Inselmotive in der Kinder- und Jugendliteratur


Seminararbeit, 2005

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Inselmotive in der Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Die Insel als kleines Glück und bergendes Zuhause
2.2 Die Insel als Gefängnis und Ort der Bewährung
2.3 Die Insel als utopisches Gesellschaftsmodell
2.4 Die Insel als Schauplatz von Abenteuern
2.5 Die Insel als Ort von Konfrontation und fremden Begegnungen
2.6 Die Insel als Ort für Rückzug und Zuflucht, als Wunsch- und Freiraum

3. Die Insel als Ort des Rückzugs und der Zuflucht: Katherine Allfrey: Delfinensommer
3.1 Inhalt
3.2 Kalonysos
3.3 Hyria
3.4 Einordnung in das Motiv

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Insel weckt in unseren Köpfen zahlreiche Assoziationen, Phantasien, Wünsche, Träume, Gefühle, aber auch Ängste. Schon seit der Antike existieren Inseln in verschiedenen Sagenkreisen. So verschlug es zu dieser Zeit Odysseus auf seinem Heimweg von Troja zu der Insel Ithaka; von dort aus von einer Insel zur nächsten.[1] In der Literatur gilt die Insel als idealer Tropus von Paradiesvorstellungen. Mit dem Begriff Paradies wird zum einen die biblische Ursprungsstätte der Menschheit, zum anderen das christliche oder nichtchristliche Jenseits bezeichnet.[2]

Der Aufenthalt auf diesen Inseln scheint endgültig, denn mit dem Betreten der Inseln lassen die Menschen ihr altes Leben hinter sich. Die Insel verkörpert somit das Jenseits, als Gegenstück zum Diesseits und gilt als Vorparadies.[3] Paradiesische Inseln haben somit einen transzendentalen Charakter.[4]

Die Inseln werden als schönstmögliche Orte dargestellt. Die Beschreibung von diesen Orten setzt sich aus stereotypischen Merkmalen, wie grüne, saftige Wiesen, Bäume voller Früchte und klare Quellen mit reinem Wasser, zusammen. Auf diesen Inseln gibt es kein Leiden, keinen Hunger und Durst, keine Krankheiten und keinen Tod; alles scheint vollkommen.[5]

Inseln verfügen immer über eine besondere Symbolkraft. Sie können als Urraum bezeichnet werden. Schon immer haben diese Orte eine magische Wirkung auf die Menschen besessen. Inseln können für uns besondere Bedeutungen haben, denn es gibt viele unterschiedliche Inselerscheinungen. Die Erwartungshaltung, mit der wir eine Insel betreten, ist individuell abhängig davon, ob wir diesen Ort freiwillig betreten oder wir zu einem Aufenthalt gezwungen werden.[6]

Wie eine Insel auf ihren Betrachter wirkt, hängt sowohl von der jeweiligen Perspektive des Betrachters ab, wie auch vom historischen Kontext.[7] Im Mittelalter galt die Insel als ein öder Ort von Verlassenheit und Verbannung, von Gefangenschaft und sozialer Ausgrenzung. Zu dieser Zeit hatte daher die Insel als Motiv der Literatur kaum Bedeutung. Die Insel, die im Mittelalter als Symbol für Buße galt, wirkte in diesem Zusammenhang noch bis in die Zeit des Barock. Der zu dieser Zeit entstandene Bericht von Henry Neville über „Die Insel der großen Familie Pines“ galt als Grundmuster für viele darauf folgende Inselromane.[8]

Heute hingegen löst die Vorstellung von einer einsamen, ruhigen Insel oftmals starkes Fernweh bei uns aus. Inseln erhalten erst dadurch ihren besonderen Charakter, wie sie von uns gesehen werden und was wir mit ihr in Verbindung bringen. Inseln gelten als in sich geschlossene Gegenwelten. Auch räumlich sind sie durch das Wasser von der Außenwelt abgeschirmt.[9]

Der zweite April 1768 gilt als “magisches Datum“ für die Inselliteratur. An diesem Datum entdeckte der französische Weltreisende de Bougainville einen Berg im Wasser, den er „Le Boudoir“ nannte. Dies ist der Hauptberg der Insel Tahiti. Nach dieser Entdeckung war den Menschen die Möglichkeit gegeben, dem Alltag zu entfliehen und durch einen Besuch der Insel all die Bedürfnisse nach dem Paradies, einer idyllischen Welt zu befriedigen.[10] Seit demher gelten Inseln als Orte des Idylls, wurden Objekte der Sehnsucht, unerfüllbarer Wünsche und Utopie. Im neunzehnten Jahrhundert fand das Inselmotiv häufig Ausdruck in zahlreichen Abenteuerromanen. Die Insel wurde damit zum dichterischen Allgemeingut. Sie wurde zu einer Metapher, einem Bild, welches auf verschiedenste Arten dargestellt werden konnte.[11] Mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren und sind Inseln ohne weiteres zu erreichen. Der früher schon fast unerreichbare Wunsch nach Stille, Einsamkeit, Idylle, - dem Paradies - ist heute dem Fortschritt gewichen, Inseln jederzeit zugänglich zu machen. Fast alle damals unberührten Inselparadiese sind heute Teil der Tourismusbranche. Dies wird beispielsweise in dem Werk “Inseln der Illusionen“ von dem Maler Gaugin und dem Abenteurer Robert James Fletcher beschrieben.[12]

Inseln wecken in uns jedoch nicht nur Fernweh und den Wunsch nach einem Paradies, sondern ebenfalls Ängste. Inseln können auch Orte von Angst und Gefangenschaft sein. Das Inselmotiv der Gefangenschaft hat sich ebenfalls in der Literatur etabliert. Das wohl bekannteste und in der Literatur oft aufgegriffene Inselgefängnis ist Alcatraz. Durch ihre Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit war Alcatraz ein idealer Ort; für den Gefangenen war es fast unmöglich, diesen Ort zu verlassen. Diese Insel gab ihren Bewohnern das Gefühl von Einengung und Unterdrückung. Der Aufenthalt auf diesen Inseln kann dazu dienen, die eigene Identität wieder zu finden und sich seine Schwächen einzugestehen. Damit ist sie ein idealer Ort der Buße.[13] Die Insel Alcatraz ist ein real- existierender Ort. Neben diesen real- existierenden Inseln gibt es in der Literatur zahlreiche fiktive Inseln, welche über keine genauen geographischen Angaben verfügen und oftmals nur in unserer Phantasie existieren.

Zu diesen geographisch nicht fixierten Inseln gehören u.a. Platons „Atlantis“, Lukians „Insel der Seeligen“ sowie Morus „Utopia“.[14]

In dieser Arbeit möchte ich näher auf die Motive und Typen von Inseln eingehen, die in der Kinder- und Jugendliteratur zu finden sind. Besonders interessant dabei ist, welche Bedeutung die Insel an sich für den/die jeweiligen Protagonisten hat und inwiefern ihre Handlung durch die jeweilige Insel beeinflusst wird. Diesen Aspekt werde ich an einem Beispiel untersuchen.

In dem Buch „Von Robinson bis Lummerland. Die Insel als Motiv der Kinder- und Jugendliteratur“ werden verschiedene Motive von Inseln in der Kinder- und Jugendliteratur genannt, die ich im folgenden beschreiben werde. Beschrieben werden folgende Motive:

- Die Insel als kleines Glück und bergendes Zuhause
- Die Insel als Gefängnis und Ort der Bewährung
- Die Insel als utopisches Gesellschaftsmodell
- Die Insel als Schauplatz von Abenteuern
- Die Insel als Ort für Rückzug und Zuflucht, als Wunsch- und Freiraum
- Die Insel als Ort von Konfrontation und fremden Begegnungen

Ich habe mir eines der Motive herausgesucht, welches ich anhand eines Beispiels näher beschreiben werde. Gewählt habe ich das Motiv „Die Insel als Ort für Rückzug und Zuflucht, als Wunsch- und Freiraum“, welches ich an dem Beispiel “Delfinensommer“ von Katherine Allfrey genauer untersuchen werde.

2. Inselmotive in der Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Die Insel als kleines Glück und bergendes Zuhause

Bei diesem Motiv wird die Insel als Sinnbild für einen Ort gesehen, der den Bewohnern Geborgenheit gibt und deutlich macht, was Heimat bedeutet. Die meisten dieser Inseln sind oft winzig und fallen daher kaum auf. Sie sind sogar so winzig, dass nur ein paar Häuser oder gar nur ein Leuchtturm auf ihnen Platz finden. Doch gerade diese Begrenztheit des Raumes ist es, was diese Inseln so überschaubar und gemütlich erscheinen lassen. Die Lebenszusammenhänge auf diesen Inseln sind wenig kompliziert; das Leben geht in einem ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus vor sich. Die Bewohner dieser Inseln sind meist sehr glücklich und zufrieden, denn trotz des kleinen Raumes auf der Insel haben sie alles was sie zum Glücklichsein brauchen. Dies gibt ihnen ein sicheres Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Grafisch wird diese Art von Inseln meist in der Form eines Schneckenhauses dargestellt. Dies soll den Insulanern Schutz vor der Außenwelt geben, die die Idylle des Ortes zerstören könnten.

Es gibt dennoch Situationen, die manchen Insulaner dazu zwingen, die Insel für eine bestimmte Zeit zu verlassen. Genau dann wir die Insel zu einem Ort der Sehnsucht, denn die Betroffenen sehnen sich immer wieder nach ihrer Insel.[15]

In der deutschen Kinder- und Jugendliteratur finden sich zu diesem Motiv u.a. folgende Werke:

- Michael Ende: Lukas der Lokomotivführer
- Lukas Hartmann: So eine lange Nase
- James Krüss: Der Leuchtturm auf den Hummerklippen
- Max Kruse: Urmel aus dem Eis[16]

2.2-Die Insel als Gefängnis und Ort der Bewährung

Zu diesem Motiv lässt sich die wohl bekannteste Insel der Weltliteratur zählen, die Robinsoninsel, die mit dem Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Delfoe große Bedeutung erlangte. Da es nach dieser Erzählung zahlreiche Nachahmungen gab, wird diese Gattung Robinsonade genannt. Diese Orte lassen sich meist durch besondere Abgeschiedenheit und damit ihrer isolierten Lage charakterisieren. Auch bei diesem Motiv gibt es bestimmte Gemeinsamkeiten, durch welche die Inseln ihre spezifische Bedeutung erhalten. Ein besonderes Charakteristikum ist, dass die Aufenthalte auf diesen Inseln meist nicht freiwillig sind, sondern die Protagonisten dazu gezwungen sind, auf der Insel zu verweilen. Am Anfang eines jeden Aufenthaltes steht die Insel immer für einen Ort der reinen Gefangenschaft und Bedrohung. Der Protagonist ist auf sich allein gestellt und muss versuchen, sein Überleben zu sichern. Die Insel wird zudem oftmals als feindliche Fremde angesehen; die Protagonisten wenden ihre Gedanken sehnsuchtsvoll in die Ferne, in ihr altes Zuhause, weg von diesem bedrohlichen, fremden Ort. Die Außenwelt scheint jedoch schier unerreichbar, was den Protagonisten zu dem Gedanken veranlasst, aufzugeben. Nach einem anfänglichen Schock tritt in den meisten Fällen eine Phase der Eingewöhnung ein. Die Insel wird von dem Protagonisten erkundet und Schritt für Schritt in Besitz genommen. Dieser Ort wird nach einiger Zeit sogar als neue, vertraute Heimat angesehen.[17] Müssen sich Menschen gegen ihren Willen auf einer Insel aufhalten, so erleben sie diesen Ort oftmals als Gefängnis. Literarische Werke zeichnen sich dadurch aus, dass das Individuum die Einsamkeit nicht gewohnt ist und unter der Verlassenheit und Abgeschiedenheit von der Außenwelt leidet. Der Einsame sehnt sich nach nichts mehr, als nach einem Mitmenschen, einem Freund. Hinzu kommen jedoch oftmals große Ängste, vor allem, wenn ein Mensch lange Zeit allein auf einer Insel verbracht hat und dann plötzlich fremde Menschen hinzu stoßen. Dieses Phänomen wird besonders in Delfoes Roman „Robinson Crusoe“ deutlich. In diesem spielt auch das Bild des Gottsuchenden eine bedeutende Rolle. Für die Personen, die allein und unfreiwillig auf der Insel verweilen, zeichnet sich nach und nach eine neue Erkenntnis ab, die Erkenntnis des “Ichs“. Die Insel wird somit zum Ort der Selbstkenntnis und daraus resultierend einer inneren Wandlung, wie auch bei Robinson.[18]

[...]


[1] Vgl. Meyer, Lothar: Von Insel zu Insel. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Insel 2004. S. 260

[2] Vgl. Clarke, Thurston: Die Insel. Eine Welt für sich. München: Piper 2004. S. 11

[3] Vgl. Ebd.: S. 16

[4] Vgl. Ebd.: S. 38

[5] Vgl. Ebd.: S. 18f.

[6] Vgl. Ebd.: S. 2

[7] Vgl. Von Robinson bis Lummerland. Die Insel als Motiv in der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von der Internationalen Jugendbibliothek. München: Internationale Jugendbibliothek 1995. S. 3

[8] Vgl. Meyer 2004: S. 261

[9] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 4

[10] Vgl. Meyer 2004: S. 262f.

[11] Vgl. Ebd.: S. 264

[12] Vgl. Ebd.: S. 265

[13] Vgl. Clarke 2004: S. 3

[14] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 2

[15] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 5

[16] Vgl. Ebd.: S. 8 - 11

[17] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 23

[18] Vgl. Clarke 2004: S. 118

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Inselmotive in der Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V75683
ISBN (eBook)
9783638755788
ISBN (Buch)
9783638770378
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inselmotive, Kinder-, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Kim-Christin Janßen (Autor), 2005, Inselmotive in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75683

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