Institutionen bestimmen auch heute noch in großen Bereichen das öffentliche Leben. Nach Gehlen handelt es sich bei diesen um ein ,,Gefüge sozialer Normen, an denen wir uns in unseren Handlungen zu orientieren haben’’. Unter diesen Begriff fallen daher alle sozialen Gruppen, Freundschaften, Arbeitsgemeinschaften und die Familie. Institutionen sind aber auch der Staat und das Rechtssystem, die große Auswirkungen auf das Dasein des Einzelnen haben können. Vor allem das Rechtssystem liefert wichtige Grundlagen zum mensch-lichen Zusammenleben. So sind erlaubte Handlungen in Gesetzen festgeschrieben. Werden diese von jemandem überschritten, erfolgt eine Verhaftung, ein Gerichtsverfahren, ein Urteil und zuletzt die Verwahrung des Schuldigen. Dabei wird auf allen Stufen durch zum Beispiel vorzulegende Be-weise beim Gerichtsverfahren oder durch das Recht, einen Rechtsvertreter benennen zu dürfen, darauf geachtet, dass dem Gefangenen kein Unrecht widerfährt und Gerechtigkeit hergestellt wird. Ein solches Rechtssystem wird in Kafkas Institutionenroman ,Der Proceß’ vorgestellt. Ob dieses allerdings ebenso, wie oben dargestellt, ,gerecht’ urteilt, ist die Fragestellung dieser Hausarbeit. Es soll geklärt werden, ob es sich bei dem Machtapparat in Kafkas Roman um eine totalitäre Institution handelt, die willkürlich verhaftet, verhört und urteilt. Eine solche besteht, wenn sie für sich einen idealen Machtapparat darstellt.
Um der Frage der Hausarbeit auf den Grund gehen zu können, muss zunächst diskutiert werden, ob es sich bei Kafkas Roman überhaupt um einen Institutionenroman handelt. Dafür ist es vonnöten zu Wissen, was Institutionen sind und wie sie entstehen. Dabei wird auf den Institutionsbegriff von Gehlen zurückgegriffen. Infolgedessen wird der Machtapparat im Roman auf seine Idealität hin untersucht. Damit einhergehend wird analysiert, ob es sich um eine totalitäre Institution handelt.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
2.0 Der Institutionsbegriff nach Gehlen
3.0 Kafkas Roman als Institutionsroman
4.0 Der ideale Machtapparat
4.1 Charakter des Machtapparates
4.1.1 Das Gesetz
4.1.2 Anschein der Undurchdringlichkeit
4.1.3 Der Umgang mit dem Individuum
4.2 Organisation des Machtapparates
4.2.1 Die Verhaftung
4.2.2 Die Wächter
4.2.3 Verhöre
4.2.4 Beamte und Agenten
4.2.5 Der Untersuchungsrichter und höhere Instanzen
4.2.6 Advokat
4.2.7 Helfer
5.0 Die Schuldfrage
6.0 Der ideale Machtapparat: Eine totalitäre Institution
7.0 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob es sich bei dem Machtapparat in Franz Kafkas Roman "Der Proceß" um eine totalitäre Institution handelt, und analysiert hierfür die Romanstrukturen auf Basis des Institutionenbegriffs von Arnold Gehlen.
- Grundlagen der Institutionentheorie nach Arnold Gehlen
- Klassifizierung von Kafkas Werk als Institutionsroman
- Analyse des idealen Machtapparates und seiner Charakteristika
- Untersuchung der Organisationsstrukturen und des Umgangs mit dem Individuum
- Diskussion der Schuldfrage des Protagonisten K.
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Anschein der Undurchdringlichkeit
Die Institution im Roman versucht einen Anschein der Undurchdringlichkeit zu erwecken. Dies geschieht aus den bereits genannten Gründen: die angepeilte Vormachtstellung und die Anpassung des Publikums an die Strukturen des Machtapparates. Weiterhin soll das Individuum verunsichert werden, um ein Interesse an der Institution zu wecken und die übergeordnete Machtstellung zu verteidigen. Die Undurchdringlichkeit zeigt sich darin, dass der Machtapparat nicht durchschaubar ist. So weiß das Individuum nicht, ,,wie es in ihm zugeht, wie dort Entscheidungen getroffen werden, wer für was zuständig ist’’. Dies wird vor allem in dem Abschnitt ,Verhaftung’ deutlich, als K. von derselbigen erfährt. Er wünscht zu erfahren, von wem die Gefangennahme erfolgt: ,,Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an?’’ Darauf erhält er jedoch keine geeignete Antwort. Ein weiteres Indiz für die Undurchdringlichkeit des Machtapparates wird durch die Aussage der Wärter kenntlich gemacht, dass sie niedrige Angestellte [sind], die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit [der Sache von K.] nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich Wache halten und dafür bezahlt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Einführung in die Thematik der Institutionen nach Gehlen und Formulierung der Forschungsfrage zur Totalität des Machtapparates in Kafkas Roman.
2.0 Der Institutionsbegriff nach Gehlen: Darstellung der anthropologischen Grundlagen und der Entstehung von Institutionen zur Erzeugung von Verhaltenssicherheit.
3.0 Kafkas Roman als Institutionsroman: Einordnung des Werkes als Institutionsroman durch die Analyse von Rechtssystemen und dem Diskurs der Institution über das Individuum.
4.0 Der ideale Machtapparat: Untersuchung des Machtapparates hinsichtlich seiner Intentionen, seiner Undurchdringlichkeit und des Umgangs mit den Beteiligten.
5.0 Die Schuldfrage: Analyse der diffusen Schuldverhältnisse von K. und deren Unmöglichkeit einer abschließenden Klärung im Roman.
6.0 Der ideale Machtapparat: Eine totalitäre Institution: Synthese der vorangegangenen Analysen zur Bestätigung des totalitären Charakters der Institution.
7.0 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung des Romans als Darstellung einer totalitären Institution und historischer Bezug zur Bürokratisierung.
Schlüsselwörter
Kafkas Der Proceß, Institutionen, Arnold Gehlen, Machtapparat, totalitäre Institution, Schuldfrage, Rechtssystem, Bürokratisierung, Individuum, Verhaftung, Undurchdringlichkeit, Herrschaftsstruktur, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Kafkas Roman "Der Proceß" unter dem Fokus, ob der darin dargestellte bürokratische Apparat als eine totalitäre Institution im Sinne Arnold Gehlens zu verstehen ist.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Institutionentheorie, die soziologische Betrachtung von Rechtssystemen in der Literatur sowie die Machtstrukturen innerhalb eines undurchsichtigen Verwaltungsapparates.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Hauptfrage lautet, ob der Machtapparat in Kafkas "Der Proceß" eine totalitäre Institution darstellt, die willkürlich über das Individuum verhaftet, verhört und urteilt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Theorie des Institutsbegriffs nach Arnold Gehlen auf den Roman anwendet und durch Zitate sowie Sekundärliteratur belegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Charakters und der Organisation des Machtapparates, inklusive der Analyse von Instanzen wie Richtern, Wärtern, Advokaten und weiteren Helfern.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem Titel des Werkes sind Begriffe wie Machtapparat, Totalitarismus, Institution, Bürokratisierung und die Unfreiheit des Individuums maßgebend.
Welche Rolle spielt die Figur des "Advokaten" im Machtgefüge?
Der Advokat fungiert als Schnittstelle zum Gericht, dessen Verteidigungsarbeit jedoch nur geduldet ist, wodurch er Teil der undurchdringlichen Symbiose zwischen Gericht und Angeklagtem wird.
Wie deutet die Arbeit die "Prüglerszene" im Roman?
Die Szene wird als Beispiel für die unerschütterliche Pflichterfüllung der Beamten gewertet und teilweise als prophetisches Bild für zukünftige totalitäre Systeme diskutiert.
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- Maria-Carina Holz (Author), 2007, Kafkas Institutionenroman ,Der Proceß’ - ein idealer Machtapparat: Eine totalitäre Institution, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76897