Deswegen bedeuten Wahlgemeinschaften, dass man nicht ein Leben lang in dieser Gruppe Mitglied sein muss. Typisch für den individualisierten Menschen ist vielmehr, dass er von Gruppe zu Gruppe je nach Belieben hin und her wechselt und auch Teil von mehreren unterschiedlichen Gruppen gleichzeitig sein kann. Durch die große Auswahl an Beruf- und Freizeitangeboten legt sich das Individuum nicht auf nur ein Interessensgebiet fest, sondern auf viele: Und in jedem unterschiedlichen Interessensgebiet lernt es neue Mitglieder einer Wahlgemeinschaft kennen (vgl. Hitzler & Honer 1994, S. 308ff).

Die Individualisierung veränderte außerdem die Einstellung zum Körper und zur Gesundheit. Die physische und psychische Gesundheit wird zu einer individuellen Aufgabe der heutigen Gesellschaft interpretiert: War früher Gesundheit ein Geschenk Gottes, so wird die Erhaltung der Gesundheit nun zur Angelegenheit des mündigen Bürgers. Pflegt und überwacht er nicht seine physische und psychische Gesundheit, so muss er die Konsequenzen dafür tragen. Diese können in Form von Vorwürfen und Schuldzuweisungen geschehen, oder pragmatisch im Berufsleben einen Abstieg in die Arbeitslosigkeit bedeuten (vgl. Beck-Gernsheim 1994 b, S. 318, S. 328). In der heutigen Gesellschaft wird nun nicht mehr auf ein Leben nach dem Tod und der damit verbundenen Erlösung vom Leiden gehofft, sondern „das einwandfreie Funktionieren des Körpers ist nunmehr die alleinige und ausschließliche Garantie für unser Lebens, und zwar für unser ganzes Leben“ (Beck- Gernsheim 1994b, S. 319). Das ist der entscheidende Grund, weshalb die Erhaltung der Gesundheit in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat.

1.2 Allgemeiner Bezug der Individualisierungstheorie zum Sport

Anfang der 70er Jahre wurde auch der Sport vom Prozess des gesellschaftlichen Wandels erfasst. Er zeigt sich heutzutage als ein Sozialbereich, der durch ein hohes Maß an Differenzierung ausgeprägt ist (vgl. Bette 2001, S. 88), um so der Vielzahl der Bedürfnissen der Individuen zu entsprechen. Die Bastelbiographie des individualisierten Menschen wird auf den Sport übertragen: Je nach Interessen wählen die Individuen ihre Sportarten aus und basteln auf diese Weise ihre eigenen Sportlerbiographie zusammen. Der Sportler versucht, durch die Zusammenstellung seiner individuellen Sportlerbastelbiographie seine Identität zu erarbeiten (vgl. Bette 2001, S. 96f). Sie bietet Ansatzpunkte, um sich von anderen Sportlern abzugrenzen: „Exklusive und/oder das eigene Anderssein betonende Formen des sportlichen Sich-Bewegens verleihen gewissermaßen denjenigen Klasse, die sie praktizieren“ (Schwier 1998a, S. 10). Laut Bette wächst die Zahl derjenigen Sportler, die zwischen verschiedenen Körperbetätigungen hin und her wechseln, ohne auf messbare Leistungserbringung aus zu sein oder sich mit der jeweiligen Sportart zu identifizieren. Bette (2001) nennt diese Sportler „Sportnomaden“ (ebd., S. 96). Verschiedenste Sportarten werden ausprobiert, ohne sich dauerhaft auf eine Betätigungsform festlegen zu müssen. Die Sportler nehmen ihr Sportschicksal selbst in die Hände und gestalten sich durch die Vielfalt ihrer Betätigung aktiv ihre Sportbastelbiographie (vgl. Bette 2001, S. 96). Da der Sport nur ein Teilbereich des Lebens des Individuums ist, muss der Sport ein gewisses Maß an Flexibilität besitzen, um so in den Terminplan des Individuums zu passen. „Flexible und individualisierte Arbeits- und Lebensrhythmen bedingen ein Bedürfnis nach ebensolcher Flexibilität im Freizeitbereich“ (Schuster 2004, S. 168). Das bedeutet, dass der individualisierte Sportler selbst entscheiden will, wann und wo er Sport treibt. Dieses kann sich je nach Tag oder Woche verändern, denn die Freizeit muss auf den eigenen wechselnden Arbeitsrhythmus angepasst werden, um so in die gesamte Bastelbiographie des individualisierten Menschen zu passen.

Die Motive zum Sporttreiben haben sich durch den Prozess des gesellschaftlichen Wandels Anfang der 70er Jahre verschoben: Motive wie Leistung, Askese und Loyalität gegenüber traditionellen Werten werden durch die Motive Spaß, Gesundheit und Natürlichkeit ersetzt (vgl. Bette 2001, S. 88). Ein Grund ist, dass der individualisierte Leistungs- und Erfolgsdruck im Beruf die Möglichkeit des Scheiterns beinhaltet. Sport soll ein Ausgleich zum Arbeitsleben sein (vgl. Schuster 2004, S. 172), doch nicht zusätzlichen Stress in Form von weiterem Leistungsdruck verursachen, wie es im Leistungssport der Fall ist.

Durch die nun vorhandene große Auswahl an Sportofferten und die Möglichkeit zum selbstorganisierten Sporttreiben, kann der individualisierte Sportler selbst bestimmen, mit wem er Sport treibt. Dieses gestattet ihm, „selbst in der Gruppe einsam zu sein“ (Bette 2001, S. 99). Bei individuellem Bedarf nach Geselligkeit schließt er sich einer Gruppe an. Die Gemeinschaft ist locker und ungezwungen. „Verpflichtungen gegenüber bestimmten ethischen Werten“ (Bette 2001, S. 88) fallen weg; stattdessen steht der individualisierte Sportler voll und ganz im Mittelpunkt des Geschehens, ohne Rücksicht auf andere. Laut Bette 2001 sind die Wahlgemeinschaften im Sport zeitlich begrenzt, steuern dennoch dem Gefühl der Vereinzelung entgegen und halten Entfremdungsgefühle klein (vgl. Bette 2001, S. 99). Das vielfältige Sportangebot der heutigen Zeit bietet also dem Individuum die Möglichkeit, Beziehungen zu Gruppen mit gleichen Interessen aufzubauen, ohne jedoch zu große Verpflichtungen eingehen zu müssen. Es liegt in dessen Hand, inwieweit es sich in die Sportgruppe integriert.

Schuster geht auf die These Beck-Gernsheims ein, dass körperliches Leid, deren Ursachen nicht klar erkennbar sind, in der heutigen Zeit als individuelle Schuld attribuiert wird. Schuster (2004): „Der Krankheitsbegriff und das Leiden werden individualisiert“ (ebd., S. 171). Ebenso gilt Übergewicht als Zeichen von Versagen (vgl. Schuster 2004, S. 173). Körperliche Bewegung kann und soll die Gesundheit stärken und Übergewicht vermeiden. Der Sport wird demnach vom Individuum instrumentalisiert, um der Gesellschaft die eigene Macht über den Körper in Form von ästhetischen Erfolgen und physischer Leistungsfähigkeit zu präsentieren (vgl. Schuster 2004, S. 172). Es wird deutlich, dass der individualisierte Sportler keine Verantwortung für andere Menschen übernehmen will, sondern stattdessen sich, die Gestaltung des eigenen Körpers sowie den eigenen gesundheitlichen Zustand in den Mittelpunkt rückt (vgl. Schuster 2004, S. 161). Durch und über den Körper versucht sich das Individuum zu verwirklichen und sich selbst darzustellen. „Die Arbeit am Körper erscheint als Identitätsarbeit“ (Schuster 2004, S. 169), denn über die Formung des Körpers soll gezeigt werden, wer man ist. Demnach ist der Körper als eine beobachtbare Größe die Instanz, um die eigene Individualität zu markieren und sozial wirkungsvoll vorzuführen (vgl. Bette 2001, S. 94). Aus dem natürlichen Bewegungsdrang und Spaß am Sport kann somit ein Zwang zur Fitness entstehen, denn ästhetische Erfolge verschwinden, sobald der Sportler mit dem Training aufhört (vgl. Bette 2001, S.92).

1.3 Fazit

In diesem Abschnitt wurde die soziologische Individualisierungstheorie zunächst vorgestellt und dann auf den Sport bezogen. Es wurde gezeigt, dass sich durch die Prozesse der Individualisierung Gemeinschaften immer mehr auflösten, so dass das Individuum nun selbst im Mittelpunkt des Lebens steht. Ein großes Angebot an Wahlmöglichkeiten wird bereitgestellt, was Wahlfreiheiten, aber auch Wahlzwänge für die individuelle Bastelbiographie beinhaltet, da jede getroffene Wahl zum Scheitern führen kann. Dadurch wächst der Leistungsdruck. Die Auflösung der Gemeinschaft durch Prozesse der Individualisierung haben Tendenzen der Vereinzelung zur Folge, so dass das Individuum Wahlgemeinschaften eingehen muss, um den Gefühl der Vereinsamung entgegenzuwirken. Der Körper und das körperliche Wohlergehen gewinnen durch die Individualisierung an Bedeutung. Heutzutage wird Krankheit als individuelle Schuld attribuiert, so dass jedes Individuum für die körperliche Unversehrtheit selbst verantwortlich ist.

Die Prozesse der Individualisierung werden auf den Bereich des Sports übertragen: Jeder Sportler kann sich nach Interesse seine eigenen vielfältigen Sportarten als Bastelbiographie zusammenstellen und auf diese Weise versucht, seine Sportleridentität zu erarbeiten. Da der Sport nur ein Teilbereich des Lebens ist, muss er zeitlich flexibel gestaltet werden können, um so dem Lebens- und Arbeitsrhythmus individuell zu entsprechen. Leistung spielt hierbei keine große Rolle mehr. Motive wie Spaß, Natürlichkeit und Gesundheit gewinnen an Bedeutung, damit ein Ausgleich zum Leistungsdruck im Beruf geschaffen werden kann. Der individualisierte Sportler will gegenüber anderen keine Verpflichtungen übernehmen. Die Wahlgemeinschaften, mit denen er Sport treibt, sind unverbindlich und zeitlich begrenzt. Der Körper gewinnt an Bedeutung, denn Krankheit und Übergewicht werden als individuelles Versagen interpretiert, so dass der Sportler über seinen Körper seinen Erfolg zum Ausdruck bringen will und einen durchtrainierten, jugendlich wirkenden Körper anstrebt.

Im weiteren Verlauf der Bachelorarbeit werden die herausbearbeitenden theoretischen Aspekte der Individualisierung zunächst in den Sportvereinen und dann in kommerziellen Fitnessstudios überprüft.

2 Die Sportvereine

Als historische Grundlage wird im folgenden Kapitel die Entstehung des Sportvereins beschrieben. Auf diese Weise sollen noch heute vorhandene traditionelle Merkmale geklärt werden können. Die Zahlen zur Mitgliederentwicklung besitzen die Aufgabe, die Popularität der Sportvereine aufzuzeigen. Im Anschluss werden die verschiedenen Vereinstypen der heutigen Zeit dargestellt, um zu verdeutlichen, dass es nicht den einen Sportverein in Deutschland gibt. Danach werden gemeinsame traditionelle Merkmale aller Sportvereinstypen herausgearbeitet und in Bezug zur Individualisierungstheorie gesetzt. Das soll näher zum Ziel führen, den Stellenwert des Sportvereins in einer individualisierten Gesellschaft zu klären.

2.1 Die Entstehung der Sportvereine

Der traditionelle Sportverein der Bundesrepublik Deutschland versteht sich als

„freiwillige Vereinigung gleichberechtigter erwachsener sowie nicht erwachsener männlicher und weiblicher Personen zum Zwecke aktiven Sporttreibens und der Pflege eines politisch neutralen Vereinslebens“ (Langenfeld 1986, S.15ff).

Die Idee zum Turnverein entstand Anfang des 19. Jahrhunderts: 1810 leitete Turnvater Jahn Schüler auf der Hasenheide bei Berlin zu elementare Fertigkeiten wie Laufen, Springen, Werfen, Klettern sowie zu sportspezifischen Fertigkeiten wie Turnübungen an. Der Gedanke war neu, sich „frisch, fromm, fröhlich, frei“[1] zur sportlichen Betätigung, unabhängig von der Schule, zu treffen. Standesunterschiede fielen weg und jeder wurde mit du angeredet, um die Gleichheit auszudrücken. Turnen sollte die Jungs und jungen Männer auf die Aufgaben als Staatsbürger und Vaterlandsverteidiger für den Befreiungskampf gegen Napoleon vorbereiten und besaß deshalb einen Leistungscharakter. Man traf sich regelmäßig zum Training und zum anschließenden Klönen im Vereinsheim, feierte vaterländische Feste, unternahm Turnerfahrten und warb für die Turnkunst in der Öffentlichkeit. Nach und nach wurden von Jahns Schülern immer mehr Turnplätze in anderen deutschen Städten und an evangelischen Universitäten errichtet. So konnten Wettkämpfe und Leistungsvergleiche mit anderen Turnern veranstaltet werden. Jahns Turngesetze sollten Ordnung, turnbrüderliche Eintracht und vaterländische Gesinnung gewährleisten. 1845 entstanden erste Vereine erwachsener, männlicher Mitglieder zur Organisation und Finanzierung des Turnens. Diese Turnvereine waren Zusammenschlüsse „gleichgesinnter, am öffentlichen Wohl interessierter Bürger“ (Langenfeld 1986, S. 23), die sich über Spenden finanzierten. Profite sollten nicht erzielt werden. Auch die im Verein ehrenamtlich Tätigen erhielten kein Geld, sondern arbeiteten für das Wohl der Gemeinschaft (vgl. Langenfeld 1986, S. 18ff).

Hundert Jahre später, um 1960, besaßen die 29.486 deutschen Sportvereine insgesamt 5,2 Millionen Mitglieder. Sie waren dem traditionellen Vorbild treu geblieben, was die Ziele und Werte betraf: Arbeit für die Gemeinschaft und sportliche Leistung waren nach wie vor wichtig. Die ehrenamtlich geführten Sportvereine waren größtenteils Sportvereine mit weniger als 200 Mitgliedern und boten oft nur eine Sportart als Wettkampfdisziplin an. Dieses Leistungsprinzip hatte selektive Auswirkungen auf die Vereinsmitglieder: Die Teilnehmer, die meist aus Jungen und Männern bestanden, besaßen überdurchschnittliche physische Leistungen. Der Verein war im Prinzip für alle offen, schloss faktisch jedoch einen Großteil der Bevölkerung aus..

Erst ab 1960, 150 Jahre nach Gründung des ersten Sportvereins, versuchte man dieser Selektion durch verschiedene Aktionen, die Sport als sinnvolle und gesundheitsförderliche Freizeitgestaltung propagierten, mehr Mitglieder zu gewinnen. Beispiele hierzu sind „Eine Million Aktive mehr“ (1962), „Großer Sprung für den Frauensport“ (1968) oder „Trimm Dich durch Sport“ (1970). Insbesondere Kinder, Frauen, weniger talentierte und ältere Menschen wurden für den Verein zu gewonnen (vgl. Cachay 1988 b, S. 220 ff). Die Werbeaktionen und eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Gesellschaft der 70er Jahre verschafften den Sportvereinen einen gewaltigen Zuwachs: In den 70er Jahren stieg die Mitgliederzahl auf 10,1 Millionen und die Zahl der Vereine auf 39.201 (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/Mitgliederentwicklung-Jahresmagazin-2004.pdf, S. 1). Auch wenn die Öffnung zum Teil strukturelle Veränderungen mit sich führten, wie zum Beispiel eine Erweiterung des Sportangebots und der Motive zum Sporttreiben, so besaßen die traditionellen Werten wie Gemeinschaft, Askese, körperliche Leistungsfähigkeit und Loyalität nach wie vor einen hohen Stellenwert im Verein (vgl. Cachay 1988 b, S. 220 ff).

Heutzutage kann man nicht mehr von dem einen Sportverein sprechen, da sich verschiedene Typen ausdifferenziert haben, die in Bezug der Anpassung an gesellschaftliche Bedürfnisse unterschiedlich entwickelt sind: Kleinvereine mit 101 bis 300 Mitglieder sowie Mittelvereine mit 301 bis 1000 Mitgliedern machen 56,5% der Vereinslandschaft aus (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/FISAS-Kurzfassung.pdf, S.3 und http://www.dsb.de/fileadmin/fm-dsb/tribuene/2004_dsb_bremen/Dateien/Siegel-Dokumentation-ZUKUNFT-04.pdf, S. 58). Sie sind als Solidargemeinschaft zu charakterisieren und legen nach wie vor großen Wert auf Vereinstradition, Geselligkeit, Gemeinschaft und ein außersportliches Angebot. Das Sportangebot besteht weiterhin vor allem aus traditionellen Angeboten wie Wettkampfsportarten (vgl. http://www.fs-spoeko.de/download/examen2/orga_2000.pdf, S. 58).

Die Zahl der Großvereine, die über 1000 Mitglieder pro Verein besitzen, beträgt in Deutschland nur um die 6,8% (vgl. http://www.aktive-buergerschaft.de/vab/resourcen/diskussionspapiere/wp-band12.pdf, S.14). In Großvereinen mit einem ausdifferenzierten, mehrspartigen Sportangebot findet im Verhältnis zu den anderen Vereinstypen ein großer Anteil an bezahlter Mitarbeit oder sogar Hauptberuflichkeit statt und der Anteil der ehrenamtlichen Arbeit geht zurück (vgl. Cachay/Thiel/Meier 2001, S. 17). Den Großvereinen ist gemein, dass verstärkt Themenfelder wie Gesundheit und Fitness im Sportangebot Berücksichtigung finden (vgl. http://www.dsb.de/fileadmin/fm-dsb/tribuene/2004_dsb_bremen/Dateien/Siegel-Dokumentation-ZUKUNFT-04.pdf, S. 31). Auch nehmen größere Sportvereine zum Teil vereinseigene Fitnessstudios mit in ihr Programm auf. Die derzeitige Anzahl an vereinseigenen Fitnessstudios wird allerdings auf nur 154 geschätzt und macht somit einen verschwindend geringen Anteil aus (vgl. http://www.wir-im-sport.de/templates/dokukategorien/dokumanagement/psfile/file/61/projektber44c72a58011ab.pdf, S. 11, S. 29).

Angaben zur Mitgliederzahlentwicklung in den einzelnen Sportvereinstypen können aufgrund fehlender Statistiken nicht gemacht werden. Trotz der unterschiedlichen Vereinstypen und Sportangeboten gibt es gemeinsame Merkmale der deutschen Sportvereine, die im folgenden Abschnitt in Bezug zur Individualisierungstheorie betrachtet werden sollen.

2.2 Merkmale der Sportvereine und deren Bezug zur Individualisierungstheorie

Auch wenn aufgezeigt wurde, dass sich die Vereinslandschaft ausdifferenziert hat, so können trotzdem generelle Gemeinsamkeiten der einzelnen Sportvereine festgehalten werden. Im Folgenden werden Merkmale der Sportvereine genannt, die auf die Individualisierungstheorie bezogen werden. Da Sportvereine Leistungssport und Breitensport anbieten, werden beide Bereiche berücksichtigt. Außen vor gelassen werden Großvereine mit integriertem Fitnessstudio und einem breiten Angebot im Gesundheitsbereich, da sie nur einen sehr geringen Anteil der deutschen Sportvereine ausmachen und nicht den typischen Sportverein darstellen.

Zunächst wird untersucht, ob die Erstellung einer „Bastelbiographie“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13) im Sportverein möglich ist. In den Sportvereinen gibt es eine „freiwillige Mitgliedschaft“ (Cachay 1988a, S. 389). Das heißt, dass jedes Mitglied selbst entscheiden kann, wann es in den Verein ein und wann es austritt. Auch innerhalb des Vereins ist eine Mitgliedschaft in mehreren Mannschaften oder in mehreren Sportkursen möglich. Prinzipiell kann jede im Sportverein angebotene Sportart nach Belieben ausprobiert werden, was dem Aspekt der Bastelbiographie des individualisierten Sportlers entspricht. Allerdings wird diese prinzipielle Offenheit eingeschränkt, denn tritt der individualisierte Sportler einer Wettkampfmannschaft bei und trainiert längere Zeit mit den anderen Sportlern, so übernimmt er Verantwortung für das Gelingen des Trainings oder für die anstehenden Wettkämpfe, denn für beides wird eine ausreichende Anzahl an fähigen, zuverlässigen Sportlern benötigt. Somit ist die freiwillige Mitgliedschaft zwar auf dem Papier vorhanden, zwischenmenschlich werden aber Verpflichtungen eingegangen. Ebenso muss beachtet werden, dass die Trainingseinheiten jeweils zu einer festen Zeit stattfinden und nicht flexibel verschoben werden können. Entscheidet sich der Sportler für eine Sportart, so muss er zu den vereinbarten Zeiten hingehen, ohne dass Rücksicht auf seinen individuellen Zeitplan genommen werden kann. Ein Sportnomadendasein nach Bette 2001 (S. 96) ist schwer möglich und die Identität kann nicht durch die Zusammenstellung des Sports erarbeitet werden, wie Schuster 2004 (S.169) schreibt. Im Breitensport ist die Freiwilligkeit stärker vorhanden, da hier nicht auf ein gemeinsames sportliches Ziel hingearbeitet wird. Dennoch findet das Training oder der Sportkurs ebenso zu festen Zeiten statt, die keine Flexibilität für den individualisierten Sportler zulassen.

Zum Aspekt der Leistung im Sportverein lässt sich folgendes sagen: Sportvereine bieten im Gegensatz zu Fitnessstudios Wettkampfsport an. Im Mannschaftssport auf Wettkampfebene werden Techniken unter Anleitung geübt und trainiert, so dass in Meisterschaften gegen die Konkurrenten sportliche Erfolge gefeiert werden können. „Körper-, Wettkampf- und Leistungsorientierung“ (Bette 2001, S. 88) sind von großer Bedeutung im Sportverein. Der Sportler besitzt deshalb Verpflichtungen auf „bestimmte ethische Werte“ (Bette 2001, S.88) seiner Mannschaft und seinem Verein gegenüber, wie zum Beispiel Askese und Loyalität, um auch wirklich gute sportliche Leistungen im Team vollbringen zu können. In Zeiten des Erfolgsdrucks in Schule und Beruf ist es für Individuen oft belastend, im Sport einer weiteren Konkurrenzsituation ausgesetzt zu sein. Auf der anderen Seite ist hier Individualisierung über einen Vergleich in der Leistungserbringung möglich, indem man andere Sportler in Höhen, Weiten und Zeiten überbietet und sich selbst als leistungsfähige Person darstellt (vgl. Bette 2001, S. 94f). Allerdings sind Siege ein knappes Gut, so dass die Möglichkeit des Versagens größer ist als die Wahrscheinlichkeit des Siegens. Zu dem traditionellen Wettkampfsport bieten Sportvereine außerdem Sportspielmannschaften und Gesundheitskurse im Breitensport an. Hier kann ohne Leistungsdruck dem Training nachgegangen werden, so dass ein Ausgleich zur stressigen Arbeitswelt bereitgestellt wird (vgl. Schuster 2004, S. 172). Sportvereine bieten also für beide Bedürfnisse etwas an: Der leistungsorientierte Typ kann sich im Wettkampfsport individualisieren, wohin gegen der leistungsvermeidende Typ im Breitensport einen Ausgleich zum Leistungsdruck im Alltag findet.

Bezogen auf die Wahlgemeinschaften kann beobachtet werden, dass die Gemeinschaft im Verein als sehr wichtig angesehen wird. Sportvereine in Deutschland zeichnen sich dadurch aus, dass sie prinzipiell für Jedermann geöffnet sind (vgl. Die Grünen im Landtag 2004, S. 8). Dieses begründet die Gemeinnützigkeit des Sportvereins, die vom Staat gefördert wird, indem Sportvereine zum Beispiel von der Steuerpflicht befreit werden (vgl. Langenfeld 1986, S. 42). Der Gedanke der Integration wird durch das Motto „Sport für alle“[2] ausgedrückt: Vom Kind bis zum Rentner darf und soll jeder Mitglied im Verein sein. Dass dennoch Einkommen, Herkunft und Bildungsstand ein Faktor für den Eintritt darstellen, wird an dieser Stelle nicht weiter diskutiert. Insgesamt kann festgehalten werden, dass der Sportverein zur Integration von Jungen, Alten, Frauen, Männer, Deutschen und Ausländern beitragen kann, da es keine Aufnahmebedingungen gibt. In Zeiten auflösender Gemeinschaften und zerfallenden Institutionen können sich die Individuen hier Gruppen mit gleichem Interesse auswählen, denen sie angehören wollen, sogenannte „Wahlgemeinschaften“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13). Der Deutsche Olympische Sportbund hat diese Funktion erkannt und deshalb das Programm "Integration durch Sport" in der Umsetzung an die Landessportbünde eigenverantwortlich angegliedert (vgl. http://www.dosb.de/de/breitensport-sportentwicklung/integration-durch-sport/). Die Organisationsstruktur im Mannschaftswettkampfsport ist durch Mannschaften und Riegen gekennzeichnet. Das bedeutet, dass Mitglieder gleichen Geschlechts, gleichen Alters und/ oder gleicher Leistungsstärke zusammengefasst werden (http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/Leitbild_des_ deutschen Sports.pdf, S.2). Da auch das Interesse, nämlich die Sportart, dasselbe ist, erfolgt über den Sportverein schnell eine Integration in die Mannschaft. Es entstehen Solidarität und Loyalität zwischen Trainer, Verein und Mannschaftsmitglieder, da alle das selbe Ziel verfolgen und deshalb füreinander eintreten (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/WLSB-Vereinsstudie.pdf, S. 8f). Dennoch muss eine Wettkampfmannschaft in Bezug zur Individualisierung als ambivalent betrachtet werden: In Mannschaftssportarten steht nicht das Individuum im Zentrum, sondern die Mannschaft. Der Sportler besitzt Verpflichtungen der Mannschaft gegenüber, damit das Team optimale Leistungen erbringt. Das Training findet zu festen Uhrzeiten statt, so dass es nicht flexibel der individuellen Bastelbiographie angepasst werden kann (vgl. Schuster 2004, S. 168). Die Wünsche des Individuums müssen zurück geschraubt werden zum Wohl der Mannschaft, um Siege zu sichern. Das ist im Breitensport anders: Die Gruppe ist meist heterogen, was Alter und Geschlecht angeht. Da man sich regelmäßig zu einer festen Uhrzeit mit der Breitensportgruppe trifft, findet auch hier schnell ein Kennen lernen und die Integration in die Gruppe statt, die die Bedürfnisse nach Nähe erfüllen können. Man geht weniger Verpflichtungen ein, da man nicht auf ein gemeinsames Ziel wie im Wettkampfsport hinarbeitet. Dennoch findet auch hier das Training zu festen, unflexiblen Uhrzeiten statt, die nicht variabel der Bastelbiographie angepasst werden können. Die einzige Möglichkeit für den individualisierten Sportler ist es, nicht hinzugehen. Im Sportverein findet also, je nach Leistungs- oder Breitensport, eine mehr oder weniger starke Integration in die Gemeinschaft statt. In beiden Sportbereichen ist das Training jedoch zeitlich unflexibel. Deswegen lässt sich dieser Aspekt nur schwer mit dem Aspekt der Bastelbiographie vereinbaren.

Zum großen Teil wird im Sportverein ehrenamtlich gearbeitet (vgl. Cachay 1988a, S. 340). Das bedeutet, dass Trainer, Übungsleiter und der Vorstand für ihre Arbeit keine Bezahlung erhalten, sondern freiwillig für die Gemeinschaft arbeiten, nach dem Motto „dienen, aber nicht verdienen“ (http://www.fs-spoeko.de/download/examen2/orga_2000.pdf). Durch das ehrenamtliche Engagement kann eine stärkere Integration in die Gruppe stattfinden und somit der Zusammenhalt zu den Wahlgemeinschaften vergrößert werden. In der modernen Gesellschaft ist Zeit jedoch knapp. Somit ist es schwierig, Menschen zu finden, die sich freiwillig für andere verpflichten, und das ohne Bezahlung. Die ehrenamtliche Mitarbeit entspricht nicht dem Bedürfnis des individualisierten Sportlers. Allerdings sind ehrenamtliche Tätigkeiten freiwillig und keiner wird dazu von außen verpflichtet, ehrenamtlich zu arbeiten. Will der Sportler allerdings in den Verein integriert sein, so ist es für ihn schwierig, sich jeglichen Aufgaben ohne schlechtes Gewissen zu entziehen. Manche Sportvereine reagieren auf diese Entwicklung, indem Hauptberufliche im Verein arbeiten, um die Organisation des Sportvereins nicht zu gefährden. Hierzu zählen vor allem Großvereine (vgl. Cachay/ Thiel/ Meier 2001, S. 21).

Im Sportverein hat jedes Mitglied ein Mitspracherecht bei gemeinschaftlichen Wahlen, denn es herrschen „demokratische Entscheidungsstrukturen“ (Cachay 1988a, S. 340) vor. Über demokratische Wahlen werden Entscheidungen der Vereinsziele getroffen und Vorstände des Vereins gewählt (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/WLSB-Vereinsstudie.pdf, S. 8f). Auch hier kann sich der individualisierte Sportler stärker mit dem Verein identifizieren und baut eine stärkere Beziehung zu den Wahlgemeinschaften im Verein auf. Allerdings finden Vereinsversammlungen zu festen Terminen statt, die Zeit beanspruchen und eventuell nicht in den Terminkalender des individualisierten Sportlers passen. Des Weiteren werden bei solchen Wahlen ehrenamtliche Ämter verteilt, die unbeliebt sind, da man unentgeltlich Verpflichtungen gegenüber Anderen eingeht. Diese Aspekte widersprechen der Individualisierung. Die Teilnahme an Versammlungen ist zwar freiwillig, aber wie bei dem Merkmal der Ehrenamtlichkeit ist es für den Vereinssportler schwierig, jegliche Aufgaben und Pflichten zu ignorieren.

Versammlungen, Sportfeste, gemeinsame Unternehmungen und Treffen in Vereinsheimen gehören zu der eigenen Vereinskultur. Im Verein werden auch auf diese Weise Gemeinschaft und soziale Verantwortung gepflegt (vgl. Langenfeld 1986, S. 17f). Solche Aktivitäten sind freiwillig. Will man allerdings als anerkanntes Mitglied in der Gruppe integriert sein, so sollte man daran teilnehmen. Auch hier gibt es Probleme mit dem individuellen Terminkalender, dem Widerspruch zwischen eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Gemeinschaft sowie den Verpflichtungen und Aufgaben bei der Organisation von Festivitäten.

Wie sieht es im Sportverein mit dem Körperbezug aus? Der Körper steht im Leistungssport nicht im Mittelpunkt, obwohl der Körper für die sportlichen Leistungen verantwortlich ist. Im Wettkampfsport wird der Körper instrumentalisiert, so dass optimale Leistungen erbracht werden. Verletzungen werden hingenommen. Aktuelle Zahlen belegen, dass die Verletzungsgefahr im Leistungssport sehr hoch ist: Vor allem in typischen Mannschaftssportarten wie Fußball und Handball treten viele Verletzungen auf (vgl. http://www.netdoktor.de/sportverletzungen/daten_fakten.htm). Hier kann also nicht von einem gesundheitsfördernden Sport gesprochen werden. Auch Gewichtsverlust steht nicht im Fokus des Sportvereins. Zwar besitzen Wettkampfsportler oft einen sportlich durchtrainierten Körper. Dieses ist aber ein Nebeneffekt und nicht das Hauptmotiv, wenn Leistungssport betrieben werden. Oft wirken Sportkörper sogar füllig, da Muskelmasse aufgebaut wird und massige Körper vor allem bei Frauen nicht mehr dem gängigen Schönheitsideal entsprechen (vgl. Kleindienst-Cachay & Kunzendorf 2003). Allerdings muss angemerkt werden, dass manche Sportvereine Fitness- und Gesundheitssport in ihr Programm aufnehmen. Diese entsprechen insofern der Individualisierungstheorie, als dass sie die Motive nach Gesundheit und Schönheit befriedigen und der Sportler die Formbarkeit seines Körpers selbst beeinflussen kann. Das Hauptangebot der Sportvereine besteht aber weiterhin aus Wettkampfsport. Es sind eher die knapp 7% der Großvereine, die Gesundheitssport in ihr Angebot mit aufgenommen haben (vgl. Cachay/ Thiel/ Meier 2001, S. 210). Im Wettkampfsport wird der Körper an sich in den Hintergrund gedrängt und stattdessen die Leistung hervorgehoben.

[...]


[1] Das gewählte Motto der Turner

[2] Motto der Sportvereine

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Abschlussarbeit Bachelor
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
63
Katalognummer
V75343
ISBN (eBook)
9783638716376
ISBN (Buch)
9783638718653
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft wird zunächst theoretisch mithilfe von Texten von beispielsweise Ulrich Beck ergründet. Im Anschluss werden drei qualitative Interviews, die sich mitsamt des Interviewleitfadens im Anhang befinden, ausgewertet. Theoretischer und empirischer Teil zusammen ergeben das Fazit der Bachelorarbeit.
Schlagworte
Stellenwert, Sportvereine, Gesellschaft, Abschlussarbeit, Bachelor
Arbeit zitieren
Bachelor Nina Obbelode (Autor), 2007, Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75343

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