Angst als mentalitätsgeschichtlicher Affekt im Volksbuch von Fortunatus (1509)


Seminararbeit, 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mentalitätsgeschichte: Eine Annäherung

3. Fortunatus: Das Gerüst einer Mentalität
3.1 Der Name des Helden: keine Verheißung
3.2 Der Boden einer Mentalität: Angst
3.3 Die Angst als Basisaffekt des jungen Fortunatus
3.3.1 Der Hof zu Flandern
3.3.2 London
3.3.3 Wald
3.3.4 Der Waldgraf
3.3.5 Todesgefahr in der Höhle

4. Der Wandel des Fortunatus: Von der Angst zur Dreistigkeit

6. Schluss

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Das anonyme Volksbuch des Fortunatus entstand in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Während die früheren Forschungen seit Joseph Görres (1807) aufgrund der im Volksbuch erwähnten historischen Ereignisse seine vermutete Entstehung noch um das Jahr 1450 datierten, konnte erstmals Jurij Striedter[1] den Entstehungszeitraum weiter einschränken. Er stützt sich hierbei auf die Reisen des „Johannes von Montevilla“[2], deren deutsche Ausgabe den Lesern des Fortunatus zur weiterführenden Lektüre empfohlen wird; Marjatta Wis legt den ersten datierbaren Druck des „Johannes von Montevilla“ auf das Jahr 1481 und die Stadt Augsburg fest[3]. Ihr vorläufiges Ende schließlich findet die Datierungsdebatte mit der Arbeit von Jozef Valckx[4], dem es gelungen ist, eine Quelle für die Herkunft der Episode vom Fegefeuer des H. Patrizius in der Heinrich-Legende zu ermitteln, gedruckt wiederum zu Augsburg um 1489. Zwischen 1489 und 1509, dem Jahr des ersten Augsburger Drucks, muss also die Entstehung des Volksbuchs von Fortunatus und seinen Söhnen heute angesetzt werden.

Die Drucklegung der editio princeps einerseits wie auch jene der ermittelten Quellen andererseits erfolgte – wie erwähnt – in Augsburg, was alleine schon die Stadt oder deren Umgegend als Herkunftsort des Volksbuchs wahrscheinlich macht. Doch sind es darüber hinaus Hinweise, die sich ergeben „durch die systematische Untersuchung der Motive“[5] und „jene über das Werk verstreuten beiläufigen Bemerkungen des Erzählers über geographische und historische Einzelheiten“[6], welche eine Entstehung des Fortunatus in oder um Augsburg in zunehmendem Maße evident machen.[7]

Auch hat Käte Gertrud Bickel bereits 1932 in ihrer noch heute aufschlussreichen Abhandlung eine Vielzahl der im Volksbuch verwendeten Wörter hinsichlich ihrer Herkunft einer eingehenden Untersuchung unterzogen:

„Um die Verbreitung der einzelner Wörter gerade auch in der Augsburger Gegend nachzuweisen, wurden, wo es möglich war, die Augsburger Stadtchroniken für Belege herangezogen.“[8] Auf die nachhaltige Relevanz der Arbeiten Bickels und Wiemanns weist übrigens auch Kästner hin.[9]

Es stellt sich nun die Frage, was für ein Mensch unser Autor gewesen ist, welche Rolle Freude und Leid, Liebe, Hass und Angst in seinem Leben gespielt haben, welche Affekte ihm eigen waren und welche Mentalität diese ausbildeten, sowohl in ihm wie auch in der von ihm erschaffenen literarischen Figur des Fortunatus, da zumindest partielle Projektionen der Wesenheit und Mentalität des Autors und der ihn umgebenden und damit auch prägenden Menschen naturgemäß auf seinen Protagonisten einwirken.

2. Mentalitätsgeschichte: Eine Annäherung

Als sozial- und literaturgeschichtlicher Forschungsansatz beschäftigt sich die Mentalitätsgeschichte mit der „Gesamtheit von Denkformen, Empfindungsweisen und Dispositionen bei Individuen und Gruppen“[10]. Äußert sich die Mentalität des Menschen insbesondere in seinem Denken und Fühlen, so finden sich in der etymologischen Herkunft des mittellateinischen mentalis darüber hinaus die Konnotationen Sinn, Denkart, Verstand und Geist[11], welche als Archetypen menschlichen Denkens und Fühlens betrachtet werden müssen. Die „Geschichtsschreibung der Mentalitäten“[12] mit Fokus auf Denkweisen und Bewusstseinsinhalte von Individuum und Kollektiv in ihrer jeweiligen Epoche, „konzentriert sich auf die bewußten und besonders die unbewußten Leitlinien, nach denen Menschen in epochentypischer Weise Vorstellungen entwickeln, nach denen sie empfinden, nach denen sie handeln“[13]. Die Teilbereiche der Mentalitätsgeschichte und ihre charakteristischen Ausprägungen hat Dinzelbacher in zusammenfassender Kürze dargestellt.[14] Mentalitätsgeschichtliche Ansätze sind in dieser weit gefassten Rundschau über die europäische Ideengeschichte übrigens reichhaltig vorhanden, jedoch „eine mentalitätsgeschichtliche Abhandlung ist es nicht“[15], wie Tânia Ünlüdağ zurecht feststellt.

Die vielfältigen Möglichkeiten, mentalitätsgeschichtliche Aspekte auch in den literaturwissenschaftlichen Diskurs einzubringen, kann in Ergänzung bisheriger hermeneutischer Modelle von unschätzbarem Nutzen sein. Dies wird leicht einsichtig, wenn man bedenkt, wie sich Mentalitäten und Verhaltensweisen (nicht nur) des historischen Menschen und seines Kollektivs reziprok bedingen. So können christlich geprägte Jenseitsvorstellungen oder heidnischer Götterglaube das Individuum in affektivem Umgang mit Gefahr und Tod zu erheblich voneinander abweichenden Handlungen verleiten.

Die Bewertung einer Krankheit bei unterschiedlichem Kenntnisstand über das Wesen derselben, oder die in kollektiver Abhängigkeit individuelle Einstellung zu Ehre und Schande, können die Beweggründe des Einzelnen für seine resultierende Handlung in das Gegenteil verkehren. Dies gilt nun für die historische Gestalt in ganz ähnlichem Maße wie für ihr literarisches Produkt, finden sich doch Gefühle und Lebensanschauungen des historischen Autors in jenen der Protagonisten seiner literarischen Werke wieder. Deren Affekte können in heroisierender wie auch in perhorreszierender Weise zur Darstellung gelangen, indem sie in Beziehung gesetzt werden zu den in ihrer Epoche herrschenden Normen und Wertvorstellungen, Tugenden und Lastern, Missständen und Idealen. Dies veranschaulichen Autoren (mitunter auch noch heute) gern anhand von Antagonismen. So können Mut und Tapferkeit gepriesen werden, indem ein jämmerlicher Feigling in allen seinen Facetten vorgeführt wird; so kann das Ideal des milden und gerechten Herrschers antithetisch mit der Darstellung des grausamen und tyrannischen Despoten beschworen werden. Vermutlich hatte ähnliches Shakespeare im Sinn, als er mit der Figur seines Richard III. das vielleicht abstoßendste (menschliche) Monster der Literaturgeschichte schuf. Durch die aufgezeigte Methodik „wird das richtige anhand des falschen Verhaltens erläutert, die ideale anhand der verwerflichen Herrschaft, der Gehorsam gegenüber Gott anhand der Gefahren des Teufels“[16].

Mentalitätsgeschichtliche Aspekte und Veranschaulichungen gerade auch in der Literatur können auf vielfältigste Art und Weise dargestellt und analysiert werden. Sicherlich gibt es einerseits epochenspezifische Ereignisse wie die seit 1348 in weiten Teilen Europas grassierende Pest und in ihrer Folge defätistische Darstellungen des Individuums in seinem sich zersetzenden Kollektiv; andererseits aber auch konstante Elemente affektiven Verhaltens, Komponenten also, „die in verschiedenen Zeiten auftauchen, ohne daß wahrscheinlich gemacht werden kann, daß sie übernommen oder durch gelehrte Traditionen überliefert sind; sie scheinen vielmehr unter bestimmten Bedingungen ‚erkennbar‘ zu sein oder sie erwecken ‚plötzlich‘ neuerlich Interesse“[17].

Der Mord an seinem Vater Laïos und der Beischlaf mit seiner Mutter Iokaste sind durchaus nicht die eigentliche Ursache für das Verhängnis des König Ödipus. Sie sind nicht Ursache für das Unheil, sondern es sind vielmehr seine mentalen, seine affektiven Anlagen, und nicht zuletzt die Mentalität seiner Zeit, so verblüffend dies auch klingen mag. Denn trotz viermaliger Warnung davor, in seinen Untersuchungen fortzufahren, hält Ödipus an seiner hartnäckigen Suche nach der Wahrheit fest, um nach der Erkenntnis über die tatsächlichen Zusammenhänge zur Selbstverurteilung zu schreiten. Die Bedeutung allein, die er seinen in Unwissenheit vollzogenen Handlungen zumisst, darüber hinaus der Charakterzug, der ihn zwingt, sich selbst be- und verurteilen zu w o l l e n , das Strafmaß endlich, das er selbst sich setzt, sind es, die aus nichts anderem als seiner Mentalität herrühren, inkongruent mit der Meinung seiner Umgebung, aber in jedem Falle korrelierend mit der Mentalität seiner Gesellschaft in ihrer Zeit.

Es gibt, so Diogenes, keinen vernünftigen Grund, sich zu blenden und aus der menschlichen Gemeinschaft auszuschließen, nur weil man erfährt, mit der eigenen Mutter geschlafen zu haben. Ödipus hätte auch anders, besonnener, damit umgehen können: „Hähne regen sich über so etwas nicht auf, auch Hunde und Esel nicht, auch nicht die Perser, die doch in Kleinasien als die Vornehmsten gelten.“[18]

Wenn hier insbesondere auf Grund seiner Drastik ein Beispiel aus der Dramatik betrachtet wird, so ist dies durchaus zweckdienlich, da Fragen nach der Ursächlichkeit von Mentalitäten

für Handlungen und ihre Folgen gattungsübergreifender Art sind. Mentalitätsgeschichtlich ist es eine konstante Komponente, die Ödipus in seine exzessive Handlung treibt und nicht umsonst die Literaturwissenschaft bis heute beschäftigt. Zu diesen Konstanten gehören insbesondere auch die archetypischen menschlichen Affekte, die von Anbeginn den Menschen durch alle Epochen begleitet haben. Zu diesen gehören die Freude und das Glück, das Leid und die Trauer, und ganz besonders jene, die uns im Hinblick auf das Volksbuch von Fortunatus zu beschäftigen haben werden: die Angst und die Hoffnung.

[...]


[1] Jurij Striedter: Der polnische „Fortunatus“ und seine deutsche Vorlage. In: Zeitschrift für slavische Philologie 29 (1961), S. 47.

[2] Siehe hierzu auch: Hannes Kästner: Fortunatus – Peregrinator mundi. Welterfahrung und Selbsterkenntnis im ersten deutschen Prosaroman der Neuzeit, Freiburg i.Br. 1990, S. 81 f.

[3] Marjatta Wis: Zum deutschen Fortunatus. Die mittelalterlichen Pilger als Erweiterer des Weltbildes. In: Neuphilologische Mitteilungen 63 (1962), S. 18.

[4] Jozef Valckx: Das Volksbuch von Fortunatus. In: Fabula (Zeitschrift für Erzählforschung), Bd. 16, H. 1-2 (1975), S. 96 f.

[5] Renate Wiemann: Die Erzählstruktur im Volksbuch Fortunatus, Hildesheim - New York 1970, S. 3.

[6] Ibid., S. 3 f.

[7] Zur Herkunft siehe auch: Hans Günther: Zur Herkunft des Volksbuchs von Fortunatus und seinen Söhnen, philos. Diss. Freiburg i.Br. 1914.

[8] Käte Gertrud Bickel: Untersuchungen zum Stil des Volksbuchs Fortunatus, phil. Diss. Heidelberg 1932, S. 3.

[9] Kästner, a.a.O., S. 26.

[10] Otto Gerhard Oexle: Mentalitätsgeschichte. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II: H-O, hg. von Harald Fricke, Berlin - New York 2000, S. 566.

[11] Siehe hierzu auch: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 23., erweiterte Auflage, Berlin – New York 1995, S. 553.

[12] Peter Dinzelbacher: Vorwort. In: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, hg. von Peter Dinzelbacher, Stuttgart 1993, S. X.

[13] Ibid., S. IX.

[14] Ibid., S. X f.

[15] Tânia Ünlüdağ: Pioniertat oder Etikettenwechsel? Kritische Anmerkungen zu Peter Dinzelbachers „Europäische Mentalitätsgeschichte“. In: WW 44 (1994), S. 561.

[16] Werner Rö>

[17] Frantisek Graus: Mentalität. Versuch einer Begriffsbestimmung und Methoden der Untersuchung. In: Mentalitäten im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, hg. von Frantisek Graus, Sigmaringen 1987, S. 24.

[18] Christoph Menke: Die Gegenwart der Tragödie. Versuch über Urteil und Spiel, Frankfurt/M. 2005, S. 20.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Angst als mentalitätsgeschichtlicher Affekt im Volksbuch von Fortunatus (1509)
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft (Mediävistik))
Veranstaltung
Fortunatus
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V75859
ISBN (eBook)
9783638813365
ISBN (Buch)
9783638814225
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Affekt, Volksbuch, Fortunatus
Arbeit zitieren
Matthias Mühlhäuser (Autor), 2006, Angst als mentalitätsgeschichtlicher Affekt im Volksbuch von Fortunatus (1509), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75859

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