Familienarmut in Deutschland


Hausarbeit, 2007
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionen von Armut

2. Lebenslagen von Familien und Kindern
2.1. Familienformen
2.2. Einkommen in Familienhaushalten
2.3. Armutsrisiko in Familien mit Kindern
2.4. Zusammenfassung

3. Sozialhilfe und Armut

4. Maßnahmen zur Bekämpfung von Familien- und Kinderarmut
4.1. Der Familienleistungsausgleich und seine Alternativen
4.2. Der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze
4.3. Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik und einer familienfreundlichen Unternehmensführung
4.4. Zusammenfassung: Möglichkeiten einer Armutspolitik

5. Der Handlungsauftrag der sozialen Arbeit

6. Abschließende Betrachtungen

Literatur

Einleitung

Armut in Deutschland ist keine neue Thematik. Schon immer musste sich die Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen von Armut beschäftigen. Während jedoch in den zurückliegenden Jahrzehnten Armut eher den Obdachlosen, alkoholkranken Menschen oder älteren verwitweten Frauen zugeschrieben wurde, rückt heute eine neue Zielgruppe in den Mittelpunkt der aktuellen Armutsdiskussionen in Deutschland: Familien und damit Kinder. Eigentlich scheint es, müsste gerade Kinderarmut in unserer Wohlfahrtsgesellschaft gar nicht möglich sein, denkt man doch im ersten Moment an ausgemergelte Kinder mit großen traurigen Augen aus Dritte Welt Ländern. In Deutschland verhungert oder verdurstet kein Kind aus Armut, hier zeigt sich Armut in anderen Facetten. Zwar ist ein physisches Existenzminimum zu jeder Zeit gesichert, jedoch gibt es Armut. Familien und Kinder die in Deutschland in Armut leben haben andere Sorgen als die pure Angst nicht zu überleben. Sie sehen sich in einem ständigen Kampf um Anerkennung, um gleiche Chancen in ihrer Lebensgestaltung, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie spüren jeden Tag, dass sie nicht dazugehören, ausgegrenzt sind, wird ihnen doch tagtäglich auf brutalste Weise vor Augen gehalten wird, dass sie an unserer Konsumgesellschaft nicht teilhaben können. Leider kann im Rahmen dieser Arbeit nicht näher auf die Folgen von Armut, gerade für Kinder eingegangen werden, jedoch möchte ich kurz erwähnen, dass ein bloßes Überleben in unsere Gesellschaft noch lange kein zufrieden stellendes Leben ermöglicht.

In den folgenden Ausführungen werde ich kurz die verschiedensten Ansätze und Betrachtungsweisen der Armutsdefinitionen erläutern. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Lebenslagen von Familien in Deutschland, dass bedeutet welche Familienformen vorherrschen, wo Kinder hauptsächlich aufwachsen, über welches Einkommen Familien verfügen und welche Familien besonders von Armut betroffen sind.

Anschließend wird es mir um den Zusammenhang zwischen Armut und Sozialhilfe gehen. Hier werde ich mich neben Zahlen- und Datenmaterial auch mit Alternativen zum jetzigen diskriminierenden Sozialhilfebezug bzw. Hartz IV Bezug auseinandersetzen.

Der folgende große Abschnitt untersucht die Maßnahmen die im Rahmen der Politik möglich sind um Armut in Familien bekämpfen zu können. Hier kann ich aufgrund der Komplexität dieses Themas nicht auf alle Möglichkeiten und Ideen eingehen; lediglich die wichtigsten werden von mir erläutert. Vor allem die Reformierung des Familienleistungsausgleichs, den Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik und einer familienfreundlichen Unternehmensführung werden von mir beleuchtet.

Der letzte Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit dem Handlungsauftrag der sozialen Arbeit im Kontext von Armut. Hier wird es vor allem um eine grundsätzliche Diskussion gehen, in welcher Weise soziale Arbeit intervenieren kann.

1. Definitionen von Armut

Weder in der politischen noch in der methodischen Diskussion herrscht Einvernehmen über den Begriff Armut.

Hauser formuliert es folgendermaßen: „Auf die Frage, was Armut ist oder wer arm ist, gibt es überhaupt keine objektive, wissenschaftlich beweisbare Antwort. Man kann daher nur die in der sozialwissenschaftlichen Literatur, in der Politik oder in der Gesellschaft vertretenen Auffassungen herausarbeiten; anschließend muss man eine Wertentscheidung treffen, um das Berichtsobjekt abgrenzen und entsprechende Informationen zusammenstellen zu können.“ (Hauser 1997, S.19 f. zit.nach Mingot/Neumann 2003, S.13)

Sozialgeschichtlich betrachtet unterlag der Begriff „Armut“ einem ständigen Wandel. Die Definitionen hängen vom jeweiligen Wohlstandsniveau, von der Produktivkraftentwicklung, den Besitz-, Einkommens- und Vermögensverhältnissen und den Normen, Werten und Traditionen der jeweiligen Gesellschaft ab. (vgl. Butterwegge 2000, S.22)

Ausgangslage meiner weiteren Überlegungen ist die folgende Definition von Armut des Ministerrates der Europäischen Gemeinschaften. Darin wird formuliert, dass Menschen als arm anzusehen sind, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, daß sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben als Minimum annehmbar ist.“ (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 1991,S.4 zit.nach Klundt 2002, S. 27) Damit ist Armut weit mehr als wenig Geldmittel zur Verfügung zu haben. Sie entzieht Menschen ihre materielle Unabhängigkeit und somit die Freiheit ihr Schicksal selbst zu bestimmen, sie ist die extremste Form der sozialen Ungleichheit.

Materielle Armut muss sich an einem bestimmten Abstand zum mittleren Lebensstandard im jeweiligen Land orientieren. Wird als Richtmaß eine physische Existenzsicherung gewählt spricht man von absoluter Armut, geht man von einer sozio-kulturellen Existenzsicherung aus spricht man von relativer Armut. (vgl. Klundt 2002, S. 27)

Absolute Armut gilt in Deutschland als überwunden. Die Armutsforschung konzentriert sich nunmehr auf die Erfassung von relativer Armut. Hierbei wird auf zwei Ansätze zurückgegriffen: den Ressourcenansatz und das Lebenslagenkonzept.

Der Ressorucenansatz geht davon aus, dass alle Bedürfnisse des Menschen über Geld befriedigt werden können. Dies setzt eine funktionierende Marktwirtschaft voraus, in der die Bedarfsgüter ohne Beschränkungen und zu gleichen Preisen erhältlich sind. Ist diese Bedingung erfüllt, wird davon ausgegangen, dass die Menschen pflichtbewusst handeln und somit auch tatsächlich ihr soziokulturelles Existenzminimum sichern. (vgl. Mingot/Neumann 2003, S. 14f.)

Kritisch am Ressourcenansatz ist zum einen die Tatsache, dass die Bedarfsgüter nicht überall zu gleichen Preisen verfügbar sind. Betrachte man einmal die unterschiedlichen Mietpreise für eine Wohnung auf dem Land und in der Stadt oder die unterschiedlichen Preise für ein normales Brot in Ost- bzw. Westdeutschland.

Des Weiteren kann man ebenso nicht davon ausgehen, dass Menschen so verantwortungsbewusst wirtschaften, dass sie ihr soziokulturelles Existenzminimum sichern. Die tatsächliche Verwendung des verfügbaren Einkommens wird bei diesem Ansatz also nicht betrachtet und somit lassen sich keine Schlussfolgerungen über die tatsächliche Versorgungslage ziehen.

Der Lebenslagenansatz nach Otto Neurath, sieht Armut als eine Unterschreitung von Minimalstandards in zahllosen Bereichen der Lebenslage wie z.B. bei der Ernährung, der Kleidung, der Unterkunft, der Gesundheit, der Freizeitgestaltung, der Bildung, der Beteiligung in kulturellen und politischen Bereichen und der Integration in gesellschaftlichen Gruppen sowie der öffentlichen Infrastruktur. (vgl. Mingot/Neumann 2003, S. 16)

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Mingot/Neumann 2003, S. 17

Der Begriff „Lebenslage“ benennt die Lebenssituation eines Menschen in biologischer, psychischer und sozialer Hinsicht. Er beschriebt ganzheitlich, was das Leben eines Menschen ausmacht und welchen Spielraum der Einzelne hat um unter den äußeren Verhältnissen seine Interessen erfüllen zu können. Lebenslage kann man als Lebensgesamtchance verstehen. „Individuelle Interessenentfaltung und –realisierung werden durch die quantitative und qualitative Beschaffenheit und die Ausgestaltung verschiedener Lebenslagebereiche- wie Versorgung, soziale Kontakte, Bildung, Regeneration und Partizipation- abgesteckt.“ (Holz 2006, S.4)

Es stellt sich nun die Frage, wie genau sich messen lässt, ob jemand in Armut lebt oder im Wohlstand. Wissenschaftlich liefert das verfügbare Nettoeinkommen eines Haushaltes ein sicheres Kriterium für das Vorliegen von Armut. Verfügt die Person über weniger als 50% des durchschnittlichen Nettoeinkommens eines Landes wird sie als arm angesehen, dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Kinder weniger Geld benötigen als Erwachsene. Deshalb wird für den Haushaltsvorstand 1,0, weitere Haushaltsmitglieder ab 15 Jahren mit 0,7 und Haushaltsmitglieder unter 15 Jahren mit 0,5 Punkten gewichtet (alte OECD Skala). Das Ergebnis dieser Umrechnung bezeichnet man als Nettoäquivalenzeinkommen.

Spricht man von Armut so geht man also davon aus, dass die betroffene Person über weniger als 50% des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens verfügt. (vgl. Otto 1997, S. 31)

2. Lebenslagen von Familien und Kindern

2.1. Familienformen

Um sich dem Thema, der Armut in Familien mit Kindern, nähern zu können werfe ich anfangs den Blick auf die Familienformen, in denen Kinder unter 18 Jahren in Deutschland aufwachsen.

Nach wie vor verbringt der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen ihr Leben bei verheirateten Elternteilen, insgesamt stellen diese Familien rund 76%. Während in Westdeutschland der Anteil bei rund 82% liegt, beträgt er in Ostdeutschland lediglich

64 %.

Abbildung 2

Die Anzahl der Nichtehelichen Lebensgemeinschaften ist in den letzten Jahren stetig gestiegen und betrug 2003 nunmehr 7,4%. Mit 15,8 % liegt der Anteil dabei in den neuen Bundesländern fast dreimal höher als in den alten.

Im Jahre 2003 machte die Familienform der Alleinerziehenden rund 17 % aus. Während in den alten Bundesländern der Wert bei rund 16% liegt, stieg er in Ostdeutschland auf 22,3 %.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Anteil der Verheirateten Eltern am größten ist. Im Vergleich zwischen den alten und den neuen Bundesländern zeigt sich ein erheblicher Unterschied in Bezug auf die Alleinerziehenden Elternteile.

Zwar ist die traditionelle Familie, ein verheiratetes Ehepaar mit Kindern, noch kein Auslaufmodell, allerdings sind alternative Lebensformen wie Ein – Elternteil Familien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Patchwork – Familien auf dem Vormarsch.

„ Familie als gelebte Wirklichkeit erweist sich immer noch als angestrebte Lebensform, an Bedeutung verloren hat jedoch Familie als institutioneller Rahmen sozialer Sicherung“ (Voges W. in L`Hoest R. 1996, S. 82 zit.nach Butterwegge 2005, S.66)

Das soziale Sicherungssystem ist noch immer vorwiegend auf die Ehe, sprich auf die Normalfamilie ausgerichtet. Hier sei nur auf das Ehegattensplitting im Steuerecht, die Familienversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse oder aber die Hinterbliebenenversorgung in der gesetzlichen Rentenversicherung erinnert, welche jedoch durch Zunahme alternativer Lebensformen an Bedeutung verlieren.

Durch die Umstellung der Lebensformen aber auch durch die hohe Zahl an Trennungen und Scheidungen entfallen der Rückhalt und die soziale Sicherung der traditionellen Familie.

2.2. Einkommen in Familienhaushalten

Ehe ich mich der Einkommenssituationen und damit auch dem Armutsrisiko in Familien widmen möchte, werde ich den Blick auf das Armut und Niedrigeinkommen Gesamtdeutschlands richten. Dies erscheint mir insofern relevant, um sich ein Bild über die zeitliche Veränderung von Armut und Niedrigeinkommen verschaffen zu können.

Abbildung 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Grafik: eigene Darstellung

Datenmaterial: Statistisches Bundesamt 2004, S.630

Wie aus Abbildung 3 ersichtlich hatten 2002 in Deutschland 11,1 % der Menschen weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung. Im Vergleich zu 1997 war dies ein Anstieg von fast 2%. Der Anstieg von 1997 bis 2002 ist zwischen Ost- und Westdeutschland relativ einheitlich, wobei allerdings eine höhere Anzahl von Menschen in Armut im Osten Deutschlands leben.

Der Anteil der Menschen die sich am Rande der Armut bewegen müssen, stieg 1997 bis 2002 um 1,7 % Prozent auf 13,1%. Der Anstieg zwischen Ost und Westdeutschland ist ebenfalls relativ gleichwertig. Allerdings lebten auch in diesem Feld 2002 mehr Menschen in Ostdeutschland am Rande der Armut als im Westen des Landes.

Ebenso verhält es sich im Bereich des Niedriglohnsektors. Waren 1997 34,9% der Menschen in Niedrigeinkommensverhältnissen, so sind es 2002 bereits 36,6% in Gesamtdeutschland. Auch hier lässt sich deutlich erkennen dass der Anteil in Ostdeutschland bei 43,9% signifikant höher liegt als in Westdeutschland mit 35%. Das bedeutet, dass Armut nicht nur die Menschen betrifft, die ohne Erwerbsarbeit sind. Ganz im Gegenteil, der Teil der Menschen die sich in Arbeit befinden, jedoch nicht genügend Einkommen erzielen um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, ist gestiegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Familienarmut in Deutschland
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
31
Katalognummer
V76694
ISBN (eBook)
9783638817530
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familienarmut, Deutschland
Arbeit zitieren
Juliane Riemann (Autor), 2007, Familienarmut in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76694

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