Gral und Ritual im Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach


Seminararbeit, 2005

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Der Begriff des Rituals
2.1 Formalität und Ritualität : Wolfram von Eschenbachs Gralritual I
2.2 Ritualtyp des Wolframschen Gralsrituals
2.3 Das Frageversäumnis
2.4 Gralfrage

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich mich einleitend mit dem Begriff des Rituals auseinandersetzen. Dabei möchte ich untersuchen, wie der derzeitige Forschungsstand der Ritualforschung ist und inwieweit sich die geschichtswissenschaftliche Mediävistik zu dem Thema äußert. Corinna Dörrich hat in ihrer Ausgabe „Poetik des Ritual“[1] exemplarisch versucht, wesentliche Aspekte des Rituals in Hinsicht auf Form, Funktion und Substanz zu beschreiben. Mit der Form des Rituals möchte ich mich näher beschäftigen, da sie schlagkräftige Ordnungskriterien beschreibt, die für ein Ritual relevant und charakteristisch sind, um sie später an dem Gralsritual von Wolfram von Eschenbach exemplarisch aufzuzeigen. Die literarische Darstellung des Gralrituals im Parzival[2] von Wolfram von Eschenbach ist in seiner Komplexität und Formalität ein streng reguliertes Ritual, welches eine textinterne Bedeutung besitzt.

Krönungsrituale sowie Begrüßungs- und Abschiedsrituale sind nur Beispiele für Ritualtypen. Um welchen Ritualtyp es sich bei dem Gralsritual handelt, möchte ich im Folgenden näher beleuchten. Es ist außerdem relevant, warum Parzival nicht in der Lage war auf der Gralsburg die entscheidende Mitleidsfrage zu stellen und dieser Frage möchte ich nachgehen. Zudem werde ich hier verschiedene Auffassungen zu den Sünden Parzivals aus der Forschung heranziehen. Als letzten Punkt dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Phänomen, warum es Parzival gelingt beim Zweiten Fragen, den kranken Gralskönig zu erlösen und Gralskönig zu werden, obwohl zuvor angekündigt wurde, dass die erlösende Frage, wie angekündigt, am ersten Abend stattfinden soll.

Die Hausarbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung ab.

2 Der Begriff des Rituals

Zu Beginn meiner Hausarbeit möchte ich mich mit dem Begriff des Rituals auseinandersetzen.

In der Brockhaus-Enzyklopädie findet man folgende Begriffsdefinition:

Ritual:[lat.ritualis, vgl. rituell] das, -s/-e und …lien,

1) allg.: gleich bleibendes, regelmässiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung, Zeremoniell.

2) Psychologie: stereotypes, starres Verhalten, eine feste Abfolge von Handlungsschritten, die meist an bestimmte Anlässe (z.B. R. des Kindes vor dem Schlafengehen) gebunden ist, aber auch als ein vom Situationsbezug losgelöster Mechanismus auftreten kann; bei Neurotikern ein oft zeitaufwendiges Zwangsverhalten, um Angstgefühle zu verhindern.[3]

Diese Definition ist von allgemeiner Natur, soll aber zunächst einen kurzen Einblick in das zu behandelnde Thema geben.

Die Beschäftigung mit dem Ritual weist heutzutage, in Hinblick auf Funktion und Bedeutung, ein weites Forschungsfeld für fast alle Bereiche kulturellen Lebens auf. Die Psychologie[4], die Religionswissenschaften[5], die Soziologie[6], wie die Ethnologie beschäftigen sich mit der Deutung und Beobachtung von Ritualen, um fremde Kulturen verstehen zu können.

In der aktuellen Ritualforschung haben religiöse Bezüge einen weniger hohen Stellenwert, verglichen mit den Anfängen der Ritualforschung. Der Begriff „Religion“ kommt in der Forschung zwar noch vor, jedoch werden Rituale kaum mehr als ausschließlich religiöse Phänomene angesehen.

Die geschichtswissenschaftliche Mediävistik hat sich mit dem Ritual soweit befasst, dass sie Rituale als einen Schlüssel

ansieht, um die höfische Gesellschaft, Herrschaft und Kommunikation des Mittelalters überhaupt verstehen zu können.

Horst Fuhrmann hat beispielsweise vielseitige Begrüßungs- und Abschiedsrituale im Mittelalter verstärkt untersucht.[7]

Viele Autoren, die sich mit dem Ritual in historischen Wissenschaften auseinandersetzen, verzichten geradezu darauf eine Definition zum Ritual zu verfassen.

Geoffrey Koziol hat versucht auf die Vagheit des Begriffes hinzuweisen:

The problems begin with the term itself, notoriously vague and incapable of precise definition. […] The term simply possesses an ineradicable vagueness and ambiguity foreign to the precision of social science. The problem is

not just with the term, however. Vagueness and ambiguity are inherent in rituals themselves, whose meaning can be puzzling to contemporaries as it is to scholars.[8]

Es ist, gerade wegen der historischen Distanz und der Unterschiedlichkeit der Phänomene, schwer zu sagen, was im Mittelalter als Ritual galt und was es leisten konnte.

Es scheint, als ob dem Phänomen „Ritual“ eine Schwierigkeit zugrunde liegt, definitorische Ansätze zu verfassen.[9]

Corinna Dörrich beschreibt in ihrer Ausgabe „Poetik des Rituals“ wesentliche Aspekte des Rituals im Mittelalter. Sie bezieht sich dabei auf die Form, Substanz und Funktion von Ritualen, versucht jedoch nicht definitorische Ansätze zu bilden.

Die Form des Rituals möchte ich an dieser Stelle wiedergeben.

Ein wesentliches Kennzeichnen von Ritualen ist ihre besondere Geformtheit, sie wird oft durch festgeschriebene Handlungsketten von anderen Handlungen unterschieden. Formalitäten, wie eine zeitliche, örtliche und räumliche Ordnung, sowie eine Kleidungsordnung sind wichtige Kategorien für eine Gebundenheit von Ritualen. Je nach Ritualtyp sind sie unterschiedlich besetzt und relevant. Wiederholungen von Ritualen sind Anzeichen dafür, dass das Ritual mit seiner inneren Struktur als ein wiederholbarer Akt anzusehen ist und zudem Kennzeichen eines etablierten Rituals. Repräsentative Räume und Orte, wie beispielsweise ein Kirchenraum oder ein Hof, können den äußeren Rahmen eines Rituals bilden. Zur dritten Ordnungskategorie, der Kleidungsordnung, lässt sich sagen, dass die Kleidung der jeweiligen Ritualteilnehmer Aufschluss darüber geben kann, welchen sozialen Status die jeweilige Person besitzt. Trägt ein Ritualteilnehmer eine defekte Kleidung, geht man davon aus, dass es sich bei diesem Ritual um eine Bestrafung handeln muss. Die Kleidung steht somit im Bezug mit der inhaltlichen Handlung von Ritualen.

Des Weiteren werden Rituale immer anhand von Handlungen zur Anschauung gebracht. Dabei werden Sachverhalte, Absichten und Vorstellungen in Handlungen transformiert und formalisiert.

Verstöße gegen Formalitäten eines Rituals können ein Anlass zu kriegerischen Auseinandersetzungen sein oder auch als Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung interpretiert werden. Die Form von Ritualen steht immer für den Inhalt selbst.[10]

2.1 Formalität und Ritualität : Wolfram von Eschenbachs Gralritual I

Das Gralritual in Wolfram von Eschenbachs Parzival bietet einen ersten Ausblick auf die Möglichkeit literarischer Texte, bei der Darstellung von Ritualen eine textinterne Bedeutung zu[11]

generieren. Im Unterschied zu Chrétiens „Conte du Graal“ konstruiert von Eschenbach eine völlig andersartige, hochgradig formalisierte Handlungsabfolge des Rituals.

Die Präsentation der blutigen Lanze ist als eine eigenständig abgeschlossene Handlung anzusehen, die vor dem Gralritual stattfindet (231, 15-232, 3). Es findet eine eindeutige Differenzierung durch das Geschlecht der Besetzung, des Raumes, der Bewegung, durch den Erzählereinschub und eine zeitliche Differenzierung zu dem eigentlichen Gralsritual statt. Mit dem Verlassen des Knappen mit der Lanze verstummt das Jammergeschrei der Gesellschaft, Wolfram von Eschenbach spricht mit einem Erzählereinschub direkt den Rezipienten an und weist auf eine neue Handlungsabfolge hin, die des Gralsrituals.

wil iuch nu niht erlangen,

sô wirt hie zuo gevangen

daz ich iuch bringe an die vart,

wie dâ mit zuht gedienet wart.[12]

(232, 5-8)

Das Gralsritual steht im Zentrum der Handlung, bei der die ganze Gralsgesellschaft anwesend ist. Von Eschenbach beschreibt die repräsentative Ausstattung des Raumes, in der das Ritual stattfindet.

hundert pette er ligen vant

(daz schuofen die es dâ pflâgen):

hundert kulter drûffe lâgen.

Ie vier gesellen sundersiz,

da enzwischen was ein underviz.

(229, 28-230, 1)

Ebenso finden sich detaillierte Beschreibungen der festlichen Beleuchtung.

Si giengen ûf ein palas.

hundert crône dâ gehangen was,

vil kerzen drûf gestôzen,

ob den hûsgenôzen,

cleine kerzen umbe an der want.

(229, 23ff.)

Das Gralsritual ist prinzipiell ein wiederkehrender Prozess der zu hôchgezîten stattfindet.

den trouc man ze allem mâle,

der dieht niht durch schouwen für,

niht wan ze hôchgezîte kür.

(807, 16-18)

[...]


[1] Dörrich, Corinna: Poetik des Rituals. Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002.

[2] Von Eschenbach, Wolfram: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok. Berlin: de Gruyter 1998.

[3] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bd. völlig neubearb. Aufl., achtzehnter Band Rad-Rüs und dritter Nachtrag. F.A. Brockhaus Mannheim 1992, S.450.

[4] Vgl. dazu Patrick Vandermeersch: Psychotherapeutische Rituale. In: Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Hrsg. von Andréa Belliger und David J. Krieger. Opladen-Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S. 435-447.

[5] Vgl. dazu Ronald Grimes: Typen ritueller Erfahrung. In: Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Hrsg. von Andréa Belliger und David Krieger. Opladen-Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S.119-134.

Vgl. dazu Theodore W. Jennings Jr.: Rituelles Wissen. In: Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Hrsg . von Andréa Belliger und David J. Krieger. Opladen-Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S.157-172.

[6] Vgl. dazu Albert Bergesen: Die rituelle Ordnung. In: Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Hrsg. von Andréa Belliger und David J. Krieger. Opladen-Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S.49-76.

[7] Vgl. dazu Horst Fuhrmann: Willkommen und Abschied. Begrüßungs- und Abschiedsrituale im Mittelalter. In: Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. München: 2. Auflage in der Beck´schen Reihe 2003, S.17-39.

[8] Koziol, Geoffrey: Begging pardon and favor: ritual and political orden in early medieval France. Ithaca, N.Y.[u.a.]: Cornwell University Press 1992, S.289.

[9] Dörrich, Corinna: Poetik des Rituals. Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002, S.11.

[10] Ebd. S. 15-18.

[11] Ebd. S. 28-33.

[12] Von Eschenbach, Wolfram: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Einführung zum Text von Bernd Schirok. Berlin: de Gruyter 1998.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Gral und Ritual im Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V76594
ISBN (eBook)
9783638818995
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gral, Ritual, Parzivalroman, Wolfram, Eschenbach
Arbeit zitieren
Christin Wetzel (Autor), 2005, Gral und Ritual im Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76594

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