Einleitung
Der Begriff der Identität ist ein sehr weitreichender Begriff, welcher unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet werden kann. Wird sich mit der Identität der Europäischen Union beschäftigt, erscheint es demnach sinnvoll, diesen Begriff ein wenig einzuschränken und sich auf einige ausgewählte Fragestellungen zu konzentrieren.
So ist die Europäische Union natürlich eine Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft, sollte jedoch unter Berücksichtigung von aktuellen Gegebenheiten wie der Erweiterung, der Zuwanderung und auch der zu beobachtendenTendenzen zu destruktiven Strömungen auch als eine in sich geschlossene Wertegemeinschaft gesehen werden.
Um Werte zu formulieren, auf welchen eine europäische Identität im ideologischen Sinne gründen könnte, muss überprüft werden, was die Europäische Union im Kern ausmacht, beziehungsweise worin genau die gemeinsame Substanz der Mitgliedsstaaten besteht.
Wird die Europäische Union unter dem Aspekt allgemeingültiger Werte einer näheren Betrachtung unterzogen, wird deutlich, dass gegenwärtig in modernen pluralistischen Gesellschaften Tendenzen zu beobachten sind, welche eine klare Definition der Identität erschweren.
In Addition dazu sollte der Zusammenhang zwischen Identität und Identifikation erläutert werden. Schließlich stellt sich die Frage, ob eine Identifikation mit der Europäischen Union überhaupt notwendig ist und durch welche Faktoren ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellbar ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Worin eine Identität der Europäischen Union bestehen könnte
1.1 Nationale Identität und deren mögliche Auswirkungen
1.2 Die gemeinsame Substanz der Europäischen Union
2 Probleme mit der Identitätsfindung im Kontext pluralistischer Gesellschaften
2.1 Die Gefahren eines wertebeliebigen Multikulturalismus
2.2 Der Begriff der Leitkultur
3 Identifikation mit der Europäischen Union auf Seite der Bevölkerung
3.1 Formen und Beeinlussungsfaktoren von Identität
3.2 Problematik der politischen Förderung von Identität
3.3 Lösungsvorschläge und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen bei der Definition und Etablierung einer europäischen Identität. Dabei wird analysiert, inwieweit eine solche Identität notwendig für das friedliche Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft ist und wie eine Identifikation der Bevölkerung mit der Europäischen Union sinnvoll gefördert werden kann, ohne dabei in einen einseitigen Utilitarismus zu verfallen.
- Grundlagen einer europäischen Identität und gemeinsamer Substanz
- Konflikte zwischen nationaler Identität und europäischer Integration
- Die Rolle der "Leitkultur" zur Sicherung gesellschaftlicher Werte
- Zusammenhang zwischen affektiver Bindung und nutzenorientierter Identifikation
- Strategien zur politischen Förderung europäischer Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Begriff der Leitkultur
Um also ein konfliktfreies Existieren verschiedener kultureller Gemeinschaften zu ermöglichen, braucht es einen Minimalkonsens an Ideologie in Form einer Leitkultur. Im Rahmen dieser Leitkultur muss Toleranz einen hohen Stellenwert als geltende Norm besitzen, jedoch in der Form, dass eine Klärung von vorhandenen Konflikten und Unterschieden aus der Anerkennung der anders lautenden Norm resultiert (Vgl. Tibi, 2002, S. 92 ff.).
Diese Anerkennung muss jedoch auf kritischem Hinterfragen, auf Auseinandersetzung und Reflexion basieren und darf keinesfalls ausschließlich im Hinnehmen beliebiger Wertorientierungen bestehen (Vgl. Tibi, 2002, S.181).
Um der beschriebenen Problematik der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken, appelliert Tibi, nicht jegliche Universalität zu verneinen, sondern zu akzeptieren, dass westliche Werte eine allgemeine Gültigkeit in Europa besitzen sollten.
Sie könnten in einer Leitkultur vereint werden, nach welcher es sein Handeln auszurichten gilt. Vielfalt muss zwar einen hohen Stellenwert besitzen, jedoch darf sie nicht insofern missverstanden werden, als dass auf Bewertung dieser Vielfalt verzichtet wird. Die Grenzen von Vielfalt, Pluralismus und Toleranz müssen benannt werden.
Der Zweck der Leitkultur besteht laut Tibi darin, bestehende Unterschiede rational zu bewältigen und einen Konsens in Form eines Wertekatalogs zu beschreiben, welcher schließlich ein friedliches und konsequentes Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen ermöglicht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, den Identitätsbegriff für die Europäische Union sinnvoll einzugrenzen und die Notwendigkeit einer Wertegemeinschaft gegenüber der reinen Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft zu betonen.
1 Worin eine Identität der Europäischen Union bestehen könnte: Das Kapitel untersucht die Suche nach einer gemeinsamen Substanz Europas, insbesondere im Hinblick auf nationale Identitäten und die Gefahr eines übersteigerten Nationalismus.
2 Probleme mit der Identitätsfindung im Kontext pluralistischer Gesellschaften: Hier wird die Rolle des Begriffs der Leitkultur nach Bassam Tibi analysiert, um den Gefahren eines wertebeliebigen Multikulturalismus in modernen Gesellschaften entgegenzuwirken.
3 Identifikation mit der Europäischen Union auf Seite der Bevölkerung: Dieses Kapitel betrachtet die verschiedenen Formen der Identität (affektiv vs. utilitaristisch) sowie die Schwierigkeiten und Ansätze einer bewussten politischen Förderung von Identifikation innerhalb der Bevölkerung.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Identität, Leitkultur, Multikulturalismus, Wertegemeinschaft, nationale Identität, Integration, politische Identifikation, utilitaristische Identität, affektive Identität, Pluralismus, soziale Gerechtigkeit, Europa der Vaterländer, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Herleitung und praktischen Umsetzbarkeit einer europäischen Identität im Kontext einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Spannungsfeld zwischen nationalen und europäischen Identitäten, die Bedeutung einer gemeinsamen Wertebasis sowie die Identifikation der Bürger mit europäischen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, ob eine europäische Identität für den Zusammenhalt der Union notwendig ist und welche Faktoren diese Identität stärken können, ohne dabei bloße Kosten-Nutzen-Rechnungen in den Mittelpunkt zu stellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung mit politik- und sozialwissenschaftlicher Literatur, insbesondere auf Basis von Werken von Helmut Schmidt, Bassam Tibi und Sylke Nissen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung einer gemeinsamen Substanz, die kritische Diskussion der Leitkultur sowie die Analyse der Identifikationsmechanismen bei der Bevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie europäische Identität, Leitkultur, Wertegemeinschaft, Integration und das Spannungsfeld zwischen nationalem Patriotismus und europäischer Solidarität geprägt.
Warum lehnt Bassam Tibi eine rein multikulturelle Gesellschaftsform ab?
Tibi lehnt dies ab, da ein bloßes Nebeneinander von Kulturen ohne verbindliche Wertebasis zur Gleichgültigkeit führt, was wiederum demokratische Konsensbildung unmöglich macht.
Welche Rolle spielt die "Soziale Gerechtigkeit" laut der Autorin?
Soziale Gerechtigkeit wird als eines der wenigen identitätsstiftenden Merkmale identifiziert, das in allen Mitgliedstaaten eine hohe Bedeutung genießt und daher eine zentrale Rolle in der Identitätsförderung spielen sollte.
Wie wird das Konzept eines "Kerneuropas" im Ausblick bewertet?
Das Konzept wird als mögliche Lösung diskutiert, um eine gemeinsame Außenpolitik und Wertekonsens zwischen Mitgliedstaaten zu erreichen, die in der Lage sind, tiefergehende Integrationsschritte mitzugehen.
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- Katrin Böhmer (Author), 2007, Die Identität Europas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76310