Das literarische Schaffen Erwin Guido Kolbenheyers fällt in das „Zeitalter des historischen Romans“ und steht im Spannungsfeld zwischen den Traditionslinien völkischer Heimatkunst, national-konservativen Schrifttums und nationalsozialistischer Ideologie. Die Paracelsus-Trilogie, sein Hauptwerk, das zwischen 1917 und 1925 erschien, dient der vorliegenden Arbeit als Gegenstand zur Prüfung auf genuin nationalsozialistische Merkmale. Dazu werden im ersten Teil der Arbeit die Traditionslinien, die sich aus Strömungen konservativ-preußischer Literatur und völkischer Heimatkunst speisen, referiert und spezifische Wesenzüge herausgefiltert werden, die dann als Instrumentarium zur Klassifizierung dienen sollen. Wichtig sind hierbei die von den historischen Prozessen der Zeit beeinflussten Weltanschauungen und Protesthaltungen, um die Entstehung und Entwicklung des Nationalsozialismus und seiner signifikanten Elemente in der Literatur erkennen und darlegen zu können. So wird herausgearbeitet werden, welche Merkmale aus völkisch-nationaler Tradition übernommen und integriert wurden, welche nicht und welche neuen, eigenen Merkmale sich entwickelten und wie nun genuin nationalsozialistische Literatur funktioniert. Dieses Merkmalsraster wird im zweiten Teil auf die historische Romantrilogie ‚Paracelsus’ gelegt und überprüft, ob und zu welchem Teil sich im ‚Paracelsus’ schon ca. zwei Jahrzehnte vor der Machtergreifung nationalsozialistische Ideologeme konstituierten und somit der Nationalsozialismus ideologisch vorbereitet wurde. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses wird der als eigenständiges System angesehene Text stehen. Der Fokus der Analyse liegt – aus den im einleitenden Zitat ersichtlichen Gründen – auf ideologischen und literaturpolitischen Gesichtspunkten, trotzdem soll aber versucht werden, formal-ästhetische Charakteristika rudimentär zu berücksichtigen. In einer abschließenden Synthese werden Übereinstimmungen und Unterschiede abgewogen und es wird eine wertende Aussage gewagt. Urteile der NS-Literaturwissenschaft und Standpunkte der modernen Forschung werden dabei ergänzend mit einbezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Traditionslinien nationalsozialistischer Literatur
2.1. Merkmale völkischer Geschichts- und Heimatromane
2.2. Merkmale national-konservativer Geschichtsromane
3. Nationalsozialistische Literatur
3.1. Merkmale genuin nationalsozialistischer historischer Romane
4. Kolbenheyers Paracelsustrilogie (1917 – 1925)
4.1. Prüfung anhand des erarbeiteten Merkmalsrasters
(1) Der Umgang mit dem Individualismus
(2) Der Volksbegriff
(3) Der Umgang mit dem Katholizismus
(4) Der Umgang mit dem Irrationalismus
(5) Der Umgang mit dem Rassismus
(6) Der Umgang mit dem Heroismus
(7) Der Umgang mit dem Führertum
(8) Das Geschichtsbild
(9) Die Funktion
(f) Die formalen Merkmale
4.2. Synthese und Wertung
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Erwin Guido Kolbenheyers Paracelsus-Trilogie (1917–1925) bereits nationalsozialistische Ideologeme enthält und als Vorläufer bzw. Exemplar nationalsozialistischer Literatur eingestuft werden kann, indem sie das Werk gegen ein erarbeitetes Merkmalsraster prüft.
- Traditionslinien völkischer und national-konservativer Literatur
- Definition und Merkmale genuin nationalsozialistischer historischer Romane
- Analyse der Paracelsus-Trilogie anhand inhaltlicher und formaler Kriterien
- Die Rolle von Individualismus, Rassismus und Führerkult in der Literatur
- Die Instrumentalisierung historischer Stoffe zur Vermittlung politischer Ideologien
Auszug aus dem Buch
(3) Der Umgang mit dem Katholizismus
Kolbenheyers Lebensgeschichte des Paracelsus ist laut Hey’l als Deutung der Epochenschwelle vom Mittelalter zur Neuzeit „im Sinne einer Antithetik zwischen deutschen und mediterranen Tendenzen“ zu sehen, die am plakativsten in der „Unversöhnlichkeit von Deutsch und Christlich [römisch-katholisch]“ erscheint107. Demgemäß negativ tritt die katholische Kirche auf: Nachdem sie in den Prologen als diejenige Macht auftritt die Christus „mit Gold und Juwelen überhäuft“ und „ins gläserne Latein gesargt“ hat, zeigt sie sich in der Handlung an zahlreichen Punkten so deutlich als materialistische Knechterin des deutschen Volkes108, dass Theophrast sie in seinen kindlichen Alpträumen nur noch als zerstörendes Ungeheuer sehen kann.
„Der Kirchenkörper wächst höher als die Myten, wächst und schwillt. […] Das Ungeheuer quillt schneller, […] zermalmt die Wagen im Räderwirbeln. Kein Laut, kein Licht. Theophrast fühlt nur, wie der Schatten wächst und schwillt“. (98)
Der Hauptvorwurf lautet: Der römisch-katholische Zwang der „tausendjährigen Hörigkeit“ (630) lähmt die deutsche Natur und verhindert deren Sehnsuchtserfüllung109. Die Reformation erscheint passend dazu als „das ergreifende Bekenntnis zur Eigenart, zum deutscheigenen Wesen“ (560). Das Werk ist durchdrungen von unzähligen Anspielungen dieses Tenors110, die die Diagnose eines völkisch-germanischen Antikatholizismus mehr als vertretbar machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung definiert den Begriff der nationalsozialistischen Literatur und verortet das literarische Schaffen von Erwin Guido Kolbenheyer im Kontext der Weimarer Republik.
2. Traditionslinien nationalsozialistischer Literatur: Hier werden die völkischen und national-konservativen Wurzeln sowie deren ideologische Grundelemente analysiert, die den Nährboden für die nationalsozialistische Literatur bildeten.
3. Nationalsozialistische Literatur: Das Kapitel erarbeitet ein Kriterienmodell für genuin nationalsozialistische historische Romane, die aus der Verbindung völkischer und konservativer Traditionen entstehen.
4. Kolbenheyers Paracelsustrilogie (1917 – 1925): Dieser Hauptteil prüft den Text anhand des zuvor entwickelten Merkmalsrasters und führt eine abschließende Synthese zur Einordnung des Werkes durch.
5. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass Kolbenheyers Werk ein wichtiges Übergangsglied zur nationalsozialistischen Ideologie darstellt und ihn als Wegbereiter für spätere Autoren legitimiert.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, historische Romane, Erwin Guido Kolbenheyer, Paracelsus-Trilogie, völkische Literatur, nationale Identität, Blut-und-Boden-Ideologie, Antisemitismus, Führerkult, germanische Mythen, Literaturgeschichte, Weimarer Republik, Ideologeme, Heroismus, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Erwin Guido Kolbenheyers Paracelsus-Trilogie bereits wesentliche Merkmale nationalsozialistischer Ideologie enthält und wie das Werk literaturhistorisch einzuordnen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Untersuchung völkischer und national-konservativer Traditionslinien in der Literatur, die Analyse von Geschichtsbildern und die Prüfung auf spezifische nationalsozialistische Motive wie Blut-und-Boden-Ideologie oder Führerkult.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Überprüfung der Paracelsus-Trilogie anhand eines erarbeiteten Merkmalsrasters, um festzustellen, ob sie als genuin nationalsozialistische Literatur klassifiziert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive Analyse, bei der zunächst aus der Forschungsliteratur ein Merkmalsraster für nationalsozialistische Literatur abgeleitet und dieses anschließend auf den Primärtext angewendet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prüfung der Paracelsus-Trilogie anhand spezifischer Kategorien wie Individualismus, Volksbegriff, Antikatholizismus, Rassismus, Heroismus, Führertum, Geschichtsbild und formale Merkmale.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Paracelsus, nationalsozialistische Ideologie, völkischer Flügel, historische Romane, Traditionsbildung und ideologische Wegbereitung.
In welchem Verhältnis steht Kolbenheyer zum Nationalsozialismus laut dieser Arbeit?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Kolbenheyer zwar nicht als genuin nationalsozialistischer Autor im Sinne der parteigelenkten Literatur ab 1933 gilt, sein Werk jedoch als Übergangsglied fungierte und als Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie diente.
Warum ist die Analyse der Prologe in der Paracelsus-Trilogie so wichtig?
Die Prologe sind laut der Arbeit entscheidend, da sie die Kernproblematik des Werkes allegorisieren und den Versuch unternehmen, die Sehnsucht der „deutschen Volksseele“ in den historischen Kontext der Reformation zu transponieren.
Welche Rolle spielt der Antisemitismus in Kolbenheyers Werk laut der Analyse?
Die Arbeit identifiziert antisemitische Anspielungen im Werk als Innovation, die in zeitgenössischer völkischer Literatur sonst selten war und somit eine direkte Vorarbeit für den späteren nationalsozialistischen Antisemitismus leistete.
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- Thomas Oliver Schindler (Author), 2006, Erwin Guido Kolbenheyer: Paracelsustrilogie (1917 – 1925) – Ein Exemplar nationalsozialistischer Literatur?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76995