Präpositionen stellen seit jeher ein immenses Problem im Lernen einer neuen Sprache dar. Semantisch und formal oft als idiosynkratisch betrachtet, gibt und gab es dennoch in der Linguistik immer wieder Ansätze zur systematischen Beschreibung insbesondere der semantischen Prinzipien und Systematiken hinter den präpositionalen Verwendungen. Diese Arbeit widmet sich den im kognitiven Paradigma entwickelten Ansätzen und überprüft die Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung in Lehrwerken. Der Autor favorisiert dabei eine "integrative" Vorgehensweise, die im Gegensatz zur auf Modularität basierenden Herangehensweise im nativistischen UG-Paradigma möglichst viele Ebenen der linguistischen Beschreibung einschließt, so z.B. auch soziolinguistische und pragmatische Faktoren. Die Verbindung zum Kompetenzbegriff der modernen Didaktik (Stichwort: Interkulturelle Kommunikative Kompetenz) liegt hier auf der Hand.
Im ersten Teil diskutiert der Autor ausführlich Theorien des Spracherwerbs. Er legt dabei eine fundierte Kritik des Nativismus Chomsky'scher Prägung vor. In einem zweiten Schritt betont der Autor die Vorzüge konnektivistischer Sichtweisen, wonach sich Assoziationen als Netzwerke durch Erfahrungsprozesse stabilisieren. Er räumt allerdings ein, daß diese Ansätze noch nicht ausgereift genug sind, um gewinnbringend in die Praxis umgesetzt zu werden. Kap. 2 enthält eine umfassende Darstellung gängiger Sprachlehrmethoden, während Kap. 3 der Grammatikvermittlung gewidmet ist. Der Autor betont die Wichtigkeit der Vermittlung grammatischen Wissens bei der Bildung sprachlicher Kompetenz, wobei sprachliche Kompetenz in Übereinstimmung mit modernen didaktischen Ansätzen umfassend, d.h. nicht auf rein mikrolinguistische Kompetenz begrenzt, aufgefaßt wird. Kap. 4 enthält zunächst eine formale Analyse der Präpositionen. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird die semantische Analyse von over und verwandter Präpositionen ausführlich dargestellt, wonach Präpositionen als polyseme Elemente angesehen werden, deren Bedeutungen sich anhand unterschiedlicher, aber verwandter Prototypen beschreiben lassen. In Kap. 5 werden dann 4 Lehrwerke aus unterschiedlichen Schularten der Sek. I im Hinblick auf die praktische Umsetzbarkeit des Schemas nach Brugman-Lakoff analysiert.
Diese Arbeit zeichnet sich besonders durch einen ausgezeichneten Theorieteil aus, der auf fundierte Kenntnisse des wissenschaftlichen Diskurses schließen läßt.
Struktur der Arbeit
Einleitung
1 Theorien des Zweitspracherwerbs
1.1 Behavioristische Theorien
1.1.1 Kontrastivhypothese
1.1.1.1 Interferenz
1.1.1.2 Transfer
1.2 Universalgrammatik
1.2.1 Positive und negative Evidenz
1.2.2 Prinzipien und Parameter
1.2.3 UG Prinzipien
1.2.4 UG Parameter
1.2.5 Universalgrammatik im Zweitspracherwerb
1.2.6 Bewertung des Ansatzes der Universalgrammatik
1.3 Identitätshypothese
1.4 Neuere kognitive Modelle
1.4.1 Verarbeitungstheorien
1.4.1.1 Informationsverarbeitendes Modell
1.4.1.2 Das ACT Modell
1.4.2 Konstruktionistischer Ansatz: Connectionism
1.4.2.1 Connectionism und Zweitspracherwerb
1.4.3 Bewertung kognitiver Ansätze
2 Didaktische Methoden
2.1 Grammatik-Übersetzungsmethode
2.2 Audiolinguale Methode
2.3 Communicative language learning
2.4 Total physical response
2.5 The silent way
2.6 Task-based language learning
3 Grammatikvermittlung
3.1 Definition von Grammatik
3.2 Induktive und deduktive Grammatikvermittlung
3.3 Stand der Unterrichtspraxis
3.4 Methodische Operationen in der Grammatikvermittlung
3.4.1 Feedback-Optionen
3.4.2 Performanz-Optionen für Lerner
3.4.2.1 Aktivitäten in der fokussierten Kommunikation
3.4.2.2 Merkmals-fokussierte Vermittlung
3.4.2.2.1 Explizite Grammatikvermittlung
3.4.2.2.2 Implizite Instruktion
3.4.2.2.2.1 Input-orientierte Optionen
3.4.2.2.2.2 Output-orientierte Optionen
3.5 Fazit
4 Präpositionen
4.1 Syntaktische Funktionen
4.1.1 Partikelverben und Präpositionalverben
4.2 Grammatikalisierung
4.3 Grammatikalisierte Präpositionen
4.3.1 Syntaktische Funktionen der grammatikalisierten Präposition “of”
4.3.1.1 Komplement in NPs
4.3.1.2 Komplement in AdjPs und AdvPs
4.3.1.3 Komplement in VPs und PPs
4.3.1.4 Andere Funktionen von “of”
4.4 Semantische Eigenschaften von Präpositionen
4.4.1 Lexikalische Eigenschaften englischer Präpositionen
4.5 Die Präposition “over”: eine polyseme Kategorien
4.5.1 Merkmale räumlicher Kategorien
4.5.1.1 Ein prototypisches Modell am Beispiel der Präposition “over”
4.5.1.1.1 ABOVE/ACROSS
4.5.1.1.2 ABOVE
4.5.1.1.3 BEDECKUNG
4.5.1.1.4 Anwendungsbeispiele für das prototypische Modell
4.6 Fazit
5 Schulbuchanalyse
5.1 Lexikalische Präpositionen
5.2 Präpositional- und Partikelverben
5.3 Gerundium
5.4 Temporale Präpositionen
5.5 Fazit der Schulbuchanalyse
6 Schlußfolgerungen
6.1 Anwendungsmöglichkeiten im Unterricht
7 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, die Herausforderungen bei der Vermittlung von Präpositionen im Zweitspracherwerb zu analysieren und ein integratives, auf der Prototypentheorie basierendes Modell vorzustellen, das den Lernaufwand durch das Aufzeigen systematischer Strukturen reduzieren soll.
- Analyse von Theorien zum Zweitspracherwerb
- Untersuchung didaktischer Vermittlungsmethoden
- Diskussion zur Rolle der Grammatikvermittlung
- Kognitiv-linguistische Untersuchung von Präpositionen
- Analyse von Schulbüchern hinsichtlich der Präpositionsvermittlung
Auszug aus dem Buch
4.5 Die Präposition “over”: eine polyseme Kategorien
Ein Blick auf die unterschiedlichen Verwendungen am Beispiel der Präposition over aus BRUGMAN & LAKOFF 1988: 477 zeigt, dass es sich um eine hochgradig komplexe und polyseme Kategorie handelt, die den Anschein von Willkürlichkeit präpositionaler Verwendungen erweckt:
The painting is over the mantel.
The plane is flying over the hill.
Sam is walking over the hill.
Sam lives over the hill.
The wall fell over.
Sam turned the page over.
Sam turned over.
She spread the tablecloth over the table.
The guards were posted all over the hill.
The play is over.
Do it over, but don't overdo it.
Look over my corrections, and don't overlook any of them.
You made over a hundred errors.
Die verschiedenen Verwendungen von over lassen sich hinsichtlich ihrer semantischen Merkmale kaum mit merkmalsbasierten Theorien mit notwendigen und ausreichenden Merkmalen beschreiben, wie BRUGMAN & LAKOFF 1988 feststellen. Unter Polysemie verstehen sie, dass die unterschiedlichen lexikalischen Bedeutungen eines Wortes miteinander verbunden sind – im Gegensatz zur Homonymie, in der die unterschiedlichen Bedeutungen nicht miteinander verbunden sind, wie dies zum Beispiel bei diesen beiden Bedeutungen von bank der Fall ist: einerseits Ufer, andererseits die Bank als Geldinstitut. Das Konzept der Polysemie soll helfen, lexikalische Ambivalenz zu erklären (ibid.: 477).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theorien des Zweitspracherwerbs: Das Kapitel bietet einen Überblick über verschiedene Erwerbstheorien, von behavioristischen Ansätzen bis hin zu moderneren kognitiven Modellen.
2 Didaktische Methoden: Es werden zentrale Ansätze der Fremdsprachenvermittlung wie die Grammatik-Übersetzungsmethode oder der kommunikative Ansatz diskutiert.
3 Grammatikvermittlung: Das Kapitel erörtert die Rolle und Notwendigkeit von Grammatikunterricht sowie methodische Optionen der Vermittlung.
4 Präpositionen: Hier werden Präpositionen linguistisch untersucht, wobei ein Schwerpunkt auf der kognitiven Modellierung von Mehrdeutigkeit liegt.
5 Schulbuchanalyse: Das Kapitel untersucht, wie die theoretischen Erkenntnisse zu Präpositionen in aktuellen Schulbüchern praktisch umgesetzt werden.
6 Schlußfolgerungen: Eine Synthese der Erkenntnisse mit Hinweisen auf den Einsatz prototypischer Modelle im Unterricht.
7 Ausblick: Überlegungen zu zukünftigem Forschungsbedarf und zur Anwendung des Modells im Unterricht.
Schlüsselwörter
Zweitspracherwerb, Präpositionen, kognitive Linguistik, Universalgrammatik, Didaktik, Prototypentheorie, Mehrdeutigkeit, Grammatikvermittlung, Interlanguage, Schulbuchanalyse, Partikelverben, kognitive Modelle, Polysemie, Task-based Language Teaching, Sprachvermittlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen, die englische Präpositionen für Lerner einer Zweitsprache darstellen, und schlägt ein integratives Modell vor, um diese systematisch zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Theorien zum Zweitspracherwerb, didaktische Lehrmethoden, die grammatische Struktur von Präpositionen sowie deren Analyse in gängigen Englisch-Schulbüchern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Lernaufwand für Präpositionen durch das Aufzeigen systematischer, auf der Prototypentheorie basierender Zusammenhänge zu verringern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich primär um eine theoretische Arbeit, die kognitiv-linguistische Modelle (insb. von Brugman & Lakoff) auf die Didaktik anwendet und diese mit einer Analyse von Schulbuchinhalten kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet zunächst Lerntheorien und didaktische Ansätze, geht dann tiefgreifend auf die Syntax und Semantik von Präpositionen ein und analysiert abschließend die Umsetzung dieser Inhalte in verschiedenen Englisch-Lehrwerken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Zweitspracherwerb, Präpositionen, kognitive Linguistik, Prototypentheorie, Grammatikvermittlung und Schulbuchanalyse.
Warum sind Partikelverben besonders schwer zu erlernen?
Da sie oft idiomatisch sind und ihre Bedeutung nicht einfach aus den Einzelteilen ableitbar ist, erfordern sie einen hohen Lernaufwand und eine Unterscheidung anhand von Betonungsmustern, die Anfängern oft unklar bleibt.
Welchen Stellenwert räumt die Arbeit visuellen Hilfsmitteln ein?
Der Autor betont, dass visuelle Hilfsmittel und Schemata, die auf der Prototypentheorie basieren, den Lernprozess erheblich erleichtern könnten, was in aktuellen Schulbüchern jedoch noch zu selten genutzt wird.
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- M.A. Thorsten Witting (Author), 2007, Präpositionen im Zweitspracherwerb - Ein integrativer Ansatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76303