Suizid - Gesellschaftlicher Umgang mit Selbsttötung


Hausarbeit, 2002

46 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretischer Hintergrund
1.1. Begriffsdefinition
1.2. Individueller und kollektiver Selbstmord
1.3. Selbstmordtheorie nach Durkheim
1.4. Selbstmordtypen nach Durkheim
1.4.1. Egoistischer Selbstmord
1.4.2. Altruistischer Selbstmord
1.4.3. Anomischer Selbstmord

2. Gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema Suizid
2.1. Historischer Rückblick des gesellschaftlichen Umgangs mit Suizid
2.2. Einstellungen der Kirche und Religion zum Suizid
2.3. Suizid und der Suizident – Wer bringt sich um?
2.3.1. Direktes Umfeld des Suizidenten – die Hinterbliebenen
2.3.2. Suizid eines Kindes und seine Auswirkungen
2.3.3. Suizid eines Partners und seine Auswirkungen
2.3.4. Gesellschaft und die gewählte Suizidmethode
2.3.5. Außenstehende Beobachter

3. Zusammenfassung und Schlussbetrachtungen

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

5. Anhang
5.1. 15 Wünsche eines Trauernden
5.2. Anzahl der Gestorbenen (Todesursachenstatistik)

„Ich möchte tot sein, ich sehe keinen Sinn in meinem Leben, es ist nur ein Lernen, Weinen und Streiten, und für das lohnt es sich nicht, sich zu quälen. Irgendwann bringe ich mich um, wenn niemand daran denkt, wenn jeder lacht. Nur ich hab die Lust zum Leben verloren und dann bin ich frei, endlich frei.“

(vgl. Ich will tot sein, in: Münchener Abendzeitung vom 29. April 1988, hier: Otzelberger 2002:60).

Einleitung

Der Tod hat viele Gesichter. Neben dem natürlichen Tod gibt es noch weitere Formen des Sterbens. Katastrophen, Unfälle und Kriege kommen in Form des unnatürlichen Todes unerwartet vor. Der Suizid ist eine dieser unnatürlichen Todesarten.

Zu allen Zeiten haben Menschen Hand an sich gelegt. Das Thema wird von den verschiedenen Kulturen unterschiedlich behandelt. Die meisten sehen im Selbstmord jedoch etwas Verdächtiges, Verwerfliches. Die großen Weltreligionen verurteilen den Selbstmord. Sie argumentieren mit der Aussage, dass sich der Mensch das Leben nicht selbst gegeben hat und somit sich dieses auch nicht selbst nehmen darf. Nur wenige sehen im Freitod eine Handlung, die Respekt verdient. Die Gründe hierfür sind ebenso unterschiedlich und teilweise sogar historisch verankert. So werden Suizidenten nachsichtig behandelt, die sich aus Verzweiflung, zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen, das Leben nehmen. Krieger, die es vermeiden wollen, ihrem Feind lebendig in die Hände zu fallen und sich aus diesem Grund das Leben nehmen, werden für ihre Handlung geachtet. Auch Selbstmördern, die den Suizid zur Vernichtung eines Gegners oder zur Verteidigung des Vaterlandes begangen haben, kommt die entsprechende Ehrung zu. Diese werden Teilweise als Helden gefeiert. Ein Beispiel dafür liefern die „Selbstmordattentäter“, die ihr Leben opfern, um einen Gegner zu schädigen. Respekt erlangen auch die, die ihr Leben zum Schutz der Ehre oder als Unschuldsbeweis lassen. Besonderer Respekt kommt Selbstmördern zu, die zur Stärkung des Glaubens ein Martyrium auf sich nehmen. In manchen Fällen wird die Selbsttötung sogar erwartet, so zum Beispiel, wenn die Fähigkeit der übernatürlichen Kräfte der afrikanischen sakralen Könige erlischt oder sich als wirkungslos erweist, erwartet die Gemeinschaftstradition die Selbsttötung. Auch in Hungerszeiten werden Selbstmorde erwartet. Betagte Mitglieder sollen zugunsten der Jüngeren auf die Nahrung und somit auf das Leben verzichten (Kunt 1990:77). Auch wenn der Suizid in allen Gesellschaften vorkommt, stellt er gleichzeitig einen unergründlichen Tatbestand dar, denn nur der Selbstmörder selbst kennt seine wahren Ursachen. Die Beweggründe der Suizidenten können sehr unterschiedlich sein und stellen die Individualität der Tat in den Vordergrund. Auch, wenn sich die Wissenschaft, vor allem die Gesellschaftswissenschaften, zu ihnen die Soziologie, Ethnographie, die Rechtswissenschaft und die Kriminologie zugehörig, eingehend mit diesem Thema befassen, bleibt es ein großes Rätsel und zeitgleich ein nicht zu ignorierendes gesellschaftliches Problem.

Tagtäglich sterben an die Tausend Menschen durch Selbsttötung. Die Dunkelziffer ist hoch. Allein in der Bundesrepublik stirbt jeder vierte an Folgen einer vorsätzlichen Selbstbeschädigung (Suizid), was 26 Prozent der Todesfälle ausmacht (Siehe Anhang: Todesursachen 2000, Quelle: Statistisches Bundesamt). Meist schweigen die Hinterbliebenen aus Scham, um das Geschehene zu verdrängen oder einfach nur aus Angst vor finanziellen Nachteilen, denn viele Versicherungen zahlen nicht, wenn es sich um Selbsttötung handelt. Daran wird mitunter deutlich, dass das Phänomen des Selbstmordes stark mit Peinlichkeit behaftet ist. Der Selbstmord stellt ein spezifisch menschliches Phänomen dar. Nur dem Menschen ist es möglich, über sich selbst zu reflektieren, somit eine Vorstellung vom eigenen Ich zu erlangen und die Fähigkeit des Bewusstseins zu entwickeln, die eigene Existenz selbst beenden zu können.

Der Suizid tritt als unnatürlicher Tod auf. Für die Angehörigen kommt er überraschend. Der Entschluss eines Suizidenten wird oftmals nicht verstanden und akzeptiert. Dies liegt mitunter daran, dass er sich mit seiner Handlung der Logik der Natur widersetzt, denn die Gesetze der Natur und der Gesellschaft, für religiöse Menschen auch des Glaubens, bejahen das Leben und fordern das Weiterleben. So erscheint der Suizid mit der Natur des Menschen, mit seiner Existenz als Teil der Gemeinschaft und mit dem Glauben an Gott, unvereinbar. Als Teil der Gemeinschaft übt der Selbstmörder nicht nur sich selbst gegenüber Unrecht, sondern übt Unrecht an der Gemeinschaft. Als sozialisiertes Wesen verpflichtet die Gesellschaft den Menschen, in einer von ihr legitimierten Art, zu sterben. Die gesellschaftlich aufgezwungene Form des Sterbens, hat für das Individuum selbst, den von der Gesellschaft erwünschten Verlust von Unmittelbarkeit und Intimität, zur Folge (Wackerfuss 1988:31).

In meiner Hausarbeit möchte ich auf die Thematik des Suizids aus der soziologischen Sichtweise eingehen. Vordergründig soll es hierbei nicht um die Beweggründe der Suizidenten gehen. Vielmehr möchte ich auf die Aspekte der Selbsttötung eingehen, die einen Zusammenhang zwischen der Tat und der Gesellschaft erkennen lassen. Es soll geprüft werden, woher die gesellschaftlichen Vorstellungen, die mit Suizid zusammenhängen, rühren und wie heute mit der Thematik umgegangen wird. Meine Ausführungen stützen sich dabei auf Durkheims Selbstmordtheorie, an der sich bis zum heutigen Tage zahlreiche Untersuchungen orientieren. Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich auf den individuellen und kollektiven Selbstmord eingehen, mich dann mit der Selbstmordtheorie nach Durkheim beschäftigen, bevor ich dann auf die drei Haupt-Selbstmordtypen, nach Durkheim, eingehen werde. Im zweiten Teil meiner Hausarbeit lenkt sich das Augenmerk auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Dabei nehme ich als erstes einen historischen Rückblick des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema vor, untersuche dann ausgehend davon die Einstellungen der Kirche und Religion, die für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema prägend sind. Zum Schluss betrachte ich den Umgang der Suizidenten selbst mit dem Thema, gehe dann auf sein direktes Umfeld, die Hinterbliebenen, auf die Auswirkungen der vom Suizidenten gewählten Selbstmordmethode, sowie auf die außenstehenden Beobachter ein.

Die leitende Frage hierbei soll lauten: Liegen die Gründe für Suizid in der individuellen Veranlagung des Menschen, sind sie als ein Entschluss in einer bestimmten Lebenssituation, zu sehen, oder liegen die Ursachen für Selbsttötung vielmehr in sozialen Kräften einer Gesellschaft?

1. Theoretischer Hintergrund

1.1. Begriffsdefinition

Beschäftigt man sich mit dem Thema Suizid, so bietet es sich gerade zu an, sich an erster Stelle mit der Begrifflichkeit an sich auseinander zu setzen, denn bei einer genaueren Betrachtung lässt bereits die Begrifflichkeit an sich eine moralische Wertung der Handlung vermuten. Eine negative Wertung der Handlung wird in der im Volksmund üblichen Bezeichnung „Selbstmord" zum Ausdruck gebracht. Das Verhalten des Suizidenten wird hier begrifflich mit dem Straftatbestand eines Mordes, der als unmoralisches menschliches Verhalten betrachtet wird, gleichgestellt. Mord an sich „Selbst", eben anstelle von Mord an einer anderen Person. Im Gegensatz hierzu steht der aus der Prosa stammende Begriff des „Freitods", welcher durch seinen Wortlaut und seine Geschichte dem selbst bestimmten Tod als Ausdruck menschlicher Autonomie eine moralische Aufwertung verleiht. Jean Améry plädiert in seinem Werk „Hand an sich Legen. Diskurs über den Freitod“ für diesen (Freitod). In diesem Zusammenhang müsste jedoch die Frage erörtert werden, ob der Suizident eine freie Handlung vollzieht, oder ob er eher als Opfer seiner Tat gesehen werden kann. Wertneutraler erscheinen in diesem Zusammenhang die Begriffe „Selbsttötung" und „Suizid". Die Bezeichnung „Suizid“ (sui caedere) stammt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel, wie „Zu-Fall-Bringen“ des eigenen Ichs.

Sieht man im Brockhaus nach, was unter Selbstmord, Selbsttötung, Freitod, Suizid aufgeführt wird, so ist darunter die „gewaltsame und überlegte Vernichtung des eigenen Lebens, oft aufgrund von Normen- oder Orientierungskonflikten des Individuums“ (Brockhaus 2000:826) vorzufinden. Und weiter heißt es dann: „Nach dem deutschen StGB werden Selbstmord, Selbstmord-Versuch, Anstiftung und Beihilfe zum Selbstmord nicht bestraft. In Österreich wird die Mitwirkung am Selbstmord als Verbrechen bestraft. Das Schweizer. StGB bestraft die Anstiftung und Beihilfe aus selbstsüchtigen Gründen.“ (Brockhaus 2000:836).

Das Soziologische Lexikon definiert Selbstmord folgendermaßen: Selbstmord, auch: Selbsttötung „seit E. Durkheim (1897) als Phänomen sozi-kultureller Entwicklung gedeutet. Durkheim differenziert zwischen „altruistischem“, „egoistischem“ und „anomischem“ Selbstmord. Der altruistische Selbstmord findet sich in traditionellen Gesellschaften, in den die Familie absoluten Vorrang genießt (z.B. in Japan). Der egoistische Selbstmord ist typisch für Gesellschaften, in denen emotionale Bindungen wenig Halt und Orientierung bieten und → soziale Kontrolle fehlt (Industriegesellschaften Westeuropas und N-Ameika), während der anomische Selbstmord sich in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs häuft (Flucht und Vertreibung).“ (Reinhold 1997).

„Von einer suizidalen Handlung soll dann gesprochen werden, wenn eine Person durch aktive oder passive Handlungen den eigenen Tod oder die eigenen Verletzung herbeiführt.“ (Lindner-Braun 1990:29).

Durkheim selbst definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei er das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte“. (Durkheim 1999:27). „Der Selbstmordversuch fällt unter dieselbe Definition, bricht die Handlung aber ab, eher der Tod eintritt.“ (Durkheim 1999:27).

Durkheim sieht den Selbstmord als ein individuelles Phänomen mit sozialen Ursachen an. Für ihn gibt es Selbstmordströmungen, welche die gesamte Gesellschaft durchströmen. Der Ursprung dieser Strömungen hier in der Gemeinschaft gesehen wird und nicht im Individuum, wird hier die Gemeinschaft zur Ursache der Selbstmorde. Für Durkheim liegen somit die wahren Gründe der Selbstmorde in den sozialen Kräften einer Gesellschaft, wobei sie von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Religion zu Religion und von Gruppe zu Gruppe durchaus variieren können. Für Durkheim spielt es dabei keine Rolle, ob der Tod gewaltsam, zum Beispiel durch ein Messer, oder gewaltfrei, zum Beispiel durch Hungern, herbeigeführt worden ist. Jedoch geht er davon aus, dass das Opfer im Besitz seiner geistigen Kräfte ist. Um Selbstmord handelt es sich tatsächlich, wenn das Opfer im Augenblick der Tat mit aller Sicherheit weiß, was seiner Handlung folgen wird.

Der Suizid ist also das Resultat einer abstoßenden Wirkung der Alternative „Weiterleben.“ (Lindner-Braun 1990:71). Er ist eine „überlegte und aus freiem Willen praktizierte gewaltsame Selbstvernichtung“ (Kunt 1990:77).

In meiner Hausarbeit möchte ich mich jedoch nicht auf eine Bezeichnung des Tatbestandes beschränken, es wäre mir schon rein aus praktischen Gründen unmöglich, auf den, hier als wertend dargestellten Begriff des Selbstmordes, bzw. der Selbsttötung zu verzichten und mich nur für den Begriff des Suizides zu entscheiden. Da sich meine Arbeit hauptsächlich auf Durkheims Ausführungen stützt und sein Werk vom Begriff des Selbstmordes nicht absieht, was sicherlich auch zeitlich begründbar wäre, worauf ich hier jedoch im Einzelnen nicht weiter eingehen werde, erscheint es mir als angemessen, die Begrifflichkeiten zu mischen.

1.2. Individueller und kollektiver Selbstmord

Selbstmord stellt an sich den Akt eines einzelnen, eines Individuums dar. Er berührt an sich auch nur den einzelnen. So scheint es, dass er ausschließlich von individuellen Faktoren abhängt und folglich seinen Ursprung im Bereich der Psychologie hat. Meist wird die „Erklärung für den Entschluss des Selbstmörders in seinem Temperament, seinem Charakter, den Ereignissen seines privaten Lebens und in seiner persönlichen Entwicklung“ (Durkheim 1999:30) gesucht. Es stellt sich dabei zeitgleich die Frage, ob der Selbstmord überhaupt eine rein individuelle Erscheinung sein kann. Keinesfalls betrifft er nur den einzelnen, denn jedes Individuum ist in soziale Kontexte eingebunden und muss folglich auch in diesen betrachtet werden. Zwischen den beiden Selbstmordtypen, dem individuellen und dem kollektiven, lässt sich eine Unterscheidung vornehmen.

Der individuelle Selbstmord ist ausschließlich von individuellen Faktoren abhängig und findet seinen Ursprung in der Psychologie weil er Akt des Einzelnen ist. Der Grund für den Entschluss des Selbstmörders zum Selbstmord wird in seinem Charakter, in seiner persönlichen Entwicklung und in seinem Privatleben gesucht.

Der Selbstmord als kollektive Erscheinung ist die Summe aller individuellen Handlungen im Ergebnis. Sie ist eine neue Tatsache „sui generis", die aus anderen Gesichtspunkten untersucht werden muss. Jede Gesellschaft hat eine bestimmte Neigung zum Selbstmord.

1.3. Selbstmordtheorie nach Durkheim

In seinem Werk „Der Selbstmord“ beschreibt Emile Durkheim den Tatbestand des Selbstmordes unter verschiedenen Gesichtspunkten. Nach der Einführung zum Thema wendet er sich im Ersten Buch den außergesellschaftlichen Faktoren des Selbstmordes zu, bevor er dann im Zweiten Buch auf die sozialen Ursachen und soziale Typen des Selbstmordes eingeht, und schließlich im Dritten Buch vom Selbstmord als sozialer Erscheinung im Allgemeinen spricht.

Das Erste Buch ist in weitere Kapitel gegliedert. Durkheim geht in den einzelnen Kapiteln auf Selbstmord unter psychopatischen Zuständen, Selbstmord und psychologische Normalzustände, Rasse und Erblichkeit, Selbstmord und kosmische Faktoren und auf die Nachahmung ein.

Im Zweiten Buch, wenn es um die sozialen Ursachen und sozialen Typen des Selbstmordes geht, schreibt Durkheim von den Bestimmungsfaktoren, vom egoistischem, vom altruistischem, vom anomischen Selbstmord und schließlich auch von den Individualformen der verschiedenen Selbstmordtypen.

Das Dritte Buch, welches sich mit Selbstmord als soziale Erscheinung beschäftigt, geht auf die gesellschaftlichen Aspekte des Selbstmordes ein. Darüber hinaus wird von den Beziehungen berichtet, die zwischen dem Selbstmord und den anderen sozialen Erscheinungen bestehen. Abgeschlossen wird dieses Dritte Buch mit einem dritten Kapitel, das sich Praktische Folgerungen nennt.

Entscheidend ist dabei wohl, dass Durkheim mitunter darauf verweist, dass jede soziale Gruppe ihre spezifische Tendenz zum Selbstmord hat, für die es „weder in der organisch-psychischen Verfassung der Individuen noch in der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt eine Erklärung gibt. Daraus folgt, dass die Neigung notwendigerweise von sozialen Ursachen abhängt und selbst eine Kollektiverscheinung darstellt; (…).“ (Durkheim 1999:153).

1.4. Selbstmordtypen nach Durkheim

1.4.1. Egoistischer Selbstmord

Durkheim unterscheidet drei Selbstmordtypen, den egoistischen, den altruistischen und den anomischen Selbstmord. Der egoistische Selbstmord ist dadurch gekennzeichnet, dass die Suizidenten sich insbesondere dann mit Selbstmordgedanken beschäftigen, wenn sie nicht in einen Gesellschaftsverband integriert sind, oder wenn „die Autorität der Gruppe und die Kraft der von einem engen und starken Bereich auferlegten Verpflichtungen nicht mehr ausreichen, um die den einzelnen bewegenden Wünsche auf ein mit dem menschlichen Dasein verträgliches Maß zu reduzieren.“ (Raymond 1971:35). Durkheim betrachtet den egoistischen Selbstmord unter drei Gesichtspunkten. Zum einen betrachtet er die verschiedenen Religionsgemeinschaften und den Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einer dieser Religionen und Selbsttötung. Zum anderen betrachtet er den Einfluss der Familie und darüber hinaus den des Staates auf die Selbstmordanfälligkeit. Dabei kommt er zur der Schlussfolgerung (drei Thesen), dass der Selbstmord „im umgekehrten Verhältnis zum Integrationsgrad der Kirche, der Familie und des Staates“ steht (Durkheim 1983:231). Dabei ist den drei eines gemeinsam: bei allen drei handelt es sich um „soziale Gruppen von starker Integration“ (Durkheim 1983:232). „Wenn die Gesellschaft stark integriert ist, hält sie ihre Mitglieder in Abhängigkeit, betrachtet sie als in ihrem Dienst stehend und läßt es infolgedessen nicht zu, daß sie über sich selbst nach Belieben verfügen.“ (Durkheim 1983:232). Durkheim unterstreicht, dass solange ein Individuum sich mit seiner Gruppe solidarisch empfindet, hält es am Leben fest, einerseits aus Furcht, die Interessen der Gruppe zu verletzen, andererseits aus dem Grund, dass die gemeinsame Sache sie ans Leben bindet.

1.4.2. Altruistischer Selbstmord

Der altruistische Selbstmord kommt häufig bei den primitiven Völkern vor. Indien gilt als das klassische Land dieser Selbstmorde. Handelt es sich um altruistischen Selbstmord, dann betrifft das zum Beispiel Witwen in Indien oder auch in archaischen Gesellschaften, die sich zusammen mit dem Leichnam ihres gestorbenen Mannes auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen. Hierbei geht der Einzelne in der Gruppe unter. Individualistischer Exzess liegt somit nicht vor. „Er scheidet in Befolgung sozialer Imperative aus dem Leben, ohne sein Recht auf Leben geltend zu machen.“ (Raymond 1971:35). Bei dieser Selbstmordart steht der Umstand im Vordergrund, dass sich der Suizident aufgrund der Situation, der äußeren Umstände, verpflichtet fühlt, zu töten. Keinesfalls stammt der Impuls von ihm selbst. Häufig ist dieser Typus unter den primitiven Völkern anzutreffen. Gleichzeitig kommt in diesen der egoistische Selbstmord relativ selten vor. In modernen Gesellschaften ist dieser Typ kaum anzutreffen. Der altruistische Selbstmord weist deutlich andere Merkmale auf, als der egoistische. Sie lassen sich in drei Kategorien einordnen. Zum einen kommen Selbstmorde im hohen Alter und während einer unheilbaren Krankheit vor. Zum anderen werden sie von Frauen verübt, wenn sie ihre Männer verlieren. Des Weiteren verüben ihn Diener und Gefolgsleute, wenn ihre Könige oder Herrscher sterben. An sich stammt dieses Verhalten aus einer Hoffnung, durch den Freitod ein schöneres Leben zu erlangen. An dieser Stelle kann man den Schluss ziehen, dass der altruistische Selbstmord als „Folge einer zu starken Integration des Individuums in die Gemeinschaft auftritt, d.h. von der Gemeinschaft mehr oder weniger gefordert wird.“ (Lange 1988:684). Vom egoistischen Selbstmord unterscheidet sich dieser Typ deutlich. Denn: „Der eine ist das Ergebnis einer übertriebenen Vereinzelung, der andere das einer rudimentären Individualität. Der eine kommt zustande, wenn eine in bestimmten oder gar in allen Punkten uneinige Gesellschaft den Menschen aus ihrem Halt entlässt, der andere, weil sie ihn in zu enger Abhängigkeit hält.“ (Durkheim 1983:247). „Der Egoist ist traurig, weil er auf der ganzen Welt nichts Wirkliches sieht außer dem einzelnen, der radikale Altruist ist traurig, weil für ihn der einzelne allein nicht lebensfähig ist. Der eine steht abseits vom Leben, weil er kein Ziel erkennt, an das er sich halten könnte, und weil er sein Dasein für überflüssig und grundlos ansieht, der andere, weil er wohl ein Ziel hat, aber außerhalb dieses Lebens, das ihm daher als Hindernis erscheint. So findet sich der Unterschied der Ursachen in der Auswirkung wieder, und die Schwermut des einen ist himmelweit verschieden von der des anderen.“ (Durkheim 1983:252).

1.4.3. Anomischer Selbstmord

Für die moderne Gesellschaft besonders charakteristisch ist der dritte Typus, der Selbstmord aus Anomie. Dieser Typ begleitet vor allem Wirtschafts- und Finanzkrisen. Für diese Art von Selbstmord macht Durkheim die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaften verantwortlich. Nicht die Gewohnheit reguliert hier die soziale Existenz, die einzelnen befinden sich vielmehr in ständiger Konkurrenz miteinander. „(…) sie erwarten und verlangen viel vom Leben und leiden daher ständig unter dem Missverhältnis ihres Strebens und seiner Verwirklichung.“ (Raymond 1971:36). Dieser Typ greift vor allem bei Umstellungen oder auch unerwarteten Erschütterungen des, wie es Durkheim benennt, „sozialen Körpers“. Solche Umstände haben es nicht selten zur Folge, dass der Mensch der Versuchung zum Selbstmord leichter nachgibt (Durkheim 1983:279). Die Gesellschaft steht nach Durkheim über dem Einzelnen und übt somit auch eine bestimmte Kraft auf ihn aus. Nach Durkheim besteht zweifellos ein Zusammenhang zwischen der Selbstmordneigung und der Machtausübung durch die Gesellschaft. Dieser kommt insbesondere in Zeiten heftiger Konjunkturschwankungen in Industriegesellschaften vor. Für den anomischen Selbstmord gilt also, dass er als „Folge einer Situation der Normlosigkeit, in der Handeln unmöglich wird“ auftritt (Lange 1988: 684). Dieser Selbstmordtyp unterscheidet sich von den anderen zwei hier beschriebenen vor allem dadurch, „daß er nicht von der Art und Weise bestimmt ist, in der der einzelne mit seiner Gesellschaft verbunden ist, sondern in der Art, in der diese ihre Mitglieder reguliert.“ (Durkheim 1983:295).

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Suizid - Gesellschaftlicher Umgang mit Selbsttötung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Sozialwissenschaft)
Veranstaltung
Der gesellschaftliche Umgang mit Tod
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
46
Katalognummer
V76294
ISBN (eBook)
9783638798532
ISBN (Buch)
9783638797634
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suizid, Gesellschaftlicher, Umgang, Selbsttötung, Umgang
Arbeit zitieren
Anna Eckert (Autor), 2002, Suizid - Gesellschaftlicher Umgang mit Selbsttötung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76294

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