Auf der Suche nach einer allgemeinen Theorie zu extremistischem Wahlverhalten

Ein Vergleich der theoretischen Ansätze von Kitschelt und Scheuch/Klingemann


Hausarbeit, 2006

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Extremismusbegriff und Ansätze aus der Extremismusforschung
2.1 Der Extremismusbegriff
2.1 Persönlichkeitsbezogene Ansätze der Extremismusforschung
2.2 Deprivationstheorie und Statusunsicherheit

3. Umfassende Ansätze zur Erklärung der Erfolge extremistischer Parteien
3.1 Das Modell der räumlichen Parteienkonkurrenz nach Kitschelt
3.2 Die Theorie des Rechtsradikalismus in westlichen Industriegesellschaften
3.3 Vergleich der Erklärungskraft und Probleme beider Konzepte

4. Empirische Befunde

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Wie der Mensch die Luft zum Atmen, so braucht das politische System der BRD Wahlen. Es ist kaum ein Geheimnis, dass Wahlen das Grundgerüst für eine funktionierende parlamentarische Demokratie darstellen - kaum verwunderlich also, dass die Wahlforschung innerhalb der Politikwissenschaft einen beträchtlichen Platz einnimmt und auch in der Fülle der Publikationen und Theorien zum Wahlverhalten breit gefächert ist.

Trotz dem Anspruch, möglichst allgemeine, einfache und eindeutige Theorien hervor-zubringen, zeigen sich innerhalb des Forschungszweiges, der sich mit der Erklärung der Wahl (rechts)extremistischer Parteien beschäftigt, verschiedenste Ansätze und empirische Befunde, die eher eine Aneinanderreihung möglicher, spezifischer Ursachen darstellen und hauptsächlich nebeneinander existieren, anstatt sich aufeinander zu Beziehen und eine fruchtbare Synthese auf dem Weg zu einer allgemeinen, „denkökonomisch[en]“[1] Theorie zu bilden.[2]

Die starke Fokussierung auf die Untersuchung rechtsextremistische Parteien und deren Wahl mag zumindest in der bundesdeutschen Wahl- und Extremismusforschung zum einen auf die höheren Wahlerfolge der, als rechtsextremistisch angesehenen Parteien in der BRD zurückzuführen sein und zum anderen auf die historische Dimension des Themas in der Bundesrepublik. Doch was ist eigentlich mit dem Adjektiv links- bzw. rechtsextremistisch gemeint?

Was das Parteienspektrum innerhalb der BRD und die Systematisierung der einzelnen Parteien auf einer politischen Links-rechts-Achse angeht, wird deren Einschätzung in dieser Arbeit so übernommen, wie es im Konsens der Literatur fast einhellig zu finden ist. Parteien wie NPD, DVU oder Republikaner werden in der Literatur fast unstrittig als extremistische Parteien angesehen, die sich deutlich am Rand des demokratischen Spektrums befinden und deren Einigkeit mit Prinzipien der Demokratie äußerst fragwürdig ist.[3] Insbesondere innerhalb der 1990er Jahre hat die empirische Forschung bezüglich der Wahl (rechts)extremistischer Parteien und deren Wähler durch die Wahlerfolge der Republikaner Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre erheblich zugenommen.

Die folgende Arbeit widmet sich allerdings nicht vordergründig den einzelnen empirischen Befunden, die vor allem in der BRD innerhalb der letzten Jahrzehnte publiziert wurden, sondern begibt sich auf die Suche nach einer allgemeinen Theorie zur Wahl extremistischer Parteien.

In Anbetracht der Fülle von Ansätzen zu extremistischem Wahlverhalten, bei denen oft kaum zwischen Theorie und Hypothese unterschieden wird[4], liegt der Fokus dieser Arbeit auf den beiden Konzepten von Kitschelt und Keusch/ Klingemann, da diese die umfassendsten Erklärungskonzepte zu Wahlerfolgen extremistischer Parteien darlegen und versuchen einige ältere Konzepte miteinander zu verbinden. Diesbezüglich widmet sich das erste Kapitel des vorliegenden Textes einer kurzen Auseinandersetzung mit der allgemeinen Problematik des Extremismusbegriffs innerhalb der Forschungs-literatur und der Definition nach Backes und Jesse. Des weiteren sollen kurz einzelne Ansätze der älteren Extremismusforschung vorgestellt werden, die im Grundgedanken für die Arbeiten von Kitschelt und Keusch/Klingemann von Bedeutung sind und zum Verständnis der beiden Konzepte dienen. Eine Vielzahl von weiteren Erklärungsansätzen, die nicht im direkten Zusammenhang mit diesen beiden Konzepten stehen, werden hierbei bewusst vernachlässigt und nicht diskutiert.

Das zweite Kapitel widmet sich den theoretischen Ansätzen von Kitschelt und Keusch/ Klingemann zur Erklärung extremistischen Wahlverhaltens. Hierbei sollen die beiden Ansätze genauer vorgestellt und insbesondere auf Erklärungskraft und Probleme eingegangen werden, um die Frage zu klären, inwieweit einer der beiden Ansätze Potential für die Basis einer allgemeinen Theorie zum extremistischem Wahlverhalten bietet.

Im dritten Kapitel soll abschließend untersucht werden, inwieweit diese theoretischen Annahmen empirischen Befunden standhalten.

2. Extremismusbegriff und Ansätze aus der Extremismusforschung

2.1 Der Extremismusbegriff

In der vorliegenden Arbeit soll „Extremismus“ als übergeordnete Klammer verstanden werden, die sowohl Rechts- als auch Linksextremismus als Unterformen mit einschließt. Auf die Schwäche - insbesondere bezogen auf den Rechtsextremismus-begriff - die sich durch eine unklare Definition bzw. vielfältige verschiedene Definitionen des Begriffs innerhalb der Extremismusforschung zeigt, wurde in der Literatur bereits vielfältig hingewiesen. Allein für den Themenbereich des Rechtsextremismus lassen sich in der Literatur nach Druwe und Mantino elf verschiedene Ausdrücke finden und obwohl sich die Bezeichnung „Rechtsextremismus“ bzw. „rechtsextremistisch“ in der Forschung im Gegensatz zu bspw. „(Rechts)radikalismus“ weitestgehend durchgesetzt hat[5], erfährt auch dieser Ausdruck 37 verschiedenen begriffliche Abwandlungen, was die Bedeutungsebene betrifft. Auf die einzelnen Ausprägungen des Begriffs soll hierbei nicht eingegangen, jedoch auf die vielfältige und problematische Verwendung des Terminus hingewiesen werden.[6]

Im Bezug auf das Forschungsinteresse wird „Extremismus“ in der vorliegenden Arbeit in Anlehnung an die Definition von Backes und Jesse verstanden, deren „Extremismus-begriff in der empirischen Wahlforschung inzwischen weithin akzeptiert“[7] ist. Backes und Jesse definieren politischen Extremismus „als Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Gesinnungen und Bestrebungen [...], die sich in der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und Spielregeln einig wissen“.[8]

Solch eine Abneigung, die sowohl von Einzelpersonen, Ideologien oder Organisationen vertreten werden kann, sehen die Autoren sowohl in der Einschränkung des Prinzips der menschlichen Gleichheit (rechtes Achsenende), in der übermäßigen Auslegung dieses Gleichheitsprinzips und eine daraus resultierende Einschränkung der persönlichen Freiheit (linkes Achsenende) und in der Ablehnung jeglicher Staatlichkeit (Anarchie). Eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, den Backes und Jesse in ihrer Definition zwischen rechts- und linksextremistisch nennen, ist der Gedanke der Einheit, im direkten Gegensatz zur liberalen Idee der Vielfalt.[9] Somit ist politischer Extremismus zum einen nah an der Aussage von Lipset und Raab „Extremism is antipluralism or [...] monism“[10] und zum anderen an den Gedanken des Grundgesetzes angesiedelt.

Auch diese Definition von Backes und Jesse ist bei weitem nicht kritiklos in der Literaturlandschaft angesiedelt, soll jedoch für die Zwecke dieser Arbeit genügen. Zum Anderen soll kurz darauf hingewiesen werden, dass die Problematik des Extremismus-begriffs für die Wahlforschung zwar sicherlich von Bedeutung ist, jedoch durch die Eingrenzung auf das Interessengebiet der Stimmabgabe, strittige Aspekte wie bspw. die Einbeziehung von Gewaltausübung innerhalb einer Extremismusdefinition vernachlässigt werden können.[11]

2.1 Persönlichkeitsbezogene Ansätze der Extremismusforschung

Als eines der ersten und einflussreichsten Konzepte zur Erklärung (rechts) extremistischer Einstellungen und Handlungen gilt der Autoritarismusansatz und die dafür grundlegende Arbeit „The Authoritarian Personality“ von Adorno et all (Berkley- Gruppe). Hierbei muss erwähnt werden, dass sich Adorno et all explizit nur auf die Erklärung rechtsextremer Einstellungen und Handlungen beziehen und versuchen rechtsextreme Gesinnungen anhand von Persönlichkeitsmerkmalen zu erklären bzw. zu identifizieren. Sie gehen davon aus, dass sich anhand einzelner politischer und gesellschaftlicher Einstellungen eine Art verborgener autoritärer Persönlichkeitskern ableiten lässt, der wiederum prägend für die potenzielle Ausbildung von rechtsextremen Einstellungen und Handlungsweisen ist.[12] Als Messinstrument für das Erkennen solch einer autoritären Persönlichkeit entwickelte die Berkley-Gruppe die sogenannte F-Skala (Faschismus-Skala), anhand derer Einstellungen zu neun verschiedenen Variablen gemessen wurden:

„Konventionalismus, [...] Autoritäre Unterwürfigkeit, [...] Autoritäre Aggression [Ablehnung und Missachtung von Menschen, die nicht den konventionellen Werten folgen], Anti-Intrazeption [Ablehnung alles Subjektiven, Fantasievollen], [...] Aberglaube und Stereotypie, [...] Machtdenken und Kraftmeierei, [...] Destruktivität und Zynismus [grundsätzliche Feindseligkeit], Projektivität [und] Sexualität“[13].

Sind diese Merkmale erfüllt, „verfügt“ eine Person über eine autoritäre Persönlichkeit und neigt laut Adorno et all eher dazu rechtsextremen Ideologien zu folgen und dementsprechend zu handeln. Adorno et all, sowie die meisten Autoren der nachfolgenden persönlichkeitsbezogenen Ansätze, legen ihren Abhandlungen klassische psychoanalytische Annahmen in der Tradition Freuds zugrunde, wonach sich die Persönlichkeitsmerkmale bereist im Kindesalter, durch das Elternhaus, weitere Autoritätspersonen und Erfahrungen in der frühen Kindheit herausbilden.[14]

Ein Kritikpunkt (unter vielen) an der Arbeit von Adorno et all bezieht sich auf die Einschränkung des Authoritarismuskonzeptes auf rechtsextremistische Einstellungen. Mit dem Dogmatismuskonzept erweiterte Rokeach dahingehend den Autoritarismus-ansatz, indem er Dogmatismus generell als „closed way of thinking which could be associated with any ideology regardless of the content“[15] definiert, um somit „authoritarianism on a broader scope than has been the case in the past – […] in communism and in fascism”[16] messen zu können und sein Konzept somit unabhängig von einer ideologischen Positionierung auf einer politischen Rechts-Links-Achse anzusiedeln. Rokeach unterscheidet somit grundsätzlich zwischen geschlossenem und offenem Denken bzw. Einstellungssystemen. Diese versucht er in Anlehnung an die F-Skala mit seiner sogenannten D-Skala (Dogmatismus-Skala) zu messen.[17]

[...]


[1] Winkler, Jürgen R.: Bausteine einer allgemeinen Theorie des Rechtsextremismus. In: Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 27/ 1996. S.27.

[2] Vgl. Winkler, Jürgen R./ Jaschke, Hans-Gerd/ Falter, Jürgen W.: Stand und Perspektiven der Forschung. In: Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 27/ 1996. S.18.

[3] Zu klären, inwiefern einzelne Parteien anhand ihrer Wahlprogramme, ihrer Ideologie oder der Äußerungen der Parteispitze als extremistisch angesehen werden können, liegt nicht im Sinne dieser Arbeit. Somit wird auf eine konkrete Arbeitsdefinition von (Rechts)extremismus verzichtet und der breite Konsens über die Einstufung verschiedener Parteien übernommen. Dazu ausführlicher Betz, Hans-Georg: Radikaler Rechtspopulismus in Westeuropa. In: Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 27/ 1996. S.363f. und Lang, Jürgen P.: Ist die PDS eine demokratische Partei?: Eine extremismustheoretische Untersuchung. Baden-Baden 2003.

[4] Vgl. Winkler/ Jaschke/ Falter 1996. S.17f.

[5] Vgl. Jaschke, Hans-Gerd: Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder. Opladen 1994. S.27.

[6] Vgl. Druwe, Ulrich/ Mantino, Susanne: „Rechtsextremismus“. Methodologische Bemerkungen zu einem politikwissenschaftlichen Begriff. In: Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 27/ 1996 (S.66-79). S.72f.

[7] Arzheimer, Kai: Die Wahl extremistischer Parteien. In: Falter, Jürgen W./ Schoen, Harald (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung. Wiesbaden 2005. S.396.

[8] Backes, Uwe/ Jesse, Eckhard: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1996. S. 45.

[9] Vgl. Ebd. S. 45f.

[10] Lipset, Seymour M./ Raab, Earl: The Politics of Unreason. Right-Wing Extremism in America, 1790-1970. London 1971. S.6.

[11] Vgl. Arzheimer 2005. S. 392.

[12] Vgl. Winkler 1996. S.29.

[13] Adorno, Theodor W.: Der autoritäre Charakter: Studien über Autorität und Vorurteil. Gekürzte dt. Fassung der Bände 1-3 und 5 der „Studies in prejudice“, New York 1950. Amsterdam 1953. S.14.

[14] Vgl. Winkler 1996. S.31.

[15] Rokeach, Milton: The open and closed mind. New York 1960. S.4.

[16] Ebd. S.9.

[17] Dazu ausführlicher: Rokeach 1960.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach einer allgemeinen Theorie zu extremistischem Wahlverhalten
Untertitel
Ein Vergleich der theoretischen Ansätze von Kitschelt und Scheuch/Klingemann
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundseminar: Politisches System der BRD
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V76665
ISBN (eBook)
9783638805421
ISBN (Buch)
9783640394999
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suche, Theorie, Wahlverhalten, Grundseminar, Politisches, System
Arbeit zitieren
Marlies Bayha (Autor), 2006, Auf der Suche nach einer allgemeinen Theorie zu extremistischem Wahlverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76665

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