„Frisch, fromm, fröhlich, frei“, so lautet das Motto der Sportvereine, die auf eine fast 200-jährige Tradition zurück blicken können: Gegründet im 19. Jahrhundert, waren sie zunächst hauptsächlich für Jungen und Männer eine Institution der körperlichen Ertüchtigung. Erst 160 Jahre später, in den 70er Jahren, verhalfen eine Vielzahl an Werbeaktionen, die Kinder, Frauen und Alte ansprachen, die Sportvereine für alle zu öffnen. Ein exorbitanter Mitgliederboom war daraufhin die Folge (vgl. http://www.dosb.de/fileadmin/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/Mitgliederentwicklung-Jahresmagazin-2004.pdf, S. 1). Als einzige Sportinstitution Deutschlands, nahm der Sportverein eine Monopolstellung ein.
In den 80er Jahren bekamen die Sportvereine allerdings eine ernstzunehmende Konkurrenz in Form von kommerziellen Fitnessstudios: Sie zielen auf Gewinn ab und passen sich deshalb schneller an die sich wandelnden Bedürfnisse der Gesellschaft an, um für den individualisierten Sportler attraktiv zu sein. Ab den 90er Jahren konnten deshalb die Fitnessstudios ihre Mitgliederzahl 10 Jahre lang um 11% jährlich steigern (vgl. http://www.dsg.uni-paderborn.de/_pdf/smi_material/375/2162-0.pdf, S.5). Im Gegensatz zu modernen Fitnessstudios besitzen Sportvereine traditionelle Merkmale wie zum Beispiel ein traditionelles Sportangebot, verstärkte Bindung und ehrenamtliches Engagement und nehmen insgesamt gesehen langsamer neue Sporttrends in ihr Angebot auf. Folgt man Überlegungen von zum Beispiel Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim oder Karl-Heinz Bette zur fortschreitenden Individualisierung in der Gesellschaft, so lassen diese auf veränderte Bedürfnisse des individualisierten Sportlers schließen. Er müsste sich demnach für das individualisierte Fitnessstudio und gegen den traditionellen Sportverein entscheiden.
In der vorliegenden Bachelorarbeit wird versucht die Frage zu beantworten, welchen Stellenwert Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft einnehmen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Individualisierungstheorie
1.1 Individualisierung in der modernen Gesellschaft
1.2 Allgemeiner Bezug der Individualisierungstheorie auf den Sport
1.3 Fazit
2 Die Sportvereine
2.1 Die Entstehung der Sportvereine
2.2 Merkmale der Sportvereine und deren Bezug zur Individualisierungstheorie
2.3 Aktuelle Mitgliederzahlen des Deutschen Olympischen Sportbundes
2.4 Fazit
3 Kommerzielle Fitnessstudios
3.1 Die Entstehung der kommerziellen Fitnessstudios
3.2 Merkmale von Fitnessstudios und deren Bezug zur Individualisierungstheorie
3.3 Aktuelle Mitgliederzahlen in deutschen Fitnessstudios
3.4 Fazit
4 Zusammenfassende Gegenüberstellung von Sportvereinen und Fitnessstudios
4.1 Gegenüberstellung von Sportvereinen und Fitnessstudios in Bezug zur Individualisierungstheorie
4.2 Vergleich der aktuellen Mitgliederzahlen von Sportvereinen und Fitnessstudios
4.3 Fazit
5 Empirischer Teil
5.1 Konzeption der empirischen Untersuchung
5.2 Auswertung der Interviews
5.2.1 Sportbastelbiographie
5.2.1.1 Angebotsbreite
5.2.1.2 Sportartenwechsel
5.2.1.3 Zeitliche Flexibilität
5.2.1.4 Identifikation
5.2.2 Leistung
5.2.3 Wahlgemeinschaft
5.2.3.1 Möglichkeiten des Kennenlernens
5.2.3.2 Intensität der Gemeinschaft
5.2.3.3 Verpflichtungen
5.2.4 Körperformung und Gesundheit
5.3 Fazit
6 Fazit und Ausblick: Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft
Zielsetzung & Themen
Die Bachelorarbeit untersucht, welchen Stellenwert Sportvereine in der modernen, individualisierten Gesellschaft einnehmen, in der sie zunehmend durch kommerzielle Fitnessstudios herausgefordert werden. Es wird analysiert, inwieweit die traditionellen Strukturen des Sportvereins mit den Bedürfnissen individualisierter Sportler harmonieren und warum, trotz theoretischer Vermutungen über eine Abnahme ihrer Bedeutung, die Mitgliederzahlen der Sportvereine weiterhin stabil bleiben.
- Individualisierungstheorie und ihre Anwendung auf den Sport
- Strukturvergleich zwischen traditionellen Sportvereinen und kommerziellen Fitnessstudios
- Analyse der Mitgliederentwicklungen beider Sportanbieter
- Empirische Überprüfung theoretischer Annahmen durch qualitative Interviews
- Bedeutung von Gemeinschaft, Leistung und Körperbild im Sport
Auszug aus dem Buch
1.1 Individualisierung in der modernen Gesellschaft
In der vorindustriellen Gesellschaft dominierten Formen gemeinschaftlicher Lebensführung und Existenzsicherung, die eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft darstellten. Aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen Mitglieder voneinander, wurden die Gemeinschaften ein Leben lang beibehalten. So lebte die Familie mit ihren Arbeitern und Angestellten gemeinschaftlich zusammen in einem großen Bauernhaus, um die Landarbeit und weitere wirtschaftliche Aufgaben erfüllen zu können (vgl. Beck-Gernsheim 1994b, S. 317). In diese traditionelle Gesellschaft und ihre Vorgaben wurde der Mensch hineingeboren. Man gehörte ein Leben lang einer bestimmten Schicht oder einer bestimmten Religion an, die das Leben weitestgehend vorbestimmten.
Die Fragen nach einem „was bin ich und was will ich“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S.15ff) mussten somit nicht gestellt werden. Die Entscheidungsfreiheit der Menschen über ihr eigenes Leben war stark eingeschränkt. Auf der anderen Seite gaben von der Religion, der Politik oder der Gesellschaft vorgegebene „Normalbiographien“ (Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 13) eine gewisse Sicherheit und Stabilität im Leben. Der Druck, im Leben etwas erreich zu müssen, war nicht vorhanden, denn jeder akzeptierte sein von Gott gegebenes Leben so, wie es war, ohne großartige Veränderungen erreichen zu wollen und zu können (vgl. Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 10ff). Dass Religion eine große Rolle spielte, zeigte sich darin, dass man Krankheit als Strafe Gottes interpretierte, der man durch aktives Handeln nicht entgehen konnte (vgl. Beck-Gernsheim 1994b, S. 318).
Mit der fortschreitenden Industrialisierung lösten sich familiäre Vorsorgungsbezüge zunehmend auf: die strikte Trennung der Klassen und Stände fiel weg, vormals klare Geschlechterrollen wurden aufgelöst, Beziehungen zu Familie und Nachbarschaften wurden brüchig, von der Religion, der Tradition oder vom Staat vorgegebene Lebensvorgaben brachen zusammen (vgl. Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 12).
Zusammenfassung der Kapitel
Individualisierungstheorie: Das Kapitel führt in die soziologischen Prozesse der Individualisierung ein und beleuchtet zentrale Aspekte wie die Bastelbiographie, Leistungsdruck und die Auflösung traditioneller Gemeinschaften.
Die Sportvereine: Hier wird die historische Entwicklung der Sportvereine aufgezeigt und deren traditionelle Merkmale in Bezug auf das gesellschaftliche Bedürfnis nach Individualisierung untersucht.
Kommerzielle Fitnessstudios: Dieses Kapitel fokussiert auf die Entstehung und Verbreitung von Fitnessstudios als Konkurrenz zu Sportvereinen und analysiert, wie diese ihre Angebote an die Bedürfnisse individualisierter Sportler anpassen.
Zusammenfassende Gegenüberstellung von Sportvereinen und Fitnessstudios: Es erfolgt eine vergleichende Analyse der Strukturen und Mitgliederentwicklungen beider Sportanbieter hinsichtlich ihrer Eignung für den individualisierten Sportler.
Empirischer Teil: Auf Basis von drei problemzentrierten Interviews werden die theoretischen Überlegungen zur Identifikation, Leistung, Gemeinschaft und Gesundheitsorientierung in der Praxis überprüft.
Fazit und Ausblick: Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse und ein Ausblick darauf, warum Sportvereine trotz theoretischer Nachteile ihre hohe gesellschaftliche Bedeutung beibehalten.
Schlüsselwörter
Individualisierung, Sportverein, Fitnessstudio, Bastelbiographie, Mitgliederzahlen, Wahlgemeinschaft, Sportnomaden, Leistungssport, Breitensport, Identität, Gemeinschaft, Gesundheit, Körperformung, Ehrenamt, Vereinsstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit untersucht, warum Sportvereine trotz des gesellschaftlichen Trends zur Individualisierung und der starken Konkurrenz durch Fitnessstudios weiterhin einen hohen Stellenwert in Deutschland besitzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit vergleicht Sportvereine und Fitnessstudios anhand soziologischer Konzepte wie der Individualisierungstheorie, der Entwicklung von Bastelbiographien, dem Streben nach Leistung und der Bedeutung sozialer Gemeinschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, welchen Stellenwert Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft einnehmen und ob sie den Anforderungen an flexible, selbstbestimmte Freizeitgestaltung gerecht werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Neben einer theoretischen Analyse soziologischer Literatur wird eine empirische Untersuchung durchgeführt, die auf drei qualitativen, problemzentrierten Interviews mit Sportlern basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Individualisierung dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Sportvereine und Fitnessstudios. Es schließt sich eine Gegenüberstellung sowie ein empirischer Teil zur Überprüfung der theoretischen Annahmen an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Individualisierung, Sportverein, Fitnessstudio, Bastelbiographie, Wahlgemeinschaft, Identität und Gemeinschaft.
Warum schneiden Fitnessstudios in der Theorie besser ab als in der Realität?
Obwohl Fitnessstudios in der Theorie die Anforderungen individualisierter Sportler (Flexibilität, Körperformung) perfekt erfüllen, zeigen die empirischen Ergebnisse, dass soziale Aspekte wie Gemeinschaft und Bindung, die Vereine bieten, für Sportler oft einen höheren Stellenwert einnehmen.
Welche Rolle spielt die "Gemeinschaft" für das Ergebnis der Arbeit?
Die Gemeinschaft stellt sich als das entscheidende Argument heraus, warum Sportler den Verein dem Fitnessstudio vorziehen; soziale Kontakte und Bindungen bieten den Sportlern in einer individualisierten Welt den notwendigen sozialen Halt.
Warum wird der Begriff "Sportnomaden" in der Arbeit verwendet?
Der Begriff beschreibt Sportler der individualisierten Gesellschaft, die häufig zwischen verschiedenen Sportarten und -angeboten wechseln, um ihre eigene Identität (Bastelbiographie) zu konstruieren, ohne sich langfristig festzulegen.
- Quote paper
- Bachelor Nina Obbelode (Author), 2007, Der Stellenwert der Sportvereine in einer individualisierten Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75343