Mit dieser Seminararbeit möchte ich Riesmans These untersuchen, daß den drei von ihm anhand der jeweiligen Bevölkerungsdynamik definierten Gesellschaftsformen drei unterschiedliche „Soziale Charaktertypen“ entsprechen. Die Frage ist also, ob und inwieweit aus der Sicht der heutigen Sozialwissenschaften die riesmanschen Kategorien der Gesellschaftsformen und der Sozialcharaktere (traditionsgeleitet - innengeleitet -außengeleitet) als Instrumente der soziologischen Erkenntnisgewinnung geeignet sind. Dabei werde ich nach einer Darstellung von Riesmans Aussagen die wissenschaftlichen Implikationen untersuchen, die ihrer Konstruktion zugrunde liegen und anschließend Frage behandeln, ob die Typisierung und die Entwicklung der These auf dem heutigen Stand der soziologischen Wissenschaft noch Bestand hat.
Der amerikanische Soziologe David Riesman hat mit seinem Buch: „The Lonely Crowed“ (1950)/ „Die einsame Masse“ (1956) ein grundlegendes Werk der Soziologie geschrieben, das in Millionenauflage erschien und lange Jahre die Entwicklung der soziologischen Wissenschaft - und darüber hinaus das populärwissenschaftliche Bild der Soziologie - entscheidend beeinflußt und geprägt hat.
Riesman ( *1909 in Philadelphia (USA)- t2002 in Birmingham/ New York), studierte Jura an der Harvard Universität und erhielt dort 1934 seinen Doktortitel. Er arbeitete zunächst für den amerikanischen Bundesgerichtshof und unterrichtete an verschiedenen Universitäten als Professor für Recht. Nach einem Psychologiestudium erhielt er 1946 eine Professur für Soziologie an der Harvard Universität. Hier veröffentlichte er 1950 zusammen mit seinen Mitarbeitern Denney Reul und Nathan Glazer das oben genannte Buch.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die These Riesmans über den Zusammenhang von Gesellschaftsformen und sozialen Charaktertypen
1.1. Die Kennzeichnung der Gesellschaftsformen durch die Bevölkerungsdynamik
1.1.1. hohe Geburtenrate – hohe Sterblichkeit
1.1.2. Bevölkerungswelle
1.1.3. niedrige Geburtenrate – niedrige Sterblichkeit
1.2. Die Definition der sozialen Charaktertypen
1.2.1. Der Traditionsgeleitete Typ
1.2.2. Der Innen-geleitete Typ
1.2.3. Der Außen-geleitete Typ
1.3. Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und sozialem Charaktertyp als gesetzmäßige Beziehung
2. Wissenschaftstheoretische Betrachtung von Riesmans Modell
2.1. Beschreibung und Verstehen von Gesellschaften anhand von soziologischen Leitbegriffen
2.2. Funktionalität als erkenntnisleitendes Prinzip.
2.3. Der gesetzmäßige Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und sozialem Charaktertyp
2.4. Die historische Abfolge als Gesetzmäßigkeit
2.5. Die Theorie als generell gültiges Entwicklungs- und Diagnosemodell
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht David Riesmans These, wonach die historische Entwicklung der Bevölkerungsdynamik zwingend mit der Herausbildung spezifischer „sozialer Charaktertypen“ (traditionsgeleitet, innengeleitet, außengeleitet) korreliert, und prüft deren wissenschaftliche Validität aus heutiger soziologischer Sicht.
- Analyse der soziologischen Kategorien nach David Riesman
- Zusammenhang zwischen demographischen Phasen und Sozialcharakter
- Wissenschaftstheoretische Einordnung des Modells
- Kritische Reflexion der Gesetzmäßigkeit historischer Entwicklungsmodelle
- Bewertung der heutigen Relevanz von Riesmans Theorien
Auszug aus dem Buch
1.2.1. Der Traditionsgeleitete Typ
Die erste hat diese seit etwa vierhundert Jahren von der familien- und sippegebundenen traditionellen Lebensweise abgeschnitten. Davor lebte die Bevölkerung Europas - wie mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung auch heute (=1950, der Verfasser) noch - in der Phase des hohen Bevölkerungsumsatzes. Die Sterblichkeitsziffern sind in dieser Phase so hoch, daß die Bevölkerung aussterben würde, wenn nicht die Geburtenziffern ebenso hoch wären. Trotz vielfacher Armut und trotz Schwankungen befinden sich diese Gesellschaften in einem gewissen Grad an Stabilität, insofern ihre Verhaltensweisen und Praktiken (einschließlich der Weisen der Bevölkerungsvermehrung) institutionalisiert und normiert sind.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist niedrig und die Bevölkerung ist stark mit jungen Jahrgängen besetzt. Eine Generation löst die andere mit relativ wenigen Auswirkungen ab und wir sehen eine Langlebigkeit der Sitten und der sozialen Strukturen. Verhaltenskonformität ergibt sich meistens aus der „Selbstverständlichkeit“ der sozialen Situationen. Diese konventionelle Verhaltenskonformität bezeichnet er als Traditions-Lenkung.
Daraus entwickelt er folgende Definition der Traditions-Lenkung: Die Verhaltenskonformität des Individuums „wird in hohem Maße durch die verschiedenen Einflußsphären der Alters- und Geschlechtsgruppen, der Sippen, Kasten, Stände und so fort vorgegeben sein - durch Verhältnisse also, wie sie jahrhundertelang bereits bestanden haben“.(ebenda S. 27) Während die Verhaltensregeln nicht sehr kompliziert sind und schnell gelernt werden, beherrscht ein umfassendes, strenges Zeremoniell die fundamentale Enflußsphäre der Sippen- und Familienbeziehungen. Die Kultur legt die ökonomischen Aufgaben fest und jeder ist Riten, Brauchtum und Religion unterworfen und orientiert sich daran. Innovation ist selten, da die Kultur ja gerade in der Fraglosigkeit der bestehenden Lösungen besteht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Fragestellung zur Eignung von Riesmans Kategorien als Instrumente der soziologischen Erkenntnisgewinnung.
1. Die These Riesmans über den Zusammenhang von Gesellschaftsformen und sozialen Charaktertypen: Darstellung der drei Idealtypen (traditions-, innen- und außengeleitet) und deren Verknüpfung mit der demographischen Entwicklung.
2. Wissenschaftstheoretische Betrachtung von Riesmans Modell: Kritische Analyse des Modells hinsichtlich seiner funktionalistischen Prämissen und des Anspruchs einer gesetzmäßigen historischen Abfolge.
3. Zusammenfassung: Einordnung von Riesmans Werk als historisch bedeutsamer Meilenstein, der jedoch den heutigen wissenschaftlichen Anforderungen nur noch eingeschränkt genügt.
Schlüsselwörter
Sozialer Charakter, The Lonely Crowd, Bevölkerungsdynamik, Traditions-Lenkung, Innen-Lenkung, Außen-Lenkung, Idealtypen, Soziologie, Verhaltenskonformität, historische Abfolge, Gesellschaftsformen, Wissenschaftstheorie, David Riesman, Moderne, Sozialwissenschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Theorie von David Riesman, wie sie in seinem Werk „The Lonely Crowd“ dargelegt wird, insbesondere die Verbindung zwischen Bevölkerungsentwicklung und dem sozialen Charakter des Menschen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die drei Gesellschaftsformen (Traditions-, Innen- und Außengelenkte Gesellschaft) sowie die methodischen Grundlagen von Riesmans gesellschaftstheoretischem Modell.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu prüfen, ob die riesmanschen Typisierungen nach heutigen wissenschaftlichen Standards als Instrumente der soziologischen Erkenntnisgewinnung noch valide und tragfähig sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine wissenschaftstheoretische Analyse, um die internen Implikationen von Riesmans Modell, dessen historische Fundierung und seine methodische Stringenz zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Riesman-These (Demographie und Charaktertypen) sowie eine kritische wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der Funktionalität und den behaupteten Entwicklungsgesetzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialer Charakter, Bevölkungsdynamik, Idealtypen, Konformität, Wissenschaftstheorie und die drei Lenkungsformen.
Wie definiert Riesman den „Innen-geleiteten Typ“?
Dieser Typ ist durch einen „seelischen Kreiselkompass“ charakterisiert, der ihm hilft, prinzipielle Lebensziele einzuhalten, die ihm in der Kindheit vermittelt wurden, auch wenn soziale Traditionen weniger stabil sind.
Warum wird Riesmans Modell heute kritisch hinterfragt?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Riesman seine behaupteten Zusammenhänge zwischen Bevölkerungskurven und Charaktertypen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt und seine Entwicklungsgesetze zu deterministisch wirken.
- Quote paper
- Isa Straub (Author), 2005, Darstellung und Reflexion der Theorie von den "sozialen Charaktertypen" in Riesmans Werk "The Lonely Crowd", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75881