Hannah Arendt: Totalitarismus und die Zerstörung des Politischen


Hausarbeit, 2007
21 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arendts historische Perspektive

3. Im Angesicht der Krise
3.1. Schwindende Urteilsfähigkeit
3.2. Verlust der Zugehörigkeit
3.3. Radikaler Selbstverlust

4. Der Entzug politischen Handelns

5. Die Zerstörung des Politischen

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit, non novit.“-…

Mit den Konzentrationslagern des 3.Reiches und der Sowjetunion, mit den darin akribisch vollzogenen Verwaltungsmassenmorden beider Systeme, ereignete sich etwas, „womit wir alle nicht mehr fertig werden“[1].

Die stringente Vorwegnahme der Gesetze der Natur oder der Geschichte förderte diese „Laboratorien“ und „Höhlen des Vergessens“[2] zu Tage, in denen die Durchführung der Vernichtung zum „Selbstzweck“[3] wurde. Durch die „Versachlichung des Weltbezugs“ konnte es gelingen, dass das „Böse zur Routine, zum Büroalltag werden“[4] konnte - Konsequenz von welterfassenden Ideologien? Die Einbindung des Menschen in den totalitären Prozess ist der Ideologie innewohnendes Ziel. Zur Realisierung dieser Fiktionen bedarf es einer rigorosen Umsetzung der als unabdingbar erachteten Gesetze. „Sie schaffen sich ihre eigene Welt in ihrem eigenem Sinne und lassen sich weder durch Erfahrungen noch durch die Wirklichkeit erschüttern.“[5] Jedoch lassen sich menschliche Individualität und Spontaneität gerade nicht uniformieren und antizipieren. Der Widerspruch liegt in der Bedeutung dieser Eigenschaften bereits selber. Der dadurch existierenden, potentiellen Schuldigkeit eines jeden (im Sinne der Ideologie) wurde mit Terror begegnet. Dieser gebar Angst, aber schlimmer noch, Isolation jedes einzelnen von seiner Umwelt. Diese künstlich geplante und erzeugte Verlassenheit wurde zur Grunderfahrung totalitärer Herrschaft. Der Terror in seiner einheitsstiftenden Funktion brachte alle Individualität und Verschiedenheit zum Erlöschen. Im Sinne des obigen Zitats kann deshalb unterstellt werden, dass der Mensch sich und andere [seiner Art] deshalb nicht mehr als Mensch im humanistischen Sinne begriff. Ein Miteinander, basierend auf der Vorstellung eines Würde und Wert betonenden Menschenbildes, wurde dadurch unmöglich. In der Institutionalisierung totaler Herrschaft ging die Politik der Vernichtung mit der Vernichtung des politischen Raumes einher. Zwei Erfahrungswelten, die auch unmittelbar Auswirkungen auf die Vorstellungswelten des Lebens und der Moderne haben müssen![6]

Eingang finden diese Erfahrungen in Hannah Arendts Analyse des Totalitarismus-Phänomens. Das Anliegen, welches sie mit ihrem 1955 in Deutschland veröffentlichten Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ verfolgte, umschrieb sie kurzum mit dem Versuch des Begreifens.[7] Etwas zu begreifen, was nie hätte geschehen dürfen?![8]

Ihr Anspruch an den Versuch einer Beschreibung ist es ausdrücklich nicht, dem Darstellungsmuster zu folgen, „als habe alles was einmal geschehen ist nur so und nicht anderes [hätte] geschehen können.“[9] Arendt positioniert sich hier gegen den historischen Determinismus, demgemäß es rückblickend eine Vorherbestimmtheit allen Geschehenen gibt. Vielmehr zeigt sie sich bestrebt darzulegen, dass der Nationalsozialismus und Stalinismus, als Ausprägungen totaler Herrschaft, sowohl historisch wie auch politisch-praktisch ein völliges Novum darstellen. Die totale Herrschaft bzw. das „Unvertraute“ bezieht nach Arendt seine kennzeichnende Eigenart eben nicht nur aus ihrer institutionellen Radikalität, sondern auch aus der prinzipiellen Verschiedenheit zu bekannten Formen der Unterdrückung.[10] Dazu lehnte sie sich an Montesquieu an und stellte neben Wesen und Prinzipien der totalitären Staatsform die der zugrunde liegende Erfahrung heraus.[11] Parallelen in bekannten Herrschaftsformen will Arendt, dem Buchtitel entsprechend, im buchstäblichen als Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft verstanden wissen und nicht als deren Ursache.[12] Arendt bemüht sich deshalb den „Aberglaube an Kausalitätszusammenhänge“[13] anhand der Geschehnisse und Erfahrungen Lügen zu strafen.

Ihr Ansporn scheinen die Ereignisse selber zu sein, da wir nach ihren Worten diesen „weder im politischen Handel noch im geschichtlich-politischem Denken Herr werden können.“[14] Der Gegenstand dieser Arbeit soll deshalb die Nachzeichnung der Zerstörung des Politischen auf Grundlage des Totalitarismus-Abschnitts aus Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.“ sein.

2. Arendts historische Perspektive

Perspektivführend bei Arendt ist der durch den Holocaust in deutschen und sowjetischen Konzentrationslagern erfolgte Zivilisationsbruch innerhalb der abendländischen Geschichte.[15] Zivilisation, verstanden als historischer Prozess, symbolisiert die Ausbildung von Umgangs- und Lebensformen in Bezug auf bürgerliche Tugenden und kulturelle Errungenschaften.[16] Konnten Menschen innerhalb dieser Kontinuität Verantwortungen für vorangegangene Taten übernehmen, versagt dieses Instrumentarium angesichts des erfolgten „Verwaltungsmassenmordes“. Der Verweis auf Kants: „Dies hätte nie geschehen dürfen“[17] – entsprechend der Bedeutung, dass zu Kriegszeiten nichts geschehen darf, was in der Folgezeit einen Frieden unmöglich macht – verdeutlicht, in welch gravierender Form die solidarische Bindung unter den Menschen (durch den Holocaust) bedroht (worden) ist. Die Politik der Vernichtung hebelte sozusagen den Kontinuitätszusammenhang unserer Geschichte aus![18] An diesem Faktum konstituiert sich Arendts historische Betrachtung, welche jegliche historische Kausalität verweigert.[19]

Der Methode Heideggers entlehnt, versucht sie über eine „Sammlung von historischen Teilansichten“[20] Licht ins vermeintliche Dunkel zu bringen. Für ihr Werk: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ hat dies zur Folge, dass es methodisch weder als historische noch als theoretische Abhandlung gelten kann, sondern mehr einer „Phänomenologie der totalen Herrschaft“[21] gleichkommt.

Ein wichtiger Punkt, den es hier zu beachten gilt, ist, dass Arendt sich bei der Analyse vorrangig auf den Nationalsozialismus stützt. Einerseits mag dies an der unmittelbaren persönlichen Erfahrung liegen, welche Arendt selber mit dem Nazi-Regime hatte. Andererseits sei auch auf die deutlich bessere Quellenlage verwiesen, obwohl der Betrachtungs- und Bearbeitungszeitraum nur wenige Jahre nach Ende des Hitler-Regimes erfolgte. Während die Quellenlage zum 3.Reich dem Klischee „deutscher Gründlichkeit“ entspricht, also in beträchtlichem Größenumfang vorhanden ist, findet sich auf sowjetischer Seite nur ein vergleichbares Ödland. Einen ebenso bedeutenden Fakt bildet der gar völlig anders geartete Entstehungskontext. Die Etablierung des Nationalsozialismus bzw. der Machtantritt der NSDAP mit ihrem Hauptprotagonisten Adolf Hitler erfolgte unter allen Spielregeln der geltenden demokratischen Verfassung.[22] Dementsprechend müssen es die ökonomischen, sozialen und politischen Missstände gewesen sein, aus denen die nationalsozialistische Bewegung hervorging. Dass sie ihren totalitären Charakter bereits vor der Machtübernahme innehatte, wird bei Blick in Hitlers „Mein Kampf“ und dessen unverhohlenen Ankündigungen seiner beabsichtigten Taten deutlich.[23] Diese Rhetorik fand ihre Wirkung, da das „Prahlen mit Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Amoralität“ Revolutionäres versprach.[24] Zudem legitimierten sich Gewalttätigkeiten durch die Inkaufnahme und Rechtfertigung als Notwendigkeiten quasi von selbst.[25]

[...]


[1] Hannah Arendt in einem Fernsehgespräch mit Günter Gauss von 1964.

[2] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 9. Auflage, München 2006, S.941.

[3] Schulze Wessel, Julia: Ideologie der Sachlichkeit, Frankfurt a. Main 2006, S.226.

[4] Ebda.

[5] Ebda., S.138.

[6] Vgl. Breier, Karl-Heinz: Hannah Arendt. Zur Einführung, Hamburg 2001, S.19ff.

[7] Vgl. Arendt, EuU, S.25ff; „Begreifen bedeutet, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenstellen.“ (Ebda).

[8] Vgl. Ebda., S.947ff.

[9] Ebda., S.25.

[10] Vgl. Arendt: EuU. S.944ff.

[11] Vgl. Ebda., S.954ff.

[12] Vgl. Breier: Arendt, S.20ff.

[13] Schindler, Roland W.: Geglückte Zeit – gestundete Zeit. Hannah Arendts Kritik der Moderne, Frankfurt a. Main \ New York, 1995, S.52.

[14] Arendt: EuU, S.947.

[15] Vgl. Arendt: EuU, S.946ff

[16] Entsprechen dem lateinisch Wortstamm civilis: den Staatsbürger betreffend, bürgerlich.

[17] Arendt: EuU, S.947.

[18] Ebda., S.947.

[19] Vgl. Ebda., S.946ff.

[20] Vowinkel, Anette: Hannah Arendt. Zwischen deutscher Philosophie und jüdischer Politik., Berlin 2004, S.55.

[21] Ebda., S.54.

[22] Vgl. Arendt: EuU, S.658ff.

[23] Vgl. Ebda, S.659ff.

[24] Vgl. Ebda, S.716ff.

[25] Vgl. Ebda, S.660ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendt: Totalitarismus und die Zerstörung des Politischen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V76772
ISBN (eBook)
9783638823319
ISBN (Buch)
9783638824606
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hannah, Arendt, Totalitarismus, Zerstörung, Politischen, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Torsten Hänel (Autor), 2007, Hannah Arendt: Totalitarismus und die Zerstörung des Politischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76772

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