Väter behinderter Kinder. Situation, Beratungs- und Hilfsangebote


Examensarbeit, 2007
98 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Familien behinderter Kinder
1.1 Die Lebenssituation von Familien mit einem behinderten Kind
1.1.1 Reale Veränderungsdimension
1.1.2 Emotionale Veränderungsdimension
1.1.3 Soziale Veränderungsdimension
1.1.4 Behinderung als Chance
1.2 Die Auseinandersetzung mit der Behinderung
1.2.1 Phasenmodelle
1.2.1.1 Das Spiralphasen-Modell nach Schuchardt
1.2.1.2 Kritische Würdigung der Phasenmodelle
1.2.2 Das ABCX-Modell nach Hill
1.2.3 Das doppelte ABCX-Modell nach McCubbin und Patterson
1.2.4 Kritische Würdigung der ABCX-Modelle

2 Männer
2.1 Männliche Sozialisation
2.2 Bewältigungsmuster des Mannseins
2.3 Bewältigungsprinzipien des Mannseins
2.3.1 Das Prinzip der Externalisierung
2.3.2 Die Prinzipien Benutzung und Gewalt
2.3.3 Das Prinzip der Stummheit
2.3.4 Das Prinzip des Alleinseins
2.3.5 Das Prinzip der Körperferne
2.3.6 Das Prinzip der Rationalität
2.3.7 Das Prinzip der Kontrolle

3 Väter
3.1 Vom Paar zur Familie
3.1.1 Erleben der Vaterschaft
3.1.2 Auswirkungen auf die Paarbeziehung
3.2 Vaterschaftskonzepte
3.2.1 Erweiterung und Modernisierung der Vaterrolle
3.2.2 Pluralität der Vaterschaftskonzepte
3.2.3 Vorstellungen von Vaterschaft
3.3 Die Vater-Kind-Beziehung
3.3.1 Einflussfaktoren des Vaters
3.3.2 Einflussfaktoren der Mutter
3.3.3 Einflussfaktoren der Paarbeziehung
3.3.4 Einflussfaktoren des Kindes
3.3.5 Umweltfaktoren und Kontextbedingungen

4 Väter behinderter Kinder
4.1 Das Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie
4.2 Mangelnde gesellschaftliche Anerkennung des Vaters
4.3 Gebrochene Bewältigungsprinzipien männlicher Identität
4.3.1 Kontrollverlust
4.3.2 Verlust der Zukunftsmacht
4.3.3 Gewaltverbot
4.3.4 Zugangsverbot nach „innen“
4.3.5 Flucht in die Rationalität und Abstraktion
4.4 Chancen die sich für Väter behinderter Kinder ergeben
4.4.1 Auflösung des Dilemma der Autonomie
4.4.2 Herausforderung zum verstärkten Elternsein
4.4.3 Sinnfindung
4.5 Hilfe zur Selbsthilfe

5 Beratungs- und Hilfsangebote für Väter behinderter Kinder
5.1 Ziele
5.2 Einbindung in die Familienbildung
5.2.1 Aufgaben der Familienbildung
5.2.2 Gesetzliche Grundlagen der Familienbildung
5.2.3 Formen der Familienbildung und beteiligte Einrichtungen
5.2.4 Arten von Familienbildung
5.2.5 Ansatzpunkte der Familienbildung
5.2.6 Männer und Familienbildung
5.2.6.1 Besonders benachteiligte Männer
5.2.7 Väter behinderter Kinder und Familienbildung
5.2.7.1 Recherche zur Situation von Beratungs- und Hilfsangeboten für Väter behinderter Kinder
5.2.7.2 Inanspruchnahme von Beratungs- und Hilfsangeboten durch Väter behinderter Kinder
5.2.8 Zusammenfassung
5.3 Erleichterung der Inanspruchnahme von Beratungs- und Hilfsangeboten für Väter behinderter Kinder
5.3.1 Niedrigschwelligkeit
5.3.1.1 Räumliche Niedrigschwelligkeit
5.3.1.2 Inhaltlich-interaktionelle Niedrigschwelligkeit
5.3.1.3 Personale Niedrigschwelligkeit
5.3.1.4 Situative Niedrigschwelligkeit
5.3.1.5 Interkulturelle Niedrigschwelligkeit
5.3.2 Weitere Faktoren
5.3.2.1 Männliche Dozenten und geschlechtshomogene Gruppen
5.3.2.2 Etablierung von speziellen Angeboten für Väter behinderter Kinder als festen Bestandteil der Familienbildung.
5.3.2.3 Ausrichtung an unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen
5.3.2.4 Zeitliche Gestaltung
5.3.2.5 Ressourcenorientierung
5.4 Didaktik und Methodik
5.4.1 Veranstaltungen für Väter behinderter Kinder des Erzbistums Köln
5.4.2 Segeltörn der Deutschen Kinderhospizakademie
5.4.3 Schlussfolgerung
5.5 Häuser für Kinder und Familien – ein inklusives Modell zur Beratung und Unterstützung von Vätern behinderter Kinder?
5.5.1 Häuser für Kinder und Familien
5.5.2 Ein „Raum“ für Väter von behinderten Kindern
5.5.3 Zum Beispiel die Beratungsstelle Mann-O-Meter
5.5.4 Nachhaltige Integration von Vätern in Häuser für Kinder und Familien
5.5.4.1 Häuser für Kinder und Familien „väterfreundlich“ gestalten
5.5.4.2 Männer aktivieren
5.5.4.3 Programme für Väter behinderter Kinder entwickeln
5.5.4.4 Beteiligung der Väter aufrechterhalten

6 Beispielhafte Beratungs- und Hilfsangebote für Väter behinderter Kinder
6.1 Vätertreffen der Bildungs- und Erholungsstätte Langau e. V.
6.1.1 Zielgruppe
6.1.2 Leitung
6.1.3 Rahmenthema
6.1.4 Ziele
6.1.5 Ablauf und Programm
6.1.6 Resonanz und Rückmeldungen
6.1.7 Zentrale Elemente
6.2 Eltern-Selbsthilfegruppe Ostwind
6.2.1 Die Eltern-Selbsthilfegruppe
6.2.2 Monatstreffen und Frühstücksbrunchs
6.2.3 Unternehmungen und Urlaubsgemeinschaften
6.2.4 Müttertreffen und Väterstammtisch
6.2.5 Ablauf des Väterstammtisches
6.2.6 Zentrale Elemente
6.3 Segeltörn für Väter mit lebensverkürzend erkrankten oder gestorbenen Kindern der Deutschen Kinderhospizakademie
6.3.1 Konzeption und Ablauf
6.3.2 Zentrale ElementeVermeidung

7 Zusammenfassung und Fazit

7.1 Zusammenfassung

7.2 Fazit

Literatur

wunschkind

da

bist du

nun also

das kind

das ich mir

gewünscht habe

und bist

nun so

wie ich

es mir

niemals

wünschte

Dorothee Zachmann

Die Geburt des Wunschkindes

Die Bedeutungen von Kindern haben sich im vergangenen Jahrhundert grundlegend gewandelt. Kinder sind für die materielle Absicherung und Unterstützung der Eltern nicht mehr wichtig. Ihre Arbeitskraft ist für die Familie im Zuge tiefgreifender ökonomischer Strukturveränderungen keine Bereicherung mehr. Auch haben Kinder nicht mehr die Funktion eines „sozialen Netzes“ für ihre Eltern. Fürsorge bei Krankheit, Erwerbslosigkeit oder im Alter wurde zu einem großen Teil institutionalisiert und professionalisiert; sie ist nicht mehr selbstverständliche Pflicht der Nachkommen. Stattdessen werden Kinder für ihre Eltern mehr und mehr zum finanziellen Risiko (Stork 2005).

Die emotionale Bedeutung der Kinder hingegen hat zugenommen. Die Geburtenplanung ermöglicht eine bewusste Entscheidung für oder wider Elternschaft. Fortschritte im medizinischen Bereich haben die Kindersterblichkeit verringert. Eltern können es sich heute leisten, eine tiefgehende emotionale Beziehung zu ihrem Nachwuchs aufzubauen. Mit dem Kinderwunsch verbindet sich immer mehr der Wunsch nach Sinn, Erfüllung und Glück (Stork 2005): „Kinder machen Freude und Spaß, erweitern die Persönlichkeit, die eigene Kompetenz und

das Selbstwertgefühl, machen glücklich, stolz, gehören einfach zu einer Familie dazu…“ (Werneck 1997, 277). Noch ungeboren und ungezeugt sind Kinder heute bereits „Kristallisationspunkt elterlicher Imaginationen“ (Götz 1997a, 146): Sie werden mit Wünschen und Hoffnungen besetzt. Dem Kind aus Fleisch und Blut voraus geht der Traum vom perfekten Wunschkind, vom „Glücksbringer“ und „Sinnstifter“(Götz 1997a, 147).

Abschied vom Wunschkind

Nur wenige (oder keine?) Kinder entsprechen dem Ideal des Wunschkindes voll und ganz. In einem Prozess der Annäherung werden überhöhte Vorstellungen allmählich an das wirkliche Kind angeglichen.

Was aber geschieht, wenn „Ist-Kind“ und „Soll-Kind“ ganz und gar unvereinbar scheinen? Was ist, wenn das Wunschkind mit einer Behinderung geboren wird? Was bedeutet es für Eltern ein behindertes Kind zu haben? Was erwartet sie? Wie verändert sich ihr Leben? Wie kommen sie mit der Situation klar?

Die Forschung hat sich in den letzten Jahren in zunehmendem Maße mit den Eltern behinderter Kinder beschäftigt (Engelbert 1999, 11). Das Interesse wissenschaftlicher Untersuchungen galt allerdings lange Zeit fast ausschließlich den Müttern behinderter Kinder. Bis in die achtziger Jahre wurden die Väter behinderter Kinder von der Wissenschaft nahezu ignoriert (Eckert 1999, 39ff). Die Annahme, dass Väter von der Behinderung ihres Kindes weniger berührt werden als Mütter war einer der Gründe dafür: Da sich Männer – gemäß traditioneller Vorstellungen – nach außen hin eher sachlich und beherrscht geben und es oft vermeiden Gefühle zu zeigen, ging man von einem geringeren Maß an Betroffenheit aus. Den Vätern wurde auch zugute gehalten, dass sie durch ihre berufliche Tätigkeit weniger mit der Behinderung konfrontiert wären und so mehr Möglichkeiten zum Rückzug hätten (Engelbert 1999, 90). Mittlerweile gibt es empirische und kasuistische Untersuchungen zur Situation und zum Erleben von Vätern behinderter Kinder (z. B. Hinze 1993; Kallenbach 1997 und Kallenbach 1999a). Es wurde nachgewiesen, dass durch die Behinderung Väter wie auch Mütter in ihrer gesamten Lebenssituation betroffen sind. Die oft tiefgreifenden psychosozialen und physischen Belastungen, denen Familien durch das behinderte Kind ausgeliefert sind, prägen auch die Gefühlswelt des Vaters, beeinträchtigen dessen Selbstverständnis und verändern seine Lebenseinstellung (Kallenbach 2004). Aus Berichten von Vätern behinderter Kinder geht hervor, dass ihr Erleben von starken Gefühlen der Angst, Unsicherheit und Bedrohung bestimmt wird (Kallenbach 1999a). Sie betrachten den Umstand der Behinderung ihres Kindes als einen „Anschlag auf ihr Ich“ und fühlen sich in ihrer männlichen Identität bedroht (Kallenbach 1999b). Vätern fällt es oft schwer, über die Behinderung des Kindes und ihre persönliche Betroffenheit mit anderen zu reden. Beratungs- und Hilfsangebote sollen Väter behinderter Kinder bei der Bewältigung ihrer Lebenssituation unterstützen und begleiten.

Fragestellung und Struktur der Arbeit

Thema dieser Arbeit sind Beratungs- und Hilfeangebote für Väter behinderter Kinder. Um solche Angebote verstehen und bewerten zu können, ist es notwendig die Lebenssituation von Vätern behinderter Kinder näher zu betrachten. Väter behinderter Kinder sind keine homogene Gruppe. Dennoch gibt es, abgesehen von der Tatsache ein behindertes Kind zu haben, universelle Gemeinsamkeiten:

Väter behinderter Kinder sind Teil einer Familie.[1]

Väter behinderter Kinder sind Väter.

Da sie Väter sind, sind sie auch Männer.

Väter behinderter Kinder sind Teil einer Familie. Kapitel 1 beschäftigt sich mit der Frage, zu welchen Veränderungen, Belastungen und Herausforderungen es in der Familie durch die Geburt eines Kindes mit Behinderung kommen kann. Mit den Reaktionsweisen der Eltern auf die Behinderung haben sich zahlreiche Studien beschäftigt. Verschiedene Modelle versuchen die Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozesse zu beschreiben. Es sollen geeignete Modelle identifiziert werden, die zu einer bedarfsgerechten Gestaltung von Beratungs- und Hilfsangeboten für Väter behinderter Kinder herangezogen werden können.

Väter behinderter Kinder sind Männer. Sie unterliegen männlicher Sozialisation. Ihr gesamtes Denken und Handeln wird von ihrem Mannsein bestimmt. Kapitel 2 erläutert die grundlegenden Prozesse männlicher Sozialisation; dabei werden Prinzipien, mit Hilfe derer Männer ihr Mannsein „bewältigen“ – ihre Identität behaupten – genauer betrachtet. Wie sich zeigen wird, können diese Bewältigungs­prinzipien durch die Behinderung eines Kindes in Frage gestellt und sogar außer Kraft gesetzt werden.

Väter behinderter Kinder sind Väter. Kapitel 3 befasst sich mit Konzepten und Vorstellungen von Vaterschaft und den damit verbundenen Aufgaben und Funktionen. Empirische Ergebnisse sollen Einblick geben, wie Männer die erste Zeit ihrer Vaterschaft erleben. Weiter werden mögliche Veränderungen der Paarbeziehung durch die Geburt eines Kindes dargestellt. Wie sich zeigen wird, wollen sich Väter in zunehmendem Maße an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Ob dies gelingt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, die am Ende des Kapitels skizziert werden.

Kapitel 4 schließlich handelt von Vätern behinderter Kinder. Herausforderungen und Belastungen, denen Väter behinderter Kinder aufgrund ihrer Sozialisation sowie ihrer Stellung und Funktion in der Gesellschaft bzw. in der Familie ausgesetzt sind, werden vorgestellt. Durch die Behinderung können Väter ihre männliche Identität in Frage gestellt sehen. Die in Kapitel 2.3 beschriebenen Prinzipien zur Bewältigung des Mannseins verlieren an Wirksamkeit. Es werden „gebrochene“ Prinzipien beschrieben, mit denen sich Väter behinderter Kinder auseinandersetzen müssen. Neben Belastungen und Einschränkungen bringt das Leben mit einem behinderten Kind auch Chancen mit sich; auf diese wird am Ende des Kapitels eingegangen. Damit Väter diese Chancen nutzen können, ist es notwendig, ihnen mit Beratung und Hilfe zur Seite zu stehen.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit Beratungs- und Hilfsangeboten für Väter behinderter Kinder. Es wird erläutert, was unter diesen Angeboten zu verstehen ist und welche Ziele mit ihnen verfolgt werden. Beratungs- und Hilfeangebote – so die Auffassung dieser Arbeit – sind größtenteils Angebote der Familienbildung. Aus diesem Grund werden die wesentlichen Bestandteile der Familienbildung skizziert und es wird untersucht, wo sich Angebote für Väter behinderter Kinder im System der Familienbildung verorten lassen. Des Weiteren werden Faktoren erörtert, welche Vätern die Inanspruchnahme von Beratung und Hilfe erleichtern. Schließlich wird am Beispiel der „Häuser für Kinder und Familien“ dargestellt, wie Väter in die familienorientierte Bildungsarbeit nachhaltig eingebunden werden können.

In Kapitel 6 werden drei Beratungs- und Hilfsangebote für Väter behinderter Kinder aus der Praxis vorgestellt. Diese Angebote sollen Anregungen für die Gestaltung ähnlicher Programme geben und zeigen, welche Gesichtspunkte bei der Konzeption und Durchführung solcher Angebote beachtet werden müssen.

Kapitel 7 schließlich fasst die zentralen Erkenntnisse dieser Arbeit zusammen und schließt mit einem Fazit.

1 Familien behinderter Kinder

Ich hätte es nie geglaubt

Wir haben uns so innig

in dir verloren.

Ich meinte, in einen Abgrund zu stürzen,

als sie uns sagten,

dass du dein ganzes Leben

behindert sein würdest.

Ich hätte es nie geglaubt,

dass gerade du

uns den Weg zeigst,

wie wir miteinander umgehen können

in Liebe

und ohne Worte,

derer du nicht mächtig bist.

Roland Kampe

1.1 Die Lebenssituation von Familien mit einem behinderten Kind

„Ein behindertes Kind verändert den Alltag seiner Familie radikal“ (Seifert 1997, 237). Dabei ist es bemerkenswert, dass die Behinderung eines Familienmitglieds so weitreichende Auswirkungen zu haben scheint, dass ein „Familienproblem“ (Engelbert 1999, 17) entstehen kann. Hinze geht sogar davon aus, dass Familien durch Angehörige mit Behinderung zu „Sonderfamilien“ werden (1993, 13).

Vorschnelle Pauschalisierungen, Etikettierungen und Unterstellungen sollen hier vermieden werden. Fest steht, dass Familien in denen behinderte Kinder leben, mit potentiell belastenden Veränderungen konfrontiert werden. Thurmair unterscheidet zwischen einer realen und einer emotionalen Veränderungsdimension (1990, 51f). In Anlehnung an diese Kategorien werden im Folgenden denkbare Belastungen und Herausforderungen dargestellt. Ob es im konkreten Fall tatsächlich zu diesen Veränderungen kommt, wird durch eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren bedingt (z. B. Art und Schweregrad der Behinderung, Persönlichkeits- und Charaktermerkmale der Familienmitglieder, Interaktionsprozesse innerhalb der Familie, Umgang mit Krisensituationen, finanzielle Mittel usw.). Die Situation von Familien mit behinderten Angehörigen ist zudem von externen Unterstützungs- und Hilfeleistungen abhängig. Ob und inwieweit Familien durch die Behinderung eines Angehörigen belastet werden, steht demnach nicht unabänderlich fest, sondern wird von zahlreichen Einflüssen mitbestimmt.

1.1.1 Reale Veränderungsdimension

Der Pflege- und Betreuungsaufwand eines behinderten Kindes ist oft erheblich. Mit zunehmendem Alter nehmen die erforderlichen Aufwendungen oft kaum ab. Sorgearbeit kostet Zeit und Kraft, sie greift tief in den Lebensalltag der Bezugspersonen ein. Fehlen ausreichende Re­ge­nerations­mög­lich­keit­en, so kommt es leicht zu physischen und psychischen Erschöpfungszuständen der Pflegepersonen. Besteht die Notwendigkeit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung des Kindes, wie dies bei schwereren Behinderungen manchmal der Fall ist, so bringt dies zudem erhebliche Belastungen mit sich (Engelbert 1999, 19).

Durch die Behinderung kann das familiäre Gleichgewicht gefährdet und wechselseitige Beziehungen der Familienmitglieder (z. B. Partnerbeziehung, Geschwisterbeziehung) gestört werden (Hinze 1993, 14f). Die Tatsache ein behindertes Kind zu haben, wirkt auf das Rollenverständnis der Familienmitglieder. Die Eltern treffen Herausforderungen und Belastungen unvorbereitet, da unsere Gesellschaft keine kulturellen Traditionen im Umgang mit Behinderung etabliert hat und so keine Normen oder Regeln für die Bewältigung einer derartigen Situation existieren (Engelbert 1999, 31). In vielen Familien kommt es zu einer traditionellen Rollenverteilung – auch dann, wenn die Partner zuvor eher egalitär eingestellt waren (Beuys 1984, 74). Etwa 70-80 Prozent der Mütter behinderter Kinder sind nicht erwerbstätig (Seifert 2003,46). Neben den damit verbundenen Implikationen, welche vor allem die Situation der Mütter betreffen (vgl. Seifert 2003, 43-46), hat der Verzicht auf ein zweites Einkommen nachteilige Folgen für die finanzielle Situation der Familien. Auch unter Berücksichtigung steuerlicher Entlastungen und Sozialleistungen liegt ihr Haushaltseinkommen noch deutlich unter dem durchschnittlichen Einkommen anderer Familien (BMAS 1998, 100, zit. n. Seifert 2003, 46). Hinzu kommen unter Umständen erhebliche finanzielle Belastungen, welche durch die Versorgung, Förderung und Therapie des Kindes entstehen können (z. B. Fahrtkosten, Anschaffung von Hilfsmitteln, Inanspruchnahme bestimmter Therapie- und Fördermaßnahmen, Spezialmöbel, Umbaumaßnahmen usw.).

1.1.2 Emotionale Veränderungsdimension

Die Behinderung des Kindes führt bei den Eltern häufig zu tiefgehenden emotio­nal­en Belastungen. Unsicherheit, Ängste und Enttäuschungen, aber auch das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation, beherrschen oftmals das Erleben von Vätern und Müttern. Durch die Behinderung können ihr persönliches Selbstverständnis, ihre Lebenseinstellungen und Wertorientierungen grundsätzlich in Frage gestellt sein (Hinze 1993, 14).

Wie bereits angeklungen ist, entspricht ein behindertes Kind den Wünschen und Hoffnungen seiner Eltern nicht (Hinze 1993, 13). Die jähe Diskrepanz zwischen elterlichen Vorstellungen und dem tatsächlichen Kind wird häufig als Schock erlebt; die Behinderung erscheint als sinnloses Verhängnis, als Unglück oder Strafe. Anstelle des Wunschkindes sehen sich die Eltern mit einem „Sorgenkind“ konfrontiert, das sie in ein Gefühlschaos aus Hilflosigkeit, Abwehr, Schuldempfinden, Aggression und Enttäuschung stürzen kann. Da die Eltern mit dem Kind ihren eigenen – und den gesellschaftlichen – Erwartungen nicht gerecht werden können, kommen sie sich in vielen Fällen unzulänglich vor: Sie erleben die Behinderung als persönliches Versagen (Götz 1997a, 146f).

Die veränderte Lebenssituation zwingt viele Väter und Mütter von persönlichen Lebensentwürfen, Träumen und Zielen Abschied zu nehmen. Sie sehen sich mit lebenslanger Elternschaft konfrontiert, beklagen das Verschwinden ihres Privatlebens und finden sich nunmehr hauptsächlich in den Dienst des Kindes gestellt (Götz 1997a, 148ff). Persönliche Interessen und Wünsche müssen hinten angestellt werden und können nur noch unter erschwerten Bedingungen Berücksichtigung finden.

Angesichts der unklaren Entwicklungsperspektive des Kindes wird die Zukunft unsicher. Eine latente Zukunftsangst begleitet deshalb zahlreiche Eltern. Auch nach dem Rückgewinn einer gewissen Alltagsroutine und der Reduzierung realer Belastungen bleibt die Angst vor dem Morgen häufig bestehen. Erst die Ausein­andersetzung mit dem Lebenssinn verhilft vielen Eltern zu neuer Gelassenheit und Zuversicht (Götz 1997a, 151f): „Viele Lebensgeschichten zeigen, daß mit der Rückgewinnung neuer Sinndefinition auch die Kraft zur Alltagsbewältigung wächst und die Zukunft in dem Maße offener und wieder sinnvoller wird, wie es gelingt, die festgefahrenen Vorstellungsbilder vom behinderten Kind zurückzunehmen“ (Götz 1997a, 152).

1.1.3 Soziale Veränderungsdimension

Die Behinderung betrifft die gesamte Lebenssituation der Eltern. Sie ist deshalb nicht nur ein persönliches, sondern auch ein soziales und gesellschaftliches Problem (Hinze 1993, 14): „Die Art und Weise, wie die Eltern auf die Behinderung ihres Kindes reagieren, sich damit auseinandersetzen und damit fertigzuwerden versuchen, ist in erster Linie davon bestimmt, wie sie sie subjektiv wahrnehmen und bewerten. Dabei spielt allerdings nicht nur ihre jeweils spezifische persönliche Eigenart eine Rolle, sondern ebenso die Eigenart ihrer speziellen sozialen Umgebung sowie der Gesellschaft, in der sie leben. […] Die Reaktionsformen der Eltern werden von Einstellung und Verhalten der Angehörigen, Freunde und Bekannten, der Fachleute und anderer betroffener Eltern sowie fremder Personen stark mitbestimmt“ (Hinze 1993, 15).

Es ist deshalb sinnvoll, die beiden Veränderungsdimensionen von Thurmair (1990) um eine soziale Dimension zu erweitern.

Das Leben mit einem behinderten Kind ist in vielen Fällen mit erhöhter sozialer Abhängigkeit und sozialer Kontrolle verbunden. Eltern müssen sich mit tatsächlichen und vermeintlichen Erwartungen ihres Umfelds auseinandersetzen. Sie sind selbstauferlegtem und äußerem Förderdruck ausgesetzt: Häufig glauben Väter und Mütter es ihrem Kind, der Gesellschaft und sich selbst schuldig zu sein, alle nur erdenklichen Anstrengungen zur Unterstützung der Entwicklung unternehmen zu müssen. Die Eltern verfolgt das Gefühl, in „Beweispflicht“ zu stehen und ständig Fortschritte bzw. positive Entwicklungen nachweisen zu müssen (Götz 1997a, 154f). Stagniert die Entwicklung des Kindes hingegen oder kommt es gar zu Rückschritten, so empfinden Eltern dies oftmals als persönliches Versagen. Um nicht „Rechenschaft leisten“ zu müssen, ziehen sich manche Väter und Mütter zurück und meiden den Kontakt zu anderen (Götz 1997a, 154).

In der Lebenssituation von Eltern behinderter Kinder werden gesellschaftliche Widersprüche im Bezug auf Rollenerwartungen an Väter und Mütter und den Leitbildern von Familie und Kindheit besonders sichtbar: Entscheiden sich Mütter allen Belastungen zum Trotz für eine Berufstätigkeit, so verstoßen sie gegen das Leitbild der „perfekten Mutter“ und gegen die Idealisierung des Kindes, welches in der Gesellschaft als Sinnmitte glorifiziert wird. Verzichten Frauen hingegen auf eine berufliche Tätigkeit und widmen sie sich voll und ganz der Erziehung und Pflege der Kinder, so kann das als Verrat an der beruflichen Selbstverwirklichung und am Leitbild der selbständigen, unabhängigen Frau aufgefasst werden (Götz 1997a, 155f). Mit ähnlich widersprüchlichen Rollenvorstellungen werden auch die Väter konfrontiert: Beteiligen sich Väter von Kindern mit Behinderung engagiert an der Sorge- und Erziehungsarbeit, so verstoßen sie gegen das Leitbild des Karrieremanns. Das Engagement bei der Erziehung des Kindes aber wird gesellschaftlich kaum wahrgenommen und nicht wertgeschätzt. Den Vätern fehlen Möglichkeiten, um sich nach außen hin zu „beweisen“ (Götz 1997a, 156).

Behinderung wird in einer in zunehmendem Maße von Leistungs- und Nutzendenken bestimmten Gesellschaft negativ wahrgenommen. Zumindest hinter vorgehaltener Hand wird die Daseinsberechtigung behinderter Kinder immer häufiger in Frage gestellt. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Möglichkeiten, Behinderungen immer frühzeitiger schon während der Schwangerschaft zu erkennen. Mehr und mehr Eltern haben das bedrückende Gefühl, sich für die Existenz ihres behinderten Kindes rechtfertigen zu müssen (Götz 1997a, 156). Desto eher behinderte Kinder „vermieden“ – d. h. erkannt und abgetrieben – werden können, umso mehr sinkt in der Öffentlichkeit auch die Bereitschaft, Familien mit behinderten Angehörigen solidarisch zu unterstützen. Da die Annahme der Behinderung zu einer wählbaren Option wird, sollen die Familien auch eigenständig mit der „gewünschten“ Lebenssituation klar kommen.

1.1.4 Behinderung als Chance

Die Behinderung stürzt die Familie aber keineswegs zwangsläufig in eine Krise. Das Leben mit einem behinderten Kind kann auch als zutiefst erfüllt empfunden werden und für die Eltern eine sinnstiftende Wirkung haben. Extreme Situationen bergen neben Belastungen und Gefahren auch Chancen zur Entwicklung und zum persönlichen Wachstum (Hinze 1993, 15f). Eltern können ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten entdecken und mobilisieren. Die besondere Lebenssituation verlangt danach, bestehende Wertvorstellungen, Wünsche und Ziele zu hinterfragen und neu auszurichten (Götz 1997a, 158ff).

Wilken warnt davor, den Eindruck zu erzeugen, dass das Leben von Eltern erst durch die Behinderung ihres Kindes lebenswert geworden wäre (2003, 157).

Die Situation von Familien behinderter Kinder ist und bleibt gefährdet und problematisch. Die Eltern sind auf Unterstützungen und Hilfen von außen ange­wiesen. Begleitung und Anleitung können Eltern dabei helfen, sich in ihrer neuen Lebenssituation zurechtzufinden und Chancen zur Weiterentwicklung und Neuausrichtung wahrzunehmen.

1.2 Die Auseinandersetzung mit der Behinderung

Zahlreiche Modelle versuchen, die Reaktionen von Eltern auf die Behinderung ihres Kindes zu beschreiben[2]. Modelle sind immer nur mehr oder weniger stark vereinfachte Abstraktionen der Wirklichkeit; sie dürfen daher nicht den Anspruch haben, tatsächliche Vorgänge in allen Dimensionen beschreiben oder gar vorhersagen zu können. Dennoch sind sie in der Lage Prozesse darzustellen, die viele Eltern bei der Verarbeitung der Behinderung in ähnlicher Form beschäftigen. Modelle tragen deshalb dazu bei, das Erleben und Handeln der Familien­mitglieder besser verstehen zu können. Sie helfen darüber hinaus Faktoren auszumachen, die den Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozess beeinflussen können. Ausgehend von diesen Wirkzusammenhängen sollen später Ansatzpunkte für Unterstützungs- und Hilfsangebote identifiziert werden.

1.2.1 Phasenmodelle

Phasenmodelle basieren vorrangig auf den psychoanalytisch orientierten Trauermodellen. Sie beschreiben die elterliche Auseinandersetzung mit der Behinderung eines Kindes als Trauerprozess, welcher sich in Phasen oder Stadien gliedern lässt (Lang 2001, 125). Einzelne Phasen bauen linear aufeinander auf, wobei manche Modelle auf mögliche Überschneidungen hinweisen (z. B. Schuchardt 1981). Phasenmodelle gehen häufig von der Möglichkeit aus, den Trauerprozess erfolgreich abzuschließen. Das Erreichen einer End­phase wird als erstrebenswert angesehen, obgleich einige Autoren einräumen, dass diese Phase vom Großteil der Personen nicht erreicht wird (Schuchardt 1981).

1.2.1.1 Das Spiralphasen-Modell nach Schuchardt

Einen besonderen Platz unter den Phasenmodellen nimmt das Spiralphasen-Modell von Schuchardt (1981) ein: Der Ansatz trägt prinzipieller Kritik an den Phasenmodellen Rechnung und versucht Komplexität und Dynamik des Ausein­andersetzungsprozesses durch „Spiralphasen“ zu beschreiben. Damit will Schuchardt deutlich machen, dass Krisenverarbeitung ein prozesshaftes, nicht-lineares Geschehen ist, bei dem es neben Progressionen auch zu Regressionen, wiederholten Durchläufen und Überschneidungen von verschiedenen Stufen kommen kann. Am prinzipiellen Konzept aufeinander folgender Phasen hält Schuchardt aber fest (Schuchardt 1981, 21-36):

Schuchardts Modell umfasst acht Spiralphasen; am Anfang des Trauerprozesses steht die Phase der Ungewissheit. In dieser Eingangsphase bereitet sich die Anerkennung der Krise unterschwellig vor. Nach der Devise „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ werden jedoch unbewusst noch oft Versuche unternommen, die drohende Krise zu leugnen.

An die erste Stufe schließt sich die Phase der Gewissheit an. Rational wird die Krise jetzt anerkannt, während auf einer gefühlsmäßigen Ebene die Betroffenen sich noch häufig gegen die Realität sträuben.

Erst in der Phase der Aggression wird die rationale Erkenntnis auch emotional erfasst. Es kommt zu heftigen Gefühlsausbrüchen, welche die Betroffenen gegen sich selbst oder gegen andere lenken. Da der eigentliche Auslöser der aggres­siven Gefühle (= das behinderte Kind) nicht belangbar ist, werden häufig Ersatz­objekte zum Ziel der Aggressionen.

In der Hoffnung, die Situation doch noch zum Positiven wenden zu können, werden in der Phase der Verhandlung zahlreiche Anstrengungen unternommen, um der Krise zu entkommen. Die Betroffenen suchen Hilfe bei Ärzten, Förder- und Therapieeinrichtungen, aber auch bei Kirche und Religion oder bei „Wunderheilern“.

Scheitern die Anstrengungen der Verhandlungsphase, so führt die Unausweichlichkeit der Krise zu Verzweiflung, Resignation und Depression. Eine tiefe Trauer stellt sich bei den Betroffenen ein. Das emotionale Erfassen der Krise dient gleichzeitig der Vorbereitung auf die endgültige Annahme des Schicksals.

Phase sechs umfasst die Annahme der Krise. Die Betroffenen haben aufgehört, gegen die nicht beeinflussbare Behinderung anzukämpfen. Sie öffnen sich und lernen mit ihr zu leben. Das Unvermeidliche wird akzeptiert und angenommen.

Durch die Annahme werden Kräfte frei gesetzt, die im Kampf gegen die Behinderung gebunden waren. Das neu gewonnene Potential drängt in Phase sieben zur Aktivität. Die Erfahrungen und Erlebnisse des Verarbeitungsprozesses führen bei den Betroffenen zu einer Umstrukturierung von Werten, Einstellungen und Normen. Diese Selbstveränderungen machen Systemveränderungen erst möglich.

Bei den Betroffenen kann der Wunsch entstehen, sich mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen zu solidarisieren. Die Phase der Solidarität ist die oberste Stufe in Schuchardts Modell. Sie wird nur von wenigen Menschen erreicht. Aber auch diese Phase hebt nicht die Belastungen auf, welche mit der Behinderung einhergehen. Die Betroffenen haben jedoch gelernt, mit dem scheinbar „Unannehmbaren“ zu leben, statt gegen es anzukämpfen. Durch ihre besondere Lebenssituation haben sie neue Aufgaben, Lebensmuster und Betätigungsfelder erschlossen. Das Aufgehen in diesen neuen Lebensbereichen kann als Selbstverwirklichung, Sinn und Glück erlebt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1-1 Spiralphasen-Modell nach Schuchardt (1981)

1.2.1.2 Kritische Würdigung der Phasenmodelle

Obwohl Phasenmodelle immer wieder grundsätzlicher Kritik ausgesetzt waren und sind, besitzen sie in Fachkreisen und in der aktuellen Literatur nach wie vor Relevanz (Hinze 1993, 168 und Eckert 2002, 53). Diese Popularität ist auf mehrere Gründe zurückzuführen: Phasenmodelle sind psychoanalytisch bzw. tiefenpsychologisch ausgerichtet, sie wurden basierend auf klinischer Beobachtung und Erfahrung entwickelt, vor allem aber beschreiben sie den eigentlich kom­plexen und vielschichtigen Auseinandersetzungsprozess in stark vereinfachter und damit gut verständlicher Form (Hinze 1993, 168).

Viele Kritiker verweisen darauf, dass Trauerprozesse individuell sehr unterschiedlich verlaufen. Sie stellen die Angemessenheit der Phasenmodelle grundsätzlich in Frage, da eine lineare Phasenfolge Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozesse nicht befriedigend beschreiben könne (Hinze 1993, 172).

Neben der grundsätzlichen Kritik wird auf eine Reihe von Gefahren verwiesen, welche Phasenmodelle mit sich bringen können. Durch die Vorgabe eines linearen, idealtypischen Verarbeitungsmusters kann der Eindruck entstehen, dass es einen „goldenen Weg“ oder eine „Musterlösung“ bei der Auseinandersetzung mit der Behinderung eines Kindes gibt. Ein zwingendes Erreichen und Durchleben verschiedener „Wegpunkte“ scheint damit vorgegeben zu sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Eltern ihr subjektives Erleben mit den idealtypischen Phasen vergleichen und auf etwaige Abweichungen mit Sorge oder Verunsicherung re­agieren. Die Modelle verleiten darüber hinaus, die aktuelle Position der Betroffenen im Verarbeitungsprozess zu verorten. Mit einer Bestimmung der Ist-Position scheint auch vorgegeben zu sein, was den Trauernden noch „bevor steht “(Hinze 1993, 172f). Phasenmodelle können also potentiell durch ihre möglicherweise suggestive Wirkung Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozesse erschweren oder fehlleiten.

1.2.2 Das ABCX-Modell nach Hill

Angeregt von den Studien der amerikanischen Forscher Angell (1936) sowie Cavan und Ranck (1938) zur Krisenverarbeitungsfähigkeit von Familien während der großen Depression, entwickelte der Familienforscher Hill (1949) ein mittlerweile klassisches theoretisches Modell zur Erklärung familialer Stress- und Krisenbewältigung (Engelbert 1999,79f).

Hills „ABCX-Modell“ sieht das Entstehen einer Krise (x) in der Familie durch drei Faktoren beeinflusst: Auslösender Reiz ist ein gravierendes Lebensereignis (z. B. Tod eines Familienangehörigen, Trennung, Arbeitslosigkeit, schwere Krankheit oder Behinderung), welches von Hill als Stressor (a) bezeichnet wird. Im Gegensatz zu den Phasenmodellen ist der Stressor jedoch keine absolut wirkende Größe, sondern die Bewertung der potentiell problematischen Situation durch die Familie (c) ist von Bedeutung. Ob eine Krisensituation entsteht, hängt außerdem von der Ressourcenausstattung(b) der Familie ab; damit bezeichnet Hill die Fähigkeit der Familie zur Integration und Anpassung bei Veränderungen (Engelbert 1999, 80f).

Kennzeichnend für Hills Ansatz ist, dass der Stressor (a) nicht automatisch eine Krisensituation in der Familie auslöst. Stress oder eine Krise entstehen nur dann, wenn die Anpassung an eine neue Situation nicht im Rückgriff auf bestehende Ressourcen erfolgen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1-2: ABCX-Modell nach Hill (1949)

1.2.3 Das doppelte ABCX-Modell nach McCubbin und Patterson

Das ABCX-Modell hat in der Familienforschung noch heute Gültigkeit. Kritisiert wird jedoch der statische Charakter des Ansatzes (Engelbert 1999, 81). McCubbin und Patterson (1983) gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Stressoren ein dynamischer, wechselseitiger Prozess ist, welcher die Beschäftigung mit bereits eingetretenen Krisen einschließt. Aus diesem Grund haben sie Hills Ansatz erweitert und den Umgang der Familie mit Krisenfolgen („familiales Coping“) im Gesamtmodell berücksichtigt. Es entsteht ein „doppeltes ABCX-Modell“, welches sich explizit auf Familien bezieht, bei denen sich bereits eine tiefgreifende Krise eingestellt hat (Engelbert 1999,80ff).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1-3: doppeltes ABCX-Modell nach McCubbin und Patterson (1983)

Laut McCubbin und Patterson wirkt nach Eintritt einer Krise nicht nur der eigentliche Stressor, sondern eine Anhäufung von Problemen, welche aus Folgeproblemen des Stressors aber auch aus zusätzlichen Schwierigkeiten, wie beispielsweise ungelösten alten Konflikten, entsteht. Befindet sich die Familie in einer Krisensituation, so sieht sie sich folglich mit einer Kumulation verschiedener Probleme („pile-up“) konfrontiert, welche mit dem aA-Faktor beschrieben wird. Der cC-Faktor bezieht sich nicht mehr nur auf die Bewertung des Stressors, sondern berücksichtigt auch die Sicht auf vorhandene Ressourcen und die Wahrnehmung der bereits bestehenden Krise. Den bB-Faktor fassen McCubbin und Patterson weiter als Hill; er gliedert sich in drei Bereiche: individuelle Merkmale, Familienmerkmale und „community“-Ressourcen (McCubbin/Patterson 1983, 14, zit. n. Engelbert 1999,82). Mit „community“-Ressourcen meinen McCubbin und Patterson die Unterstützung durch soziale Netzwerke.

Drei Ebenen von sozialen Netzwerken lassen sich unterscheiden (Wicki 1997):

primäre Netzwerke: z. B. Familie, Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskollegen usw.

sekundäre Netzwerke: z. B. Freizeitgruppen, Vereine, Organisationen

tertiäre Netzwerke: beispielsweise Beratungsstellen, Ärzte, Sozialarbeiter, Jugend- und Familien-Hilfe, psychologische Einrichtungen usw.

Engelbert schlägt eine Erweiterung des „community“-Ressourcen-Begriffs vor: Auf das Familiengeschehen einwirkende Umweltfaktoren wie beispielsweise Bildung, Einkommen oder Wohn- und Arbeitssituation müssen ihrer Meinung nach ebenfalls miteinbezogen werden (Engelbert 1999, 82).

Im Zentrum des doppelten ABCX-Modells steht das „Coping“, das alle kognitiven und praktischen Bemühungen bezeichnet, welche auf die „Meisterung, Tolerierung oder Reduzierung der externen und internen Anforderungen und der zwischen diesen bestehenden Konflikte gerichtet sind“ (Folkman/Lazarus 1980, 223, zit. n. Hinze 1993, 26). Über das Coping bestimmt sich letzten Endes die Anpassung. Coping ist „nicht als individuelle Reaktion auf Streß zu verstehen, sondern als Prozeß der familialen Aktivierung, der sich gleichzeitig auf mehrere Ziele richtet, zu denen nicht nur die Kontrolle über die Streßorwirkungen sondern auch die Aufrechterhaltung des familialen Zusammenhangs, der sozialen Unterstützung oder des Selbstwertes der Mitglieder gehört“ (Olson/McCubbin 1883, 141, zit. n. Engelbert, 82f). Das familiale Coping führt zu einem Ergebnis (xX-Faktor), das ein „Ausbalancieren“ zwischen den Polen „Scheitern“ und „Gelingen“ darstellt. Damit wird ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, welche von den Familienmitgliedern und der Umwelt gestellt werden, erreicht (Engelbert 1999, 83).

1.2.4 Kritische Würdigung der ABCX-Modelle

Durch die Unterscheidung zwischen Stressor und Krise löst das ABCX-Modell den scheinbaren Automatismus „Behinderung = Familienproblem“ auf. Die pauschale Unterstellung der Phasenmodelle, dass Behinderung grundsätzlich zur Krise in der Familie führt, wird dadurch vermieden (Engelbert 1999, 83ff). Ob es tatsächlich zu einer Krisensituation kommt, hängt dem ABCX-Modell zufolge in hohem Maße von einer Bewertung des Stressors durch die Familienmitglieder und deren Ressourcenausstattung ab.

Die Erweiterung des Modells durch McCubbin und Patterson (1983) berücksichtigt mit dem Coping zudem die familiären Bemühungen zur Bewältigung einer bereits bestehenden Krisensituation. Externe Hilfen können an dieser Stelle ansetzen: Sie sollen Familienmitglieder bei der Bewältigung ihrer Lebenswirklichkeit unterstützen und begleiten. Gleichzeitig sollen sie helfen, bestehende Ressourcen zu nutzen und neue zu erschließen.

2 Männer

Männer haben Muskeln

Männer sind furchtbar stark

Männer können alles

Männer kriegen ’nen Herzinfarkt und

Männer sind einsame Streiter

Müssen durch jede Wand, müssen immer weiter

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht

Außen hart und innen ganz weich

Werden als Kind schon auf Mann geeicht

Wann ist ein Mann ein Mann?

Auszug aus „Männer“ von Herbert Grönemeyer

Väter von Kindern mit Behinderung sind „Männer, die auch Väter sind“ (Bettinger 2000, 12). Ihre Männlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Sie denken, handeln und fühlen wie Männer dies eben tun. Aber gibt es überhaupt den Mann? Um die Situation von Vätern behinderter Kinder besser zu verstehen, lohnt es sich etwas näher zu betrachten was Mannsein ausmacht.

„Jeder kennt den Satz, ‚Sei ein Mann!’. Den Satz, ‚Sei eine Frau!’ kennt jedoch niemand. Anscheinend gehört zum ‚richtigen Mann’ mehr als nur die biologische Geschlechtszugehörigkeit. Männlichkeit wird also erst erworben und erarbeitet“ (Muck 2005). Wie aber sehen diese Erwerbs- und Erarbeitungsprozesse aus? Welche äußeren und inneren Faktoren machen Männer zu Männern ?

2.1 Männliche Sozialisation

„Sozialisation bezeichnet mithin den Prozeß, in dessen Verlauf sich der biologisch entstandene und kulturgenetisch vorausgesetzte menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen und identischen Persönlichkeit heranbildet“ (Böhnisch/Winter 1993,13). Dabei ist Sozialisation nicht einseitig, sondern ein wechselseitiger Prozess: Ein Individuum wird von seiner dinglich-materiellen und sozialen Umwelt beeinflusst, gleichzeitig hat es in der postindustriellen Gesellschaft im Zuge einer „Individualisierung“ und „Pluralisierung“ (Beck 1986) der Lebensverhältnisse zunehmend die Möglichkeit und Aufgabe, aktiv seine Rolle im Gefüge der Gesellschaft zu entwickeln und auszudefinieren.

Böhnisch und Winter (1993) beschreiben männliche Sozialisation als Prozess psychogener und soziogener Faktoren, welche in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis zueinander stehen:

Die psychogenen Sozialisationsfaktoren werden durch entwicklungspsychologische und psychoanalytische Konzepte erklärt (Böhnisch/Winter 1993, 40). Im Zentrum der psychogenen Sozialisation steht der Begriff des „Dilemmas der Autonomie“. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen beschreibt „Autonomie“ als „Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist. […] Autonomie beinhaltet die Fähigkeit ein Selbst zu haben, das auf den Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gründet“ (Gruen 1986, 23). Böhnisch und Winter vertreten die Meinung, dass es für Jungen und Männer wesentlich schwieriger ist den Zustand der Autonomie[3] zu erreichen, als für Frauen und Mädchen. Das Autonomie-Dilemma besteht also darin, dass es Männern aufgrund psychogener Sozialisationsprozesse und anthropologischer Gegebenheiten erschwert ist, Gefühle und Bedürfnisse mit ihrem Selbst in Einklang (Kongruenz) zu bringen[4].

Die andere zentrale Dimension – nämlich die soziogene – beschreibt männliche Sozialisation mit Hilfe soziologischer Theorien. Im Mittelpunkt steht das Konzept des „sozialen Geschlechts“ (Gender) in Abgrenzung zum „biologischen Geschlecht“ (Sex): „’Gender’ meint, daß geschlechtsspezifische und geschlechtshierarchische Sozialisationsprozesse sich über soziale Interaktion in einem gesellschaftlichen Rahmen aufbauen, in dem eine geschlechtshierarchische Arbeitsteilung historisch eingeschrieben ist. Die sozialisatorische Entwicklung des Mann­seins läuft also doch über den sukzessiven und sich über Kindheit und Jugend sozial erweiternden Aufbau von geschlechtsbezogenen (bzw. geschlechtsstereotypen) Interaktionen, die in ihrer sozial definierenden und den Lebenslauf strukturierenden Qualität maßgeblich von der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung der patriarchal verfassten Industriegesellschaft geprägt sind“ (Böhnisch/‌Winter 1993, 17). Das soziale Geschlecht wird im Verlauf der Biografie interaktiv erworben. Dieser schrittweise Erwerbs- und Aneignungsprozess wird als „Gendering“ bezeichnet (Böhnisch/Winter 1993, 41f).

Sozialisation ist kein allgemeingültiger, einheitlicher Prozess, sondern psycho-sozial individuell. Böhnisch und Winter sprechen von einem „biographischen Sozialisationsschicksal“ (1993, 31). Wie bereits geschildert, findet dieser biografische Sozialisationsprozess im Spannungsfeld zwischen soziogenen und psychogenen Faktoren statt. Das Individuum strebt in diesem System nach Stabilität. Die Mechanismen zur Erreichung dieser Stabilität versuchen Böhnisch und Winter mit den Konzepten „Suche nach männlicher Geschlechtsidentität“ und „Bewältigung des Mannseins“ zu beschreiben (1993, 31f).

Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess (Böhnisch/Winter 1993, 13). Die Sozialisation des Kindes- und Jugendalters geschieht unter dem Hauptgesichtspunkt der „Suche nach männlicher Geschlechtsidentität“. Sind im Erwachsenenalter die Identitätsstrukturen dann weitgehend ausgeformt, so bekommt die „Identitätsbehauptung“ – sprich: die „Bewältigung des Mannseins“ – zentrale Bedeutung (Böhnisch/Winter 1993, 31f).

Bei Vätern von Kindern mit Behinderung kann angenommen werden, dass ihre Suche nach männlicher Geschlechtsidentität weitgehend abgeschlossen ist. Um ihre psychosoziale Situation besser nachvollziehen zu können, werden im Folgenden die Prozesse zur „Bewältigung des Mannseins“ näher betrachtet.

2.2 Bewältigungsmuster des Mannseins

Das Konzept der „Bewältigung des Mannseins“ ist die geschlechterspezifische Form des Konzepts der „Lebensbewältigung“, welches in seiner sozialisationstheoretischen Bedeutung auf Konstellationen der Jugend- und Erwachsenensozialisation postindustrieller Gesellschaften verweist, in denen Sozialisationsverläufe weniger linear, sondern offener und vielgestaltiger geworden sind (Böhnisch/‌Winter 1993, 121): „Angesichts der Auflösung der traditionellen sozialmoralischen Mil­ieus, die mit dem Prozeß der Individualisierung und Pluralisierung einhergeht, sowie unter dem Eindruck der zumindest partiellen Entwertung der männlichen Definition der Erwerbsbiographie (sowohl durch die berufliche Emanzipation der Frauen, als auch die Verlagerung identitäts­stiftender Prozesse auf außerberufliche Bereiche) zeichnet sich eine Pluralität der gesellschaftlichen Männerbilder und der männlichen Lebensstile, wie auch eine Infragestellung des traditionellen Mannseins ab. Geschlechtsidentität bedeutet vor diesem Hintergrund etwas anderes als noch vor 20 Jahren: Es gilt nicht mehr eine einmal ‚gefundene’ Identität als Mann, sondern es wird möglich und notwendig, daß in verschiedenen Lebensbereichen und Altersphasen unterschiedliche, auch gegensätzliche Anteile der Geschlechterrollendefinition für den Einzelnen zum Tragen kommen. Die Identität als Mann kann sich deshalb heute nicht mehr am Durchschnitt entwickeln“ (Böhnisch/Winter 1993, 126f).

Auf der Suche nach Orientierungsmöglichkeiten zur Unterstützung des Konstruktionsprozesses ihres Mannseins greifen zahlreiche Männer auf „Schablonen“ traditioneller oder moderner Männlichkeit zurück (Böhnisch/Winter 1993, 127). Böhnisch und Winter unterscheiden drei verschiedene Gruppen von Männern (1993, 127f):

a) „Restriktiver“ Typus: Diese Männer flüchten sich in traditionelle, klar umrissene Rollenbilder. Sie fordern die Wiederherstellung der traditionellen Arbeitsteilung und möchten an der männlichen Dominanz festhalten.
b) „Progressiver“ Typus: Zu dieser Gruppe gehören Männer, die versuchen kreativ und gestaltend neue Rollenbilder zu entwickeln. Neue Möglichkeiten der Selbstverwirklichung werden von ihnen als Chancen betrachtet, und Gleichberechtigung wie auch ein partnerschaftlicher Umgang der Geschlechter angestrebt.
c) „Unentschlossener“ bzw. „unsicherer“ Typus: Männer dieser Gruppe pendeln zwischen „traditionellen“ und „modernen“ Vorstellungen vom Mann­sein. Sie sind unentschlossen, hin und her gerissen, sie „mogeln sich durch“. „Unsichere“ Männer sind bereit modernen Rollenverständnissen in Teilen zu entsprechen (z. B. Mithilfe bei Hausarbeit und Erziehung, gleichberechtigter Umgang innerhalb der Paarbeziehung), gleichzeitig halten sie jedoch in anderen Bereichen an traditionellen Mustern fest (z.B. Selbstdefinition durch Erwerbsarbeit, „letztes Wort“ bei Entscheidungen usw.). Zum „unentschlossenen“ bzw. „unsicheren“ Typus zählen Böhnisch und Winter den überwiegenden Teil der Männer (1993, 127f).

2.3 Bewältigungsprinzipien des Mannseins

Aus dem Dilemma männlicher Autonomie und dem gesellschaftlich diffuser gewordenen Aufforderungscharakter des Gendering entstehen unterschiedliche emotionale Bewältigungsprinzipien des Mannseins, „welche die ‚Befindlichkeit’ und ‚Betroffenheit’ des Mannes signalisieren, gleichzeitig aber auch seine Anpassungsstrategien aus den Vorgaben des Gendering – der sozialen Konstruktion des Männlichen heraus – thematisieren können“ (Böhnisch/Winter 1993, 128f). Folgende Bewältigungsprinzipien lassen sich idealtypisch unterscheiden:

2.3.1 Das Prinzip der Externalisierung

Das Prinzip der Externalisierung ist das zentrale Grundmuster männlicher Sozialisation. Es ist allen weiteren Bewältigungsprinzipien – Gewalt, Benutzung, Stumm­heit, Alleinsein, Rationalität, Kontrolle und Körperferne – übergeordnet. Externalisierung bedeutet Außenorientierung und bewirkt „ein Nach-Außen-Verlagern von Wahrnehmung und Handeln, gekoppelt mit Nicht-Bezogenheit als Ausdruck für einen Mangel an Bindungen und Verbindungen zu sich selbst, zu individuellen Anteilen und zur eigenen Geschichte, sowie zu anderen Personen“ (Böhnisch/Winter 1993, 129). Mangelnde Empathiefähigkeit und damit eine wenig ausgeprägte Beziehungs- und Gruppenfähigkeit sind Konsequenzen des Externalisierungsprinzips. Mit der Fokussierung auf das Äußere wird eine Beschäftigung mit dem Innenleben tabuisiert. Damit führt das Gebot der Externalisierung zu einer „Art autistischer Störung, die Kontakt mit sich und anderen regelrecht verhindert“ (Böhnisch/Winter 1993, 129).

2.3.2 Die Prinzipien Benutzung und Gewalt

Das Prinzip Gewalt ist eine Konsequenz des Externalisierungsprinzips. Gewalt tritt in körperlicher (auch sexueller) genauso aber in struktureller Form (z. B. Stärke- und Konkurrenzzwang, gesellschaftliche Abwertung bzw. Unterdrückung von Frauen oder „untergeordneten“ Männern) auf. Darüber hinaus kann Gewalt auch selbstbezogen sein: Der eigene Körper und die Gesundheit werden dann beispielsweise durch extremes Leistungs- und Funktionsdenken ausgebeutet; Bedürfnisse und Gefühle werden missachtet und übergangen (Böhnisch/Winter 1993, 130).

In enger Verbindung zur Gewalt steht das Prinzip der Benutzung: Wer Macht hat und somit andere beherrschen kann, ist in der Lage, sie für seine eigenen Vorstellungen und Zwecke zu ge- oder zu missbrauchen. Der funktionale Blick auf die Welt als etwas zu Benutzendes bezieht sich gleichermaßen auf die Ausbeutung von Frauen, die Instrumentalisierung „schwächerer“ Männer sowie die Benutzung der Umwelt (Böhnisch/Winter 1993, 130).

Zugangsverbot nach innen

Durch Sozialisationsprozesse wird Männern ein „Zugangsverbot nach innen“ (Götz, 1997b, 175) auferlegt. Die Beschäftigung mit dem „Inneren“ könnte potentiell verunsichern, erschüttern oder verletzbar machen. Gefühle wie Angst, Trauer, Scham oder Hilflosigkeit zu zeigen, hieße Schwäche und Unvollkommenheit zuzugeben. Schwäche gilt aber traditionell als unmännlich. Die Bewältigungsprinzipien Stummheit, Alleinsein und Körperferne tragen dazu bei, die „gefährliche“ Beschäftigung mit dem Innenleben zu vermeiden (Götz 1997b, 175).

[...]


[1] Auch Väter, die in Trennung leben, bleiben in gewisser Weise Teil der Familie.

[2] Einen Überblick über verschiedene Modelle bietet z. B. Hinze 1993, 165-206

[3] Neumann und Süfke (2004) verwenden nicht den Begriff „Autonomie“ sondern sprechen – meiner Meinung nach plastischer – vom Zustand der „Kongruenz“ zwischen Selbst und Gefühls- bzw. Bedürfniswelt.

[4] An dieser Stelle können die Faktoren, welche zum Autonomie-Dilemma führen, nicht beschrieben werden. Eine Darstellung findet sich z. B. bei Böhnisch und Winter (1993, 22-31) oder bei Muck (2005).

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Väter behinderter Kinder. Situation, Beratungs- und Hilfsangebote
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für sonderpädagogische Förderschwerpunkte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
98
Katalognummer
V75855
ISBN (eBook)
9783638722506
ISBN (Buch)
9783638737753
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Väter, Kinder, Hilfsangebote, Sonderpädagogik, Behinderte Kinder, Behinderung, Väter behinderter Kinder, Eltern behinderter Kinder, Beratung
Arbeit zitieren
Felix Heinrich (Autor), 2007, Väter behinderter Kinder. Situation, Beratungs- und Hilfsangebote, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75855

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