Der europäische Sozialstaat steckt in einer tiefen Krise. Nachdem er in den wirtschaftlich erfolgreichen 70er- und 80er-Jahren immer weiter ausgebaut wurde, müssen sich heute die meisten Sozialdemokratien mit einem Abbau der sozialen Leistungen auseinandersetzen. Der Hauptgrund dieser Krise liegt in der Wandlung der Weltwirtschaft: Vor allem aus Südost-Asien gibt es immer stärkere Konkurrenz für den europäischen Markt. Dies führt zu wirtschaftlicher Stagnation und Arbeitslosigkeit. Diese Krise im Hintergrund, wurden in fast allen Staaten Europas Stimmen laut, welche die Finanzierung des Sozialstaates in der gegenwärtigen Form bezweifeln. Nach ihnen stellen Reformen und Liberalisierung die Lösung dar.
Parallel zu dieser politischen Entwicklung orientierten sich auch einige Philosophen neu. Dem Egalitarismus mit seiner Forderung nach Gleichheit, starkem Staat und Umverteilung entgegenwirkend, fordern die so genannten Non-Egalitaristen eine Abkehr von der Gleichheit und von einem zu starken Sozialstaat. Dafür plädieren sie für eine Stärkung der Selbstverantwortung und mehr Ausrichtung auf den Markt. Ein Vertreter der Egalitarismus-Kritiker ist Wolfgang Kersting. Der 1946 geborene ist Professor für Philosophie und Direktor am Philosophischen Seminar der Universität Kiel. In seinem Buch „Theorien der sozialen Gerechtigkeit“1 skizziert er einen Gegenentwurf zum Egalitarismus, den so genannten Liberalismus sans phrase, welcher an politische Solidarität anstatt Verteilungsgerechtigkeit und Gleichheit appelliert.
In meiner Arbeit werde ich mit Kerstings Aufsatz „Politische Solidarität statt Verteilungsgerechtigkeit – Eine Kritik egalitaristischer Sozialstaatsbegründung“2 beschäftigen. Im Zentrum meiner Ausführung steht die folgende Fragestellung:
Stellt der Liberalismus sans phrase wirklich eine überlegene
Alternative zu den egalitaristischen Theorien dar?
Dabei werde ich zuerst auf Kerstings Kritik am Egalitarismus eingehen. Darauf werde ich den Liberalismus sans phrase umreissen um diesen anschliessend zu diskutieren. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf seine Personentheorie und seine Prinzipien der Solidarität und der Suffizienz konzentrieren. In einem zweiten Teil werde ich unter dem Gesichtspunkt dieser Hauptpunkte Parallelen zwischen Kerstings Liberalismus sans phrase und den Hartz IV-Reformen in der Bundesrepublik Deutschland aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung
2 Kerstings Kritik egalitaristischer Sozialstaatsbegründung
2.1 Zusammenfassung
2.1.1 Die drei distributionsethische Thesen
2.1.2 Kerstings Kritik an den Egalitaristen
2.1.3 Liberalismus sans phrase
2.2 Beurteilung von Kerstings Liberalismus sans phrase
2.2.1 Sprache
2.2.2 Personentheorie
2.2.2.1 Auswirkungen des egalitaristischen Sozialstaates auf den Bürger
2.2.2.2 Kerstings verdienstethischer Naturalismus
2.2.2.3 Schlussfolgerungen
2.2.3 Suffizienz und Solidarität
2.2.3.1 Solidarität
2.2.3.2 Suffizienz
3. Vergleich mit Hartz IV
3.1 Kerstings „expansive Arbeitsmarktpolitik“
3.2 Hartz IV
3.3 Hartz IV und der Liberalismus sans phrase
3.3.1 Selbstverantwortung
3.3.2 Zumutbarkeit und „1-Euro-Jobs“
3.3.3 Suffizienz in Hartz IV
3.3.4 Schlussfolgerungen
4 Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Fundierung des "Liberalismus sans phrase" von Wolfgang Kersting und prüft kritisch, ob dieser eine überlegene Alternative zu egalitaristischen Sozialstaatstheorien darstellt. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwieweit Kerstings Personentheorie und seine Konzepte der Solidarität und Suffizienz in der Realität Bestand haben und sich in praktischen Reformansätzen wie Hartz IV widerspiegeln.
- Kritik am egalitaristischen Sozialstaatsverständnis
- Analyse des Liberalismus sans phrase und des verdienstethischen Naturalismus
- Untersuchung der Konzepte Solidarität und Suffizienz
- Vergleich theoretischer Grundannahmen mit den Hartz IV-Reformen
- Diskussion der Eigenverantwortung und Arbeitsmarktpolitik
Auszug aus dem Buch
2.2.2.1 Auswirkungen des egalitaristischen Sozialstaates auf den Bürger
Nach Kersting bringt ein zu starker, egalitaristischer Sozialstaat schwerwiegende Folgen auf das menschliche Verhalten mit sich. So schieben die Bürger ihre Selbstverantwortung auf den Staat ab, werden unmündig, passiv und nützen aufgrund der dadurch entstehenden Faulheit die Mechanismen des Sozialstaats schonungslos aus. Als weiteres Übel werde auch jegliches Gemeinschaftsleben erodiert. Ist der Mensch im Wohlfahrtstaat also ein egoistischer, fauler und unmündiger Einzelkämpfer? Dazu stelle ich folgende These auf:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Fragestellung: Diese Einführung erläutert die Krise des europäischen Sozialstaats und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob der Liberalismus sans phrase eine bessere Alternative zum Egalitarismus bietet.
2 Kerstings Kritik egalitaristischer Sozialstaatsbegründung: Dieses Kapitel fasst die drei ethischen Grundthesen der Verteilung zusammen und analysiert Kerstings Kritik am egalitaristischen Menschenbild.
3. Vergleich mit Hartz IV: Der Hauptteil untersucht die Parallelen zwischen Kerstings theoretischen Postulaten und der praktischen Umsetzung der Hartz IV-Reformen in Deutschland.
4 Schlussteil: Das Fazit bewertet die Unvereinbarkeit der Ziele von Solidarität und verdienstethischem Naturalismus bei Kersting und plädiert für einen differenzierteren Mittelweg.
Schlüsselwörter
Liberalismus sans phrase, Sozialstaat, Egalitarismus, Solidarität, Suffizienz, Hartz IV, Eigenverantwortung, verdienstethischer Naturalismus, Arbeitsmarktpolitik, Wohlfahrtsstaat, normative Individualismus, soziale Gerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Beurteilung des liberalen Gegenentwurfs zum egalitaristischen Sozialstaat, wie ihn der Philosoph Wolfgang Kersting unter dem Begriff "Liberalismus sans phrase" formuliert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Kritik am Egalitarismus, die Personentheorie des Autors, die Prinzipien der Solidarität und Suffizienz sowie die praktische Anwendung dieser Konzepte im Rahmen der Hartz IV-Reformen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob der von Kersting skizzierte Liberalismus sans phrase tatsächlich eine überlegene Alternative zu egalitaristischen Theorien der sozialen Gerechtigkeit darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kritische Text- und Diskursanalyse, bei der Kerstings theoretische Ansätze anhand philosophischer Argumente hinterfragt und anschließend mit der politischen Praxis (Hartz IV) verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kerstings Personentheorie und eine vergleichende Analyse, in der die Übereinstimmungen zwischen Kerstings Postulaten und der realen Gesetzgebung des SGB II (Hartz IV) herausgearbeitet werden.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Eigenverantwortung", "verdienstethischer Naturalismus", "Kontingenz", "Hilfe zur Selbsthilfe" und "Suffizienzprinzip".
Wie bewertet der Autor Kerstings Argumentation zur Vereinsamung im Sozialstaat?
Der Autor hält Kerstings "Vereinsamungsargument" für konstruiert und realitätsfern; er argumentiert, dass staatliche Unterstützung eine Grundvoraussetzung sein kann, um überhaupt zu postmateriellen Werten und Gemeinsinn zu finden.
Inwiefern stimmen Hartz IV und Kerstings Liberalismus überein?
Die Arbeit stellt fest, dass Hartz IV Konzepte wie das "Fordern und Fördern" sowie die Betonung der Eigenverantwortung und Bedürftigkeitsprüfung fast deckungsgleich mit Kerstings Forderungen nach einem schlanken, marktorientierten Sozialstaat umsetzt.
- Quote paper
- Lucius Taeschler (Author), 2005, Eine Beurteilung von Wolfgang Kerstings Liberalismus 'sans phrase', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75614