Nonverbale Kommunikation als Lerngegenstand in Rhetorikseminaren


Hausarbeit, 2007
62 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

0. Inhalt

1. Einführung

2. Nonverbale Kommunikation genauer betrachtet
2.1 Historische Grundlagen
2.2 Aktualität der Thematik
2.3 Nonverbale Kommunikation-was steckt dahinter?
2.3.1 Die Gestik
2.3.2 Die Mimik
2.3.3 Das Blickverhalten

3. Funktionen nonverbaler Kommunikation

4. Ist nonverbale Kommunikation lehr- und lernbar?

5. Methodische Gesichtspunkte

6. Gesprächskompetenz

7. Der Erwerb kommunikativer Fähigkeiten

8. Was ist das Ziel von Kommunikationstrainings?

9. Ein Trainingsprogramm
9.1 Durchführung des Trainingsprogramms

10. Übertragung auf ein Rhetorikseminar

11. Analyse eines praktischen Beispiels
11.1 Analyse der Rede anhand der Videoaufzeichnung
11.2 Analyse der Diskussion anhand der Videoaufzeichnung
11.3 Analyse des Feedbacks anhand des Transkripts

12. Schlussbemerkung

13. Literatur

14. Eigenständigkeitserklärung

15. Anhang

1. Einführung

Im Rahmen des Seminars „Gespräche analysieren“ haben wir uns mit verschiedenen Aspekten von Gesprächsanalyse beschäftigt. Diese Hausarbeit soll eine Vertiefung eines der von uns behandelten Themen darstellen. Zu Anfang soll ein kurzer historischer Abriss stehen. Folgend wird die Aktualität dieses Themas verdeutlicht, wobei auch zu klären sein wird, was genau nonverbale Kommunikation überhaupt bedeutet und was diese alles impliziert. An dieser Stelle sollen auch pädagogische und psychologische Betrachtungen ihren Platz finden. Zudem soll ein Konzept bzw. Vorschläge entwickelt werden, wie man kommunikative Kompetenzen für den Gebrauch im Alltag wie auch in Redesituationen vermittelt. Schließlich soll die Analyse eines Beispiels folgen, an der ich versuchen werde, vorangegangene Erkenntnisse festzumachen. Daneben werde ich überprüfen, ob die von mir herausgearbeiteten nonverbalen Kompetenzen Benennung finden und zu vermitteln versucht werden.

2. Nonverbale Kommunikation genauer betrachtet

2.1. Historische Grundlagen

Die Forschungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation haben sich nach Sager und Bührig[1] anfangs ohne direkten Bezug zum Sprachlichen entwickelt. Schon in der antiken Rhetorik finden sich Belege für die Beschäftigung mit nonverbaler Kommunikation. Hierbei gliederte sich die Rede in verschiedene Teile: Die Erfindung (inventio), die Gliederung (dispositio), die Darstellung der Gedanken (elocutio), das Memorieren (memoria) und der Vortrag (actio). Gerade im Bereich der actio spielte dann die nonverbale Kommunikation, und in ihr die Mimik, Gestik und Körperhaltung, eine große Rolle.

Die ersten Ansätze einer Theoriebildung finden sich bei Theophrast (371-287 v.Chr.). Jedoch hat erst mit der römischen Herennius-Rhetorik eine wirkliche systematische Ausarbeitung eingesetzt. Diese liegt etwa zeitgleich mit der Rhetorik Ciceros (106-43 v.Chr.) vor. Die ausführlichste Behandlung der actio in der Antike findet sich bei Quintilian (35-100 v.Chr.),der von Ciceros Redekunst und Stil geprägt war. Die Theorie der actio[2] beruht auf der Erkenntnis, dass sich jede Regung des Gemüts in der äußeren Erscheinungsweise des Redners niederschlagen muss. So befasst man sich innerhalb der actio mit der wirkungsvollen stimmlichen Vortragsweise, wie auch mit der Haltung und Bewegung des Körpers.

Darwins (1874) Behandlungen jedoch kommen unserem heutigen Verständnis nonverbaler Kommunikation wohl am nächsten und finden sich in seinem Werk über den „Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren“. Genau diese Arbeit war es, die den Anstoß zu derartigen Forschungen gab und bis heute an Wirkung nicht eingebüßt hat. Hierin finden sich auch erste Ansätze der Problematik, ob nonverbales Verhalten angeboren oder gelernt sei. Heute geht man davon aus, dass beide Aspekte eine Rolle spielen. Ebenfalls an dieser Stelle zu nennen sei, nach Ellgring[3], Magnus (1885), der über die „Sprache der Augen“ schrieb. Auf dieser Basis erlebte die Kommunikationsforschung, nach Sager und Bührig[4], in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung. Dabei wurden neben den Komponenten der Mimik und Gestik auch Bereiche wie Körperhaltung, Blickkontakt und Distanzverhalten in Einzeluntersuchungen behandelt. Dies führte zum Einsetzen des Trends, Mündlichkeit als Gegenstand der Linguistik anzuerkennen, was unter anderem zu einer verstärkten Diskussion der Korpus- und Transkriptionsproblematik führte. Die in den späten 60er Jahren gegründete Forschungsstelle für gesprochene deutsche Standardsprache des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim entwickelte verschiedene Transkriptionssysteme, die sich jedoch nur dem verbalen Teil von Gesprächen widmeten. Dennoch wurden auch Transkriptionssysteme entwickelt, die nonverbale Aspekte berücksichtigten oder sich ihnen speziell widmeten. Aber auch in den letzten Jahrzehnten sieht Kalverkämper[5] noch weitere Veröffentlichungen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. So hat Jean-Claude Schmitt (1990) ein Buch mit dem Titel „Die Logik der Gesten im europäischen Mittelalter“ verfasst, das sich mit der Gestik in alter Zeit beschäftigt. Darin weist er darauf hin, dass die Gestik zu dieser Zeit innerhalb eines festen, konventionalisierten Rahmens definiert war, wenn sie von gesellschaftlichem Gewicht sein sollte. Dieses kultivierte und informierte Werk wird für jeden Wissenschaftler, der sich mit dieser Thematik beschäftigt, als bekannt vorausgesetzt. Zur Zeit lässt sich nach Ellgring[6] beobachten, dass Anwendungsaspekte auf diesem Gebiet immer weiter in den Vordergrund treten. So beschäftigt man sich in der klinischen Psychologie, der Organisationspsychologie und beim Verhaltenstraining mit dieser Thematik, die man ebenso zur Verbesserung sozialer Fertigkeiten nutzen kann.

2.2 Aktualität der Thematik

Gespräche lassen sich nach Sager und Bührig[7] nicht umfassend analysieren, solange man sich allein auf den verbalen Teil in ihnen beschränkt. Dies soll nicht bedeuten, dass man in jeder Situation alle Dimensionen nonverbaler Kommunikation berücksichtigen muss, dennoch ist sie ein Teil jeden Gespräches und soll als solcher Anerkennung finden.

Vor allem im pädagogischen Bereich erkennt man zunehmend die Relevanz von nonverbaler Kommunikation als Träger interpersonaler Beziehungsbotschaften. Es lässt sich nur schwer abstreiten, dass interpersonale Botschaften starke Einflüsse auf jegliche Art von Kommunikation haben. Daher liegt die Relevanz nonverbaler Kommunikation auf der Hand. In dieser nichtsprachlichen Art der Verständigung spielen Gefühle, Einstellungen und Beziehungen ebenso eine Rolle wie sie die Vermittlung von Inhalt und die Steuerung von Prozessen beeinflusst.

2.3 Nonverbale Kommunikation-was steckt dahinter?

Der Terminus „nonverbale Kommunikation“ hat sich nach Scherer[8] (1979) weitgehend eingebürgert, scheint aber eher eine Verlegenheitslösung zu sein. Da es sich dabei um eine „Non“-Definition handelt, könnte der Eindruck entstehen, dass es sich dabei um kein eigenständiges Phänomen handelt, sondern dass es sich nur in der Abgrenzung zu verbaler Kommunikation definieren lässt. Zudem sind Missverständnisse vorprogrammiert, da sich unter dem Begriff nonverbaler Kommunikation nicht nur sichtbare Verhaltensweisen, wie z.B. Mimik und Gestik versammeln, sondern auch hörbare Komponenten wie z.B. Sprechstil und Stimmqualität. Darüber hinaus spielt eine Rolle, was der Inhalt der Nachricht ist, welche Absicht der Sprecher verfolgt, wie sein Ausdruck und wie der Eindruck ist. Elemente, die in diesem Gebiet betrachtet werden sind also neben Mimik und Gestik auch Blickverhalten, Körperhaltung, Stimme, interpersonale Distanz, räumliches Verhalten, Gang, Geruch, Körperwärme und Tastempfinden. Weitere Merkmale können Kleidung, Haartracht und die Gestaltung der persönlichen Umgebung sein. Da diese sich im Verlauf der Interaktion jedoch eher selten verändern, sollen sie auch nur am Rande Betrachtung finden.

Um diesen Missverständnissen vorzubeugen, haben Laver und Hutcheson 1972 eine Ergänzung der Begrifflichkeiten um die Termini vokal und nonvokal vorgeschlagen.

2.3.1 Die Gestik

Die nach Ellgring[9] eng mit der Sprache verknüpfte Gestik ist der Teil des nonverbalen Verhaltens, der am häufigsten bewusst geübt wird. Dies lässt sich bereits im Altertum bei Quintilian in seiner Lehre vom Gestus erkennen. Zudem wird zwischen sprachbezogenen Gesten und Manipulationen unterschieden. Sprachbezogene Gesten beinhalten objektgerichtete Bewegungen und Illustratoren. Diese akzentuieren als Taktgeber das Gesagte, skizzieren als Ideographen den Gedankenfluss, verweisen als deiktische Bewegungen auf ein Referenzobjekt, bilden als rhythmische Bewegungen zeitliche Aspekte ab, verweisen als spatiale Bewegungen auf räumliche Relationen, bilden als Kinetographen verschiedene Handlungen und als Piktographen verschiedene Objekte ab. Des Weiteren können Gesten als Embleme die gesprochene Sprache ersetzen.

Manipulationen unterteilen sich in körpergerichtete Bewegungen und Adaptoren. Den körpergerichteten Bewegungen sind kontinuierliche Bewegungen und diskrete Körperberührungen zuzuordnen. Adaptoren gelten eher als sprachunabhängige Bewegungen und stehen in Beziehung zu allgemeiner emotionaler Erregung. Dies zeigt sich in selbstbezogenen, objektbezogenen und personenbezogenen Bewegungen.

2.3.2 Die Mimik

Unter Mimik versteht man die sichtbaren Bewegungen der Gesichtsoberfläche. Diese Bewegungen sind meist kurzdauernde Aktionen und Ausdruck psychischer Prozesse, die damit an andere übermittelt werden. Man geht davon aus, dass das mimische Repertoire ein angeborenes Verhaltenspotential ist, da man schon bei Neugeborenen mimische Reaktionen beobachten kann. Die Fertigkeiten, Emotionen bewusst und willkürlich in der Mimik darzustellen, werden jedoch erst im Laufe der Jahre erlernt und sind im Alter von 9-13 Jahren nur unzureichend ausgebildet. Versucht man die Mimik zu kontrollieren und beispielsweise zu lächeln, obwohl einem nicht danach zumute ist, wird dies aufgrund der Mimik „durchsickern“. Dies zeigt, dass eine Kontrolle der Mimik nur begrenzt möglich ist.

2.3.3 Das Blickverhalten

Im Gegensatz zur Mimik, die eher an emotionale Prozesse gebunden ist, koppelt sich das Blickverhalten vielmehr an kognitive Prozesse. So schreibt man ihm eine Überwachungs-, Regulations- und Ausdrucksfunktion zu. Des Weiteren werden durch Blicke Kommunikationsbereitschaft und –vermeidung angezeigt. Dabei wurde festgestellt, dass der Zuhörer den Sprecher mehr anschaut als umgekehrt. Auf der anderen Seite blendet der Sprecher, während er sich in Denkprozessen oder in der Sprachvorbereitung befindet, bestimmte visuelle Informationen, die ihm sein Gegenüber vermittelt, aus, um sich zu entlasten. Ist er dann wieder weniger Beanspruchung ausgesetzt, kann er die visuellen Informationen seines Zuhörers wieder aufnehmen.

3. Funktionen nonverbaler Kommunikation

Eine wesentliche Funktion nonverbalen Verhaltens sieht Ellgring[10] in der Reduktion von Unsicherheit durch die Übertragung von Informationen vom Sender zum Empfänger. Zudem kann dieses Verhalten auf parasemantischer Ebene den Inhalt ersetzen, ihn erweitern, ihm widersprechen und verändern. Auf parasyntaktischer Ebene kann nonverbale Kommunikation Ausdruck innerer Zustände sein oder auch Aufmerksamkeit vermitteln. Die dialogische Funktion zeigt sich in der Regulation des Interaktionsverlaufes und der Definition der Beziehung der Personen zueinander.

4. Ist nonverbale Kommunikation lehr- und lernbar?

Nach Ellgring[11] ist nonverbale Kommunikation oder auch nonverbales Verhalten schwieriger zu kontrollieren als die Sprache. Nonverbale Signale sind oft mehrdeutig, was es schwierig für den Interaktionspartner macht, eine sichere Interpretation zu wagen. Dies kann jedoch auch von Vorteil sein, da sich so mehrere Bedeutungen anbieten, auf die der Handelnde nicht festgelegt werden kann. So kann er etwas, das ihm aufgrund bestimmter nonverbaler Verhaltensweisen unterstellt wird, einfach abstreiten und auf eine Fehlinterpretation verweisen. In diesem Fall spricht man von einer hohen Negotiabilität. Des Weiteren ist es wichtig zu wissen, dass nonverbales Verhalten nicht direkt gelehrt und gelernt wird, sondern dass zumindest ein Teil dessen angeboren ist und man im Laufe des Lebens lediglich lernt, es zu kontrollieren. Jedoch muss man auch hier Unterscheidungen treffen, da z.B. die Mimik eher affektgebunden ist und somit angeborene Anteile stärkeres Gewicht haben als z.B. bei der sprachgebundenen Gestik.

An dieser Stelle mag man vielleicht denken, dass man zu mancher Zeit überhaupt keine nonverbalen Signale von sich gibt und deshalb auch nicht kommuniziert. Dies ist jedoch, kann man Watzlawik glauben, nicht möglich. Seiner Meinung nach kann man sich nicht „nicht verhalten“. Und wenn man sich immer auf irgendeine Art und Weise verhält, dann kommuniziert man auch immer. Ähnliche Ausführungen finden sich bei Nöth[12] (zitiert nach Heilmann), der die Meinung vertritt, dass die potentiellen Botschaften des Körpers allenfalls durch die Abwesenheit der Person ihres Senders zum Schweigen gebracht werden können.

In diesem Aspekt findet sich nach Ellgring[13] auch der Grund für Seminare, die eben dieses Bewusstsein für die Relevanz nonverbaler Kommunikation in jeglichen Situationen ausbilden wollen. Auf dieser Grundlage kann man dann soziale Kompetenzen ausbilden.

Schließlich sei auch noch zu erwähnen, dass es niemals möglich sein wird ein allgemeingültiges Lexikon über nonverbales Verhalten und dessen Bedeutung zu erstellen, da der Gebrauch verschiedener Signale immer individuenspezifisch ist und so einer individuellen Deutung bedarf.

5. Methodische Gesichtspunkte

Da mimisches Geschehen sehr schnell und zudem auf einer komplexen Ebene abläuft, kann man es nur aufgrund von Videoaufnahmen interpretieren. Es wäre nur begrenzt möglich im Alltag auf derartige Phänomene zu achten. Zudem ist unsere Verarbeitungskapazität begrenzt, was uns allenfalls einen ganzheitlichen Eindruck ermöglicht.

Ebenso kann man die restlichen Aspekte der nonverbalen Kommunikation, wie z.B. die Gestik besser anhand von Videoaufnahmen analysieren und interpretieren, da man auf diese Weise Situationen wiederholt ansehen und dabei auf alle Anzeichen achten kann.

6. Gesprächskompetenz

Da nonverbale Kommunikation ein Teil der Gesprächskompetenz ist und man weit häufiger Seminare und Trainings unter ihrem Namen findet, wird an dieser Stelle zu klären sein, was genau Gesprächskompetenz überhaupt bedeutet und inwieweit nonverbale Kommunikation in ihr Betrachtung findet.

Der Begriff der Gesprächskompetenz beinhaltet verschiedene Kompetenzen, die in den unterschiedlichsten Bereichen hilfreich und wirkungsvoll sind. So soll gezeigt werden, welche entscheidende Rolle die Gesprächskompetenz im Alltag, wie auch im Bereich von Rhetorikseminaren spielt. In diesem Sinne soll nicht nur der Begriff der Gesprächskompetenz geklärt, sondern auch ihre Vermittlung in Seminaren angesprochen werden.

Becker-Mrotzek und Brünner[14] (2004) betonen die Wichtigkeit von Gesprächskompetenz als Schlüsselqualifikation. Sie umfasst Fähigkeiten, wie die, sich in Interaktionen situations- und partnergerecht zu verhalten, sich angemessen darzustellen, seine Gesprächs- und Handlungsziele im Auge zu behalten, aufmerksam zuzuhören, Äußerungen der Gesprächspartner richtig zu interpretieren und aufzunehmen.

Auch Deppermann[15] (2004) hat sich mit der Thematik der Gesprächskompetenz beschäftigt und fasst hierzu Kompetenz wie folgt zusammen: Sie ist individuell zuzuschreiben, beinhaltet ein Repertoire von Alternativen, kann eine unbestimmte Menge von Handlungen regelbasiert erzeugen, ist kognitiv verankert und normativ abgegrenzt. Des Weiteren verweist er auf Hymes (1987), der die kommunikative Kompetenz als die Fähigkeit zum angemessenen Sprachgebrauch in unterschiedlichsten Kommunikationssituationen beschrieb. Daneben spielen außer den linguistischen Fähigkeiten auch poetische, argumentative, narrative, nonverbale und kommunikationspsychologische Eigenschaften wie Mut, Empathie oder Vertrauen eine Rolle. Zudem ist kommunikative Kompetenz für Hymes hochgradig milieu- und kontextspezifisch.

Ferner schlägt Hymes die Differenzierung von vier ontologischen Ebenen im Zusammenhang mit der Bestimmung kommunikativer Kompetenzen vor:

1. Die faktische Kompetenz, die das tatsächliche Handeln einer Person thematisiert.
2. Die ideale Kompetenz, die nach dem erwünschten Handeln fragt.
3. Die mögliche Kompetenz, die sich damit beschäftigt, welches Handeln mit Hilfe von Beratung und Training zu erreichen ist.
4. Die situativ-institutionelle Ebene, die überprüft, welches Handeln unter den gegebenen Umständen realisierbar ist.

In diesen einzelnen Punkten finden sich Gründe für das Scheitern vieler Seminare zur Verbesserung der Gesprächskompetenz. So kann es vorkommen, dass Beispiele besprochen werden, die im Alltag der Teilnehmer nicht vorkommen, was sie auch daran hindern wird, die erarbeiteten Vorschläge zu realisieren. Des Weiteren kann die mögliche Kompetenz überschätzt und die Realisierbarkeit der Vorschläge außer Acht gelassen werden.

7. Der Erwerb kommunikativer Fähigkeiten

Becker-Mrotzek und Brünner[16] (2004) unterstellen einen Zusammenhang von kommunikativen Erfordernissen und Gesprächssituationen. So ist die Gesprächssituation bestimmt durch die beteiligten Personen mit ihren Identitäten, Affekten, sozialen Beziehungen und Kognitionen, wie auch durch die kommunikativen Zwecke des jeweiligen Gesprächstyps. Diese beiden Faktoren sind wiederum in bestimmte institutionelle Bedingungen eingebunden. Daraus ergeben sich für den Handelnden kommunikative Erfordernisse, Beschränkungen und Möglichkeiten. Diese lassen sich als Anforderungen an die kognitiven, kommunikativen und affektiven Kompetenzen verstehen. Um diese Handlungsanforderungen zu bewältigen, sind spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten unerlässlich. Diese Fähigkeiten lassen sich nach Wissenstypen unterscheiden. Hier spielen Überzeugungen, Einstellungen und Dispositionen, die jeder Gesprächsteilnehmer mit in das Gespräch bringt, eine Rolle. Zudem geht es um ein explizites Wissen über Sprache und Kommunikation, aufgrund dessen die Beteiligten ihr Gespräch führen. Auch ist Wissen über institutionelles Handeln ein wichtiger Aspekt. Daneben sind Formulierungs- und Artikulationsfähigkeit, Interpretationsfähigkeit und Handlungsroutinen zu nennen.

Ferner gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade kommunikativen Handelns, die sich in den folgenden Dimensionen zeigen. Die Komplexität der Gesprächsfunktionen und –strukturen beschreibt äußere Bedingungen und Anforderungen, die der Handelnde beachten muss. Auch kann es widersprüchliche Handlungsanforderungen geben. Planbarkeit, Bestimmtheit und Kontrollierbarkeit der Anforderungen spielen eine wichtige Rolle. Außerdem sind thematische Schwierigkeit und Handlungsspielräume zu beachten. Zuletzt seien auch die Anzahl der beteiligten Gesprächspartner und der Grad der persönlichen Involviertheit genannt.

8. Was ist das Ziel von Kommunikationstrainings?

Kommunikationstrainings sollen nach Hartung[17] die Gesprächskompetenz der Teilnehmer verbessern. Dabei sollen die Teilnehmer zu einer besseren Wahrnehmung ihres Gesprächspartners gelangen und die Gesprächssituation besser einzuschätzen lernen. Daneben lernt er, dass Ausdrucksverhalten seines Gegenübers, welches sich durch Körper, Stimme und Sprechweise zeigt, bewusster wahrzunehmen und zu interpretieren. Zudem soll überprüft werden, wie sich der Einzelne in konkreten Situationen verhält und wie angemessen dieses Verhalten ist. Stellt sich an dieser Stelle heraus, dass es wirksamere Verhaltensweisen gibt, soll das Repertoire des Teilnehmers um diese Verhaltensweise erweitert werden. Auf der anderen Seite sollen nicht zielfördernde Verhaltensweisen verändert oder unterlassen werden. Zuletzt soll der Teilnehmer lernen, dass schon kleinste Veränderungen seines Ausdrucksverhaltens große Wirkungen erzielen können.

9. Ein Trainingsprogramm

Oschmann[18] erstellte ein Trainingsprogramm mit dem eine Verbesserung im Bereich der nonverbalen Fähigkeiten erreicht werden soll. Dazu hält er in einem Zeitraum von 10 Wochen wöchentlich drei Seminarstunden ab. Dabei werden Informationen über Körpersprache gelesen und mit persönlichen Erfahrungen verknüpft, um die Sensibilität zu verbessern. So teilt sich das Programm in zwei Teile:

1. Ein Referat von Untersuchungen zu Gesichtsausdruck, Augenverhalten, Gestik, Körperhaltung und Distanzverhalten.
2. Praktische Übungen mit dem Ziel, auf der Erfahrungsebene eine Sensibilität für eigene und fremde nonverbale Verhaltensweisen zu erreichen.

Grundlage für die praktischen Übungen ist die Analyse von ausdrucksstarken Photos, wodurch sich die Fähigkeit der Identifizierung von Emotionen erhöht. Dies wird durch die Korrelation der Fähigkeit eigene Gefühle nonverbal auszudrücken mit der Fähigkeit den eigenen und fremden Ausdruck zu identifizieren bestätigt. Daher sind Ausdrucksübungen ein wichtiger Bestandteil des Programms. In diesen Ausdrucksübungen haben die Teilnehmer die Aufgabe, eine Reihe von Gefühlen durch verschiedene nonverbale Verhaltensweisen auszudrücken. Diese Übungen werden aufgezeichnet, um sie später als Hilfsmittel zur Rückmeldung der eigenen Ausdrucksfähigkeit zu nutzen. Hierbei ist ein externales Feedback durch andere Teilnehmer ebenso von Bedeutung wie ein internales Feedback, das der Teilnehmer durch Körpersensibilitätsübungen bekommt, da diese Übungen das Bewusstsein für den eigenen Körper, seine Anspannungen und Bewegungen steigern. Des Weiteren sollen in diesen Übungen Situationen geschaffen werden, die den Teilnehmern aus den zuvor referierten Untersuchungen bekannt sind. Wichtig ist auch, dass das Angstniveau der Teilnehmer gering ist, da eine negative Korrelation von Sensibilität für nonverbale Signale mit dem Angstniveau festgestellt wurde.

9.1 Durchführung des Trainingsprogramms

Das Programm ist für eine Gruppe von 8 bis 16 Personen konzipiert, da diese Größe überschaubar ist und Gelegenheit zu Aussprache, Feedback und praktischen Übungen bietet. Um eine geeignete Grundlage für die gemeinsame Arbeit zu bilden ist es wichtig am Anfang des Programms Kommunikationsregeln einzuführen. Dies schafft ein positives und entspanntes Klima, welches es leichter macht, die eigene und fremde nonverbale Kommunikation anzusprechen. Da bei nonverbalen Verhaltensweisen hauptsächlich Emotionen angesprochen werden, ist diese Grundlage von großer Bedeutung. Auf der Ebene der Arbeitsweise soll es sowohl Einzel- als auch Gruppenarbeit geben. Bei der Arbeit in der Gruppe muss jedes Mitglied zur nächsten Sitzung ein Kapitel über nonverbale Kommunikation lesen und evtl. praktische Hausaufgaben dazu erledigen. Zu Anfang der nächsten Sitzung können dann etwaige Fragen geklärt und individuelle Erfahrungen mit den Hausaufgaben diskutiert werden. Die Kontrolle des Lernprozesses findet über eine Rückmeldung jedes Teilnehmers statt, der berichtet, was er in der Gruppe erlebt hat, was er gut fand und was nicht. Dieser Weg bietet die Möglichkeit störende Variablen auszuschalten.

[...]


[1] Sven Sager/ Kristin Bührig (2005). Einleitung. In: Kristin Bührig/ Sven Sager (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. Nonverbale Kommunikation im Gespräch. Bd.70. Osnabrück. S.5-18.

[2] Gert Ueding (1992). Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd.1. Tübingen: Niemeyer-Verlag.

[3] Heiner Ellgring (2000). Nonverbale Kommunikation. In: Heinz Rosenbusch: Körpersprache in der schulischen Erziehung. Hohengehren. S.15-51.

[4] Sven Sager/ Kristin Bührig (2005). Einleitung. In: Kristin Bührig/ Sven Sager (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. Nonverbale Kommunikation im Gespräch. Bd.70. Osnabrück. S.5-18.

[5] Hartwig Kalverkämper (1994). Die Rhetorik des Körpers: Nonverbale Kommunikation in Schlaglichtern. In: Joachim Dyck/ Walter Jens/ Gert Ueding (Hrsg.): Jahrbuch Rhetorik. Körper und Sprache. Bd.13. Tübingen. S.131-170.

[6] Heiner Ellgring (2000). Nonverbale Kommunikation. In: Heinz Rosenbusch: Körpersprache in der schulischen Erziehung. Hohengehren. S.15-51.

[7] Sven Sager/ Kristin Bührig (2005). Einleitung. In: Kristin Bührig/ Sven Sager (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. Nonverbale Kommunikation im Gespräch. Bd.70. Osnabrück. S.5-18.

[8] Klaus Scherer (1979). Zur Einführung. In: Klaus Scherer/Harald Wallbott: Nonverbale Kommunikation: Forschungsberichte zum Interaktionsverhalten. Weinheim. S.11-13.

[9] Heiner Ellgring (2000). Nonverbale Kommunikation. In: Heinz Rosenbusch: Körpersprache in der schulischen Erziehung. Hohengehren. S.15-51.

[10] Heiner Ellgring (2000). Nonverbale Kommunikation. In: Heinz Rosenbusch: Körpersprache in der schulischen Erziehung. Hohengehren. S.15-51.

[11] Ebd.

[12] Christa Heilmann (2005). Der gestische Raum. In: Kristin Bührig/ Sven Sager (Hrsg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. Nonverbale Kommunikation im Gespräch. Bd.70. Osnabrück. S.117-136.

[13] Heiner Ellgring (2000). Nonverbale Kommunikation. In: Heinz Rosenbusch: Körpersprache in der schulischen Erziehung. Hohengehren. S.15-51.

[14] Michael Becker-Mrotzek/ Gisela Brünner (2004). Einleitung. In: Analyse und Vermittlung von Gesprächskompetenz. Frankfurt am Main. S.7-13.

[15] Arnulf Deppermann (2004). ‚Gesprächskompetenz’ - Probleme und Herausforderungen eines möglichen Begriffs. In: Michael Becker-Mrotzek/ Gisela Brünner (Hrsg.): Analyse und Vermittlung von Gesprächskompetenz. Frankfurt am Main. S.15-28.

[16] Michael Becker-Mrotzek/Gisela Brünner (2004). Der Erwerb kommunikativer Fähigkeiten: Kategorien und systematischer Überblick. In: Analyse und Vermittlung von Gesprächskompetenz. Frankfurt am Main. S.29-46.

[17] Martin Hartung (2004). Wie lässt sich Gesprächskompetenz wirksam und nachhaltig vermitteln? Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis. In: Analyse und Vermittlung von Gesprächskompetenz. Frankfurt am Main. S.47-66.

[18] Stefan Oschmann (1986). Sensibilität für nonverbale Kommunikation. Ein experimentell überprüftes Trainingsprogramm zur Verbesserung der nonverbalen Sensibilität. Würzburg. S.105-110.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Nonverbale Kommunikation als Lerngegenstand in Rhetorikseminaren
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
62
Katalognummer
V75698
ISBN (eBook)
9783638883566
ISBN (Buch)
9783638884822
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: plausible Gedankenführung, fundierte Analyse, plausibler Vergleich zwischen Theorie und Praxis Anhang besteht aus dem analysierten Transkript
Schlagworte
Nonverbale, Kommunikation, Lerngegenstand, Rhetorikseminaren
Arbeit zitieren
Patricia Liebling (Autor), 2007, Nonverbale Kommunikation als Lerngegenstand in Rhetorikseminaren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75698

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