Am 7. Oktober 1879 wurde in Wien ein geheimes Defensivabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich - Ungarn unterzeichnet. Dieses Bündnis war Ausdruck einer bedenklich veränderten Weltlage „[…] nämlich dass wir wegen drohender Gefahr von Russland die bisherige Politik mit demselben aufgeben und eine gegen Russland gerichtete europäische Koalition defensiver Natur nicht nur suchen, sondern abschließen sollten “. Schon mit dem Berliner Kongress, den Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck als „ ehrlicher Makler“ und Mittler zwischen den Mächten moderiert hatte, war eine neue Etappe in der permanenten Suche nach Sicherung der labilen „halb – hegemonialen“ Stellung des Reiches eingeleitet worden. Eine Option für Russland oder Österreich - Ungarn ließ sich in den Augen des deutschen Reichskanzlers nicht länger umgehen. Da er aber eine endgültige Festlegung zu vermeiden trachtete, begann er sein Sicherungsnetz mit der Donaumonarchie neu zu knüpfen. Zu dieser Entscheidung veranlassten ihn die sich nach dem Berliner Kongress rapide verschlechternden Beziehungen zu Russland. Ein Defensivbündnis mit Österreich - Ungarn schien Bismarck das einzig wirksame Mittel zur Sicherung des Friedens für Deutschland zu sein. Seines Erachtens nach durfte sich das Reich in der Mitte Europas keiner Isolierung aussetzen. In der Erhaltung der Habsburgermonarchie sah der Kanzler einerseits eine Grundbedingung der deutschen Sicherheit; andererseits wollte er Wien aber nicht zu stark werden lassen. Russland sollte als Gegengewicht zu Österreich - Ungarn erhalten bleiben, aber gleichzeitig vor Augen geführt werden, dass das Deutsche Reich nicht allein auf das Zarenreich angewiesen war.
Im Folgenden wird daher die Frage aufgeworfen , inwiefern sich die Beziehungen des Deutschen Reiches nach dem Berliner Kongress zu Russland derart negativ veränderten, dass der Reichskanzler sich gezwungen sah, ein gegen das Zarenreich gerichtetes Bündnis mit der Donaumonarchie abzuschließen. Zu diesem Zweck soll der Berliner Kongress von 1878 und deren Auswirkungen auf das deutsch – russische Verhältnis näher beleuchtet werden. Als Untersuchungsgrundlage dienen hier vor allem die Arbeiten von Friedrich Scherer und Heinz Wolter. Die Stimmen in der Literatur differieren zum Teil sehr stark bei der Analyse des sich nach dem Berliner Kongress abzeichnenden „ Zwei – Kanzler Krieges“ zwischen Bismarck und dem Staatskanzler Russlands Alexander Fürst Gortschakow. Eine Untersuchung des Ablaufes der Auseinandersetzungen zwischen Bismarck und Gortschakow erscheint in Anbetracht des späteren gegen Russland gerichteten Zweibundes sinnvoll. Bei der Analyse des „ Zwei – Kanzler – Krieges“ dienen vor allem Briefwechsel und Pressemitteilungen, anhand derer dieser Prozess nachvollzogen werden soll. Besondere Aufmerksamkeit wird im Folgenden speziell dem legendären „ Ohrfeigenbrief“ von Zar Alexander II an seinen Onkel Wilhelm I gewidmet. Die Betrachtung des Forschungsstandes gibt Aufschluss über die politische Situation, in der es zur Verfassung des „ Ohrfeigenbriefes“ kam. Einen großen Wert lege ich vor allem auf die Untersuchung der gesammelten Quellen aus der „ Großen Politik der Europäischen Kabinette“. Dieses Werk dient maßgeblich als Untersuchungsgrundlage der Arbeit. Auf eine Erörterung der österreichischen Perspektive während des „ Zwei – Kanzler – Krieges“ soll hier aus Gründen des limitierten Umfangs der Hausarbeit verzichtet werden. Der Schwerpunkt der Betrachtungen liegt demnach in den sich verändernden deutsch – russischen Beziehungen im Vorfeld des Abschlusses des Zweibundvertrages.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Berliner Kongress von 1878
2. Der Vollzug der Berliner Kongressakte und die Annäherung des Deutschen Reiches an Österreich/ Ungarn
3. Der „ Zwei – Kanzler - Krieg“ zwischen Bismarck und Gortschakow
3.1. Der „Ohrfeigenbrief“ von Zar Alexander II
4. Dem Zweibund vorausgehende Verhandlungen
5. Der Inhalt des Zweibundvertrages
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die außenpolitische Neuorientierung des Deutschen Reiches nach dem Berliner Kongress 1878 und analysiert, inwiefern die zunehmende Entfremdung von Russland den Reichskanzler Otto von Bismarck dazu bewegte, mit dem Abschluss des Zweibundes 1879 eine engere sicherheitspolitische Bindung an Österreich-Ungarn zu suchen.
- Die Auswirkungen des Berliner Kongresses auf das deutsch-russische Verhältnis
- Die Eskalation des sogenannten „Zwei-Kanzler-Krieges“ zwischen Bismarck und Gortschakow
- Die diplomatische Rolle des „Ohrfeigenbriefs“ von Zar Alexander II.
- Der Einfluss von Interessengegensätzen und dynastischer Loyalität auf die Bündnisentscheidung
- Strukturelle Analyse und Entstehung des Zweibundvertrages von 1879
Auszug aus dem Buch
3.1. Der „Ohrfeigenbrief“ von Zar Alexander II
So waren die Weichen eigentlich schon gestellt, als mit dem 15.8.1879 datierten eigenhändigen Schreiben des Zaren an seinen kaiserlichen Onkel in Berlin die russischen Vorwürfe noch einmal zusammengefasst wurden. Dieser in einem vorwurfsvoll – drohenden Ton abgefasste „ Ohrfeigenbrief“ bildete den Höhepunkt der deutsch – russischen Verstimmung. „ Die Konsequenzen können verheerend für unsere beiden Länder werden.“, schloss Alexander II seinen Brief. Dieses ungewöhnliche Schreiben des Zaren dürfte jedoch wohl eher als Ratlosigkeit der russischen Politik, und nicht als wirkliche Entschlossenheit zu antideutschem Vorgehen zu interpretieren gewesen sein. Dennoch lieferte es Bismarck zu guter letzt noch einen scheinbar plausiblen Grund, eine Kampagne zu eröffnen, in der alles darangesetzt wurde, um das Vertrauen Wilhelms I in die dynastische Loyalität Petersburgs zu erschüttern. Darüber hinaus bot das Schreiben dem Kanzler eine Möglichkeit, seine nun eingeleiteten außenpolitischen Schritte zu rechtfertigen.
Wilhelm, ein einfacher, dynastischen Traditionen verhafteter Charakter, wünschte sich direkt mit seinem Neffen zu verständigen. Bismarck jedoch sah, dass es um den russischen Führungsanspruch im deutsch – russischen Dreikaiserverhältnis ging. Sein umfassendes Bündnis mit Österreich – Ungarn sollte Russland zwingen, sich der Führung des Deutschen Reiches zu unterwerfen. Würde es gelingen, Russland nach Abschluss eines Bündnisses mit der Donaumonarchie wieder zu versöhnen, hätte das Ergebnis einer vorteilhaften Allianz der drei Kaiser bestanden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung erläutert die veränderte Weltlage nach 1878 und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der deutsch-russischen Entfremdung und der Entstehung des Zweibundes.
1. Berliner Kongress von 1878: Dieses Kapitel analysiert den Kongress als außenpolitische Zäsur, durch die das Deutsche Reich eine Schiedsrichterposition einnahm, während sich die Beziehungen zu Russland aufgrund unbefriedigender Kongressresultate verschlechterten.
2. Der Vollzug der Berliner Kongressakte und die Annäherung des Deutschen Reiches an Österreich/ Ungarn: Hier wird der Prozess der politischen Entfremdung von Russland und Bismarcks Bemühen, durch ein Defensivbündnis mit der Donaumonarchie das Deutsche Reich abzusichern, thematisiert.
3. Der „ Zwei – Kanzler - Krieg“ zwischen Bismarck und Gortschakow: Das Kapitel beschreibt den diplomatischen und pressepolitischen Konflikt zwischen Bismarck und Gortschakow, der die deutsch-russische Entfremdung maßgeblich vertiefte.
3.1. Der „Ohrfeigenbrief“ von Zar Alexander II: Dieser Abschnitt fokussiert auf das Schreiben des Zaren an Wilhelm I. als kulminierenden Punkt der Verstimmung und Bismarcks geschickte Nutzung dieses Dokuments zur Rechtfertigung seiner Bündnispläne.
4. Dem Zweibund vorausgehende Verhandlungen: Die diplomatischen Bemühungen um den Vertragsschluss mit Österreich-Ungarn sowie die Überwindung des Widerstands von Kaiser Wilhelm I. stehen hier im Zentrum der Betrachtung.
5. Der Inhalt des Zweibundvertrages: Das Kapitel analysiert die konkreten Vertragsbestimmungen und den defensiven Charakter des Bündnisses bei gleichzeitiger anti-russischer Spitze.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst den Zweibund als Zäsur und Beginn eines neuen Bündnissystems zusammen, das zwar unvollendet blieb, dem Reich aber kurzfristige Entlastung bot.
Schlüsselwörter
Bismarck, Zweibund, Berliner Kongress, Russland, Österreich-Ungarn, Außenpolitik, Zwei-Kanzler-Krieg, Gortschakow, Dreikaiserabkommen, Orientkrise, Defensivbündnis, Diplomatie, Machtpolitik, Zarenreich, Friedenspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entstehung des geheimen Defensivabkommens zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn im Jahr 1879 und die politischen Hintergründe dieser Entscheidung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Außenpolitik Bismarcks, die Spannungen zwischen Deutschland und Russland nach dem Berliner Kongress sowie die strategische Bedeutung der Allianz mit Österreich-Ungarn.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, warum sich die deutsch-russischen Beziehungen nach 1878 derart verschlechterten, dass Bismarck sich zu einem gegen Russland gerichteten Bündnis mit der Donaumonarchie gezwungen sah.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse, wobei insbesondere Korrespondenzen, Zeitungsberichte und die "Große Politik der Europäischen Kabinette" als Untersuchungsgrundlage herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Verlauf des Berliner Kongresses, den diplomatischen Konflikt mit Gortschakow, die Rolle des Zarenbriefs sowie die konkreten Verhandlungen und den Inhalt des Zweibundvertrages.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Bismarck, Zweibund, Berliner Kongress, russisch-deutsche Entfremdung, Diplomatie und europäisches Mächtekonzert sind die zentralen Begriffe.
Welche Rolle spielte der "Ohrfeigenbrief" bei der Bündnisbildung?
Der Brief diente Bismarck als innenpolitisches Druckmittel, um das Vertrauen von Kaiser Wilhelm I. in die dynastische Loyalität des Zaren zu erschüttern und die Notwendigkeit einer Neuorientierung zu untermauern.
Wie bewertet die Autorin den Zweibund in der Schlussbetrachtung?
Sie wertet ihn als "unvollendete" Allianz und erste von vielen außenpolitischen "Aushilfen", betont jedoch, dass er den Grundstein für das Bismarcksche Bündnissystem legte.
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- Jasmin Ruge (Author), 2005, Der Zweibund von 1879, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76681