Einfluss kultureller Traumatisierung auf die nationale Identität der Deutschen - am Beispiel des Holocaust


Hausarbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2. Allgemeine Klärung des Traumabegriffs
2.1. Definition des Begriffs „Trauma“
2.1.1. Posttraumatische Belastungsstörung
2.2. Ablauf von traumatischen Ereignissen
2.3. Erinnerung von traumatischen Ereignissen

3. Das Tätertrauma der Deutschen
3.1. Helden, Opfer, Täter
3.2. Latenz und Abspaltung
3.2.1. Koalition des Schweigens – Zwei unterschiedliche Generationen werden miteinander verbunden

4. Das Aussprechen der Schuld

5. Schuldbekenntnisse: Annahme des kollektiven Traumas

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges erlebte mediales Interesse, das sehr großes Ausmaß einnahm. Diese Aufmerksamkeit, die vor allem den Opfern des Holocaust beigemessen wird, macht deutlich, was es bedeutet wenn Teile des kollektiven Gedächtnisses einer Nation oder Gemeinschaft in die Geschichte übergehen.

Der Holocaust, den der Historiker Dan Diner einmal als „die ungeschriebene Verfassung der Bundesrepublik Deutschland“ beschrieben hatte, ist Teil der nationalen Identität der Deutschen geworden. Die Deutschen gelten seitdem als Täternation, die die Verantwortung für die Ermordung von Millionen jüdischer Menschen tragen müssen. Etliche öffentliche Auseinandersetzungen um den Begriff Täternation machen deutlich, dass die furchtbaren Ereignisse während des Holocaust tief in die nationale Identität der Deutschen eingebrannt sind und der Versuch bzw. das Bemühen, von diesem Stigma los zu kommen, eines der stärksten Motive der deutschen Geschichte und Politik bildet.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Entstehung und Entwicklung des Tätertraumas, das bis heute teilweise die Identität der Deutschen prägt. Im Verlauf wird geklärt werden, inwiefern die Deutschen während und nach dem Holocaust daran beteiligt waren, dieses kollektive Trauma zu akzeptieren und zu verarbeiten.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit werden die deutschen Täter stehen und der Versuch, die nationale Identität im Nachkriegsdeutschland als kollektives Trauma zu interpretieren.

Zunächst einmal wird jedoch der Traumabegriff allgemein erörtert. Durch Unfälle, Kriegserfahrungen oder Unglücke jeglicher Art können Traumata entstehen und lassen die betroffenen Menschen jeden Alters mit großen und scheinbar unheilbaren Wunden zurück. Die gesunde Entwicklung wird dadurch empfindlich und mit weit reichenden Folgen gestört. Es wird geklärt was ein Trauma ist, wie es entsteht und welche Folgen für die betroffenen Personen entstehen können.

2. Allgemeine Klärung des Traumabegriffs

2.1. Definition des Begriffs „Trauma“

In der Fachliteratur lassen sich viele Definitionen des Begriffes finden. Der Soziologe Bernhard Giesen definiert ihn, angelehnt an die Psychologie, folgendermaßen:

Der als

„schockiernd erlebte Zusammenbruch einer bewährten Ordnung, der im Gedächtnis präsent bleibt, nicht über die Jahre durch Vergessen verblasst und nicht von anderen Erlebnissen überlagert wird. Damit verweist das Trauma aber stets auch auf den nötigen Neuaufbau einer Ordnung, die in Einsichten aus dem Zusammenbruch eingehen können.“[1]

Freud hingegen spricht im Bezug auf Trauma von einem Ereignis,

„welches dem Seelenleben innerhalb kürzester Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung der Selben in normal gewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen.“[2]

Er bezeichnet die traumatische Erinnerung weiter als einen unauslöschlichen Abdruck und als einen Fremdkörper, der nicht beseitigt werden kann.[3]

Im Gegensatz zu Freuds Ausführungen werden in Definitionen neueren Datums die Situationen in ihrer Dramatik deutlicher und expliziter beschrieben. Im Soziologie-Lexikon von Reinhold wird ein Trauma folgendermaßen erklärt:

„[Ein Trauma] bezeichnet ein tatsächliches oder nur vorgestelltes Erlebnis, das infolge ungenügender Verarbeitung zu einer sich seelisch oder körperlich auswirkenden Verletzung führt. Auch im Erwachsenenalter erlebte Extremsituationen (Flucht, Lagerhaft, Unfall) können zu traumatischen Erfahrungen werden.“[4]

Nach den Definitionen zeitgenössischer Literatur ist ein traumatisches Erlebnis ein direktes persönliches Erleben oder Beobachten in einer Situation, das grundsätzlich mit dem Tod, einer schweren Verletzung oder einer anderen Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit zu tun hat. Hierbei kann es sich um die eigene oder eine andere Person handeln. In der traumatischen Situation sind Flucht oder Verteidigung nicht möglich und führen daher nicht zu einem Nachlassen der Bedrohung.

Grundsätzlich geht die traumatische Situation mit intensiver Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen einher und bewirkt eine meist dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses und kann dadurch zu psychischen Erkrankungen führen.[5]

2.1.1. Posttraumatische Belastungsstörung

Eine mögliche Folge eines traumatischen Ereignisses wird unter dem Begriff posttraumatische Belastungsstörung bzw. post-traumatic stress disorder (PTSD) geführt. Hierunter fallen Symptome, die bisher Kriegsneurose, Kampfstress oder traumatische Neurose genannt wurden und die sowohl Reaktionen auf von Menschen verursachte als auch naturbedingte Katastrophen beinhalten.

Obwohl versucht wird, die Symptome der PTSD zu erkennen und zu definieren, ist es bis heute nicht möglich, das Phänomen des Traumas genau zu deuten, da es uns an die Grenzen unseres Verstehens bringt. Die genaue Definition der PTSD ist zwar umstritten, dennoch wird sie zumeist als eine manchmal erst später erfolgende Reaktion auf ein überwältigendes Ereignis beschrieben, die zumeist in Form von wiederkehrenden Halluzinationen, Träumen, Gedanken oder Verhaltensweisen auftritt. Häufig werden Reaktionen von einer während oder auch nach dem Erlebnis einsetzenden Benommenheit begleitet, außerdem kann es sein, dass es zu gesteigerter Erregbarkeit oder Vermeidung von Reizen kommt, die an das eigentliche traumatische Ereignis erinnern. Allerdings lässt sich das Krankheitsbild nicht über das Ereignis selbst bestimmen, sondern lediglich in der Struktur ihrer Erfahrung oder Wahrnehmung. Der Grund dafür ist, dass das Ereignis zum Zeitpunkt des Geschehens nicht vollkommen ins Bewusstsein eingelassen wird, da es unter Umständen nicht in seiner Ganzheit erfahren wird. Stattdessen wird das Erfahrene erst später wirklich erfahren, da die betroffene Person dann aufs Neue von ihm in Besitz genommen wird. Daher spricht man im Zusammenhang von Traumatisierung auch davon, dass der Betroffene von einem Bild oder Geschehen besessen zu sein scheint.[6]

2.2. Ablauf von traumatischen Ereignissen

Das Trauma ist als zusammenhängender Ablauf von einem Ereignis zu seiner Verdrängung bis hin zu seiner Wiederkehr zu verstehen. Freud erachtet als besonders bemerkenswert, dass die betroffene Person während der Situation nicht vollständig bei Bewusstsein war. Somit beinhaltet das Erlebnis des Traumas nicht das Vergessen einer Realität, sondern eine dem Erlebnis seit Beginn innewohnende Verzögerung. Da das traumatische Ereignis nicht während seines Geschehens erfahren werden konnte, wird es erst an einem Ort und zu einem Zeitpunkt völlig erkennbar, der nicht dem Ort bzw. dem Zeitpunkt des ursprünglichen Geschehens entspricht. Auf diese Weise wird ersichtlich, dass das Ereignis aufgrund dieser inhaltlich leeren und unbewussten Verzögerung absolut exakt bewahrt wird und nicht, wie häufig angenommen, aus dem psychischen Vorgang der Verdrängung konstituiert wird.

Freud ist der Ansicht, dass

„ein Trauma keine in sich geschlossene Erfahrung eines Geschehnisses darstellt, sondern dass ein Geschehnis überhaupt erst traumatische Nachwirkungen hervorruft und die Gewalt eines Traumas annimmt, wenn es mit zeitlicher Verzögerung erfahren wird.“[7]

2.3. Erinnerung von traumatischen Ereignissen

Bereits Freud betonte die überraschende Genauigkeit traumatischer Träume und so genannter Flashbacks.[8] Das Überraschende hierbei ist, dass sie allen Heilversuchen widerstehen und mit absoluter Präzision im Gedächtnis erhalten bleiben. Dieses ständige Wiederauftreten, ob im Verstehen oder Sehen eines Geschehens, bildet den rätselhaften Kern eines Traumas. Denn es handelt sich um die Wahrheit und nicht um die Verschiebung oder Verfälschung einer Bedeutung.

In Bezug auf die Erinnerung von traumatischen Ereignissen erscheint es absolut rätselhaft, dass der Betroffene selbst über diese Szene nicht in Form von Wissen verfügen kann, sondern vielmehr willkürlich in Besitz genommen wird. Diese überwältigende Genauigkeit führt teilweise zu einer tiefen Verunsicherung hinsichtlich der Wahrhaftigkeit.

[...]


[1] Giesen, Bernhard (Hrsg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit (Frankfurt/Main: ders., 1991).

[2] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke XI (Frankfurt/Main: S. Fischer, 1973), Seite 284.

[3] Alexander, Jeffrey C. et al.: Cultural trauma and collective identity (Berkeley: University of California Press, 2004), Seite 41.

[4] Reinhold, Gerd (Hrsg.): Soziologie-Lexikon (München: Oldenbourg, 2000), Seite 682.

[5] Fischer, G./ Riedesser, P.: Lehrbuch der Psychotraumatologie. In: Gschwend, G.: Trauma-Psychotherapie (Bern: Verlag Hans Huber, 2004), Seite 11.

[6] Baer, Ulrich (Hrsg.): Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000), Seite 84ff.

[7] Baer, Zeugen, Seite 90.

[8] Wiederkehrende, sich aufdrängende, ungewollte Erinnerungen

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Einfluss kultureller Traumatisierung auf die nationale Identität der Deutschen - am Beispiel des Holocaust
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V76895
ISBN (eBook)
9783638825030
ISBN (Buch)
9783638831703
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Traumatisierung, Identität, Deutschen, Beispiel, Holocaust
Arbeit zitieren
Saskia Eichstädt (Autor), 2007, Einfluss kultureller Traumatisierung auf die nationale Identität der Deutschen - am Beispiel des Holocaust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76895

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