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Sprachnormen - ihre Geschichte, Funktion und Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht

Title: Sprachnormen - ihre Geschichte, Funktion und Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht

Seminar Paper , 2001 , 22 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Martin Feyen (Author)

Speech Science / Linguistics
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Britta Altenkamp-Nowicki will in den Landtag. Doch in ihrem Wahlkreis im Essener Westen weht ihr ein rauer Wind entgegen. Auf einer Versammlung ihres SPD-Ortsvereins geht eine schon etwas betagtere Genossin die ungeliebte Kandidatin scharf an. „Und dann deine Aussprache: immer ,dat’ und ,wat’! Hast du das denn an der Schule nicht gelernt? So kannst du uns doch in Düsseldorf nicht vertreten!“
Die vorangehende Anekdote steht am Beginn dieser Arbeit, da in ihr eine Vermutung über den Zusammenhang zwischen einer bestimmten sprachlichen Varietät und der zu erwartenden Akzeptanz des transportierten Inhalts geäußert wird. Einfacher ausgedrückt: „Wer ,dat’ und ,wat’ sagt wird im Landtag nicht ernstgenommen.“ Mit der Schule wird zugleich auch die Institution benannt, der vermeintlich die Aufgabe zufällt, sprachliche Varietäten mit einer erwartungsgemäß niedrigeren Akzeptanz auszumerzen. Hinter dem Einwurf verbirgt sich also eine linguistische Hypothese mit weitreichenden Konsequenzen für die Sprachdidaktik:
1.) Die Benutzung bestimmter sprachlicher Varietäten verschafft ihren Sprechern in bestimmten kommunikativen Zusammenhängen eine höhere Akzeptanz, die Benutzung anderer Varietäten dagegen ist geeignet diese Akzeptanz von vorn herein zu untergraben.
2.) Da es die Aufgabe der Schule ist, die Schüler mit möglichst gleichen Chancen ins Berufsleben zu entlassen, muss sie diese dazu anhalten, sprachliche Charakteristika mit einer erwartungsgemäß niedrigen Akzeptanz abzulegen und sich statt dessen anderer sprachlicher Varietäten mit erwartungsgemäß höherer Akzeptanz zu bedienen.
Die Untersuchung dieser zweigliedrigen Hypothese ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Dazu wird in einem ersten Schritt ein Blick auf die Geschichte sprachlicher Normen und ihrer Durchsetzung geworfen. In einem zweiten Schritt wird dieser Prozess dann am Beispiel des Französischen, das im Laufe der letzten 500 Jahre sehr weitgehenden und ausdauernden Versuchen einer Normierung ausgesetzt war, näher beleuchtet. Das Schicksal des Jiddischen und seiner Sprecher im 19. Jahrhundert wirft ein Licht auf den Zusammenhang zwischen Sprachnorm und sozialer Diskriminierung. Im dritten und letzten Schritt werden dann die Konsequenzen aus dem Vorangegangenen für den Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen erörtert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I.) Einleitung

II.) Sprache und Sprachnormen

II.1) Was ist Sprache?

II.2) Welche Sprache ist die richtige?

III.) Sprachnormen bei der Arbeit

III.I) Vom Flittchen zur «grande dame»: die französische Sprache

III.2) Die Juden im deutschen Sprachraum: assimiliert, nicht akzeptiert

IV.) Sprachnormen und Sprachdidaktik

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Verwendung bestimmter sprachlicher Varietäten und der sozialen Akzeptanz ihrer Sprecher. Ziel ist es, zu analysieren, wie Sprachnormen historisch entstanden sind, wie sie zur Diskriminierung eingesetzt wurden und welche Konsequenzen sich daraus für die Vermittlung von Fremdsprachen an Schulen ergeben.

  • Historische Genese und Durchsetzung sprachlicher Normen am Beispiel des Französischen.
  • Soziale Diskriminierung durch Sprache anhand des historischen Falls des Jiddischen im deutschen Sprachraum.
  • Die Rolle der Schule bei der Normierung von Sprache und der Vermittlung von Akzeptanz.
  • Überlegungen zur modernen Fremdsprachendidaktik in einer zunehmend mehrsprachigen Gesellschaft.

Auszug aus dem Buch

III.1) Vom Flittchen zur «grande dame»: die französische Sprache

«Le temps semble être venu de dire le monde français, comme autrefois le monde romain; et la philosophie, lasse de voir les hommes toujours divisés par les intérêts divers de la politique, se réjouit maintenant de les voir, d’un bout de la terre à l’autre, se former en république sous la domination d’une même langue.»

Im Jahr 1784, als Antoine de Rivarol dieses zweifellos etwas voreilige Urteil fällte, befand sich die französische Sprache in Europa auf dem Höhepunkt ihres Ansehens. In ihren jungen Jahren war freilich kaum abzusehen gewesen, dass sie einmal ein solches Renommé erreichen würde: liegen ihre Ursprünge doch in dem gesprochenen Latein („Vulgärlatein“) der späten Kaiserzeit, das von der ,klassischen’ Schriftsprache eines Cicero erheblich abwich und von Grammatikern daher als fehlerhaft und minderwertig gegeißelt wurde. Spätestens im 8. Jahrhundert war die Bevölkerung der ehemaligen römischen Provinz Gallien jedoch nicht mehr in der Lage, das Latein ihrer Kleriker zu verstehen, weshalb das Konzil von Tours die Priester im Jahr 813 aufforderte, ihre Predigten künftig in der Sprache des Volkes zu halten. Das älteste schriftliche Zeugnis dieser „rustica romana lingua“ sind die Straßburger Eide von 842.

Aus dem frühen Mittelalter sind zahlreiche religiöse und literarische Texte bekannt, die in einem der volkssprachlichen Idiome des späteren französischen Sprachraums abgefasst sind. Mit dem ständigen Machtzuwachs des Königtums seit Beginn des 12. Jahrhunderts gewinnt jedoch der Dialekt der Île-de-France (der Krondomäne) zunehmend an Einfluss, bis er im 16. Jahrhundert schließlich zur Amtssprache des Königreichs erhoben wird. In einem Dekret Ludwigs XII. aus dem Jahr 1510 muss zunächst das Lateinische der (nicht näher bestimmten) «langue vulgaire» weichen; 29 Jahre später präzisiert dann ein Dekret Franz’ I. «que tous arrêts, contrats, sentences, testaments et autres quelconques actes et exploits de justice soient en langage naturel français et non autrement» [Hervorhebung M.F.].

Zusammenfassung der Kapitel

I.) Einleitung: Anhand einer Anekdote aus dem lokalen politischen Kontext wird die Hypothese aufgestellt, dass die Verwendung bestimmter sprachlicher Varietäten maßgeblich über die soziale Akzeptanz und Ernsthaftigkeit von Sprechern in spezifischen Kommunikationssituationen entscheidet.

II.) Sprache und Sprachnormen: Es wird erörtert, dass Sprache linguistisch schwer zu definieren ist und Normen oft eher sozialen Konstrukten als natürlichen Gegebenheiten folgen, was zur Entwicklung von „richtig“ und „falsch“ in der Sprachbewertung führt.

III.) Sprachnormen bei der Arbeit: Anhand der historischen Entwicklung des Französischen zur normierten Amtssprache sowie der Diskriminierung des Jiddischen im deutschen Sprachraum wird illustriert, wie Sprachnormen zur sozialen Ausgrenzung oder Identitätsstiftung genutzt werden.

IV.) Sprachnormen und Sprachdidaktik: Basierend auf den vorangegangenen Analysen wird diskutiert, dass der Fremdsprachenunterricht trotz notwendiger Normorientierung die linguistische Realität anerkennen und auf die mehrsprachige Realität der Schülerschaft reagieren muss.

Schlüsselwörter

Sprachnormen, Bilingualismusforschung, Fremdsprachenunterricht, Soziale Akzeptanz, Varietätenlinguistik, Sprachdidaktik, Französische Sprache, Jiddisch, Sprachdiskriminierung, Standardsprache, Kommunikationsfähigkeit, Sprachhistorie, Mehrsprachigkeit, Identität, Soziolekt.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit?

Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Verwendung spezifischer sprachlicher Varietäten und der sozialen Akzeptanz von Sprechern.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Die zentralen Felder sind die historische Entstehung von Sprachnormen, die soziale Stigmatisierung durch Sprache sowie die Implikationen dieser Erkenntnisse für die schulische Fremdsprachendidaktik.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die zentrale Frage ist, inwiefern die Nutzung bestimmter Sprachvarietäten die Akzeptanz eines Sprechers beeinflusst und wie die Schule mit diesem Spannungsfeld zwischen Normanspruch und sprachlicher Realität umgehen sollte.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die linguistische und historische Quellen auswertet, um eine soziolinguistische Hypothese zu überprüfen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Standardisierung der französischen Sprache sowie die historische Stigmatisierung des Jiddischen als Beispiele für machtpolitische und soziale Sprachnormierung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Sprachnormen, soziale Akzeptanz, Fremdsprachendidaktik, Varietäten und Sprachdiskriminierung.

Warum wird das Beispiel des Französischen herangezogen?

Das Französische dient als prominentes Beispiel für einen über Jahrhunderte durch Institutionen wie die Académie française forcierten Normierungsprozess, der die Schriftsprache stark von der gesprochenen Realität entfremdet hat.

Inwiefern spielt der Fall des Jiddischen eine Rolle?

Der Fall des Jiddischen verdeutlicht, wie durch eine bewusste Stigmatisierung der Sprache eine soziale Gruppe diskriminiert und isoliert werden kann, selbst wenn eine Assimilation an die Mehrheitssprache bereits stattgefunden hat.

Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für den Unterricht?

Der Autor fordert eine Abkehr von starren, rein normativen Ansätzen und eine stärkere Berücksichtigung der mehrsprachigen Realität der Schüler bei gleichzeitiger Beibehaltung der Standardsprache als notwendige Richtschnur.

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Details

Title
Sprachnormen - ihre Geschichte, Funktion und Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht
College
Ruhr-University of Bochum
Grade
1,0
Author
Martin Feyen (Author)
Publication Year
2001
Pages
22
Catalog Number
V77039
ISBN (eBook)
9783638740470
ISBN (Book)
9783638740616
Language
German
Tags
Sprachnormen Geschichte Funktion Bedeutung Fremdsprachenunterricht Französisch Jiddisch Dialekt
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Martin Feyen (Author), 2001, Sprachnormen - ihre Geschichte, Funktion und Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77039
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