Hochleistungssportler als Arbeitnehmer der besonderen Art


Hausarbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sport als Arbeit
2.1 Das Verhältnis von Sport und Arbeit
2.1.1 Zwei grundsätzliche Hypothesen
2.1.2 Leistung in Sport und Arbeit
2.2 Verberuflichung des Sports
2.2.1 Abgrenzung des Sports vom „Normalarbeitsverhältnis“
2.2.2 Die Rolle der Medien beim Prozess der Verberuflichung des Sports

3 Lebensläufe von Hochleistungssportlern
3.1 Theoretischer Bezugsrahmen
3.1.1 Ganzheitliches Analysemodell zu Lebensläufen von Hochleistungssportlern
3.1.2 Exkurs: Etappen der Berufskarrieren
3.2 Ergebnisse der Lebenslaufanalysen von Hochleistungssportlern
3.2.1 Analyse der Berufskarrieren
3.2.2 Auswirkungen des Hochleistungssports auf die Berufskarrieren
3.2.3 Einordnung der Ergebnisse ins Analysemodell

4 Die Persönlichkeit von Hochleistungssportlern
4.1 Modelle zum Zusammenhang von Sport und Persönlichkeit
4.1.1 Überblick über die Modelle
4.1.2 Selektions- und Sozialisationshypothese
4.1.3 Ergebnisse nach trait-orientiertem Ansatz
4.1.4 Ergebnisse nach interaktionistischem Ansatz
4.2 Kritische Lebensereignisse von Hochleistungssportlern
4.2.1 Definition „Kritisches Lebensereignis“
4.2.2 Lebensziele von Hochleistungssportlern
4.1.3 Beispiel I: Olympiasieg als kritisches Lebensereignis
4.2.4 Beispiel II: Karriereende als kritisches Lebensereignis

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Sport ist eine Erscheinung aus dem großen Lebensbereich des Spiels. Spiel ist ein zweckfreies Tun um seiner selbst willen, also im Gegensatz zur Arbeit.“1

„Wir verstehen Sport als Spiel und sehen ihn im Gegensatz zur Arbeit; deshalb unterscheidet sich sportliche Leistung grundsätzlich von der Leistung in der Arbeitswelt. Sport würde nach unserer Auffassung sein Wesen verlieren, wenn er des beispielhaften Mutterbodens verlustig ginge und zur reinen Arbeit würde, die sich in der Welt der Zwecke erschöpft.“2

Carl Diem hat sich noch vor über 40 Jahren mit diesen Ansichten einer Sportideologie verschrieben, die heute längst keine Gültigkeit mehr besitzt und trotzdem noch von einigen Sportideologen vertreten wird. Im modernen System des Hochleistungssports werden Athleten zu Arbeitnehmern der besonderen Art. Parallel zu ihren Berufskarrieren, oder als mehrjährige Unterbrechung dieser, verfolgen sie eine Sportkarriere als Angestellter in einem Sportverein. Mit dem Schritt, ihr sportliches Hobby zeitintensiv zum Beruf zu machen entscheiden sie sich für eine Lebensgestaltung, in dem Berufs- und Privatleben eine Einheit bilden, also eine Form der beruflichen Entgrenzung.3

In folgendem Aufsatz soll also das Zitat von Diem widerlegt und die These diskutiert werden, dass Hochleistungssportler eine besondere Art von Arbeitnehmern sind. Neben den formalen Merkmalen dafür soll untersucht werden, ob sich auch in einer Analyse ihrer Lebensläufe und ihrer Persönlichkeitsmerkmale Besonderheiten bemerkbar machen, die sie vom „Normalarbeitnehmer“ unterscheiden.

Im ersten Schritt soll bewiesen werden, anhand welcher Merkmale man Hochleistungssportler als Arbeitnehmer manifestieren kann. Dabei wird ein besonderer Fokus auf das Leistungsprinzip in Sport und Arbeit gelegt. Um ihre Besonderheiten herauszuarbeiten wird danach untersucht, welche Unterschiede sie zum „Normalarbeitnehmer“ aufweisen. Hier wird auch auf die besondere Rolle der Medien hingewiesen.

Im zweiten Schritt folgt eine Analyse der Lebensverläufe von Hochleistungssportlern, um festzustellen, ob man dafür Muster entwickeln kann. Dazu wird eine Studie von ehemaligen Olympiateilnehmern ausgewertet und im ganzheitlichen Analysemodell zu Lebensläufen von Hochleistungssportlern dargestellt.

Laut entwicklungstheoretischen Ansätzen spielen dabei auch psychologische Aspekte eine Rolle. Deshalb soll im dritten Schritt untersucht werden, ob es einen Zusammenhang zwischen Sport und Persönlichkeitsentwicklung gibt. Außer wird auch aus psychologischer gezeigt, wie Athleten mit kritischen Lebensereignissen wie Siegen und dem Ende der sportlichen Karriere umgehen.

Am Ende soll diese Arbeit Aufschluss darüber geben, ob sich Theorien zum Sportler als Arbeitnehmer entwickeln lassen und ob es kausale Zusammenhänge zwischen den Beziehungen Sport und Arbeit und Sport und Persönlichkeit gibt.

2 Sport als Arbeit

2.1 Das Verhältnis von Sport und Arbeit

2.1.1 Zwei grundsätzliche Hypothesen

Um Sport als Arbeit definieren zu können und Unterschiede, und wichtiger noch, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, muss das Verhältnis beider Lebensbereiche zueinander geklärt werden. Dazu gibt es in der Sportwissenschaft zwei gegensätzliche Meinungslager.

Vertreter der einen Theorie plädieren dafür, Sport und Arbeit strikt in konträr strukturierte Handlungsspielräume zu unterscheiden.4 Sport wird in diesem Fall als reines Spiel verstanden, welches den einzigen Zweck der Freude am Tun erfüllt und wo kein Zwang dahinter steht. Sport sei das absolute Gegenteil von Arbeit, welche stets dem hauptsächlichen Zweck und Zwang unterliegt, das Leben zu finanzieren. Der Sport verliere seine eigentliche Bedeutung, wenn er nicht mehr Rückzugsort aus der Arbeit wäre.

Die gegensätzliche Meinung dazu vertraten auch schon Philosophen wie Horkheimer und Adorno. Sie verwiesen auf die Strukturähnlichkeit beider Handlungssysteme. Im Sport, vor allem im Kollektivsport, und im Beruf muss man sich an Regeln halten und Disziplin üben. Das sportliche Training muss gezielt geplant werden, um angestrebte Erfolge zu erreichen. Ebenso wird in der Fabrik oder Firma geplant, mit welchen Maßnahmen das Jahresziel verfolgt wird. Es werden im Sport und Beruf also Ziele definiert und Maßnahmen, wie diese erreicht werden sollen. In beiden Handlungssystemen kann man außerdem eine fortschreitende Spezialisierung beobachten. Weiterhin brauchen Sportler und Arbeiter nach ihrer ausgeübten Tätigkeit Erholung im Lebensbereich Freizeit.5

2.1.2 Leistung in Sport und Arbeit

Die wichtigste Parallele in den Bereichen Sport und Arbeit ist jedoch das Leistungsprinzip. Dieses ist durch unterschiedliche Merkmale und Zielsetzungen gekennzeichnet. Das hervorstechende Merkmal ist der Wunsch nach ständiger und vollkommener Leistungssteigerung durch planmäßige Umsetzung der Arbeit bzw. des Trainings. Schon der Arbeitswissenschaftler Taylor untermauerte seine These über die Bemühung eines jeden Arbeiters, seine gesamten Fähigkeiten und Möglichkeiten in seinem Beruf umzusetzen mit einem Beispiel aus dem Mannschaftssport: Nur wenn sich im Mannschaftssport ein Mitglied zu 100 Prozent anstrengt, erhält er die Anerkennung seiner Teammitglieder. Leistungssport und Arbeit sind also gekennzeichnet durch das Streben nach der höchsten Leistungsfähigkeit und Rekorden, um anerkannt zu werden.

Rekorde in Sport und Arbeit sind demnach Ergebnisse von Teamarbeit. Im Bereich Sport gilt das nicht nur für Mannschaftssport. Am Erfolg beteiligen sich neben dem Athleten selber unter anderem auch die Mitglieder des Sportvereins, Ärzte und Trainer. Fortschreitende Spezialisierung die zu Leistungssteigerung führt, ist in beiden Bereichen nur durch Unterstützung eines Teams möglich. Nur durch Zusammenhalt und Rückhalt ist eine Ausarbeitung der Spezialisierung möglich, und damit auch eine Leistungssteigerung, die letztlich nicht nur dem Spezialisten angerechnet wird.

Eine adäquate Leistung kann außerdem nur erreicht werden, wenn der Lebensbereich Freizeit auf den Bereich Beruf abgestimmt wird. Sportler und Arbeiter müssen in der Freizeit zu einem Lebensstil finden, der sie nicht in ihrer Leistung einschränkt. Das bedeutet, dass sie sich Zwängen unterwerfen müssen, um Zielvorgaben zu erfüllen.

Messen lässt sich die Leistung von Sportlern und Arbeitern durch einen Vergleich mit der Konkurrenz. Im sportlichen und beruflichen Wettbewerb zeichnet sich der erfolgreichste Teilnehmer durch die höchste soziale und meist auch finanzielle Anerkennung aus. Allerdings kann man jeweils innerhalb der beiden Bereiche unterschiedliche Rangordnungen erkennen. So gibt es sozial höher angesehene und besser honorierte Sportarten und eine Rangordnung der Berufe.6

2.2 Verberuflichung des Sports

2.2.1 Abgrenzung des Sports vom „Normalarbeitsverhältnis“

Es scheint also eine logische Konsequenz zu sein, dass sich aus dem Sport als Spiel der Sport als Beruf entwickelte. Historisch gesehen war Sport eine Passion, die keinen rationalen Zweck hatte. Der Beruf hat zwar den rationalen Zweck, das Leben zu finanzieren, sollte aber im besten Fall mit Leidenschaft ausgeübt werden. Wird Sport nun zum Beruf, wird daraus eine zweckgebundene Leidenschaft.

Dies ist nur ein Merkmal dafür, wie sich der Berufssportler vom „Normalarbeitnehmer“ unterscheidet. So unterliegt zum einen ein Sportunternehmen anderen Finanzierungsweisen als ein Produktions- oder Dienstleistungsbetrieb. Industrie, Medien und Sportkonsumenten finanzieren den Sport, der deren unterschiedliche Interessen und Absichten erfüllen muss.

Eine weitere Besonderheit in der Verberuflichung des Sports liegt in seiner Historie. Der Sportler selber war die letzte Instanz im Sportunternehmen, der verberuflicht wurde. In anderen Worten: bevor es den Beruf Profisportler gab, kamen zuerst Berufe auf wie Trainer, Sportlehrer, Sportwissenschaftler oder Sportmanager. Diese Berufsbilder sind in einem „normalen“ Ausbildungsweg erlernbar. Zum Sportler gibt es keine Ausbildung. Er muss sich auf Grund seiner Leidenschaft für den Sport, seines Ehrgeizes und seinen Erfolgen und seinem Erfolgssinn für den Beruf qualifizieren. Die Entscheidung, zumindest über mehrere Jahre auf ein „Normalarbeitsverhältnis“ zu verzichten ist mit einigen Risiken verbunden. Das größte dabei ist wohl das Risiko zu scheitern.7

2.2.2 Die Rolle der Medien beim Prozess der Verberuflichung des Sports

Neben der sportlichen Leistung haben auch die Medien einen nicht unwesentlichen Anteil am Erfolg oder Misserfolg eines Hochleistungssportlers. Sie sorgen dafür, dass der Sport und der Sportler der Masse bekannt gemacht werden. Damit bescheren sie dem Athleten Popularität und folglich einen großen Teil seines finanziellen Erfolges. Die Konsumgesellschaft wird für den Sportler mittels der Medien zum Geldgeber, indem die Öffentlichkeit zum Beispiel über Sportveranstaltungen informiert wird, für die Tickets erworben werden sollen. Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, mit denen Sport und Sportler als Konsumobjekte definiert werden können.

Die Konsumenten fühlen sich daher berechtigt, am Leben des Sportlers und an seinen Leistungen teilzuhaben. Das gelingt ihnen durch die Medien. Sie liefern die Bilder dazu und erschaffen seine fiktionale Präsenz. Um interessant und im Gespräch zu bleiben, und damit auch den finanziellen Erfolg zu sichern, ist der Sportler auf die mediale Präsentation angewiesen. Dazu gehört auch sein Privatleben, da es größtenteils durch den Sport bestimmt wird. Durch Selektion und Hervorhebung bestimmter Aspekte wird der Sportler zum Star avanciert, oder auch von diesem Image degradiert.

Die Werbung nutzt den positiven Ruf eines bekannten Sportstars nicht selten für sich aus und bringt ihn in Reklame in Verbindung mit konsumierbaren Produkten. Der Sportler kann durch Werbung sogar selbst zur Marke werden, indem ihm Symbole und Merkmale zugeschrieben werden, anhand derer ihn die Öffentlichkeit definiert. Durch die Medien weitet sich das Berufsfeld des Athleten vom Sportgeschehen auf das Mediengeschehen aus, was rückwirkend wiederum das Privatleben des Sportlers beeinflusst.8

3 Lebensläufe von Hochleistungssportlern

3.1 Theoretischer Bezugsrahmen

3.1.1 Ganzheitliches Analysemodell zu Lebensläufen von Hochleistungssportlern

Nachdem gezeigt wurde, dass Profisportler Arbeitnehmer mit einer beruflichen Sonderstellung sind, soll erörtert werden, ob sie sich auch anhand von speziellen Lebensverlaufsmustern von „Normalarbeitnehmern“ abgrenzen. Ein möglicher Ansatz, diesen Prozess in einen theoretischen Rahmen einzubetten, ist das ganzheitliche Analysemodell zu Lebensläufen unter der Lebensspannenperspektive. Dieser entwicklungswissenschaftliche Ansatz ist eine Verknüpfung soziologischer, entwicklungspsychologischer und entwicklungsbio-logischer Ansätze. Aus diesen werden Schlüsse zum Lebensverlauf von Hochleistungssportlern gezogen.

Der Fokus des Modells liegt auf dem Wort „ganzheitlich“. Damit ist gemeint, dass das Handeln und Verhalten einer Person nur hinsichtlich seiner gesamten Lebensspanne analysiert werden kann. Das Handeln, welches ganzheitlich betrachtet zur Handlungsgeschichte wird, ist weiter betrachtet das Ergebnis der Interaktion von individueller Persönlichkeit und Umwelt. Die Persönlichkeit ist das Ergebnis von genetischen Grundlagen und der Umwelt. Persönlichkeit und Umwelt sind dabei nicht statisch zu betrachten sondern unterliegen einer kontinuierlichen Entwicklung. All diese Fakten stehen also in ständiger Interaktion miteinander und beeinflussen und formen den individuellen Lebenslauf.9

3.1.2 Exkurs: Etappen der Berufskarrieren

Nun sollen die Lebensläufe von Hochleistungssportlern vom soziologischen Zugang aus betrachtet werden. Das heißt, die Handlungsgeschichten werden im Kontext der Lebensverhältnisse analysiert. Es werden berufliche Statuspassagen in den Lebensläufen definiert.

Ausgangspunkt für die Untersuchung der einzelnen Etappen der Berufskarriere ist eine Gliederung des beruflichen Lebenslaufes in drei Phasen: die Vorbereitungsphase, die Aktivitätsphase und die Ruhephase. Die Berufskarriere wird von der Bildungskarriere geprägt, welche die Schullaufbahn, den Prozess der Berufswahl und den Ausbildungsgang umfasst. Hier gilt: je höher der akademische Abschluss ist, desto größer ist die Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten.

Die Bedeutung einer erfolgreichen Bildungskarriere für eine erfolgreiche Berufskarriere ist in den letzten 30 Jahren gestiegen.

[...]


1 Diem 1960, S. 3

2 Diem 1957, S. 6f.

3 Definition zur Entgrenzung z. B. in Dettmer, Susanne u. a.: Individuelle Formen der Lebensgestaltung: Segmentation, Integration, Entgrenzung. Ergebnisse qualitativer Analysen aus dem Projekt „PROFIL“. In: Hoff, Ernst-H./Hohner, H.-U. (Hrsg.) Bericht aus dem Bereich Arbeits-, Berufs- und Organisationspsychologie an der FU Berlin. Nr. 2. Berlin 2003, S. 62-65.

4 siehe auch Zitate oben von Diem

5 Rigauer 1969, S. 10ff.

6 Rigauer 1969, S. 16-28

7 Gebauer 1992, S. 25-30

8 Gebauer 1992, S. 31ff.

9 Nagel 2002, S. 29-33

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Hochleistungssportler als Arbeitnehmer der besonderen Art
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,4
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V76677
ISBN (eBook)
9783638812603
ISBN (Buch)
9783638814270
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochleistungssportler, Arbeitnehmer, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Nicole Lau (Autor), 2006, Hochleistungssportler als Arbeitnehmer der besonderen Art, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76677

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