Der kognitive Konstruktivismus ist während des großen psychologischen Paradigmenwechsels, der natürlich auch in die gesellschaftlichen Veränderungen der 60er eingebettet war, populär geworden. Er geht davon aus, dass der Mensch seine Umwelt nicht einer Kamera gleich abbildet, sondern aktiv konstruiert. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage neuerer Forschungsansätze nicht nur in der Psychologie und Soziologie, sondern auch in der Politikwissenschaft. In seiner radikalen Ausformung, die sich mit dem Problem beschäftigt, wie Wahrheitsfindung angesichts der Konstruktion von Wissen überhaupt noch möglich ist, nähert er sich philosophischen Ansätzen und denen der Wissenssoziologie.
Die Arbeit bietet einen Überblick über die Kernaussagen dieser Theorie.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Kognitivismus
2. Der kognitive Konstruktivismus
3. Der radikale Konstruktivismus
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des kognitiven und radikalen Konstruktivismus und deren Bedeutung für das Verständnis menschlicher Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Individuen ihre Realität durch Konstrukte aktiv gestalten und welche Auswirkungen dies auf psychologische Prozesse sowie das soziale Miteinander hat.
- Grundlagen des Kognitivismus und die kognitive Wende
- Die aktive Konstruktion der Welt durch Denkschemata und Konstrukte
- Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Wahrnehmung
- Radikaler Konstruktivismus als Infragestellung absoluter objektiver Erkenntnis
- Psychologische und gesellschaftliche Bedeutung der Selbstwahrnehmung
Auszug aus dem Buch
3. Der radikale Konstruktivismus
Von der Theorie der persönlichen Konstrukte von Kelly und anderen Kognitivisten ist es nur mehr ein kleiner Schritt zum radikalen Konstruktivismus. Jener beschäftigt sich nun nicht mehr nur mit der Bildung und Benutzung von Konstrukten, sondern wirft die Frage auf, ob und wie so etwas wie Wahrheit überhaupt festgestellt werden kann, wenn uns Menschen doch stets nur subjektive Nachahmungen der Realität zur Verfügung stehen.
Wie versuchen nun Konstruktivisten, sich den Begriffen Wirklichkeit, Wahrheit und Erkenntnis zu nähern?
Das Bewußtsein dafür, daß unsere direkte Wahrnehmung nicht die Wirklichkeit abbildet, hat sich bei den Philosophen schon sehr früh gebildet (bei den Psychologen sollte es noch das eine oder andere Jahrtausend länger dauern). Schon Platon beschreibt mit seinem Höhlengleichnis, daß die Menschen nicht die wahre Natur der Objekte, sondern nur verzerrte Abbilder und Schatten davon wahrnehmen.
Der grundlegende Unterschied zu den Konstruktivisten besteht nun darin, daß nicht mehr zwingend davon ausgegangen wird, daß die Wirklichkeit in irgendeiner Weise feststellbar ist bzw. überhaupt existiert. Ernst von Glaserfeld schreibt dazu: "Während die traditionelle Auffassung in der Erkenntnislehre sowie in der kognitiven Psychologie, dieses Verhältnis stets als eine mehr oder weniger bildhafte (ikonische) Übereinstimmung oder Korrespondenz betrachtet, sieht der radikale Konstruktivismus es als Anpassung im funktionalen Sinne."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Kognitivismus: Einführung in die fünf Hauptströmungen der Psychologie und Erläuterung der kognitiven Wende, die den Menschen als aktiven Informationsverarbeiter in den Mittelpunkt rückte.
2. Der kognitive Konstruktivismus: Analyse der menschlichen Weltkonstruktion mittels Schemata und Konstrukten sowie Erörterung der Bedeutung von Sprache und Denken für die individuelle Wahrnehmung.
3. Der radikale Konstruktivismus: Kritische Reflexion über die Existenz einer objektiven Realität und Erläuterung, warum Erkenntnis eher als funktionale Anpassung denn als Wahrheit zu begreifen ist.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des emanzipatorischen Potentials des konstruktivistischen Ansatzes sowie dessen therapeutischer Bedeutung für die Psychologie.
Schlüsselwörter
Kognitivismus, kognitiver Konstruktivismus, radikaler Konstruktivismus, Konstruktion, Selbst, Wahrnehmung, Schemata, Erkenntnistheorie, George A. Kelly, Jean Piaget, Ernst von Glaserfeld, Informationsverarbeitung, Realität, Sprache, Denken.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der psychologischen Perspektive des Konstruktivismus, konkret mit dem kognitiven und dem radikalen Konstruktivismus und der Frage, wie der Mensch seine Realität und sein Selbst konstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Ausarbeitung?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Entwicklung der kognitiven Wende, die Mechanismen der menschlichen Informationsverarbeitung, die Rolle von Sprache und Denken sowie die erkenntnistheoretische Hinterfragung objektiver Wahrheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, darzulegen, wie Konstrukte unsere Sicht auf die Welt formen und warum das Bewusstmachen dieser Prozesse dazu beitragen kann, rationaler zu handeln und Vorurteile sowie psychologische Fehleinschätzungen zu minimieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und verknüpft Ansätze aus der Psychologie, Philosophie und Linguistik, um die theoretischen Konzepte des Konstruktivismus zu erläutern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Kognitivismus, die Erklärung der Konstruktbildung (kognitiver Konstruktivismus) und die tiefergehende philosophische Analyse des radikalen Konstruktivismus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kognition, Konstrukte, Schemata, Assimilation, Akkommodation, Realität, Erkenntnistheorie und die Funktion von Filtern in der Informationsverarbeitung.
Welche Bedeutung haben "Zensurmechanismen" im Gehirn laut dem Autor?
Die Zensurmechanismen dienen als notwendige Filter, um die Informationsflut zu bewältigen; sie können jedoch auch dazu führen, dass wichtige Erfahrungen unbewusst ausgeblendet werden, was zur Bildung von "Selbstgeheimnissen" führt.
Wie verhält sich der radikale Konstruktivismus zur objektiven Wahrheit?
Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass wir die Welt nicht objektiv erkennen können. Wahrheit wird hier als eine funktionale Anpassung an die Umgebung verstanden, die für das Überleben und die Sinngebung ausreicht, nicht jedoch als Abbild einer absoluten Realität.
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- Dr. Katja Gesche (Author), 1997, Der kognitive Konstruktivismus - Die Konstruktion des Selbst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76394