Die „Bewältigung“ der Vergangenheit stellt für die deutsche Gesellschaft heute noch immer ein wesentliches Moment der Selbstreflexion der im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen dar. Die Arbeit beschäftigt sich explizit mit der Form der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 in der Bundesrepublik Deutschland.
Dazu versucht sich der Autor zunächst dem Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“ zu nähern, diesen in seiner Entstehung historisch einzuordnen, auf seine definitorische Brauchbarkeit zu überprüfen. Alternative Begriffsvorschläge werden am Rande thematisiert und der Grund für ihre Nichtdurchsetzung sowohl in der Fach- als auch der Populärwissenschaft oder Publizistik aufgezeigt. Der Aspekt der „Historisierung“ der Verbrechen der Nationalsozialisten, von geschichtlichen Zusammenhängen insgesamt, wird ebenfalls erörtert und auf seine Sinnhaftigkeit untersucht.
Im Anschluss widmet sich der Verfasser einer der vielen Kontroversen um die Bewertung des Ausmaßes der Verbrechen des Nationalsozialismus – dem „Historikerstreit“. Er verdeutlicht, dass sich die Art und Weise des Umgangs mit der deutschen Vergangenheit im Lauf der Geschichte der Nachkriegszeit veränderte, nicht zuletzt durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, deren Interpretation oder der Neuinterpretation älterer Befunde.
Es gilt des weiteren zu klären, wer zum einen die Akteure und was zum anderen deren Motive im Streit (nicht nur) der Historiker waren bzw. wie diese artikuliert wurden. Abschließend steht noch die Frage aus, was von den Debatten um die „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ für die Zukunft bleibt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsstand
2 „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
2.2 Eigener Erklärungsansatz
2.3 Der „Historikerstreit“ oder die Debatte um „die Vergangenheit, die nicht vergehen will“
2.3.1 Schwerpunkte
2.3.2 Vertreter
2.3.3 Eine Konsequenz
3 Schlussbetrachtung
4 Literaturverzeichnis
4.1 Selbstständig erschienene Literatur
4.2 Unselbstständig erschienene Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik Deutschland mit einem besonderen Fokus auf den sogenannten „Historikerstreit“. Ziel ist es, den Begriff historisch und inhaltlich einzuordnen, die Debatte um die Aufarbeitung der NS-Zeit zu analysieren und die Motive der beteiligten Akteure kritisch zu beleuchten.
- Begriffliche Kontextualisierung von „Vergangenheitsbewältigung“
- Analyse der verschiedenen Begriffsbestimmungsansätze (u.a. Müller, Maislinger)
- Untersuchung des „Historikerstreits“ als fortwährende Debatte
- Kritische Auseinandersetzung mit den Positionen von Nolte, Hillgruber, Stürmer und Habermas
- Reflexion über die Bedeutung der Historisierung und Rekontextualisierung
Auszug aus dem Buch
2.3.2.1 Ernst Nolte
Als der Historiker Ernst Nolte, von manchen Kollegen eher als Philosoph bezeichnet, 1980 den Artikel „Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus“ unter dem Titel „Die negative Lebendigkeit des Dritten Reiches“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlichte, der den Gedanken der Priorität der kommunistischen Verbrechen für die Entwicklung der Vernichtungsmaßnahmen der Nationalsozialisten zu extrapolieren versuchte, rechnete er nicht mit einem sechs Jahre später unter anderen Vorzeichen entstehenden Aufschrei in Publizistik und Wissenschaft ob jener These. Zu diesem Zeitpunkt, wohl auch in der abgeschwächteren Darstellungsweise und weniger komplex entfalteten Theorie begründet, erregten seine Äußerungen keinerlei Aufsehen von Übermaß. Dass es 1986 dazu kam, sieht Nolte vor allem einerseits im Regierungswechsel 1982 auf Bundesebene begründet und andererseits in einem europaweit zu beobachtenden Rechtsruck der Gesellschaften, der sich in den Wahlergebnissen geäußert habe, und den damit von Seiten der Linken gehegten Befürchtungen, den eigenen Thesen der 1960er und 1970er Jahre könnte durch brillante Leitartikler wie Michael Stürmer der Rang abgelaufen werden.
Ein Grund für das Entstehen dieser bitteren Kontroverse, die mehr und mehr persönlichen und beleidigenden Charakter annahm, unter dem die wissenschaftliche Qualität der Auseinandersetzung zunehmend litt, ergibt sich u.a. aus der Tatsache, dass im Jahr 1986 aufgrund der eingetretenen, wenn auch in einer ganz anderen Form als ursprünglich vom Initiator beabsichtigten, geistig-moralischen Wende (Helmut Kohl) eine Vielzahl von gleichzeitig erscheinenden Artikeln konservativer Historiker, das Veranstalten von wissenschaftlichen Tagungen zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und deren überwältigendes Medienecho vor dem Hintergrund der zu Tage getretenen neuen oder neu interpretierten Erkenntnisse die öffentliche Debatte befruchtete, aber auch erhitzte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt den Grundstein der Untersuchung, indem sie das Thema der „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik Deutschland definiert und die Forschungsfragen sowie den Aufbau der Arbeit erläutert.
2 „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik Deutschland: Dieses Kapitel widmet sich der begrifflichen Herleitung und Untersuchung der „Vergangenheitsbewältigung“ sowie einer detaillierten Analyse des „Historikerstreits“ samt der Positionen zentraler Akteure.
3 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und reflektiert kritisch über das unaufgeklärte Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit sowie über die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herangehensweise.
4 Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Arbeit herangezogenen Quellen, unterteilt in selbstständig und unselbstständig erschienene Literatur, aufgelistet.
Schlüsselwörter
Vergangenheitsbewältigung, Historikerstreit, Nationalsozialismus, Ernst Nolte, Jürgen Habermas, Andreas Hillgruber, Michael Stürmer, Geschichtsrelativismus, Historisierung, Erinnerungskultur, Bundesrepublik Deutschland, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz, GULag, Aufarbeitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit der Jahre 1933 bis 1945, insbesondere mit der Debatte um den Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ und dem „Historikerstreit“ der 1980er Jahre.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Begriffsgeschichte der „Vergangenheitsbewältigung“, den verschiedenen Ansätzen zur theoretischen Einordnung sowie der Analyse des politischen und historischen Streits unter Intellektuellen und Historikern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine strukturierte Einordnung der Kontroverse, wobei eine kritische Analyse der Argumente verschiedener Akteure im Vordergrund steht, um ein besseres Verständnis des Umgangs der deutschen Gesellschaft mit ihrer NS-Vergangenheit zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen kategorisierenden Erklärungsansatz durch die Synthese bestehender Begriffsbestimmungen, um die Objektivität der Analyse zu fördern und die Debatte methodisch zu strukturieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionen von „Vergangenheitsbewältigung“ (u.a. nach Müller und Maislinger) und untersucht die Positionen von Historikern wie Nolte, Hillgruber und Stürmer sowie die Gegenkritik von Habermas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Vergangenheitsbewältigung, Historikerstreit, Historisierung, Erinnerungskultur und NS-Vergangenheit.
Warum wurde dem Historikerstreit ein so großer Raum gewidmet?
Der Historikerstreit dient als Fallbeispiel für die Schwierigkeit, die deutsche Vergangenheit in der Nachkriegszeit wissenschaftlich und gesellschaftlich zu bewerten, ohne in ideologische Sackgassen zu geraten.
Welche Rolle spielt der Begriff der „Historisierung“ im Kontext der Arbeit?
Der Autor versteht Historisierung als notwendigen Prozess zur wissenschaftlichen Einordnung der Verbrechen, warnt jedoch davor, dass dieser Begriff nicht zur Verharmlosung oder zum Geschichtsrelativismus führen darf.
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- M.A. Michael Kunze (Author), 2004, „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75553