In dieser Ausarbeitung wird die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung (Bindung) unter
Berücksichtigung der Polytoxikomanie (Mehrfachabhängigkeit) der Mutter in einer (teil-)stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe/Drogenhilfe untersucht.
"Kinder von Suchtkranken gelten als die übersehene Gruppe im familiären Umfeld der Sucht." Die Forschungen zum Thema "Kinder drogenabhängiger Eltern" zeigen, dass der elterliche Konsum von Drogen einen großen negativen Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung der eigenen Kinder haben kann: Fehlen der notwendigen körperlichen Versorgung und Zuwendung, Verzögerung der sozio-emotionalen und kognitiven Entwicklung.
Gerade im Bereich der Abhängigkeit der Eltern von Drogen (Heroin, Kokain, Marihuana u.a.) können die Schäden für das Kind massiv sein:
1. Die Kinder sind häufig Trennungen ausgesetzt und wachsen vorrangig bei nur einem Elternteil, in der Regel bei der Mutter, auf.
2. Die häufig durch die Drogenabhängigkeit bedingten Frühgeburten können zu verstärkten Beziehungsproblemen zwischen Mutter und Kind führen. Die Kinder weisen oft ein problematisches Temperament auf, was die Erziehungsprobleme der Eltern/des Elternteils verstärkt und zu Überforderungsgefühlen führen kann.
3. Die Kinder sind oft gerade in den frühen Lebensjahren von der Drogenabhängigkeit der Eltern/des Elternteils betroffen, so dass hier verstärkt Entwicklungsdefizite auftreten können.
4. Die Kinder von drogenabhängigen Eltern erleben in der Regel eine starke soziale Isolation und Stigmatisierung, lernen dadurch weniger sozial förderliche Verhaltensweisen und haben dadurch ein instabileres Selbstwertgefühl.
5. Die Kinder erleben oft traumatische Situationen, die aus der Beschaffungskriminalität der Drogenabhängigkeit der Eltern resultieren (z.B. Prostitution, Inhaftierung).
Im Folgenden werden Forschungsergebnisse zu dem Elternverhalten von drogenabhängigen Müttern kurz skizziert. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Basisinformationen zu Sucht, Abhängigkeit und Drogen
1.1 Definitionen und Kriterien
1.1.1 Drogen
1.1.2 Sucht und Abhängigkeit
1.1.3 Diagnostische Kriterien für Substanzkonsum (ICD-10, DSM-IV)
1.2 Drogen und ihre Wirkung
1.2.1 Legale Drogen
1.2.2 Illegale Drogen
1.3 Entwicklung von Sucht und Abhängigkeit
1.3.1 Suchtentwicklung
1.3.2 Vom Genuss zur Abhängigkeit
1.4 Der Weg aus der Sucht
2 Entwicklungspsychologische Aspekte
2.1 Entwicklungsaufgaben nach Havighurst und Erikson
2.2 Kognitive Entwicklung nach Piaget
2.2.1 Sensumotorisches Stadium (1. und 2. Lebensjahr)
2.2.2 Präoperatives Stadium (2. bis 7. Lebensjahr)
2.3 Die Entwicklung von Beziehungen und Bindung nach Bowlby und Ainsworth
2.3.1 Bindung/Bindungsverhalten nach Bowlby
2.3.2 Bindungsarten nach Ainsworth
2.3.3 Phasen der Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung nach Ainsworth
2.4 Entwicklungsrisiken/Risikofaktoren
2.4.1 Teratogene
2.4.2 Genetisch bedingte Risikofaktoren
2.4.3 Soziale Risikofaktoren
2.4.4 Die Bedeutung von psychosozialen Risikofaktoren im Säuglings- und Kleinkindalter
3 Frauen, Kinder und Sucht
3.1 Kinder von suchtmittelkranken Eltern
3.2 Drogen und Schwangerschaft – Wirkungen von Drogen auf das ungeborene Kind
3.2.1 Tabak/Nikotin
3.2.2 Alkohol
3.2.3 Illegale Drogen
3.3 Süchtig geboren – Neugeborene von heroinabhängigen Müttern
3.4 Drogen und Erziehung – Auswirkungen des Drogenkonsums auf das Kind und die Familie
3.4.1 Zerrissen zwischen den Eltern
3.4.2 Gewalt und Grenzüberschreitungen
3.4.3 Regeln in der Familie
3.4.4 Die „Rolle“ als Strategie zum Überleben
3.5 Die Charakterisierung von Interaktionsmustern in Suchtfamilien durch Rollenmodelle
3.5.1 Das Rollenmodell nach Wegschneider
3.5.2 Die Bedeutung der Rollen für die psychische Entwicklung von Kindern
3.5.3 Auswirkung der Rollencharakterisierungen für das Familiesystem
3.6 Frauenspezifische Suchtarbeit im Drogenhilfesystem
3.6.1 Warum frauenspezifische Drogenarbeit?
3.6.2 Drogenberatungsstelle Bella Donna
4 Gemeinsame Wohnform für suchtmittelabhängige Mütter (Väter) und deren Kinder (Kinder- und Familienhilfe) – Suchthilfeverbund Bornheim/Bonn, Mutter-Kind-Einrichtung (Vater-Kind)
4.1 Gesetzliche Grundlage
4.2 Zielgruppe
4.3 Aufnahmesituationen
4.4 Ziele
4.5 Lage und Räumlichkeiten
4.6 Personalschlüssel und Mitarbeiterqualifikation
4.7 Grundleistungen
4.7.1 Stabilisierungsphase: Alltagspädagogische Hilfen für das Kind
4.7.2 Stabilisierungsphase: Frühförderung der Kinder
4.7.3 Stabilisierungsphase: Förderung der Mutter-Kind-Beziehung
5 Untersuchungsverlauf, Untersuchungsergebnisse
5.1 Vorbereitung, Hypothese/Fragestellung
5.2 Durchführung der Erhebung
5.2.1 Ziel der Untersuchung
5.2.2 Datenerhebung (Methode)
5.2.3 Befragungsablauf und -zeitraum
5.2.4 Beschreibung der Untersuchungsgruppen
5.3 Auswertung der Erhebung
5.3.1 Vorstellung der InterviewpartnerInnen (Bewohnerinnen)
5.3.2 Situation und Atmosphäre während der Interviews
5.3.3 Auswertung der Fragebögen
5.4 Auswertung der Befragungsergebnisse im Hinblick auf die Hypothese/Fragestellung der Untersuchung
6 Mögliche Konsequenzen für die Praxis
7 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Bindungs- und Beziehungsverhalten von mehrfachabhängigen Müttern und ihren Kindern, die in einer (teil-)stationären Einrichtung der Kinder- und Familienhilfe leben. Ziel ist es zu ermitteln, ob eine stabile Mutter-Kind-Bindung unter den Bedingungen einer Suchterkrankung und der Unterstützung durch eine spezialisierte Einrichtung aufgebaut werden kann.
- Entwicklungspsychologische Grundlagen von Bindung und Kindesentwicklung
- Auswirkungen von Sucht auf das Familiensystem und Rollenmodelle für Kinder
- Spezifische Bedarfe und frauenspezifische Ansätze in der Drogenhilfe
- Empirische Erhebung in einer Mutter-Kind-Einrichtung zur Beziehungsentwicklung
Auszug aus dem Buch
3.3 Süchtig geboren – Neugeborene von heroinabhängigen Müttern
„Im Leben einer heroinabhängigen Frau aber, die erfährt, dass sie schwanger ist, stimmt meist so gut wie nichts mit den gesellschaftlichen Erwartungen an eine werdende Mutter überein. Oft bemerkt sie die Schwangerschaft erst im vierten oder fünften Monat, weil sie, eine Folge des Opiatkonsums, seit längerer Zeit keinen regelmäßigen Zyklus mehr hatte und nicht damit gerechnet hat, schwanger zu werden. Sie hat sich dann in den entscheidenden ersten Monaten nicht auf die Schwangerschaft einstellen können, hat wahrscheinlich nicht gesund gelebt, sondern geraucht, getrunken, verschiedene Drogen genommen und sich schlecht ernährt. Sie hat möglicherweise keine Wohnung, kein Geld, keinen sorgenden Ehemann, und wenn es überhaupt einen Vater für das Kind gibt, so ist es eventuell einer, der auf der gesellschaftlichen Stufenleiter ebenfalls ganz unten steht, ein Junkie. Ihren Drogenkonsum und Lebensunterhalt muss sie vielleicht finanzieren, indem sie sich prostituiert. Sie hat oft keine nicht-drogenabhängigen Freundinnen und Freunde, keine Verwandten, zu denen eine Beziehung aufrechterhalten blieb. Sie ist oft selbst das Kind süchtiger Eltern, ein Kind, das im Heim oder bei einer Pflegefamilie aufwuchs. Es gibt kaum jemanden, der ihr zutraut, ein Kind großzuziehen. Und sie hat unter Umständen nie eine positive Beziehung zu ihrem Körper und ihrer Sexualität entwickeln können. Sehr viele drogenabhängige Frauen wurden in ihrer Kindheit sexuell missbraucht (...).
Schwangerschaften von heroinabhängigen Frauen enden überdurchschnittlich häufig ein bis zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin – und besonders oft dann, wenn sie unter schlechten sozialen und gesundheitlichen Bedingungen leben. So sind auch die Kinder heroinabhängiger Mütter bei der Geburt mit besonderen Risiken belastet. (...) Oft sind es untergewichtige Winzlinge, die (...) im Brutkasten oder in einem durchsichtigen Kunststoffbett liegen, an Schläuche und Kabel angeschlossen, so dass ihre Mütter sie kaum anzurühren wagen. „Die Babys sind zittrig, grau und haben zum Teil Krämpfe, sie sind besonders unruhig; hinzu kommen kleine neurologische Auffälligkeiten, wie ein besonders hohes, schrilles Schreien“, so fasst die Kinderpsychologin Susanne Börner ihre Erfahrungen mit den Heroinbabys zusammen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Basisinformationen zu Sucht, Abhängigkeit und Drogen: Dieses Kapitel erläutert die fachlichen Grundlagen von Sucht und Drogen, inklusive der Wirkweisen sowie der diagnostischen Klassifikationssysteme.
2 Entwicklungspsychologische Aspekte: Hier werden die wesentlichen Theorien zur kindlichen Entwicklung und Bindung (Piaget, Bowlby, Ainsworth) für die Zielgruppe der Säuglinge und Kleinkinder dargestellt.
3 Frauen, Kinder und Sucht: Dieser Abschnitt thematisiert die Auswirkungen von Sucht auf die Schwangerschaft, die Erziehung und das Familiensystem, ergänzt um Rollenmodelle für Kinder und die Relevanz frauenspezifischer Hilfe.
4 Gemeinsame Wohnform für suchtmittelabhängige Mütter (Väter) und deren Kinder (Kinder- und Familienhilfe) – Suchthilfeverbund Bornheim/Bonn, Mutter-Kind-Einrichtung (Vater-Kind): In diesem Kapitel wird das Konzept der Einrichtung vorgestellt, ihre Ziele, Aufgaben und die methodische Arbeitsweise.
5 Untersuchungsverlauf, Untersuchungsergebnisse: Dies ist der empirische Teil der Arbeit, in dem die Erhebung und Befragung von Bewohnerinnen und Fachkräften der Einrichtung dokumentiert und ausgewertet werden.
6 Mögliche Konsequenzen für die Praxis: Hier werden aus den Ergebnissen Empfehlungen für die Arbeit mit suchtbelasteten Familien abgeleitet.
7 Schlussbetrachtung: Das letzte Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung im Hinblick auf die systemische Unterstützung für Mutter-Kind-Beziehungen.
Schlüsselwörter
Sucht, Abhängigkeit, Mutter-Kind-Beziehung, Bindung, Drogenberatung, Frühförderung, stationäre Einrichtung, Suchtfamilie, Erziehung, Psychosoziale Risikofaktoren, Resilienz, Frauenspezifische Suchtarbeit, Schwangerschaft, Suchthilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Suchterkrankung einer Mutter auf die Bindungs- und Beziehungsentwicklung zu ihrem Kind auswirkt und welchen Beitrag eine (teil-)stationäre Mutter-Kind-Einrichtung zur Stabilisierung dieser Beziehung leisten kann.
Welche Themenfelder sind zentral?
Neben den entwicklungspsychologischen Grundlagen von Bindung werden die Auswirkungen von Drogenkonsum auf Schwangerschaft und Kindheit, Rollenmuster in Suchtfamilien und die Bedeutung ganzheitlicher Hilfsangebote diskutiert.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob mehrfachabhängige Mütter mithilfe einer spezialisierten Wohnform eine stabile Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können und ob sich umgekehrt das Bindungsverhalten der Kinder positiv entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin führte eine qualitative Untersuchung in Form von Befragungen (Fragebögen und face-to-face Interviews) mit Bewohnerinnen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtung durch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zu Sucht, Entwicklungspsychologie und den Auswirkungen auf Kinder sowie in die detaillierte Darstellung und Auswertung der empirischen Untersuchungsergebnisse der Mutter-Kind-Einrichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch die Begriffe Sucht, Abhängigkeit, Mutter-Kind-Beziehung, Bindung, Suchthilfe und Resilienz.
Wie werden Rückfälle der Mütter in der Einrichtung gehandhabt?
Die Einrichtung ist auf Rückfälle vorbereitet: Während die Mutter Rückfallbearbeitung durchläuft (ggf. kurzzeitige stationäre Entgiftung), wird durch das Team die Konstanz und das Wohlbefinden des Kindes sichergestellt.
Was ist das zentrale Ergebnis der Untersuchung?
Die Untersuchung zeigt, dass die Hypothese eines generell instabilen Bindungsverhaltens nicht bestätigt werden kann; im Gegenteil: Die unterstützende Umgebung der Einrichtung trägt maßgeblich zur Stabilisierung und Verbesserung der Mutter-Kind-Beziehung bei.
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- Alexandra Schmidt (Author), 2006, Mutter, Kind, Sucht. Zur Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung unter Berücksichtigung der Polytoxikomanie der Mutter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76474