Partizipation von Studierenden: Das Beispiel der Tübinger PolitikstudentInnen

Eine empirisch-exemplarische Untersuchung von Beeinflussungsfaktoren auf Partizipation unter Berücksichtigung eines Prozessmodells


Magisterarbeit, 2006

170 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung der Arbeit

1. Einleitung
1.1. Rückblick
1.2. Der Untersuchungsgegenstand
1.3. Fragestellung und Erkenntnisziel
1.4. Vorgehen und Methode

2. Theoretische und begriffliche Grundlagen
2.1. Definition von Partizipation
2.2. Politische Sozialisation (Definition)
2.3. Analytische Dimensionen politischer Partizipation
2.4. Reale Formen von Partizipation
2.5. Allgemeine Grundlagen der Partizipationsforschung: Retrospektive
2.6. Das Prozessmodell politischer Partizipation
2.7. Das Modell politischer Partizipation an Hochschulen
2.8. Synthese: Das Modell politischer Partizipation Studierender
2.9. Fragebogenkonstruktion

3. Politische Partizipation und soziales Engagement in der BRD
3.1. Politisches Interesse
3.2. Informationsquellen
3.3. Politische Einstellungen
3.3.1. Demokratiezufriedenheit
3.3.2. Institutionenvertrauen
3.3.3. Beteiligungschancen
3.4. Konventionelle Partizipation: Wahlteilnahmen
3.4.1. Direkte Beteiligung: Plebiszite
3.4.2. Direkte Beteiligung: Politische Ämter
3.5. Unkonventionelle Partizipation
3.6. Freiwilliges soziales Engagement in Vereinen und Bürgergruppen
3.7. Die Bedeutung der finanziellen Situation
3.8. Zusammenfassung

4. Partizipation junger Erwachsener und Studierender: Thesenbildung
4.1. Das Alter der Befragten als Untersuchungsvariable
4.2. Stand der Forschung
4.3. Jugendstudien
4.4. Wertewandel
4.5. Parteipräferenzen
4.6. Politische Einstellungen auf der Links-Recht-Skala
4.7. Politisches Interesse
4.8. Politische Partizipation
4.9. Soziale Bindungen

5. Deskriptive Darstellung der Umfrageergebnisse
5.1. Teil 1: Politische Einstellungen und politisches Interesse
5.1.1. Politisches Interesse
5.1.2. Themeninteressen
5.1.3. Links-Rechts-Einstufung
5.1.4. Zuweisung von Verantwortung
5.1.5. Bewertung der Beteiligungsmöglichkeiten und –Chancen 63 /
5.2. Teil 2: Gesellschaftliche und politische Beteiligung
5.2.1. Wahlteilnahmen
5.2.2. Parteipräferenzen
5.2.3. Sonntagsfrage
5.2.4. Gründe für Wahlenthaltung
5.2.5. Aktive Mitgliedschaften
5.2.6. Politisches und soziales Engagement
5.2.7. Demokratieverständnis
5.2.8. Kenntnis und Teilnahmen im universitätsnahen Bereich
5.3. Teil 3: Persönlicher und sozialer Hintergrund
5.3.1. Geschlecht, Alter und Staatsangehörigkeit
5.3.2. Angestrebter Abschluss
5.3.3. Semesterzahl
5.3.4. Bildungsniveau der Eltern
5.3.5. Überwiegende Wohnstätte
5.3.6. Finanzielle Lage 84 /
5.3.7. Verfügbare Freizeit
5.3.8. Arbeitspensum neben dem Studium
5.3.9. Ausmaß des Engagements in Studien- und Herkunftsort
5.4. Teil 4: Informationsquellen und Einflüsse
5.4.1. Parteipräferenzen der Eltern
5.4.2. Informationsquellen
5.4.3. Gruppen mit ähnlichen politischen Ansichten
5.5. Teil 5: Motive für politische Teilnahme
5.5.1. Gründe für Partizipation
5.5.2. Hinderungsgründe gegen Partizipation
5.5.3. Einfluss des Studiums auf Partizipation
5.6. Zusammenfassung der Umfrageergebnisse

6. Schlusskapitel
6.1. Vergleich der Kapitel 3 und 5: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
6.2. Vergleich der Kapitel 4 und 5: Antworten auf Fragen und Thesen
6.3. Zusammenhänge zwischen Variablen: Exemplarische Korrelationen
6.4. Schlusswort und Unterschiede zwischen Geschlechtern

7. Anhänge: Anhang A: Tabellen und Diagramme zur Ergebnispräsentation
7.1. Anhang B: Für die Studie verwendeter Fragebogen
7.2. Anhang C: SPSS Datenausgaben aus der Grundauszählung
7.3. Anhang D: Tabellen zur Differenzierung nach Geschlecht

8. Literaturliste

Verzeichnis der Modelle und Schaubilder Seitenzahlen

Schaubild 1: Modell für Dimensionen politischer Partizipation

Schaubild 2: Das Prozessmodell für politische Partizipation

Das Modell für politische Partizipation an Hochschulen

Schaubild 3: Modifiziertes Prozessmodell für politische Partizipation

Verzeichnis der Tabellen und Diagramme

Tabelle 1: Das allgemeine politische Interesse der Befragten

Diagramm 1: Das allgemeine politische Interesse der Befragten

Tabelle 2: Das allgemeine Themeninteresse der Befragten

Tabelle 2.1: Sonstige Themeninteressen

Tabelle 3: Die Links-Rechts-Einstufung der Befragten

Diagramm 2: Die Links-Rechts-Einstufung der Befragten

Tabelle 4: Die Bewertung des Partizipationsangebots der Befragten

Diagramm 3: Die Bewertung des Partizipationsangebots der Befragten

Tabelle 5: Die Bewertung der Einflusschancen

Diagramm 4: Die Bewertung der Einflusschancen

Tabelle 6: Die Beteiligung der Befragten an Bundestagswahlen

Diagramm 5: Die Beteiligung der Befragten an Bundestagswahlen

Diagramm 6: Die Beteiligung der Befragten an Landtagswahlen

Diagramm 7: Die Beteiligung der Befragten an Kommunalwahlen

Diagramm 8: Die Beteiligung der Befragten an Europawahlen

Tabelle 7a: Die Wahlpräferenzen der Befragten 1998

Tabelle 7b: Die Wahlpräferenzen der Befragten 2002

Diagramm 9: Die Wahlpräferenzen der Befragten 2002

Tabelle 8: Wahlpräferenzen der Studierenden zum Zeitpunkt der Befragung

Diagramm 10: Wahlpräferenzen der Studierenden zum Zeitpunkt der Befragung

Tabelle 9: Gründe für Wahlenthaltung

Tabelle 10: Aktive Mitgliedschaften von den Befragten

Tabelle 11: Sonstige Mitgliedschaften der Befragten

Tabelle 12: Politisches und soziales Engagement der Befragten

Tabelle 13: Politikverständnis der Befragten

Tabelle 14: Bekanntheitsgrad und Teilnahmen in (hochschul-)politischen Gruppen

Tabelle 15: Die Altersverteilung der Befragten (im Anhang)

Diagramm 11: Die Altersstruktur der Befragten

Tabelle 16: Die Häufigkeiten des angestrebten Abschlusses der Befragten (im Anhang)

Diagramm 12: Aktuelle Semesterzahl des Politikstudiums der Befragten (im Anhang)

Tabelle 17: Schulabschlüsse der Väter (im Anhang)

Tabelle 18: Schulabschlüsse der Mütter (im Anhang)

Tabelle 19: Die Wohnsituation der Tübinger PolitikstudentInnen (im Anhang)

Tabelle 20: Zur Verfügung stehender Geldbetrag im Monat

Tabelle 21: Einschätzung der verfügbaren Freizeit bei den Studierenden (im Anhang)

Tabelle 22: Verfügbare Freizeit in Stunden pro Tag (im Anhang)

Tabelle 23: Zeitaufwand für Nebenverdienste in Stunden pro Woche

Tabelle 24: Das Ausmaß des Engagements in Studien- und Herkunftsort

Diagramm 13: Parteipräferenzen der Väter

Diagramm 14: Parteipräferenz der Studenten (Sonntagsfrage)

Diagramm 15: Parteipräferenz der Studentinnen (Sonntagsfrage)

Diagramm 16: Parteipräferenzen der Mütter

Tabelle 25: Informationsquellen für gesellschaftliche und politische Ereignisse

Diagramm 17: Übereinstimmung politischer Ansichten mit anderen Gruppen (im Anhang)

Tabelle 26: Gründe für Partizipation

Tabelle 27: Gründe dafür, nicht zu partizipieren

Tabelle 28: Einfluss des Studiums auf Partizipation

Tabelle 29: Das politische Interesse im Vergleich

Tabelle 30: Nutzungshäufigkeiten von Informationsquellen im Vergleich

Tabelle 31: Einschätzung von Einflusschancen im Vergleich

Tabelle 32: Wahlbeteiligungen im Vergleich

Tabelle 33: Nutzung von unkonventionellen Partizipationsmöglichkeiten im Vergleich

Tabelle 34: Engagement in Vereinen und anderen Gruppen im Vergleich

Diagramm 18: Stärke der Partizipationshäufigkeit

Diagramm 19: Stärke der Mitgliedschaften

1. Einleitung

Politische Partizipation und das politische Interesse der Bürger an gesellschaftlichen und politischen Prozessen stellt einen zentralen Faktor für die Stabilität der demokratischen Institutionen dar; daher widmen demokratie-theoretische Abhandlungen gerade diesen Fragen regelmäßig hohe Aufmerksamkeit.

Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Disziplinen, so auch in der Politologie, bilden Fragen nach der Verankerung politischer wie unpolitischer Partizipation[1] in der Bevölkerung aber nicht nur für den demokratietheoretischen, sondern auch für den empirischen Zweig der Disziplin ein interessantes Forschungsgebiet. Der Forschungsgegenstand der politischen Partizipation umfasst dabei sämtliche Verhaltensweisen von Bürgern, die allein oder in einer Gruppe freiwillig Einfluss auf politische Entscheidungen oder andere Prozesse der verschiedenen Ebenen des politischen Systems ausüben wollen (Vergleiche Barnes; Kaase u.a. 1979: 42; Parry u.a. 1992: 16; Verba u.a. 1995: 38).

1.1 Rückblick

Bis gegen Ende der 60er Jahre artikulierten die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik ihre politischen Interessen und ihren politischen Willen überwiegend dadurch, dass sie die innerhalb der repräsentativ verfassten Institutionen vorgegebenen Formen der politischen Partizipation nutzten. Doch ab den 70er Jahren setzte eine Phase der politischen Mobilisierung als Resultat der so genannten „partizipatorischen Revolution“ ein, die ihren Ausdruck in neuen unverfassten Aktivitätsformen fand. Diese Aktivitätsformen genossen kontinuierlich bis Mitte der 70er Jahre eine fast gleich bleibend hohe Popularität. Nach einer Phase des Rückgangs dieser unkonventionellen Partizipationsformen bis Mitte der 80er Jahre, pendelte sich die Bereitschaft zu unkonventionellen Partizipationsformen wieder auf leicht höherem Niveau ein. Allerdings lässt sich bezüglich der Partizipation, wie z.B. Wahlbeteiligung, immer wieder eine nachlassende Bereitschaft zur politischen Beteiligung feststellen. Die Gründe hierfür sind umstritten (vgl. z.B. Feist 1992).

Die Studien der Partizipationsforschung machen es sich daher zum Ziel die Partizipation förderlichen Kontexte herauszustellen, welche die Menschen darin bestärken sich für Politik und Möglichkeiten der Partizipation zu interessieren und diese Kenntnisse auch umzusetzen. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme der Einstellungen der Bürger zu politischer Teilhabe soll helfen aufzuzeigen, ob und inwiefern Wechselwirkungen zwischen freiwilligem (sozialen) Engagement und der Partizipation im politischen Sinn bestehen. Insgesamt geht es hierbei, im Gegensatz zur klassischen Wahlforschung, verstärkt um das Spektrum der unkonventionellen Partizipation und die Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Partizipationsverhalten der Bürger stehen (Vergleiche Kaase 2002: 349-355).

Die Partizipationsforschung bildet den politikwissenschaftlichen Hintergrund für das Thema dieser Magisterarbeit und dessen Bearbeitungsweise. Das Thema dieser Arbeit ist die Partizipation von Studierenden. Infolge der 68er-Studentenbewegung, die von einer ganzen Fülle von Friedensdemonstrationen oder Protestaktionen begleitet war und schließlich zu einem Paradigmenwechsel der Wertvorstellungen großer Teile der jungen, gebildeten Bevölkerung führte, war die Gruppe der Studierenden lange Zeit ein beliebtes Forschungsobjekt der Partizipationsforschung. Dies galt etwa bis in die Mitte bzw. bis zum Ende der 70er Jahre.

Mittlerweile, im neuen Jahrtausend, haben wir es mit einem ganz anderen Bild der Studierenden zu tun, wie eine noch relativ aktuelle Milieustudie jetzt belegt hat (16. und 17. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks). Demnach seien die StudentInnen heute zwar nicht gänzlich unpolitisch, aber es hat „die Bereitschaft nachgelassen politische Überzeugungen in Engagement umzumünzen“, wie es in einem Artikel zu diesem Thema heißt (Süddeutsche Zeitung: 01.02.2000).

Tino Bargel von der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz bestätigt dies aufgrund seiner Studierendensurveys (Bargel 2004, 2001; Vergleiche auch Ebd.1996 und 1995) und bringt es auf den Punkt, wenn er die heutige Studentenschaft als „kritisches Publikum“ bezeichnet. Denn das heißt nichts anderes, als dass die Studierenden aufgrund ihrer herausragenden Bildung sehr wohl befähigt wären zu partizipieren, aber lieber in ihrer Passivität verharren.

Diese eher negativen Befunde zur Partizipationsbereitschaft der Studierenden heutzutage, brachten mich auf die Idee, die Gruppe StudentInnen bezüglich ihrer politischen und sozialen Partizipation einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

1.2 Der Untersuchungsgegenstand

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist die konventionelle und die unkonventionelle politische Partizipation von Studierenden, aufgezeigt am Beispiel der PolitikstudentInnen in Tübingen, mittels einer Befragung dieser Studierenden.

Eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes über Partizipation in der BRD ist diesem Untersuchungsgegenstand vorangestellt. Die Aufarbeitung des Forschungsstands bezieht sich dabei erstens auf: Das politische Interesse und die Einstellungen der Bürger zur Politik, sowie die Partizipation der Gesamtbevölkerung in der BRD. Dies ist wichtig als Vergleichsbasis. In einem zweiten Schritt wird dann gefragt: „Was wissen wir eigentlich über das politische Interesse, die politischen Einstellungen und das Partizipationsverhalten von Studierenden?“

Zudem wird ein Prozessmodell für politische Partizipation vorgestellt, um daran die Thematik möglicher Beeinflussungsfaktoren auf politische Partizipation festzumachen. Dadurch können die wichtigsten Faktoren, die das Verhalten im Bereich Partizipation beeinflussen können, zunächst in allgemeiner und analytischer Weise anhand eines Modells aufgezeigt werden. Dies ist für die weitere Vorgehensweise der Arbeit und die Konstruktion des Fragebogens von großer Bedeutung. Ein zweites Modell zur politischen Partizipation an der Hochschule dient der Konkretisierung der für die Forschungsfragen relevanten Untersuchungsbereiche.

Als wichtigster Gegenstand der Untersuchung spielen dann das politische Interesse, die politischen Einstellungen und schließlich das Wissen und das Verhalten im Bereich der Partizipation der befragten Tübinger StudentInnen für das Forschungsinteresse die zentrale Rolle.

Um eine Basis für den Themenbereich „Beeinflussungsfaktoren auf politische Partizipation“ zu erhalten, werden auch sozialstrukturelle und persönliche Aspekte der befragten Studierenden mit untersucht. Diese exemplarische Darstellung und Auseinandersetzung mit dem Partizipationsverhalten der Tübinger Studierenden soll letztlich auch dem Erkenntnisziel dienen, wichtige Determinanten für politische Partizipation anhand eines „Praxistests“ herauszustellen.

1.3 Fragestellung und Erkenntnisziel

Stellt man das Forschungsthema dieser Arbeit in Bezug zu demokratietheoretischen Überlegungen, geht es insgesamt gesehen um Möglichkeiten und Grenzen von Partizipation und bürgerschaftliches Engagement als Zukunftschance für die Demokratie und deren Legitimation (Vergleiche Weidenfeld 1996). Zu diesem hohen Anspruch der Politischen Kulturforschung möchte ich mit meinem Beitrag zur Partizipationsforschung exemplarische Erkenntnisse einbringen.

Demokratie legitimiert sich v. a. durch eine funktionsfähige Partizipationskultur. Diese ist als Hauptpfeiler der Demokratie unabdingbar. Denn sonst könnte die Demokratie in längerfristiger Perspektive den Gefahren einer Politischen Kultur des allgemeinen Protestes und der Radikalisierung einerseits bzw. der Resignation, Apathie und Gleichgültigkeit andererseits, unterliegen (Vergleiche Ackermann 1999, 2004; Patzelt 1998). Dem vorzubeugen könnten die Literaturanalyse zum Thema Partizipation und die Ergebnisse der eigenen empirisch- exemplarisch Untersuchung aufschlussreiche Impulse geben. Vor allem wenn man folgende wichtige Überlegung in die Anlage der Untersuchung mit einbezieht:

„Was fördert Partizipation und was hemmt Partizipation?“

Das Erkenntnisziel meiner Arbeit richtet sich dabei besonders auf die Wahrnehmung von Partizipationsmöglichkeiten, die politischen Einstellungen, sowie das Ausmaß der tatsächlichen politischen Partizipation von Tübinger PolitikstudentInnen. Denn gerade im hochschulpolitischen Bereich ist es für die Demokratie besonders förderlich, die Erfüllung oben genannter normativer Forderungen zu unterstützen, da in den Universitäten die Keimzelle der zukünftigen Funktionseliten der Gesellschaft liegt. Auch von dieser eher normativen Seite her betrachtet, könnte das Fallbeispiel der Tübinger Politikstudierenden interessant sein.

Das wichtigste Erkenntnisziel der Studie ist also die Darstellung eines Partizipationsprofils Tübinger PolitikstudentInnen. Das zweite Erkenntnisziel dieser Forschungsarbeit ist es, mögliche Faktoren zu finden, die dabei helfen können das Partizipationsverhalten der Tübinger Politikstudierenden zu erklären. Daran schließt sich das dritte Erkenntnisziel meiner Arbeit an, nämlich die Frage nach den Motiven und Hinderungsgründen für bzw. gegen Partizipation. Daraus ergeben sich nun folgende übergeordneten Forschungsfragen für diese Magisterarbeit:

1.) „Wie gestaltet sich die Wahrnehmung von Partizipationsmöglichkeiten und die tatsächliche Partizipation von Tübinger Politikstudierenden?“ (Hauptfrage)
2.) „Welche Faktoren beeinflussen das Partizipationsverhalten der Tübinger PoltitkstudentInnen am meisten und welche spielen eine untergeordnete Rolle?“ (Nebenfrage)
3.) „Welche Motive und Motivationen gibt es für – und was für Hinderungsgründe gibt es gegen eine politische Partizipation bei den Tübinger Politik-studentInnen?“ (Nebenfrage)

In einer etwas anderen Formulierung können diese Fragen während dem Fortgang der Forschungsarbeit leicht als Leitfragen im Gedächtnis bleiben:

Leitfragen:

„Welche Partizipationsmöglichkeiten kennen und nutzen die Studierenden?“

„Welche Faktoren nehmen Einfluss auf die Partizipation der StudentInnen“

„Gibt es bestimmte Motive der Studierenden für Partizipation?“

Unterfragen:

„Wie gestaltet sich das politische Interesse der StudentInnen?“

„Wie sind die politischen Einstellungen der Studierenden?“

„Wie sieht es mit den sozialstrukturellen Faktoren der Studierenden aus, ihrer sozialen Situation, ihren wirtschaftlichen und zeitlichen Ressourcen?“

„Woher gewinnen die Studierenden ihre Informationen über Politik, wer oder was beeinflusst ihre politische Einstellung?“

1.4 Vorgehen und Methode

Prinzipiell teilt sich die Arbeit in sechs Abschnitte. Der erste Abschnitt ist die Einleitung, in der auf das Thema – Partizipation von Studierenden – hingeführt und die zentrale Fragestellung formuliert wird. Zudem wird das Forschungsinteresse erläutert und die Forschungsleitenden (Unter-)fragen aufgeführt. Dies ist bereits erfolgt.

Der zweite Abschnitt widmet sich thematisch zuerst den Dimensionen von politischer Partizipation, Begriffserklärungen und Definitionen. Die Bestandsaufnahme des allgemeinen Forschungstandes zu Partizipation geschieht zunächst in allgemeiner Weise, um einen Überblick über den ganzen behandelten Themenkomplex zu erreichen. Die Forschungsmethode ist dabei die Analyse der gängigen Literatur und des verfügbaren Datenmaterials, also im Grunde eine Literaturanalyse. Eine Auswahl wird hier aufgrund der zahlreichen und schwer zu überschauenden Literatur unumgänglich sein. Die Literaturanalyse soll zunächst dazu dienen ein Tableau von Handlungsmöglichkeiten für politische und soziale Partizipation zu entwerfen und die möglichen Beeinflussungsfaktoren zu finden, welche zur Erklärung von realer Partizipation herangezogen werden können. Dazu werden auch Modelle und Theorien für Partizipation vorgestellt. Eine Sonderstellung nehmen hier zwei Modelle ein: Das erste ist das Prozessmodell für politische Partizipation, welches die Prozesse und Determinanten von Partizipation grafisch zusammenfasst. Das zweite Modell leistet dies in gleicher Weise für den Bereich der Politischen Partizipation an Hochschulen und stellt eine Hilfe für die Fokussierung auf die möglichen Beeinflussungsfaktoren der politischen und sozialen Partizipation von Studierenden dar (Vergleiche Meyer 2004).

Des Weiteren soll die Literaturanalyse einen Eindruck der Gesamtsituation politischer Partizipation in der Bundesrepublik Deutschland vermitteln. Dies entspricht dem dritten Kapitel dieser Arbeit und ist für eine Einordnung der Ergebnisse zur Partizipation Tübinger Politikstudierender sehr wichtig.

Der vierte Abschnitt dieser Arbeit ist der Frage „Was wissen wir eigentlich über die politischen Einstellungen und die politische Beteiligung von Studierenden?“ und der Herausbildung von Thesen gewidmet.

Da es hier kaum quantitative Daten zur Gruppe der StudentInnen gibt, geschieht dies behelfsweise durch die Analyse von Jugendstudien, in denen die Gruppe der Studierenden mit eingebunden worden sind.

Der fünfte Abschnitt beschäftigt sich mit einer Umsetzung der aus der Literaturanalyse gewonnenen Erkenntnisse in eine eigene empirische Studie über das Partizipations-verhalten Tübinger StudentInnen der Politikwissenschaft. Diese Studie erfolgt mittels einer Umfrage unter Tübinger Politikstudierenden mit einem standardisierten Fragebogen. Insgesamt wurden ca. 200 Fragebögen von Studierenden der Politikwissenschaft ausgefüllt zurückgegeben (Ausgeteilt wurden ca. 280). Davon flossen genau 160 Fragebögen in die Auswertung mit ein. Dies ist eine repräsentative Menge für die Grundgesamtheit der Tübinger PolitikstudentInnen (ca. 1250).

Um eine Vergleichsbasis zu erhalten, orientieren sich die Gestaltung und die Formulierungen des Fragebogens an der ALLBUS Erhebung aus dem Jahr 1998, da diese den Themenschwerpunkt Politische Partizipation und Einstellungen zum politischen System hatte (Vergleiche ALLBUS 1998[2]). Aber auch die aktuelle Studie „Politische Partizipation in Deutschland“ gilt hier als Orientierungshilfe für die Konstruktion des Fragebogens (Kornelius/ Roth 2004).

Der fünfte Abschnitt dieser Forschungsarbeit widmet sich hauptsächlich der Auswertung meiner empirisch-exemplarischen Studie. Die Daten werden ausgezählt und die Ergebnisse zunächst in quantitativer Weise dargestellt (Tabellen und Grafiken mit den absoluten Zahlen bzw. Prozenten). Eine erste Ergebnisinterpretation hinsichtlich von Begründungszusammenhängen in Bezug auf die eingangs aufgestellten Forschungsfragen und Thesen sollte anhand eines abwägenden Verfahrens mit den absoluten Zahlen möglich sein, wenn man die Ergebnisse oder Zahlen, z. B. der Studie „Politische Partizipation in Deutschland“ von 2004 als Vergleichsbasis heranzieht.

Aufgrund des enormen Aufwandes für eine solche Umfrage ist die Ergebnispräsentation anhand von Diagrammen und Tabellen besonders ausführlich und bildet das Zentrum dieser Magisterarbeit. Die Ergebnispräsentation ist vornehmlich deskriptiv, es wird in den Textteilen aber meist auch interpretierend auf die Daten eingegangen.

Im sechsten Abschnitt (Schlusskapitel) geht es um einen Vergleich der aus der Umfrage gewonnenen Daten und Erkenntnisse mit dem im dritten und vierten Kapitel vorgestellten Kenntnisstand und den daraus abgeleiteten Thesen. Zuerst erfolgt ein Vergleich der aus meiner Umfrage gewonnenen Ergebnisse mit dem Kapitel 3 über die allgemeine Partizipation in der BRD. Anschließend werden die aus meiner Umfrage erbrachten Ergebnisse mit dem Kapitel 4 über die Partizipation von jungen Erwachsenen und StudentInnen verglichen. Den letzten Abschnitt bildet die Präsentation einiger interessanter Korrelationen, die erklärende Zusammenhänge bezüglich der Frage nach möglichen Beeinflussungsfaktoren auf Partizipation bieten. Daran ist das abschließende Fazit als Schlusswort dieser Arbeit angeschlossen.

Aber bevor mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden kann, muss noch auf das Problem vergleichbare Daten zur Partizipation von Studierenden zu ermitteln eingegangen werden. In den Literaturrecherchen zum Thema Partizipation und Studierende zeigte sich, dass es äußerst schwierig ist, eine geeignete Datenbasis im Sinne von quantitativen Darstellungen zu finden.

Eine erste Möglichkeit, um an Vergleichsdaten zum Thema Partizipation von Studierenden zu kommen, ist eine eigene Aggregatdatenanalyse unter Rückgriff auf die erwähnten ALLBUS – Datensätze von 1998. Positiv ist dabei, dass der Datensatz auf den Computern des Soziologischen Instituts der Eberhard-Karls-Universität Tübingen (an der diese Arbeit entstand) verfügbar ist. Negativ dabei ist die aufwendige Generierung der Aggregatdaten, da die Daten zum Bereich Partizipation von Studierenden erst isoliert und aufbereitet werden müssen. Aus Zeitgründen war diese Möglichkeit im Rahmen dieser Magisterarbeit nicht umzusetzen. Zudem stellt die Zahl der aus der Gesamtheit des 98er–Datensatzes isolierten Studierenden eine nicht mehr repräsentative Menge dar.

Die zweite Möglichkeit ist der Rückgriff auf die wenigen in der Literatur vorhandenen Studien, in denen in ähnlicher Weise Untersuchungen zum Partizipationsverhalten von Studierenden durchgeführt wurden. Leider ist die Literaturlage unübersichtlich (Vergleiche Meyer 2004). Es gibt zwar mittlerweile eine ganze Reihe an Büchern und Artikeln zum Themenkomplex Partizipation. Aber in diesen wird das Thema Partizipation meist in seiner Gesamtheit problematisiert und nicht präzise genug nach Bevölkerungsgruppen geordnet betrachtet. So wird in der Shell-Jugendstudie zwar viel zum Thema Politisches Interesse und Engagement der Jugend gesagt, aber eben nicht in genügend differenzierter Weise (Vergleiche Deutsche Shell 2002). D. h. entweder wird politische und soziale Partizipation als bürgergesellschaftliches bzw. zivilgesell-schaftliches Phänomen[3] in seiner demokratietheoretischen und normativen Bedeutung diskutiert, oder die auf bestimmte Gruppen zielenden Untersuchungen arbeiten nicht mit dem „Filter“ Studierende, bzw. mit einem zu groben Filter. Bei den Studien, welche die Gruppe der Studierenden als Untersuchungsobjekt haben, ist wiederum das Thema nicht passend (so wie bei den meisten Studien von Tino Bargel).

Daher ist hier zu sagen, dass es kaum eine Studie gibt, welche sich mit dem Forschungsinteresse dieser Arbeit – Partizipation mit dem „Filter“ Studierende – exakt deckt. Die Erhebung der Daten zur politischen Beteiligung der anderen Studien erfolgte in einem jeweils spezifischen Untersuchungszusammenhang oder gar als „Nebenprodukt“. Eine der wenigen Studien bei denen dieses Problem abgeschwächt auftritt ist die Studie „Unzufriedene Demokraten: politische Orientierungen der 16 bis 29jährigen im vereinigten Deutschland“ (Gille; Krüger 2000). Hier wird die Gruppe der Studierenden zwar auch nicht exakt differenziert und nach ihrem politischen Interesse und sozialen wie politischen Engagement betrachtet, aber die Studie bietet einen guten allgemeinen Einblick in die Einstellungen zur Politik und die Partizipation von Jungen Erwachsenen, zu denen ja auch die Studierenden zu zählen sind.

Kurz gesagt bietet die Literatur nur wenig Material für eine Datenbasis, die als Vergleich für diese Forschungsarbeit herangezogen werden kann. Trotzdem kann anhand dieser relativ wenigen Daten in der Literatur ein Bild eines allgemeinen Partizipationsprofils von Studierenden als Vergleich für die eigene Erhebung gezeichnet werden. Dies kann zwar kaum zur Darstellung exakter Vergleichszahlen genügen, doch können so wichtige Thesen erarbeitet werden, welche die Erwartungshaltung gegenüber den aus der Umfrage ermittelten Ergebnissen zur Partizipation der Tübinger Politikstudierenden widerspiegeln. Diese aus der Literatur entwickelten Thesen können dann anhand der Ergebnisse der für diese Arbeit eigens durchgeführten Umfrage leicht überprüft werden.

2. Theoretische und begriffliche Grundlagen

2.1 Definition von Partizipation

Welches politische Verhalten nun überhaupt als Partizipation definiert werden soll und kann, ist nicht immer eindeutig. Allgemein kann politische Partizipation als ein „auf kollektive Ziele hin orientiertes soziales Verhalten, das in einem komplexen Zusammenspiel zwischen institutionellen Strukturen, konkreten politischen Ereignissen, Gruppeneinbindungen und individuellen Merkmalen zustande kommt“, charakterisiert werden (Gille; Krüger 2000: 269f).

2.2 Politische Sozialisation

Bei der politischen Sozialisation geht es um den Prozess des Erlernens mit dem Politischen und den demokratischen Regeln umgehen zu können. Hierbei wird das Augenmerk also darauf gelegt, woher die Befähigung für eine erfolgreiche politische Teilhabe bzw. bürgerschaftliches Engagement stammt. Eine gute Definition findet sich bei Buse, Nelles, Oppermann, die Partizipation auf die politische Sozialisation beziehen. Sie gehen davon aus, „dass die politische Sozialisation einen sich über das ganze Leben erstreckenden Prozess darstellt, durch den Kenntnisse, Überzeugungen, Werte, Normen und soziale Handlungsschemata bezüglich des Versuchs der Einflussnahme auf die Willensbildung bzw. Entscheidungsprozesse im so genannten ‚politischen Bereich’ vermittelt werden“ (Buse; Nelles; Oppermann 1978: 41)

2.3 Analytische Dimensionen politischer Partizipation

Bezüglich der Dimensionen politischer Beteiligung wird in der Partizipationsforschung grundsätzlich zwischen den verfassten (konventionellen) und unverfassten (unkonven-tionellen) Dimensionen der Beteiligung unterschieden. Verfasste Beteiligung besitzt einen politisch-institutionellen Rahmen (Gesetze, Verordnungen) und äußert sich primär in Wahlen und Volksentscheiden. Unverfasste Beteiligung findet ohne institutionellen Rahmen statt und unterteilt sich in legale und illegale Formen der Partizipation (Vergleiche z.B. Kornelius; Roth 2004: 27).

Weitere Klarheit bezüglich dieser rein analytischen Trennung verschafft die (gedankliche) Unterscheidung der Partizipationsmöglichkeiten in die Partizipations-formen, welche in der Realität mit einem eher bürgernahen Hintergrund verknüpft sind, also soziales Engagement bzw. bürgerschaftliche, basisnahe Beteiligung (freiwilliges Engagement), und in die Formen, welche in der realen Praxis mit einem direkten politisch-funktionalen Interesse verbunden sind, also politische Teilhabe (Wählen).

Einen Überblick über die skizzierten Partizipationsdimensionen bietet folgende Grafik:

Schaubild 1: Modell für Dimensionen politischer Partizipation[4]

Politische Partizipation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Reale Formen von Partizipation

Die unterschiedlichen realen Formen von Partizipation reichen demnach von der Teilnahme an Wahlen, über aktive wie passive Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden, der Teilnahme an Demonstrationen, bis hin zu freiwilligem, aktiven und basisnahen Engagements, z. B. in Bürgerinitiativen. Für weitere konkrete Beispiele der umrissenen Partizipationsmöglichkeiten bietet der Fragebogen dieser Studie, v. a. die Fragen Nr. 11 und Nr. 12, einen umfangreicheren Einblick (Fragebogen im Anhang).

2.5 Allgemeine Grundlagen der Partizipationsforschung: Retrospektive

Die Theorien der postindustriellen Gesellschaft sehen Partizipation als ein zentrales Struktur- und Handlungsprinzip dieser Gesellschaftsformen. Deswegen betrifft Partizipation nicht nur das politische System, sondern tangiert auch viele andere Lebensbereiche, wie z. B. die Familie, die Schule und den Beruf, also das gesamte öffentliche und private Leben. Dieses breit angelegte Konzept von Partizipation trägt der Vorstellung Rechnung, dass moderne Gesellschaften ohne umfassende Beteiligung bzw. Beteiligungschancen ihrer Bürger nicht mehr konsens- und innovationsfähig sind.

Partizipation in der Politik bedeutet alle Handlungen, die Bürger einzeln oder in Gruppen freiwillig mit dem Ziel vornehmen, Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen des politischen Systems, also der Bundes-, der Landes-, der Kommunal- und neuerdings auch der europäischen Ebene, zu beeinflussen oder sogar selbst zu treffen (Vergleiche Holtmann 2000: 466ff). Diese instrumentelle Definition von Partizipation heißt aber nicht, dass in der Realität nicht Fälle auftreten, in denen die Partizipation im Rahmen von Gruppenaktivitäten ohne eigene politische Zielsetzung stattfindet (expressive Partizipation).

Mit dieser Beschränkung auf konkrete Handlungen sind die politischen Einstellungen zunächst ausgeklammert. Dies ist für eine eindeutige Abgrenzung des Forschungsgegenstandes zwar sinnvoll, andererseits hat die Forschung gezeigt, dass auch Handlungsbezogene Einstellungen wichtige Hinweise auf die Handlungs-orientierungen von Individuen bzw. ganzer Gruppen liefern und somit Informationen enthalten unter welchen Bedingungen es zu konkreten partizipativen Handlungen kommt.

Die Entwicklung der politischen Partizipation ist historisch gesehen mit dem Entstehen des Rechts- und Verfassungsstaats verbunden, der seine entscheidenden Impulse wiederum durch den Siegeszug freiheitlicher Ideen und der Idee der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen bekommen hat. Indem der Staat seine Legitimität aus dem Volk bezieht, mussten auch Verfahren entwickelt werden über die diese Legitimität in regelmäßigen Abständen vermittelt und erneuert wird. Diese demokratischen Verfassungsstaaten existieren heute hauptsächlich als Nationalstaaten mit allgemeinen und gleichen Wahlen. Diese haben wiederum die Ausbildung des Parteiensystems und der vorgelagerten „vorpolitischen“ Interessengruppen zur Folge, die für eine partizipatorische Einbindung der Bürgergesellschaft von immenser Bedeutung sind. Daraus ergibt sich, dass die Partizipationsforschung lange Zeit ein Synonym für die Wahlforschung war. Diese weitete sich aber im Laufe der Zeit immer mehr auf die Aktivitäten aus, die der konkreten Wahlentscheidung vorgelagert waren, bzw. bei denen ein Zusammenhang mit politischer Partizipation vermutet wurde.

Für die Entwicklung der Partizipationsforschung war auch entscheidend, dass sich diese lange und weitgehend auf die Entwicklung der empirischen Sozialforschung und deren Methodologien bezogen hat und auch heute noch bezieht. Ein Beispiel wichtiger Methoden für die Partizipationsforschung sind das standardisierte Interview und die Anwendung von Stichproben, welche der empirischen Sozialforschung entliehen sind.

In den 60er Jahren herrschte noch die Vorstellung vor, politische Partizipation sei eindimensional auf die demokratische Institution Wahlen bezogen, weswegen hauptsächlich danach unterschieden wurde wie sich die verschiedenen Teile (Schichten) der Wahlbevölkerung hieran beteiligten oder nicht beteiligten. Dieses wurde aber im Fortgang der Partizipationsforschung schnell aufgegeben bzw. ausgeweitet.

Schon Anfang der 70er Jahre wurde in den USA herausgefunden, dass innerhalb der Dimension wahlbezogener Partizipation vier Typen differiert werden können, an denen sich die Bürger selektiv und in unterschiedlichem Maße beteiligen: Wahlen, Wahlkampfaktivitäten (Wahlhelfer), politische Gemeindearbeit und individuelle Kontakte mit politischen Akteuren (Verba; Nie 1975: 26-27; Verba; Nie; Kim 1978: 48).

Des Weiteren machten die Protestaktionen in praktisch allen Demokratien ab Mitte der 60er Jahre deutlich, dass die Dimensionen der allgemeinen wahlbezogenen politischen Partizipation um die Dimension der spezifischen problembezogenen Partizipation ergänzt werden musste. Die international vergleichende ‚Political Action’-Studie in acht Ländern prägte sodann die analytisch-begriffliche Trennung dieser unterscheidbaren Partizipationsdimensionen in die konventionelle und die unkonventionelle Partizipation (Barnes; Kaase u. a. 1979). Diese Trennung bezieht sich auch auf die Unterscheidung zwischen den verfassten, institutionalisierten Partizipationsformen (Wahldimension) und den unverfassten, nicht Institutionalisierten, zu denen genehmigte Demonstrationen, Bürgerinitiativen oder Ähnliches zu zählen sind. Die Dimension der unverfassten bzw. unkonventionellen Partizipation wurde dann weiters in die legalen und die illegalen Partizipationsformen unterschieden, wobei die letztere nochmals nach gewaltlos (ziviler Ungehorsam) und in politische Gewalt (Sach- und Personenschäden) zu unterteilen ist (Barnes; Kaase u. a. 1979: 65 – 81 und 543 - 555).

Diese Typologie wurde bis heute mehr oder weniger in ihrer Grundgestaltung beibehalten, doch hat sie immer wieder leichte Modifikationen oder Verfeinerungen erfahren. So hat z. B. Uehlinger 1988 einen Vorschlag zur besseren Strukturierung des Partizipationsraumes vorgelegt (Uehlinger 1988: 129 – 131). Er unterscheidet fünf Typen im Partizipationsraum: 1.) Staatsbürgerrolle (z. B. Wählen), 2.) Problem-spezifische Partizipation (z. B. Bürgerinitiative), 3.) Parteiorientierte Partizipation (z. B. Mitglied in einer Partei), 4.) Ziviler Ungehorsam (z. B. Hausbesetzungen oder andere illegale Aktivitäten) und 5.) Politische Gewalt (gezielte Sach- oder Personenschäden). Manche Forscher geben dieser Typologie heute aufgrund ihrer klareren Abtrennung der legalen von den illegalen Partizipationsformen den Vorzug (Vergleiche Kaase 1995; in: Nohlen 1995).

In der Forschung ist im Laufe der Zeit eine weitere Gliederungsmöglichkeit erarbeitet worden. Diese gliedert die Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit politischer Partizipation beeinflussen in persönlichkeitsbezogene und sozialstrukturelle Variablen, die sich einerseits auf das Individuum selbst, andererseits auf das soziale Umfeld und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Kontextvariablen) beziehen (Vergleiche unter anderem Milbrath; Goel 1977).

Unter den sozialstrukturellen Faktoren, die Partizipation fördern, nimmt der sozioökonomische Status der Bürger, welcher v. a. durch das formale Bildungsniveau, soziale Herkunft, Beruf und Einkommen bestimmt wird, einen hohen Stellenwert ein. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Standardmodell der Partizipation, wonach hohe ökonomische Ressourcen zu einer positiven Einstellung gegenüber dem politischen System und schließlich zu partizipativen Handlungen und Engagement führt (Vergleiche Kaase 1995; in: Nohlen 1995). Daneben spielen aber auch die anderen strukturellen bzw. soziodemografischen Variablen eine bedeutende Rolle, so zum Beispiel das Alter oder das Geschlecht. Beim Alter ergibt sich bezüglich der konventionellen Partizipation ein kurvenlinearer Verlauf in Form eines umgedrehten U, d. h. die Wahlbeteiligung steigt mit dem zunehmenden Alter zunächst an und nimmt ab dem Erreichen eines höheren Alters wieder ab. Bei der unkonventionellen Partizipation ist der Zusammenhang dagegen negativ linear, d. h. je älter jemand wird, desto weniger ist er daran interessiert in unkonventioneller Weise zu partizipieren. Umgekehrt ist der Zusammenhang noch stärker, d. h. es ist eine Korrelation zwischen jungem Alter und unkonventioneller Beteiligung vorhanden.

Durch die ‚Political Action’-Studie von 1979 wurden Grundlagen der Partizipationsforschung geschaffen, von deren Basis viele Nachfolgeuntersuchungen ausgingen. Die frühere Forschung bezog sich v. a. auf den Bereich der konventionellen Partizipation, später wurden gerne diejenigen Aktionsformen, die einen Protestcharakter haben, in den Mittelpunkt dieser Analysen gerückt. So konnten die aufgrund der Studentenproteste Ende der 60er Jahre eingetretenen demokratietheoretischen Krisendiskussionen mit empirischen Daten versorgt werden. Diese Proteste wurden anfangs von der Politik noch als Randphänomen abgetan, doch zeigte die weitergehende und immer weiter systematisierte empirische Sozial- bzw. Partizipationsforschung auch nach den Studentenprotesten, dass sich die Beteiligung an Bürgerinitiativen, Demonstrationen, Unterschriftensammlungen usw. in den westlichen Staaten etabliert hatte und die Bürger nun vielfach auch gerade die unverfassten politischen Beteiligungsmöglichkeiten gezielt und nutzenorientiert einsetzen.

Daher wurde in der neueren Partizipationsforschung der Fokus öfters auf die Frage verlagert, in welchem Verhältnis die unterschiedlichen Partizipationsformen zueinander stehen. Hier kam die Forschung zu der Erkenntnis, dass v. a. zwischen der auf Wahlen bezogenen, konventionellen und der problemorientierten unkonventionellen Partizipation eine positive Korrelation besteht. Eine Sonderstellung nimmt hier der zivile Ungehorsam ein, der eine unsichere Zwischengröße zwischen legalen unverfassten Formen von Partizipation und politischen Gewaltakten bildet (Uehlinger 1988). Gerade politisch motivierte Gewaltereignisse, aber auch die legalen unverfassten Formen politischer Beteiligung, haben dazu geführt den Prozess des politischen Handelns in seinem Verlauf und nach Elementen zu untergliedern. Beispiele für solche Elemente sind der Anlass, z. B. eine Konfliktsituation, die Akteure im Umfeld, die Ziele bzw. Orientierungen der Beteiligten und die Interaktionen zwischen den Gruppen oder innerhalb der Interessengruppen. Durch diese Unterteilung können die Bedeutungen der einzelnen Elemente für Partizipation besser untersucht werden. Dies hat zum Ziel die Bedingungen unter denen es zu verschiedenen Formen der Partizipation kommt zu verstehen.

Um zu einem besseren Verständnis der Bedingungen zu gelangen, unter denen die Menschen aktiv Formen von Partizipation nutzen, ist es also sinnvoll persönliche Merkmale des potentiell Partizipierenden und das jeweilige soziale Umfeld als erleichternde oder erschwerende Bedingungen für Partizipation genauer zu betrachten. Diese Faktoren dürfen aber nicht selbstverständlich als Partizipation verursachende Faktoren aufgefasst werden, sondern es ist je nach Situation zu prüfen, ob sie positive bzw. negative Impulse für eine Bereitschaft zur Partizipation und die eventuell daraus entstehende tatsächliche Partizipation geben oder nicht. Denn „die politische Partizipation“ wird als „ein auf kollektive Ziele hin orientiertes soziales Verhalten, das in einem komplexen Zusammenspiel zwischen institutionellen Strukturen, konkreten politischen Ereignissen, Gruppenbindungen und individuellen Merkmalen zustande kommt“ definiert. (Kaase 1995; in: Nohlen 1995, Seite 525; ebenso bei Gille; Krüger 2000: 269f).

Insgesamt gesehen ist in den modernen Demokratien ein anhaltender Prozess der Politisierung und partizipativen Mobilisierung breiter Teile der Bevölkerung zu verzeichnen. Ursachen sind im seit Jahrzehnten kontinuierlich anwachsenden Bildungsniveau und in der zunehmenden Mediatisierung von Politik, v. a. durch das Fernsehen, zu sehen. Zudem ist eine steigende Bereitschaft der Bürger für die Nutzung von legalen unkonventionellen, aber auch von illegalen unverfassten Partizipationsformen zu beobachten. Diese werden nicht nur alternativ, sondern vielmehr auch zusätzlich zur konventionellen politischen Beteiligung für das Erreichen bestimmter (bürgerlicher) Interessen und politischer Ziele eingesetzt (Vergleiche Holtmann 2000: 468).

2.6 Das Prozessmodell politischer Partizipation

In diesem Abschnitt der Arbeit wird ein Modell für Partizipation vorgestellt. Es zeigt die Faktoren-Wirkungszusammenhänge, welche bei der Partizipation eine Rolle spielen. Diese kann man auch als Determinanten der Partizipation bezeichnen. Den Ausgangspunkt für folgende Darstellungen bildet das gleichnamige Buch Determinanten politischer Partizipation, welches einen theoretischen Ansatz für Partizipation entwickelt und diesen an einem praktischen Beispiel – der Stadtsanierung in Adernach – empirisch testet (Buse; Nelles; Oppermann 1978). Dieser Theorieentwurf und das daraus entwickelte Modell sind zwar schon älter, doch bieten sie auch heute noch – und gerade für das Forschungsinteresse dieser Arbeit – einen guten Analyserahmen. Vor allem im Hinblick auf die zur Klärung der Forschungsfragen zu untersuchenden Bereiche bietet das Modell eine schematische Darstellung, welche einerseits Hinweise auf die Partizipation erklärenden Variablen gibt. Andererseits ist das Modell auch hinsichtlich der Auswahl der thematischen Fragenkomplexe des Fragebogens für die exemplarische Studie, also in Bezug zu den zu erklärenden Variablen, ein hilfreiches Analyseinstrument.

Die Autoren gliedern die Partizipation in ihrem Modell in vier Prozessstufen auf drei Ebenen. Die erste Ebene zeigt den Ablauf der Partizipation als eine zeitliche Abfolge von analytisch differenzierbaren Einzelereignissen. Auf zwei weiteren Ebenen wird der mögliche Einfluss von objektiv-strukturellen und subjektiven Determinanten dargestellt (Siehe Seite 24 in dieser Arbeit). Der Ausgangspunkt für Partizipation ist laut den Autoren „eine Situation, die als Entscheidung- bzw. Konfliktsituation bezeichnet wird, d. h. also eine Situation, in der zwei oder mehrere Entscheidungsalternativen bestehen“ (Buse; Nelles; Oppermann 1978: 20).

Auf diese Ausgangssituation hat jetzt auf subjektiv-persönlicher Ebene einen Einfluss, ob eine Person überhaupt Interesse an dem Problembereich bzw. Themenbereich, in dem partizipiert werden kann, hat. D. h. die Ausgangssituation setzt einen beteiligten Personenkreis voraus, den die Entscheidungssituation tangiert. Ein zweiter Faktor ist die Betroffenheit dieser Person(en), denn „die Grundhypothese, die hinter diesem steht, ist die, dass nur derjenige, der die Situation als Entscheidungssituation und sich selbst als Betroffener wahrnimmt, eine Partizipationsbereitschaft entwickeln kann“ (Ebd. S. 20).

Das Prozessmodell für politische Partizipation[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf der Seite der objektiv-strukturellen Determinanten spielt die objektive Lage, also die im politischen System gegebenen Handlungsspielräume eine Rolle. Mit anderen Worten ist zu fragen, ob in der Entscheidungssituation überhaupt die Möglichkeit für Partizipation – ein Partizipationsangebot – besteht. Ist dies der Fall spielt auf der subjektiven Seite weiters eine wichtige Rolle, ob Wissen über die Partizipations-möglichkeit und die Befähigung zu dessen Umsetzung besteht. Dieses wiederum ist bestimmt durch die soziale Herkunft, die in der (familiären) Sozialisation vermittelten Interessen und Werteideologien, das individuelle Informationsverhalten, sowie das allgemeine Bildungsniveau des Partizipierenden. Die Bildung ist, wie in vielen Untersuchungen zu politischer Beteiligung gezeigt wurde, eine wichtige Determinante für Partizipation. Und auf die Bildung haben die soziale Herkunft und die Sozialisation einen maßgeblichen Einfluss. Aber auf das Wissen und die Betroffenheit hat noch ein anderer Faktor einen Einfluss, nämlich die Gruppen- und Organisationsbindungen (Verein, Freundeskreis, u. a.), in denen Informationen vermittelt und (gemeinsame) Interessen generiert werden. Die gerade vorgestellten Determinanten haben also alle einen Einfluss auf die Erreichung der zweiten Stufe im Prozessmodell, die Wahrnehmung der Partizipationsmöglichkeiten.

Nach der Wahrnehmung der partizipativen Handlungsmöglichkeiten folgt die dritte Stufe: Partizipationsbereitschaft und tatsächliche Partizipation, wobei das „und“ hier eigentlich nicht richtig ist, denn „zur Erklärung der Partizipation genügt die Wahrnehmung der Partizipationsmöglichleiten noch nicht; nicht jeder, der die Partizipationsmöglichkeit x wahrnimmt realisiert x auch“ (Ebd. Seite 20). Mit anderen Worten tragen die Autoren in ihrem Modell der Erkenntnis Rechnung, dass nicht jeder der eine Bereitschaft zu Partizipation zeigt, diese dann auch tatsächlich in konkrete Handlungen politischer Beteiligung umsetzt.

Hierbei haben auf der Seite der subjektiven Determinanten folgende Faktoren einen Einfluss: Die Einflusschancen, die sich der potentiell Partizipierende für seine Handlung ausrechnet. Schätzt er die Chance auf eine spürbare Einflussnahme hoch ein, wird er eher geneigt sein tatsächlich zu partizipieren; schätzt er sie gering, ist eine tatsächliche Partizipation eher unwahrscheinlich. Ein zweiter Punkt sind die Einstellungen zur Politik bzw. die politischen Einstellungen. Dazu gehören das Demokratieverständnis, die Zufriedenheit mit der Demokratie als Herrschaftsform und die Zuweisung von Verantwortung zum Individuum oder Staat. Hierzu zu zählen ist auch das Vertrauen, das ein Partizipierender der Regierung, den Parteien, den Politikern und allgemein den politischen Institutionen entgegen bringt. Je höher das Vertrauen, desto wahrscheinlicher ist eine tatsächliche Partizipation. Als letzter Punkt sind hier die sozialen Verhaltenserwartungen, welchen jedes Individuum in einer Gesellschaft ausgesetzt ist, anzuführen. Ein Beispiel hierfür wäre eine Beteiligung an Wahlen aus einem bloßen Gefühl der Verpflichtung heraus (Wahlnorm). Da es auch besondere Formen von Partizipation gibt, die außerhalb der gesetzlichen Legitimität von Handlungsformen liegen, müssen als ein weiterer Punkt auch die zu erwartenden Sanktionen, die einer Person drohen, welche von konventionell-illegalen Partizipationsformen Gebrauch macht, berücksichtigt werden.

Auf der Ebene der objektiv-strukturellen Determinanten haben bei der dritten Prozessstufe v. a. die individuellen Ressourcen einen Einfluss auf die Bereitschaft zu Partizipation und die Umsetzung in tatsächliche Partizipation. Diese individuellen Ressourcen teilen sich in die zeitliche und die ökonomische Situation. Jemand mit viel Zeit wird eher bereit sein zu partizipieren und auch eher tatsächlich partizipieren, ebenso jemand dessen finanzielle Lage für ihn befriedigend ist.

Die vierte Stufe im Prozessmodell spielt für diese Arbeit eine nur untergeordnete Rolle. Hierbei wird das Augenmerk auf das Folgeergebnis der Partizipation gelegt, den daraus resultierenden politisch-administrativen Planung- und Entscheidungsablauf, sowie dessen Ergebnis. Diese Prozessstufe kann nur selten, im Fall direkt-demokratischer Beteiligung (Plebiszit), unmittelbar durch partizipative Beteiligung beeinflusst werden. Daher spielen die realen Erfolgschancen der Partizipation, vermittelt durch die entscheidenden Eliten im Gefüge der gesellschaftspolitischen Strukturen und Institutionen hierbei die wichtigste Rolle. Diese Ebene soll aber in dieser empirischen Studie nicht analysiert werden. Zusammenfassend: Es geht um politische Beteiligung und soziales Engagement und darum, herauszufinden was Partizipation begünstigt. Dies soll am Beispiel der Tübinger Politikstudierenden aufgezeigt werden, wobei die Betonung auf der deskriptiven Darstellung der Umfrageergebnisse liegt. Daran soll an dieser Stelle erinnert sein. Der Bezug zum vorgestellten Modell ist vornehmlich bei der Herausarbeitung zentraler Bereiche, welche im Zusammenhang mit Partizipation stehen, zu sehen. Daraus ergeben sich auch die thematischen Fragenkomplexe im Fragebogen.

2.7 Das Modell politischer Partizipation an Hochschulen

Das Modell Politische Partizipation an Hochschulen[6] wurde als Modell zur Erklärung studentischen Wahlverhaltens im Hochschulbereich entworfen. Es dient dazu, die gegenseitigen Beeinflussungen zwischen den verschiedenen Funktionssystemen der politischen Partizipation und den Wahrnehmungen eines Individuums zu erfassen.

System A: Die objektive sozioökonomische Lage und Studiensituation. Dazu gehören sozialer Status und soziale Herkunft, Wohnsituation und Mobilität, sozioökonomische Trenn- und Konfliktlinien, Studiensituation und Berufsaussichten, sowie soziodemo-grafische Merkmale. Diese Faktoren beeinflussen das System B und C.

System B: Die Kommunikationsmilieus und Gruppenbindungen. Dazu gehören die Primär- und Sekundärgruppen, also die Organisations- und Gruppenbindungen des Individuums, sowie die wichtigsten Gesprächspartner als Bezugsgruppe. System B beeinflusst System C und E.

System C: Die allgemeine gesellschaftliche Wertorientierung und Wahrnehmung der sozialen Umwelt, sowie das Rollenverständnis der StudentInnen. Das System C beeinflusst System E.

System D: Die Politische Umwelt bildet sich aus den hochschulexternen und den hochschulinternen Rahmenbedingungen, sowie den Gruppen- und situations-spezifischen Bedingungen. Zur politischen Umwelt gehört auch das System der politischen Gruppierungen, das (universitäre) Wahlsystem, das Informations- und Kommunikationssystem, sowie aktuelle Streitfragen oder Wahlkampfaktivitäten. System D hat einen Einfluss auf System E und F.

System E: Die politischen Einstellungen und Verhaltensmuster. Dazu gehören Einflüsse des politischen Sozialisationsprozesses, die Persönlichkeitsstruktur und psychische Bedürfnisse, das allgemeine politische Partizipationsverhalten besonders an der Hochschule, Einstellungen zur politischen Umwelt und schließlich die Parteipräferenz in allgemeinen politischen Wahlen. System E beeinflusst (mit D) das System F.

System F: Die Hochschulpolitische Präferenzbildung und das Wahlverhalten geschieht in drei Schritten: 1. Präferenzbildung, 2. Wahlentscheidung und 3. Wahlergebnis

Wie bei der Darstellung des Prozessmodells für politische Partizipation (und des Modells für politische Partizipation an Hochschulen) deutlich wurde, gibt es spezifische Faktoren, welche die politische Partizipation bestimmen. Diese Faktoren stellen Determinanten der politischen Partizipation dar. Legt man diese Annahme zugrunde, lassen sich daraus erste allgemeine und forschungsleitende Thesen formulieren.

Schritt 1: Formulierung der dieser Forschungsarbeit zu Grunde gelegten Prämisse:

Das Ausmaß an Partizipation einer Person hängt ab von spezifischen Determinanten, nämlich den objektiven (strukturellen) sowie subjektiven (persönlich-psychologischen) Faktoren, die das Partizipationsverhalten dieser Person bestimmen.

Schritt 2: Formulierung einer aus der Grundannahme abgeleiteten These:

Die quantitativ-empirische Untersuchung des Partizipationsverhaltens Tübinger PolitikstudentInnen ergibt ein spezifisches Partizipationsprofil, welches sich deutlich vom Partizipationsprofil anderer Bevölkerungsteile abhebt.

Die gerade genannten Leitthesen zerfallen im Laufe der Forschung in kleinere Fragestellungen, aus denen wiederum detailliertere Hypothesen gebildet werden können. Die folgenden Fragen und Hypothesen dienen zunächst als Beispiel.

Frage: „Inwieweit unterscheidet sich das Partizipationsprofil Tübinger PolitikstudentInnen vom Durchschnitt in der BRD und was sind mögliche Erklärungen für die Unterschiede?“

These: Das Partizipationsprofil der Studierenden ist von der (politischen) Partizipation an Hochschulen geprägt und unterscheidet sich vom durchschnittlichen Partizipationsprofil der Gesamtbevölkerung in der Häufigkeit der Partizipation.

Mögliche Hypothesen: (Beispiele)

1.) Je besser die wirtschaftlichen und zeitlichen Ressourcen, desto häufiger nutzen die Studierenden Partizipationsmöglichkeiten (~ sozioökonomische Ebene).
2.) Je häufiger die sozialen Kontakte der Studierenden mit Engagierten, desto ausgeprägter ist ihr Partizipationsverhalten (~ soziales Umfeld bzw. Bindungen).
3.) Je höher das allgemeine politische Interesse der Studierenden, desto höher ist die Partizipation der Studierenden (~ persönliche Ebene)

2.8 Synthese: Das Modell politischer Partizipation Studierender

In den beiden vorangegangenen Unterkapiteln wurden zwei Modelle für Partizipation vorgestellt, die als Grundlage des theoretischen Hintergrundwissens dienen. Sie zeigen welche Determinanten einen Einfluss auf die Partizipation haben können und bei Forschungsfragen, die sich mit Partizipation beschäftigen, beachtet werden sollten.

Zugestanden werden muss aber auch, dass in dieser Untersuchung nicht alle Prozessdimensionen und Beeinflussungsfaktoren gleichwertig berücksichtigt werden können. Daher konzentriert sich das Forschungsinteresse innerhalb dieser Arbeit auf die Bereiche und Faktoren, die für die Beantwortung der Forschungsfragen am wichtigsten erscheinen und welche zu untersuchen im Rahmen dieser Arbeit überhaupt möglich ist. Folgt man dieser Logik kommt man auf ein modifiziertes Prozessmodell politischer Partizipation, das dem Forschungsinteresse der Arbeit angepasst ist (Siehe Seite 30). Im modifizierten Modell sind hauptsächlich die Bereiche, die auch tatsächlich bei der Umfrage erhoben werden, dargestellt. Es ist sozusagen auf das Forschungsinteresse „zugeschnitten“. Den Bereichen des Modells sind exemplarische Beispiele von realen Partizipationsformen in kursiver Schrift zugefügt.

2.9 Fragebogenkonstruktion

Fasst man die aus der analytischen Betrachtung beider Modelle gewonnenen Faktoren-/ Wirkungszusammenhänge im Hinblick auf mögliche Determinanten der Partizipation von Studierenden zusammen, erhält man ein Bild, welches die wichtigsten Bereiche zeigt, die bei der Konstruktion des Fragebogens berücksichtigt werden sollten. Das heißt, der Fragebogen baut auf den aus der Theorie gewonnenen Erkenntnissen auf. Dies ist für die weitere Vorgehensweise von großer Bedeutung, denn in dem standardisierten Fragebogen werden Items zu folgenden Bereichen abgefragt: Politisches Interesse, konventionelle und unkonventionelle (politische) Partizipation, politischer Einfluss, Partizipationsnormen, Wahlverhalten, Sonntagsfrage, Links-Rechts-Einstufung, sowie zeitliche und ökonomische Ressourcen. Diese können den Prozessebenen und Prozessstufen der Modelle für Partizipation bzw. dem vereinfachten Modell zugeordnet werden. Es gibt also eine Verknüpfung des Theorieteils mit der eigenen empirischen Studie zum Partizipationsverhalten der Tübinger Politik-studentInnen, wobei der Fragebogen quasi die Funktion einer „Schnittstelle“ zwischen den theoretischen Vorüberlegungen und der empirischen Studie übernimmt.

Modifiziertes Prozessmodell für politische Partizipation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Politische Partizipation und soziales Engagement in der BRD

Politische Beteiligung ist Bestandteil einer jeden Demokratie. In Deutschland wird dieses Prinzip durch eine recht hohe Wahlbeteiligung der Bürger gewahrt. Doch bei der Verwirklichung des demokratischen Anspruchs in einer Gesellschaft, sollte es nicht bei der institutionell verfassten Seite belassen werden, sondern es muss für eine wirkliche Realisierung des Demokratieprinzips auch eigenverantwortliches Handeln der Bürger gefördert werden. Das Handeln der Bürger muss sich auch auf privates Engagement beziehen um diesem Anspruch der Demokratie gerecht zu werden: „Demokratische Bürgerschaft ist mit dem Anspruch aktiver Teilhabe verbunden, d.h. mit der Bereitschaft, sich informiert in die politische Willensbildung einzumischen, sich an Wahlen … zu beteiligen, sowie öffentliche Aufgaben zu übernehmen.“ So heißt es jedenfalls in dem Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ im Juni 2002 (Schriftenreihe Enquete-Kommission 2003; Bundesdruck-sache 14/ 8900).

Es stellt sich folgende forschungsrelevante Frage: „Welche Partizipationsmöglichkeiten werden von welchen sozialen Gruppen mit welcher Intensität genutzt?“ Besonders interessant ist hierbei, ob es auch Anreize einer verstärkten Politisierung der Bundesbürger über unkonventionelle und alternative Partizipationsmuster gibt. Des Weiteren stellt sich die Frage, welche Faktoren Einfluss auf die Art und Weise der Partizipation der Bürger haben. Es lassen sich hier drei Hauptachsen ausmachen, nach denen die Determinanten für Partizipation gegliedert werden können (Vergleiche Kornelius; Roth 2004).

1.) das soziale Umfeld
2.) wirtschaftliche Lage
3.) demographische Faktoren

Die Variablen, die am einfachsten abgefragt werden können, sind die üblichen sozialwissenschaftlichen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, beruflicher Status, Einkommen, Wohnsituation, soziale Herkunft und das politische Kommunikationsverhalten. Es ist die Frage, ob diese Faktoren das Partizipations-verhalten tatsächlich beeinflussen. Oder anders gesagt: „Welche Faktoren determinieren die Art und Weise des Partizipationsverhalten einer Person?“

In diesem Teil der Arbeit sollen Daten und Kenntnisse der Partizipationsforschung zur politischen Partizipation in der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt werden. Dies ist ein, für eine Einordnung der eigenen, durch die Umfrage erzielten Erkenntnisse, elementarer Bestandteil dieser Forschungsarbeit. Hierfür nimmt die „Forschungsgruppe Wahlen“ um Dr. Dieter Roth[7] und Herrn Bernhard Kornelius[8] eine herausragende Stellung ein. Sie ist eine der renommiertesten deutschen Einrichtungen, die sich mit Fragen des Wahlverhaltens, der politischen Entscheidungsprozesse und der demokratischen Teilhabe beschäftigt und führt regelmäßige Studien und Umfragen in diesem Feld durch.

Ihre aktuelle Studie „Politische Partizipation in Deutschland“ (durchgeführt von der zugehörigen Forschungsgruppe „Wahlen Telefonfeld“) gibt einen kompakten aber trotzdem repräsentativen Überblick zu den normativen und demokratischen Grundvorstellungen der Bürger. Die allgemeinen politischen Einstellungen werden durch Fragen zur konventionellen und unkonventionellen Partizipation ergänzt. Besonderer Schwerpunkt wird in ihrer aktuellen Umfrage auf die mannigfaltigen Formen der unkonventionellen Beteiligung und dem freiwilligen sozialen Engagement gelegt (Vergleiche Kornelius; Roth 2004). Diese Studie benutze ich als Referenzpunkt für die Konzeption meiner Umfrage und als Vergleich der daraus erbrachten Ergebnisse mit der Gesamtbevölkerung. Dabei bleibt zu bedenken: Das primäre Erkenntnisziel dieser Magisterarbeit ist nicht die ausführlichen Darstellung des Forschungsstandes zur Partizipation in der BRD, sondern die Auseinandersetzung mit der Partizipation der Tübinger PolitikstudentInnen, als ein exemplarisches Beispiel für das Partizipationsverhalten von Studierenden. Daher orientiert sich die Darstellung der politischen Partizipation in der BRD vornehmlich nur an dieser einen, noch relativ neuen Studie (herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung), die einen guten und repräsentativen Überblick über die ‚politische Partizipation in Deutschland’, bietet:

„Die Daten zur Studie ‚Politische Partizipation in Deutschland’ wurden von der Forschungsgruppe Wahlen Telefonfeld im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in der Zeit vom 17. bis 21. November 2003 erhoben. Bei dieser Umfrage wurden 1607 wahlberechtigte Deutsche ab 18 Jahren in Deutschland telefonisch befragt. (…) Die Ergebnisse der Studie sind repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland“ (Ebd. Seite 158).

Die Untersuchung und die daraus erbrachten Umfrageergebnisse reihen sich ein in eine lange Liste von Sozialstatistiken und sozialwissenschaftlichen Studien, welche wohl im Detail den einen oder anderen Prozentwert angeben, aber dennoch die gleichen Ergebnisse und Tendenzen, z. B. bei den Wahlbeteiligungen, wiedergeben wie diese hier exemplarisch vorgestellte Studie. Die Darstellung der Studie konzentriert sich dabei auf die, auch im Hinblick zur eigens durchgeführten Erhebung, relevanten Hauptergebnisse und ist daher möglichst knapp gehalten.

3.1 Das politische Interesse

Das allgemeine politische Interesse spielt im Zusammenhang mit Partizipation eine herausragende Rolle und stellt eine der wichtigsten Determinanten für die politische Partizipation dar. Zum Zeitpunkt der Durchführung der Studie im November 2003 gaben die Befragten folgende Grade der Interessiertheit an Politik an:

„Sehr starkes“ Interesse 16 %

„Starkes“ Interesse 40 %

„Etwas“ Interesse 34 %

„Kaum“/ „Gar kein“ Interesse 11 %

Diese Werte variieren zwar im Laufe der Zeit, können aber durchaus als Richtwerte für die heutige Zeit verstanden werden (in den 90er Jahren war das Interesse an Politik etwas geringer). Die entscheidenden Determinanten für das Interesse an Politik sind das Alter, eine hohe Wahlbeteiligung, das Bildungsniveau, sowie die Höhe der unkonventionellen Partizipation und Mitgliedschaften in Vereinen o. ä. Zudem ist das politische Interesse bei den Männern etwas höher als bei den Frauen. Die hohe Bedeutung des politischen Interesses für Partizipation lässt sich am Beispiel der Wahlbeteiligung gut veranschaulichen. Je höher das Interesse an politischen Geschehnissen und Prozessen, desto wahrscheinlicher ist eine regelmäßige Wahlbeteiligung (Vergleiche Ebd. Seite 117ff). Die gleichen Effekte lassen sich auf der Ebene der Kommunalpolitik ausmachen. Politisch stark interessierte Menschen sind häufiger freiwillig in bürgerschaftlichen Gruppen oder Vereinen engagiert, wobei die Frauen etwas mehr Interesse zeigen als die Männer. Insgesamt ist das Interesse an Kommunalpolitik etwas geringer als das allgemeine Politikinteresse. Genauso korreliert das allgemeine Politikinteresse mit der Höhe des Bildungsniveaus. Je höher der Grad der Bildung, desto höher ist das Interesse an Politik. Das Interesse an Politik wiederum wird am meisten durch das Kommunikationsverhalten geprägt. Menschen in deren Freundes-, Bekannten- und Familienkreis häufig über politische Themen gesprochen wird, zeigen tendenziell ein stärkeres Interesse an Politik. Das politische Interesse wirkt sich auch auf das Informationsverhalten aus. Politisch Interessierte und besonders in Vereinen oder bürgerschaftlichen Gruppen Engagierte zeigen eine höhere Informations-intensität, v. a. auf kommunalpolitischer Ebene, als politisch wenig oder uninteressierte Menschen. Insgesamt scheint ein entsprechendes Umfeld die Nähe zur Politik zu fördern.

3.2 Informationsquellen

Bei der Frage woher politisch Interessierte ihre Informationen am liebsten beziehen, zeigt sich, dass die Tageszeitung auch heute noch das wichtigste Medium darstellt sich über politische und gesellschaftliche Geschehnisse zu informieren (66 %). Dicht darauf folgt das Fernsehen, welches 64 % der Befragten als wichtige Quelle für politische Informationen für sie sehen. Das modernere Medium Internet spielt für das politische Informationsverhalten hingegen nur für 18 % derer Befragten, die über Internet verfügen, eine Rolle. An Informationen über Politik sind überdurchschnittlich oft Männer mit einem hohen Bildungsniveau interessiert, was sich bei steigendem Alter noch verstärkt (Ebd. Seite 126). Wenig oder gar nicht an Informationen über Politik interessiert sind Bürger, die auch selten oder nie an Wahlen teilnehmen. Eine weitere wichtige Quelle für politische Themen sind, wie weiter oben aufgeführt wurde, die Familie und der Freundeskreis, welche das Partizipationsverhalten positiv beeinflussen, wenn dort häufiger einmal über Politik gesprochen wird. Ähnliches gilt für Vereine, Verbände und Bürgergruppen.

3.3 Politische Einstellungen

Die Bewertung des demokratischen Systems fächert sich in vielfältige Aspekte auf, die jeweils einen mehr oder minder großen Zusammenhang mit der politischen Partizipation aufweisen.

3.3.1 Demokratiezufriedenheit

In punkto Demokratiezufriedenheit teilt sich die Meinung der Bundesbürger im Jahr 2003 in zwei gleich große Lager. Die eine Hälfte ist mit der Demokratie in Deutschland im Allgemeinen „zufrieden“, die andere Hälfte ist „unzufrieden“ (Kornelius; Roth 2004: 49ff). Diejenigen Gruppen, welche zufrieden mit der Demokratie sind, weisen häufig einige gemeinsame Merkmale auf. Erheblich mehr Bürger mit hoher Bildung sind mit der Demokratie zufrieden, als Bürger mit mittlerem oder niedrigem Bildungsniveau. Des Weiteren sind es viel häufiger die Männer, die eine hohe Demokratiezufriedenheit zeigen, als die Frauen. Besonders wichtig scheint die Kontinuität der konventionellen Partizipation (Wahlteilnahmen) für eine positive Einschätzung der Zufriedenheit mit der Demokratie zu sein, denn je kontinuierlicher die Wahlbeteiligung ist, desto höher ist auch die Demokratiezufriedenheit. Noch weiter gesteigert wird dies durch eine hohe unkonventionelle Beteiligung und freiwilliges Engagement, welches ebenfalls mit der Demokratiezufriedenheit korreliert; ebenso wie eine persönlich ausgeglichene oder gar gute wirtschaftliche Situation.

Insgesamt muss hier aber eine negative Bilanz gezogen werden, denn Bernhard Kornelius und Dieter Roth kommen in ihrer Studie zu dem Schluss: „Die Zufriedenheit mit der Demokratie, das Vertrauen in Politiker und Parteien und die Leistungsbilanz für Regierung und Opposition befinden sich momentan auf sehr niedrigem Niveau. Auch der Zustand der Gesellschaft wird von den Deutschen zurzeit alles andere als rosig beschrieben“ (Ebd. Seite 86).

3.3.2 Institutionenvertrauen

Der Begriff „Institutionenvertrauen“ bezieht sich auf die Bewertung bestimmter Gruppen und Einrichtungen des öffentlichen Lebens, wie z. B. Politiker, Parteien oder die Gerichte. Dabei zeigt sich, dass die meisten Bundesbürger den Politikern und den Parteien, aber auch den Gewerkschaften kein Vertrauen schenken. Großes Vertrauen bei den Bürgern genießen hingegen die Kommunal- und Stadtverwaltungen, die Gerichte und die Polizei. Etwa in der Mitte liegen die Unternehmerverbände und die Kirchen (Ebd. Seite 67ff). Es gibt also eine klare Spaltung der Vertrauenswürdigkeit von Einrichtungen des öffentlichen Lebens in die politischen Institutionen auf der negativen Seite und den unpolitischen Institutionen auf der positiven Seite. Besonders bei Bürgern die sich mehr direkte Bürgerbeteiligung wünschen, genießen die Parteien und Politiker kein Vertrauen. Ebenso bei denen, die häufiger einmal oder gar nicht wählen. Keinen Einfluss auf das Institutionenvertrauen hat hingegen das Informationsverhalten über Politik durch die Medien. Das Alter wiederum spielt bei dem Vertrauen der Bürger in die politischen Institutionen, v. a. bei den „personalen Institutionen“, eine große Rolle. So haben die Altersklassen 18- bis 24-Jährige und 25- bis 29-Jährige am wenigsten Vertrauen zu Politikern.

Insgesamt sind zum Zeitpunkt der repräsentativen Telefonumfrage 68 % aller Deutschen der Meinung „Die Politiker kümmern sich nicht viel darum, was Leute wie ich denken“ und „haben den Eindruck, dass Politiker nur schwach oder überhaupt nicht Rücksicht auf die Belange der Bürger nehmen“. Über die Hälfte sieht die Politik als „kompliziertes, undurchsichtiges Geschäft“ (Ebd. Seite 74). Ein fehlendes Interesse der Politiker an den Problemen der Bevölkerung stellen v. a. diejenigen fest, die ohnehin mehr direkte Beteiligung der Bürger am demokratischen Prozess fordern, sowie diejenigen mit einer schlechten bzw. gefährdeten Arbeitsplatzsituation.

3.3.3 Beteiligungschancen

Die Selbsteinschätzung der persönlichen Beteiligungschancen im demokratischen Prozess ist ein weiterer Aspekt der politischen Einstellungen und den Grundhaltungen gegenüber der partizipativen Demokratie. Gut die Hälfte der Bundesbürger beklagt einen Mangel in ihrem persönlichen Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung, jedoch wird die Relevanz der eigenen Stimme bei Wahlen insgesamt sehr hoch angesiedelt (88 %). Eine positive Einschätzung der Beteiligungschancen mindert v. a. die Komplexität von Politik, aufgrund derer ca. zwei Drittel der Befragten angeben, sie hätten Verständnisprobleme und würden „gar nicht verstehen, was da vor sich geht“ (Ebd. Seite 75f). Dieser negativen Sicht entspricht auch die Ansicht „Leute wie du und ich haben so oder so keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut“, was insgesamt 55 % für sich befürworten. Ein hohes Bildungsniveau, starkes Interesse an Politik, sowie eine hohe Schichtzugehörigkeit führen zu einer positiveren Einschätzung der individuellen Partizipationschancen.

Insgesamt führt der in der Telefonumfrage angewandte Chancenindex zu folgenden Erkenntnissen: Es gibt, im Vergleich mit den 90er Jahren, einen Trend zu einer optimistischeren Bewertung der individuellen Einflussmöglichkeiten. Ganze 36 % halten die Möglichkeit politisch Einfluss zu üben für „stark“ (24 %) oder sogar „sehr stark“ (12 %). 32 % schätzen ihre Einflusschancen als „mäßig“ ein und weitere 32 % sehen ihre Partizipationschancen als „schwach“ oder „sehr schwach“ an (Ebd. Seite 78).

3.4 Konventionelle Partizipation: Wahlteilnahmen

Ein erster Schritt etwas über die Beteiligungsmentalitäten der Bundesbürger zu erfahren bietet die so genannte Sonntagsfrage, die seit Jahrzehnten in der Wahlforschung gebräuchlich ist. Normalerweise ist bei der Sonntagsfrage bei der Antwortmöglichkeit „würde gar nicht zur Wahl gehen“ ein Wert von 10-15 % zu verzeichnen. Diese Werte können aber je nach Lage der aktuellen politischen Ereignisse auf 20 % steigen.

Ein gewichtiger Faktor für die Entscheidung an Wahlen teilzunehmen oder nicht, ist die Bewertung der individuellen und allgemeinen Einflusschancen der Bürger auf die Politik. Je besser diese Einschätzungen, desto eher wird gewählt. Ebenfalls eine hohe Bedeutung für die Bereitschaft zu wählen hat die Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband und die Neigung zu freiwilligem Engagement (Ebd. Seite 79f). Bei denjenigen, bei denen diese Eigenschaften nicht zutreffen, liegt der Anteil derer, die nicht zur Wahl gehen doppelt so hoch als bei denen, die im Vereinswesen oder sonstig sozial engagiert sind. Das Kommunikationsverhalten im Freundeskreis oder der Familie hat hingegen kaum einen Einfluss auf die Bereitschaft zu wählen, genauso wenig wie ein generell starkes Interesse an Politik. Dieses kann nämlich gerade den gegenteiligen Effekt als erwartet haben, nämlich dass der hohe Grad der Informiertheit zu einer ablehnenden Haltung gegenüber den politischen Institutionen (Regierung, Parteien, Politiker) und somit zu einer Wahlenthaltung führt.

Eine weitere Differenzierung des Wahlverhaltens der Bürger erlaubt die allgemeine Nachfrage, ob sie immer wählen, ab und zu nicht wählen oder selten bzw. gar nie wählen. Hierbei zeigt sich, dass – im Gegensatz zur Sonntagsfrage – gut ein Viertel der Bürger in die Kategorie der tendenziellen Nichtwähler einzuordnen sind. Ein entscheidender Faktor hierbei ist das Alter, denn v. a. bei den Älteren ist die Wahlnorm noch stark verankert, weswegen sie zu 80 % (bei den 60-Jährigen) angeben immer wählen zu gehen, wohingegen die jüngeren Wählergruppen eher „nach Bedarf“ wählen gehen. Aber immerhin hält eine große Mehrheit von 88 % der Deutschen jede einzelne Stimme für wichtig, nur 11 % meinen es sei egal, ob sie zur Wahl gehen oder nicht (Ebd. Seite 77). Dies bestätigen auch die gleichmäßigen Wahlbeteiligungen an den Bundestagswahlen, welche bei etwa 80 % über die letzten Dekaden liegen.

Auf den anderen Wahlebenen (Europa-, Landtags- und Kommunalwahlen) sind die Beteiligungszahlen bei weitem nicht so hoch (Ebd. Seite 81). Dies führte v. a. in den 90er Jahren zu nicht enden wollenden Diskussionen, die weitläufig unter dem Begriff der Politikverdrossenheit zusammengefasst werden. Doch ist dieser Begriff mit zunehmender Wahrscheinlichkeit eine unzureichende Erklärung. Viel entscheidender ist die Verknüpfung eines Gefühls der persönlichen Betroffenheit der Wähler mit den Ebenen der Parlamentsentscheidungen.

Hierbei zeigt sich eine gestaffelte Ordnung des Betroffenheitsgefühls, welche auch die tatsächlichen Wahlbeteiligungen auf diesen Ebenen widerspiegelt. So halten 85 % der Bundesbürger die Entscheidungen des Bundestags für sie persönlich wichtig. Bei den Landtagen sind dies 72 %, bei den Stadt- und Gemeinderäten 68 % und auf europäischer Ebene nur noch 54 % (Ebd. Seite 84). Bedingende Faktoren, wie Alter, Geschlecht oder das Bildungsniveau lassen sich hierbei nicht erkennen. Eine Ausnahme bildet aber die Vereinsmitgliedschaft oder freiwilliges Engagement, v. a. im Hinblick auf die Bedeutung der kommunalen Parlamente für die Bürger. Dessen Bedeutung sehen diejenigen, die sich engagieren deutlich höher an, als diejenigen, die nicht zu dieser Gruppe zu zählen sind.

[...]


[1] Partizipation (lat.: Teilhabe): Allgemeine Partizipation bezeichnet die aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen bei der Erledigung der gemeinsamen (politischen) Angelegenheiten bzw. der Mitglieder einer Organisation, einer Gruppe, eines Vereins etc. an den gemeinsamen Angelegenheiten. Spezifische Partizipation bezeichnet die Teilhabe der Bevölkerung an politischen Willensbildungsprozessen, insbesondere an Wahlen und Referenden. In einem rechtlichen Sinne bezeichnet Partizipation die Teilhabe der Bevölkerung an Verwaltungsentscheidungen (Quelle: Schubert; Klein 2001: Das Politiklexikon, Bonn).

[2] ALLBUS: Regelmäßig durchgeführte All gemeine B evölkerungs- U mfrage der S ozialwissenschaften. Jede ALLBUS-Erhebung umfasst Themenschwerpunkte und einen ausführlichen demographischen Teil.

[3] Es existiert eine Fülle an Schriften, die sich mit der Bedeutung und dem Wandel der so genannten Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft, oft in Zusammenhang mit politischer Beteiligung, beschäftigen. Dabei steht aber eine demokratietheoretische Sichtweise als Diskussionsbasis im Vordergrund.

[4] Zusammengefasste Grafik nach: Lauth; Liebert 1999: 238; sowie: Westle 1994: 147; vgl. auch Meyer 2004 (Begleitmaterial zur Vorlesung „Politische Partizipation“, Sommersemester 2004, Institut für Politikwissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen).

[5] Quelle: Buse, Michael; Nelles, Wilfried; Oppermann, Reinhard 1978: Determinanten politischer Partizipation: Theorieansatz und empirische Überprüfung am Beispiel der Stadtsanierung Andernach; Meisenheim am Glan; hier mit Ergänzungen von Prof. Gerd Meyer, Tübingen 2004; des Weiteren leicht verändert vom Verfasser.

[6] Quelle: Begleitmaterial zur Vorlesung „Politische Partizipation“ von Herrn Prof. Meyer (u. J. Held), Sommersemester 2004, Institut für Politikwissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

[7] Dieter Roth, Dipl. Volkswirt, Dr. phil., geb. 1938, Mitbegründer der Forschungsgruppe Wahlen e. V. (1974), Honorarprofessor an der Universität Heidelberg. Veröffentlichung u. a.: Empirische Wahlforschung, Opladen 1998, zudem zahlreiche Beiträge zur Wahlforschung, zum Parteinsystem und zur Politischen Ökonomie.

[8] Bernhard Kornelius, M. A., geb. 1972, seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Wahlen e. V. Veröffentlichungen u. a. zur Wahlforschung und zur Rezeption von Umfragen.

Ende der Leseprobe aus 170 Seiten

Details

Titel
Partizipation von Studierenden: Das Beispiel der Tübinger PolitikstudentInnen
Untertitel
Eine empirisch-exemplarische Untersuchung von Beeinflussungsfaktoren auf Partizipation unter Berücksichtigung eines Prozessmodells
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Forschungsseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
170
Katalognummer
V76480
ISBN (eBook)
9783638733960
ISBN (Buch)
9783638734394
Dateigröße
1214 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Rahmen der viel diskutierten Abnahme von politischem Interesse/ Beteiligung, stellte ich mir die Frage, wie es diesbezüglich bei den Studierenden heutzutage bestellt ist. Aus methodischen Gründen am Beispiel der Tübinger PolitikatudentInnen. Dazu entwarf ich einen großen Fragebogen u. wertete 160 Bögen mit SPSS aus. Dabei ergaben sich Ergebnisse, die so erwartet werden konnten, aber auch einige Überraschungen! Den Kontext bilden ein großer Theorieteil, die Situation in der BRD u. ein Thesenteil. Die Darstellung und Analyse/Diskussion der Daten bilden den Haupt- und Schlussteil. 170 Seiten!!
Schlagworte
Partizipation, Studierenden, Beispiel, Tübinger, PolitikstudentInnen, Forschungsseminar
Arbeit zitieren
Mag. Dominic Vaas (Autor), 2006, Partizipation von Studierenden: Das Beispiel der Tübinger PolitikstudentInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76480

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