Das Thema „Jugend“ gilt damals wie heute als beliebter Darstellungsgegenstand in der Literatur. Insbesondere junge Autoren, und damit auch Clemens Meyer, erzählen von einer Lebensphase, zu der sie nur „einen geringen Abstand haben beziehungsweise die sie selbst gerade erleben, sie erzählen über ihre Jugend und Adoleszenz und dies als Betroffene“ (Gansel 2003: 234). Da sich Adoleszenzliteratur bzw. der Adoleszenzroman „auf den Abschied von der unschuldigen Kindheit und den Eintritt in die Welt der Erwachsenen“ (Rutschky 2003; zit. nach Gansel 2003) konzentriert und Jugend bzw. Adoleszenz somit in das Zentrum der Darstellung rückt, so ist Meyers Roman „Als wir träumten“, welcher Jugend thematisiert und vor allem problematisiert, geradezu prädestiniert dafür, der literarischen Gattung des Adoleszenzromans zugeordnet zu werden.
Unter Berücksichtigung von Wandel und Modernisierung bilden die Merkmale und Entwicklungsaufgaben der Lebens- und Entwicklungsphase Jugend den ersten Schwerpunkt der Arbeit. In einem zweiten Schritt werden die literarischen Varianten des Adoleszenzromans (traditionell, modern und postmodern) näher erläutert. Nachdem Autor und Werk kurz vorgestellt werden, dienen narratologischen Kriterien wie Erzählform bzw. Erzählsituation, Erzählverhalten, Standort des Erzählers, Erzählperspektive und Erzählhaltung und damit die Kategorien Zeit, Modus und Stimme der Analyse der Tiefenstruktur des Romans. Des Weiteren sind die Raumkonstruktion und die Zuverlässigkeit des Erzählers von Relevanz für die narrative Struktur und werden ebenfalls konkret am Text diskutiert. Zur Inszenierung der im Text entworfenen Jugendbilder werden Figurenkonzeption, Figurencharakteristik und die Figurenkonstellation in einem dritten Schritt herangezogen. Einen letzten Schwerpunkt bildet die Einordnung des Romans in die Gattung bzw. Subgattungen des Adoleszenzromans.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lebens- und Entwicklungsphase Jugend: Von Chancen und Risiken in der Postmoderne
2.1 Verlängerte Jugendphasen
2.2 Jugend oder Adoleszenz: Zwei Begriffe
2.2.1 Lebensphase Jugend – Merkmale und Entwicklungsaufgaben
2.2.2 Die Expansion der Jugendphase – ein Rückblick
2.3 Adoleszenz im Kontext von „heißen“ und „kalten“ Gesellschaften
2.4 Jugend und Individualisierung: Die Entstrukturierung der Jugendphase
2.4.1 Risiko Arbeitsmarkt
2.4.2 Veränderte Familienstrukturen
2.5 Jugend(sub)kulturen: Peergroups – Freizeit – Konsum
2.5.1 Jugend- und Jugendsubkultur
2.5.2 Freizeit- und Konsumverhalten jugendlicher Subkulturen: Die Bedeutung der Peergroups
2.6 Jugendliche Wertetypen: Woran Jugendliche heute glauben
2.7 Entwicklungs- und Gesundheitsprobleme Jugendlicher
3. Der Adoleszenzroman – literarische Varianten
3.1 Zur Geschichte des Adoleszenzromans
3.2 Merkmale des Adoleszenzromans
3.2.1 Klassischer/traditioneller Adoleszenzroman
3.2.2 Moderner Adoleszenzroman
3.2.3 Postmoderner Adoleszenzroman
4. Clemens Meyer im Handlungs- und Symbolsystem Literatur. Ein Einblick in die Literaturkritik
4.1 Angaben zum Autor
4.2 Zum Inhalt des Romans „Als wir träumten“
4.3 Pressestimmen
4.4 „Als wir träumten“ – Das „Bild ohne Titel“
5. Zur narrativen Struktur des Romans „Als wir träumten“
5.1. Zum Erzähler nach Franz K. Stanzel und Jürgen H. Petersen
5.2 Zeit
5.2.1 Ordnung
5.2.2 Dauer
5.2.3 Frequenz
5.3 Modus
5.4 Stimme
5.4.1 Zeitpunkt des Erzählens
5.4.2 Ort des Erzählens
5.4.3 Stellung des Erzählers zum Geschehen
5.5 Raumkonstruktion
5.5.1 Raum als Handlungsraum
5.5.2 Atmosphärisch gestimmter Raum
5.5.3 Perspektivierter Raum
5.5.4 Symbolischer Raum
5.5.5 Der kontrastierende Raum
5.6 Zum unzuverlässigen Erzähler: Unreliable narration vs. unreliability of memory
6. Zur Inszenierung von Jugendbildern bei Clemens Meyer
6.1 Zu den Figureninformationen
6.2 Zu den einzelnen Charakteren
6.2.1 Daniel – der „Vernünftige“
6.2.2 Rico – der „ewig Kämpfende“
6.2.3 Mark – der „Verlorene“
6.2.4 Paul – der „Neutrale“
6.2.5 Stefan – das „Hundeherz“
6.2.6 Walter – der „tragische Held“
6.3 Zur Inszenierung von Jugendbildern am Beispiel der Hauptfiguren
6.3.1 Jugend und Gesellschaft
6.3.2 Familienverhältnisse und Familienstrukturen
6.3.3 Peergroups – Freizeit – Konsum
7. „Als wir träumten“ – Ein Adoleszenzroman?
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die narrative Inszenierung von Jugendbildern in Clemens Meyers Debütroman „Als wir träumten“. Ziel ist es, anhand narratologischer Analysekriterien zu bestimmen, inwiefern der Roman der literarischen Gattung des Adoleszenzromans zuzuordnen ist und wie die spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Nachwendezeit in die Erzählstruktur einfließen.
- Lebensphase Jugend im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung
- Gattungsmerkmale und Varianten des Adoleszenzromans
- Narrative Strukturanalyse (Zeit, Modus, Stimme, Raumkonstruktion)
- Figurenanalyse der Protagonisten unter Berücksichtigung von Jugendbildern
- Unzuverlässiges Erzählen und die Rolle der Erinnerungsarbeit
Auszug aus dem Buch
6.2.1 Daniel – der „Vernünftige“
Der Ich-Erzähler Daniel Lenz ist die zentrale Hauptfigur des Romans. Zum frühesten Zeitpunkt der Erzählung ist Daniel etwa acht Jahre alt. Er bewohnt gemeinsam mit seinem Vater Horst und seiner Mutter eine Wohnung in dem Arbeiterviertel Leipzig-Reudnitz. Sein Vater konsumiert immer mehr Alkohol und vertreibt sich seine Zeit bei Freunden oder aber in seiner beliebten Stammkneipe, die den Namen „Silberhöhe“ trägt.
Vater geht oft zum Glatzkopp, er stinkt nach Schnaps, wenn er zurückkommt, und Mutter schimpft. (Meyer 2006: 181)
In seiner Stammkneipe verfolgt er die Fußballspiele seiner Lieblingsmannschaft Chemie Leipzig, Daniel ist dabei oft an seiner Seite, während die Mutter, in ständiger Sorge, alleine zu Hause mit dem Essen wartet:
Vater hält meine Hand. Er schwankt und zieht mich dabei hin und her. Es wird schon dunkel, und ich denke an Mutter. Sie steht in der Küche und wartet. Das Essen ist kalt. (Meyer 2006: 188)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Jugendbilder in der deutschen Gegenwartsliteratur ein und erläutert die Forschungsfrage sowie die Zielsetzung der Arbeit unter Einbeziehung des Romans „Als wir träumten“.
2. Lebens- und Entwicklungsphase Jugend: Von Chancen und Risiken in der Postmoderne: Dieses Kapitel beleuchtet theoretische Konzepte zur Lebensphase Jugend und diskutiert die soziologischen sowie psychologischen Herausforderungen und Risiken für Jugendliche in modernisierten Gesellschaften.
3. Der Adoleszenzroman – literarische Varianten: Hier werden die literaturhistorische Entwicklung sowie die spezifischen Gattungsmerkmale des Adoleszenzromans, unterteilt in klassische, moderne und postmoderne Varianten, theoretisch fundiert erarbeitet.
4. Clemens Meyer im Handlungs- und Symbolsystem Literatur. Ein Einblick in die Literaturkritik: Dieses Kapitel stellt Autor und Werk vor und gibt einen Überblick über die literaturkritische Rezeption des Romans „Als wir träumten“.
5. Zur narrativen Struktur des Romans „Als wir träumten“: Hier wird der Roman unter Anwendung narratologischer Theorien (Stanzel, Petersen, Genette) hinsichtlich Zeit, Modus, Stimme und Raumkonstruktion analysiert sowie die Problematik des unzuverlässigen Erzählens thematisiert.
6. Zur Inszenierung von Jugendbildern bei Clemens Meyer: Dieses Kapitel konzentriert sich auf die spezifische Inszenierung von Jugendbildern durch die Charakterisierung der Romanfiguren und die Analyse der Lebenswelten (Familie, Clique, Gesellschaft).
7. „Als wir träumten“ – Ein Adoleszenzroman?: In dieser Synthese werden die im Theorieteil erarbeiteten Merkmale auf den Roman angewendet, um dessen Einordnung in die Gattung des Adoleszenzromans zu begründen.
8. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen und bewertet die Bedeutung des Romans für die Darstellung der krisenhaften Lebensphase Jugend in der zeitgenössischen Literatur.
Schlüsselwörter
Clemens Meyer, Adoleszenzroman, Jugendbilder, Nachwendezeit, Identitätssuche, Narrative Struktur, Unzuverlässiger Erzähler, Sozialisation, Peergroup, Individualisierung, Postmoderne, Risikogesellschaft, Erzähltheorie, Literaturkritik, Figurencharakteristik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Bild der Lebensphase „Jugend“ im Roman „Als wir träumten“ von Clemens Meyer narrativ gestaltet ist und inwieweit das Werk der literarischen Gattung des Adoleszenzromans entspricht.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Einordnung der Jugend in der Postmoderne, der narrativen Strukturanalyse (Erzählweise, Zeitgestaltung) und der Analyse der jugendlichen Protagonisten als „gesellschaftliche Seismografen“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es soll analysiert werden, wie bestimmte Jugendbilder in Meyers Roman narrativ inszeniert werden und ob sich die Lebensphase Jugend in der DDR und BRD in der Erzählweise widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die erzähltheoretische Methode (insbesondere Stanzel, Genette und Petersen) zur Untersuchung der narrativen Struktur sowie soziologische Konzepte der Jugend- und Adoleszenzforschung.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Jugendphase, eine Literaturanalyse zur Gattung des Adoleszenzromans sowie eine tiefgehende narratologische Untersuchung des Romans, ergänzt durch eine Figuren- und Milieuanalyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Kernbegriffe sind Adoleszenzroman, narrative Struktur, Postmoderne, Individualisierung, unzuverlässiges Erzählen und die soziologische Lebensphasen-Analyse.
Welche Rolle spielt die „Wende“ im Roman?
Die Wende markiert für die Protagonisten den Übergang von einer autoritären DDR-Erziehung zu einer von Orientierungslosigkeit und neuen Freiheiten geprägten BRD-Gesellschaft, was den Handlungsraum des Romans kontrastiert.
Warum wird der Erzähler als unzuverlässig eingestuft?
Der Ich-Erzähler Daniel korrigiert seine eigenen Erinnerungen mehrfach, gesteht sich Gedächtnislücken ein und entwirft widersprüchliche Versionen derselben Ereignisse, was auf die subjektive „unreliability of memory“ statt auf eine reine „unreliable narration“ hinweist.
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- Nina Mitscher (Author), 2007, Bilder von Jugend in der deutschen Gegenwartsliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76314