Auf der Grundlage dieser Anregung soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, was die solidarischen Wurzeln der Europäischen Union sind und wie sich diese bis heute entwickelt haben, wie sich parallel der Kohäsionsbegriff ausgebildet hat und in welcher Form diese beiden Begriffe terminologisch miteinander korrespondieren.
Da auch nach ausführlichster Recherche keine Fachliteratur gefunden werden konnte, die die dargestellte Thematik bereits aufgegriffen hat, werden die beiden Kernbegriffe eingangs separiert in ihrer Einwicklung und ihrem Wesen auf der Grundlage der Fachliteratur betrachtet. In einem zweiten Schritt werden für Solidarität konstituierende Merkmale am Kohäsionsbegriff getestet. Nur wenn die Merkmale des Solidaritätsbegriff auch den Kohäsionsbegriff prägen, kann dieser ein aktives funktionales Äquivalent für Solidarität sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Solidarität als Leitbild der europäischen institutionellen Architektur
2 Solidarität in der Europäischen Union
2.1 Ein europäischer Begriff von Solidarität
2.2 Merkmale von Solidarität
2.3 Solidarität als europäisches Rechtsprinzip
3 „Kohäsion“ in der Europäischen Union
3.1 Politik des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts im Überblick
3.2 Instrumente der Kohäsionspolitik
4 „Kohäsion“ als funktionales Äquivalent für „Solidarität“
4.1 Untersuchungsansatz
4.2 Zu den Merkmalen europäischer Solidarität im Kohäsionsbegriff
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die These, dass der Begriff der „Kohäsion“ in der europäischen Bürokratie das ethisch-moralische Solidaritätskonzept zunehmend ersetzt und als funktionales Äquivalent fungiert. Ziel ist es, die solidarischen Wurzeln der Europäischen Union zu analysieren, den Begriff der Kohäsion terminologisch abzugrenzen und zu prüfen, inwieweit Kohäsionspolitik die normativen Merkmale von Solidarität tatsächlich erfüllt.
- Historische und soziologische Grundlagen des Solidaritätsbegriffs
- Solidarität im europäischen Primärrecht (EGV, EUV)
- Struktur und Instrumente der europäischen Kohäsionspolitik
- Funktionalisierung des Solidaritätsbegriffs durch ökonomische Argumentation
- Vergleich der Konzepte Solidarität und Kohäsion anhand definierter Kriterien
Auszug aus dem Buch
Solidarität als Grundkonstante menschlichen Verhaltens
„Solidarität“ umschreibt der Duden als ein Zusammengehörigkeitsgefühl oder Gemeinsinn (Brockhaus 2000, 901). Solidarität ist eine Grundkonstante menschlichen Verhaltens. Das historische Wörterbuch der Philosophie skizziert den Begriff als „die Bereitschaft, sich für gemeinsame Ziele oder für Ziele anderer einzusetzen, die man als bedroht und gleichzeitig als wertvoll und legitim ansieht“ (Wildt 1995: 1004).
Gegenseitige Verpflichtungen in Form von Arbeitsteilungen oder quasi-vertraglichen Übereinkünften über die Gestaltung des Gemeinwesens haben Menschen seit je her getroffen, um ihr Zusammenleben zu planen und die eigene Existenz gegen äußere Einflüsse abzusichern. Der Mensch findet seine „zweite Natur“ in menschlicher Gesellschaft, die ihm das Überleben in einer gefährlichen und komplexen Umwelt erst ermöglicht und sie zu Selbstentfaltung und Individualität befähigt (Gehlen 1986, 15f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Solidarität als Leitbild der europäischen institutionellen Architektur: Das Kapitel führt in die Bedeutung von Solidarität als normativen Wert innerhalb der europäischen Institutionen ein und problematisiert deren Ersetzung durch den Begriff der Kohäsion in politischen Verteilungsdebatten.
2 Solidarität in der Europäischen Union: Hier werden die begrifflichen, historischen und soziologischen Grundlagen von Solidarität analysiert, ihre Verankerung in europäischen Verträgen dargelegt und ein Katalog mit Merkmalen erstellt, die zur Bewertung des Kohäsionsbegriffs dienen.
3 „Kohäsion“ in der Europäischen Union: Das Kapitel erläutert die praktische Umsetzung der Politik des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts sowie die zugehörigen Finanzinstrumente wie Strukturfonds und Kohäsionsfonds.
4 „Kohäsion“ als funktionales Äquivalent für „Solidarität“: In diesem Hauptteil wird die Kernfrage geprüft, ob Kohäsionspolitik die zuvor definierten normativen Merkmale von Solidarität erfüllt oder ob es sich um einen rein funktionalen, bürokratischen Ersatzbegriff handelt.
5 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Kohäsion zwar ein wichtiges funktionales Instrument für den sozialen Zusammenhalt ist, der tiefere ethisch-moralische Gehalt des Solidaritätsgedankens jedoch hinter rationalen, finanzzentrierten Argumentationen in der EU-Politik zurücktritt.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Solidarität, Kohäsion, Kohäsionspolitik, Strukturfonds, Europäisches Recht, Finanzgerechtigkeit, Soziale Integration, Wirtschaftlicher Zusammenhalt, Funktionalisierung, Vertragswerke, Solidaritätsbegriff, Regionale Disparitäten, EU-Erweiterung, Gemeinwohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich das Solidaritätsverständnis in der Europäischen Union gewandelt hat und inwieweit der Begriff „Kohäsion“ als funktionales Äquivalent zu „Solidarität“ fungiert.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die ethisch-moralischen Grundlagen von Solidarität, deren Verankerung in den EU-Verträgen sowie die konkrete Ausgestaltung und Finanzierung der europäischen Kohäsionspolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die kritische Analyse, ob die aktuelle EU-Kohäsionspolitik den normativen Ansprüchen an „Solidarität“ gerecht wird oder diese lediglich durch ökonomische Zweckmäßigkeit ersetzt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor nutzt eine terminologische und fachliteraturbasierte Analyse, um Merkmale von Solidarität zu definieren und diese anschließend auf den Kohäsionsbegriff und die EU-Strukturpolitik anzuwenden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung des Solidaritätsbegriffs von den historischen Wurzeln bis hin zur heutigen EU, der detaillierten Beschreibung der Kohäsionsinstrumente sowie dem systematischen Vergleich beider Begriffe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Europäische Union, Solidarität, Kohäsion, Strukturfonds, normative Werte und Funktionalisierung.
Warum wird Solidarität in der EU oft als unkonkret kritisiert?
Die Arbeit stellt fest, dass Solidarität in den Vertragstexten zwar als hohes Ziel genannt wird, jedoch keine präzise inhaltliche Definition erfährt, was sie für die politische Praxis oftmals zu einem bloßen Schlagwort macht.
Welchen Einfluss hat die EU-Osterweiterung auf die Kohäsionspolitik?
Durch die Erweiterung haben die regionalen Disparitäten zugenommen, was den Bedarf an Strukturförderung erhöht und bei Nettozahlern zu einer Diskussion über die Reform und Begrenzung der Finanzmittel geführt hat.
Inwiefern beeinflusst die EU-Bürokratie den Solidaritätsbegriff?
Die Arbeit deutet an, dass Fachpolitiker und Bürokraten Begriffe wie Kohäsion bevorzugen, da diese mit harten Fakten und Zahlen messbar und steuerbar sind, wohingegen der ethische Gehalt von Solidarität schwerer quantifizierbar ist.
- Quote paper
- Sascha Walther (Author), 2006, "Kohäsion" - Ein funktionales Äquivalent für "Solidarität"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75400