Sexualität im Alter. Besonderheiten und Einflussfaktoren im Kontext sich verändernder Lebensumstände

Eine Studie zum Umgang und Erfahrungen von Altenpfleger/innen und Krankenpfleger/innen in ihrer Arbeit zum Thema Sexualität im Alter (anhand einer Untersuchung im Raum Bernburg)


Diplomarbeit, 2007
90 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sexualität
1.1 Begriffsbestimmung: Sexualität
1.2 Sexualverhalten und Botschaften

2. Sexualität und das höhere Lebensalter
2.1 Was heißt Altern oder höheres Lebensalter
2.2 Das Tabuthema Sexualität im Alter
2.3 Partnerschaft und Sexualität

3. Soziale und gesellschaftliche Einflussfaktoren
3.1 Gesellschaftliche Werte und Normen
3.2 Religiöse und moralische Einschränkungen
3.3 Das Älterwerden und seine Auswirkungen auf die Sexualität
3.4 Unterschiedliche Bewertung weiblichen und männlichen Alterns

4. Allgemeine körperliche Veränderungen im Alter
4.1 Sexuelle Reaktionen von älteren Frauen und Männern
4.2 Krankheiten und Sexualität
4.3 Funktionelle Störungen
4.4 Demenz und Sexualität

5. Einflussfaktoren und Besonderheiten auf Sexualität im Alter
5.1 Einflussfaktoren im Kontext der Wohnsituation
5.2 Besonderheiten und Einflussfaktoren bei Alleinlebenden
5.3 Besonderheiten und Einflussfaktoren in Mehrgenerationsfamilien
5.4 Besonderheiten und Einflussfaktoren in Alten- oder Pflegeheimen
5.5 Besonderheiten und Einflussfaktoren in Wohngemeinschaften

6. Pflegepersonal und Betreuer
6.1 Rolle des Pflegepersonals

7. Befragung des Pflegepersonals und Betreuer
7.1 Vorbereitung und Durchführung der Datenerhebung
7.2 Gliederung des Fragebogens und Hypothesen
7.3 Auswertung der Datenerhebung

8. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Sexualität im Alter

Einleitung

Sexualität ist ein angeborener, ureigener Trieb des Menschen, sie ist in Jedem enthalten. Der Umgang mit diesem elementaren Gut war im Laufe der Evolution des Menschen sehr unterschiedlich. Er unterlag im Laufe der Geschichte den Vorstellungen der jeweilig existierenden Gesellschaftsformen und Kulturen, mit deren Normen- und Werteverständnis. Die Geschichtsbücher sprechen von einer sexuellen Freizügigkeit bis hin zur Entwicklung eines unantastbaren Tabuthemas innerhalb dieser gesellschaftlichen Strukturen. Immer ist der Umgang mit Sexualität von gesellschaftlichen, moralischen und religiösen Einflüssen bestimmt wurden. Dennoch war und ist Sexualität Bestandteil des menschlichen Daseins, egal in welcher Gesellschaftsform und deren Wertevorstellungen zum Umgang mit dem Thema bestanden und bestehen.

In der heutigen Zeit wird offen und freizügig mit der menschlichen Sexualität umgegangen. Sexualität stellt kein, wie es in einigen Zeitepochen üblich war, ins Interesse der Öffentlichkeit zu rückendes dunkles Geheimnis mehr dar. Gesellschaftliche Einschränkungen begrenzen sich seit der Sexuellen Revolution in den siebziger Jahren auf ein Minimum. In allen Bereichen des öffentlichen Lebens erlangte die menschliche Sexualität einen viel beachteten und bewerteten Stand. Über Sexualität, mit all seinen Facetten, wurde und wird in einer schier endlosen Zahl von Berichten in Zeitschriften, Fachlektüren, Medien berichtet. Ebenso haben sich auch alle Fachdisziplinen der bio-, natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsbereichen dem Thema angenommen. Somit, ist die menschliche Sexualität in ihrer Vielfältigkeit, ihren Auswirkungen, ihren unterlegen Einflüssen allumfassend für jeden Menschen der Gesellschaft publiziert worden. Unbeantwortete Fragen oder Wissenslücken zum Thema und deren Umgang mit bestimmten Befindlichkeiten dürften faktisch nicht existieren. In allen Bereichen unseres Lebens und des öffentlichen Lebens werden also ein moralisches Verständnis, ein enttabuisierter Umgang und eine Realexistierende, wertfreie Einstellung von uns, den Menschen erwartet.

Wie sieht das nun aber genau auf mein Thema bezogen „ Sexualität im Alter“ und dann noch differenziert, „im Kontext sich verändernder Lebensumstände“, in der Wirklichkeit oder Echtheit unserer gesellschaftlichen Wertevorstellungen bzw. besser gesagt, unseren Vorstellungen von Sexualität aus?

Einen Versuch der Beantwortung dieser Frage soll meine Arbeit darstellen.

Durch die Tatsache, dass Sexualität ein interessantes Thema darstellt und wie ich bereits aufgezeigt habe, zahlreiche Fachliteratur darüber vorhanden ist, konnte ich für meinen theoretischen Teil auf einen ordentlichen Fundus zurück greifen.

Wie lässt sich aber nun in der Praxis Sexualität im Alter erforschen? Wie findet man zu einem Thema, welches meiner Meinung nach doch noch tabuisiert wird, kooperationswillige Menschen, die sich bereit erklären, an einer repräsentativen Umfrage mitzuwirken (vgl. v. Sydow, 1993)?

Ich habe mich für meinen Praxisteil, zur Durchführung einer Untersuchung in Form eines Fragebogens entschieden. Um der Fragestellung „Sexualität im Alter – Besonderheiten und Einflussfaktoren im Kontext sich verändernder Lebensumstände“ gerecht zu werden, entschloss ich mich meine Befragung in Senioren-, Alten- und Pflegeheimen, an denen auch betreute Wohnformen anhängig sind durchzuführen. Ich war mir aber sehr unsicher die Älteren Menschen selbst, zu dem doch oft von ihnen selbst tabuisierten Thema, zu befragen und rechnete mit hohen Ausfällen bzw. unbewussten Verfälschungen.

Meine durchgeführte Befragung richtete sich an 70 Altenpfleger/innen und Krankenpfleger/innen im Raum Bernburg. Die Pfleger/innen stehen täglich in ihrer Arbeit mit älteren Menschen im kommunikativen Austausch und werden sicher mit dem Thema „Sexualität im Alter“ konfrontiert und können somit Erkenntnisse, Aufschlüsse oder offene Fragen zum Thema in der Datenerhebung beantworten.

Der Fragebogen soll antworten darauf finden, ob es Sexualität im Alter gibt und wie kann sie von den Älteren Leuten in veränderten Lebensumständen möglichst selbst bestimmend ausgelebt werden? Wie wird Sexualität im Alter von der Umwelt wahrgenommen und konnte in den Einrichtungen der Senioren- und Altenheime schon entsprechend darauf reagiert werden? Ich möchte herausfinden, ob die Pfleger/innen der Thematik generell einen angemessenen Stellenwert oder Interesse einräumen, wie sie mit Situationen umgehen. In Erfahrung bringen möchte ich auch, ob es zu diesem Thema einen spürbaren Wandel z.B. in Einrichtungen der Altenpflege- und Betreuung gegeben hat?

1. Sexualität

1.1 Begriffsbestimmung

Eine Begriffsbestimmung für das allseits gebräuchliche Wort Sexualität zu finden, scheint auf Anhieb nicht schwer zu fallen. Der tägliche Umgang mit der Begrifflichkeit ist allen vertraut und man geht davon aus, dass die Anwender auch alle das gleiche unter diesem Begriff verstehen.

Aber schon ein Blick in die Literatur zeigt auf, wie viele Ansätze, Überlegungen und Sichtweisen, was unter dem Begriff zu verstehen, zu definieren ist, es in den einzelnen Sparten der Forschungsbereiche zu dieser Wortbestimmung gibt.

Eine Annäherung oder einen Versuch, mich der Begrifflichkeit anzunehmen, ist wahrscheinlich der häufigste der gemacht wird, nämlich in der Bestimmung der Wortherkunft. „Sexualität“ kommt aus dem lateinischen und wird von dem Wort „sexus“ abgeleitet, was „das Geschlecht“ bezeichnet. Somit bedeutet die lateinische Ableitung von „Sexualität“ die Geschlechtlichkeit des Menschen.

Laut Fremdwörterbuch war bis 1865 das Sexualsystem des Menschen als „Geschlechtsordnung“ definiert. Es hat aber bereits in Deutschland um 1835 ernsthafte Begehren der so genannten Jungdeutschen, zu nennen sind z.B. Heinrich Heine, Theodor Mundt und Heinrich Laube, die in ihren literarischen Werken eine sexuelle Emanzipation anregten, gegeben (vgl. Leske & Budrich, 1990). Seit dem 20. Jahrhundert setzte sich der Begriff „Sexualität“ in seiner Verwendung im Zusammenhang mit Erotik und dem Menschen immer mehr durch.

Aus psychologischer Sicht ist Sexualität geschlechtsbezogenes Erleben und Verhalten. Sexualverhalten wird teils durch den biologisch veranlagten Trieb sich sexuell zu verhalten und teils durch die Umwelt, die die uns dazu veranlassenden Reize bereithält, gesteuert.

Oft wird in psychologischen Arbeiten ohne weiter darüber ins Detail zu gehen oder die Sichtweise auszudehnen, Sexualität mit Geschlechtsverkehr gleichgesetzt (vgl. v. Sydow, 1993 S. 13).

Sexualität ist aber viel mehr als diese allgemeine Auffassung.

Sigmund Freud definierte mit Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Persönlichkeitstheorie die Phasen der psychosexuellen Entwicklung des Menschen. Erstmals systematisierte er die Triebentwicklung beim Menschen sowie deren Unterteilung in Partialtriebe und deren Fusion eben dieser Partialtriebe (vgl. Bick, 1995 S.11). Freud unterteilt nach Phasen auf Grundlage seiner erkenntnistheoretischen Forschungsergebnisse. Er benennt und gliedert sie in die orale Phase, in die anale Phase, in die phallische Phase, in die Latenzphase und in die genitale Phase im Erwachsenenalter.

Den Versuch Sexualität in eine Definition zu pressen oder zu begrenzen, wurde bereits von vielen auf dem Gebiet tätigen Forschern und Autoren unternommen. Jeder von Ihnen versuchte dabei, eine allumfassende Angabe zur Begriffsbestimmung zu geben bzw. noch etwas zu integrieren, was nach deren Auffassung unbedingt hineingehören muss.

In der Arbeit “Female Sexuality Through the Life-span“ (1980) wird im Zusammenhang mit Sexualität, von der Fähigkeit des Individuums gesprochen, durch intimen körperlichen Kontakt Lustgefühle zu entwickeln und zu empfinden.

Unabhängig vom Lebensalter wohnt diese Fähigkeit in jedem Menschen, egal ob eine Partnerin oder ein Partner vorhanden ist. Selbst diejenigen Menschen, die sexuell völlig abstinent leben, haben Sexualität (vgl. Laws, 1980)

Sexualität ist zum einen, eine körperliche Eigenschaft und Fähigkeit des Menschen, spezifische sexuelle Verhaltensweisen auszuführen und zum anderen sind es psychosexuelle Lernprozesse zu diesen Verhaltensweisen (vgl. Chilmann, 1979 S. 3 aus Zimbardo 1995).

Menschliche Sexualität ist ein komplexes Phänomen, welches aus Sicht funktionaler und wissenschaftlicher Aspekte auf Lernprozesse des Menschen an sich angewiesen ist. Sexualität ist eine biologische Kraft und gleichzeitig eine Chiffre für vielfältige Prozesse, Möglichkeiten und Formen des Menschseins (vgl. Bick, 1995 S. 15).

1.2 Sexualität hat zwei Botschaften

Betrachtet man im Allgemeinen die menschliche Sexualität und deren Auswirkungen auf die Verhaltensweisen der Menschen bzw. wie sich Sexualverhalten der Menschen charakterisieren lässt, könnte man nach einem Raster aus Gut und Schlecht oder wie im folgenden in positive und negative Botschaften unterteilen.

Die positiven Botschaften sind inhaltlich mit Eigenschaften verknüpft, die dem Menschen in vielerlei Hinsicht zu einem wahren Wohlgefühl führen. Es sind Wünsche und innerliche Bedürfnisse nach denen der Mensch strebt. In konkreter Gestalt und Form äußert sich das z.B. in dem wir uns zu einander hingezogen fühlen, dem Verlangen miteinander seine Intimität zu teilen, dem gemeinsamen Genießen sinnlicher Freuden oder dem Entdecken der großen Liebe.

Die negativen Botschaften haben einen offensichtlich schlechten Charakter und fügen dem Menschen Leid und Schaden zu. Sie besitzen ein hohes Gefahrenpotenzial sind gefährlich, sie können eine Waffe sein, durch die Menschen seelischen Schaden erleiden. In ihrer schlimmsten und unkontrollierbarsten Form werden die negativen Botschaften im Fall des Missbrauchs, Vergewaltigung und Krankheiten sichtbar.

Diese Botschaften erlernt der Mensch durch verschiedene Einflüsse, die ihm durch die primäre Sozialisation seiner Familie und durch die sekundäre Sozialisation seiner Spiel- und Schulkameraden oder durch Bekannte und Freunde mitgegeben werden. Es sind die Erfahrungen, die im täglichen Leben entstehen und wachsen. Der Mensch macht unwillkürlich Beobachtungen im Alltag, eignet sich durch die Literatur oder die Massenmedien eine entwicklungspsychologische Reife an, sammelt natürlich auch Selbsterfahrung.

Der Mensch ist ein sexuelles Wesen. Aus biologischer Sicht führt er den Geschlechtsakt für seinen Reproduktionsprozess aus. Sich fortzupflanzen, um die Art zu erhalten, ist der innere biologische Trieb.

Das Sexualverhalten ist in der Physiologie des endokrinen Systems, Hormon absondernde Drüse, im menschlichen Körper verwurzelt.

Das menschliche Sexualverhalten wird durch Lernen psychogener Bedürfnisse und kognitive (geistige Aktivitäten, Denken, Wahrnehmung) Prozesse beeinflusst.

Der Mensch ist ein sexuelles Wesen von Geburt bis zum Tod. Frausein und Mannsein ist ein lebenslanger Prozess, in den verschiedenen Altersstufen sein Geschlecht immer wieder neu zu entdecken und anzunehmen.

2. Sexualität und das höhere Lebensalter

2.1 Was heißt Altern oder höheres Lebensalter

Sexualität und Alter sind ein Thema, welches in der heutigen Zeit viel mehr Beachtung findet. Das mag daran liegen, dass durch die medizinischen und gesellschaftlichen Veränderungen eine zunehmende Zahl älterer Menschen aktiv am Leben und damit auch am sexuellen Leben teilnehmen. Dadurch muss zwangsläufig auch eine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Befindlichkeiten in alter(n)spezifischen Fragen stattfinden. Scheinbar konnte dieses Thema zwar schon beleuchtet werden, denn auch marktwirtschaftliche Interessen finden hier immer mehr an Bedeutung. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass doch noch erhebliche Hemmungen, Unsicherheiten und Fehleinschätzungen auf diesem Gebiet herrschen. Dem Prozess der Alterung unterliegt das gesamte menschliche Sein. Wie will man nun die Altersgrenze für sexuelle Aktivität bestimmen und somit Menschen egal wie agil oder aktiv diese sich sexuell Verhalten, in eine definitive Kategorie oder deren Bestimmung auf gewisse Normative pressen.

Der Mensch ist in seinem Leben und seiner psychosozialen Entwicklung gesellschaftlichen und kulturhistorischen Einflüssen ausgesetzt, die er aufnimmt und in sich trägt, für sich verarbeitet und daraus resultierend bilden sich bestimmte Verhaltensweisen.

Erikson hat die triebtheoretischen Elemente in einen sozialpsychologischen Rahmen der Persönlichkeitstheorie einbezogen. Er definierte acht Stufen der psychosozialen Entwicklung. Das höhere Lebensalter ist die achte, die letzte Stufe der psychosozialen Entwicklung, in der die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen von früheren und aktuellen körperlichen Aktivitäten und von der stetigen geistigen Anteilnahme am Leben abhängt (vgl. Erikson, 1959 / 1973).

In dieser Stufe erlangt der Mensch seine Ich-Integrität. Wurden die vorhergehenden Entwicklungsstufen zufrieden stellend bewältigt, können ältere Menschen das Gefühl der Erfüllung und der Ganzheit erfahren.

Ist der Mensch mit seinem Lebenslauf unzufrieden, dann kann es zu Gefühlen der Verzweiflung und des Sinnverlustes führen.

Das Alter bringt einschneidende Veränderungen mit sich. Diese Veränderungen wirken sich auf die Lebenswelt des Menschen unmittelbar aus. Der Mensch erlebt besondere Belastungen, die er bewältigen und verarbeiten muss.

Zwar kann der Mensch, und er ist auch in der Lage, sich auf bestimmte lebensverändernde Bedingungen einzustellen, dennoch erlangt er Bewusstsein über unumkehrbare Prozesse, die damit in Verbindung stehen.

Die Konfrontation und Auseinandersetzung der folgend aufgeführten Lebensereignisse können durchaus sehr kritische psychosoziale Verlaufsformen annehmen, die sexuelle Aktivitäten behindern oder sogar gänzlich für den Menschen unmöglich machen.

Kritische Lebensereignisse können z.B. die Pensionierung oder der Ruhestand, sprich die Rente sein. Mit dem Ende des Arbeitsprozesses verbinden viele Menschen auch das Ende der aktiven Lebensphase. Sie haben das Gefühl, alt zu sein und nicht mehr dem Leistungsanspruch gerecht werden zu können. Die Menschen erleiden den Verlust von vorher klar definierten sozialen Rollen. Eine Verschlechterung des körperlichen Zustandes stellt sich ein. Weitere kritische Lebensereignisse stellt der Verlust des Partners dar, mit dem man in jahrelanger Vertrautheit gelebt hat. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das gesteigerte Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.

Das Alter ist kein Zustand sondern ein Prozess. Man verändert sich, man wird reifer, gelassener, genussfähiger, lebt bewusster oder verkümmert und schrumpft. Der Alterungsprozess ist höchst individuell. Jeder Mensch empfindet sein altern auf seine Weise.

Ein lebensbejahender Mensch wird auch im Alter aktiv sein, dagegen ein genussfähiger Mensch wird im Alter nichts mehr dazu gewinnen. Diese Tatsache trifft auch auf die Sexualität im Alter zu. Wer in früheren Jahren eine positive Einstellung zu seiner Sexualität hatte, wird dies auch im Alter erfahren. Wer nie Freude an seiner eigenen Sexualität empfunden hat, dem bietet das Alter alle willkommenen Vorwände, um sie ganz und gar einzustellen.

Rahmenbedingungen gehören für eine erstrebenswert gehaltene Sexualität, egal in welcher Lebenshälfte, in das Bewusstsein des Menschen. Zu den wichtigsten gehören das Alter, die eigene Haltung dazu, die des kulturellen Umfeldes und der Stellenwert, den Sexualität im Laufe des Lebens zugewiesen bekam (vgl. BZgA Forum 2003).

Wissenschaftliche Betrachtungen zur Sexualität und die menschliche Entwicklungsstufe des höheren Alters sagen aus, dass es keinen Beweis für

eine Altersgrenze gibt, um sexuelle Bedürfnisse auszuleben.

Der heutige Erkenntnisstand lässt die Behauptung zu, dass Frauen und Männer im hohen Alter die gleichen sexuellen Bedürfnisse haben, wie junge Erwachsene, auch wenn der eigentliche Geschlechtsverkehr nicht mehr stattfindet.

2.2 Das Tabuthema Sexualität im Alter

Obwohl das Thema „Sexualität“ uns im Alltag ständig begleitet ist das Thema „Sexualität im Alter“ ein Tabuthema.

Was ist „Tabu“ eigentlich? Unantastbarkeit, heilig, verboten, Unverletzlichkeit, Unberührbarkeit und unaussprechbar.

Warum ist das so?

Eine Beantwortung scheint mir in Hinsicht auf die Kompatibilität in unserer Gesellschaft plausibel. Alter und Sexualität sind im Blickwinkel unserer Kultur zwei konträre Realitäten. Sexualität wird etwas Junges, Schönes, Farbiges, Schöpferisches, Biegsames und Schnelles zugeschrieben. Dem Alter werden diese Zuschreibungen nicht mehr gemacht. Gleichbedeutend steht somit die Sexualität für den Anfang des Lebens und das Alter für das Ende des Lebens in der Sexualität als Tabu behandelt wird und keine Zuschreibung oder Stellenwert erlangt (vgl. BZgA Forum 2003).

Das erklärt dann auch die fehlenden oder besser gesagt sehr geringen Aussagen zum Thema der Alterssexualität. Bis etwa vor zehn Jahren schenkte man diesem Gebiet wenig Aufmerksamkeit. Man bedachte diesen unbeleuchteten Bereich im öffentlichen Interesse eher nur mit realitäts- entrückten Annahmen oder verzerrten Vorurteilen.

Zum öffentlichen Interesse gelangte dieses Thema erst, mit der Erkenntnis der wirtschaftlichen Zuwächse, die die Pharmaindustrie durch die Vermarktung von Produkten erreichte, die dem Wunsch nach Sexualität im Alter und der Verzögerung des Alters entsprachen. Unter diesem Kontext hat der Pharmakonzern Pfizer z.B. eine Umfrage in fünf Kontinenten bei 26 000 Menschen zwischen 40 und 80 Jahren gemacht und festgestellt, dass der Wunsch nach Sexualität höher ist als bisher angenommen (vgl. BZgA Forum 2003).

2.3 Partnerschaft und Sexualität im Alter

Partnerschaft muss unterschieden werden in hetero-, homosexuelle oder lesbische Beziehung. Die außerehelichen Beziehungen sollen hier jetzt keine Erwähnung finden.

Die meisten älteren Menschen finden in ihrer partnerschaftlichen Lebensform eine relative stabile Identität. Sie sind meist schon seit Jahrzehnten mit demselben Partner verheiratet oder leben als Single durch Verlust des anderen Ehepartners. Alleinlebende ältere Menschen gehen in den seltensten Fällen eine neue feste Partnerschaft ein, eher ergibt man sich seinem Schicksal.

Die Beziehung in der „alten Ehe“ wird als nah und harmonisch empfunden. Man hat wieder Zeit füreinander. Emotionale Qualitäten und individuelle Eigenheiten des Partners bzw. der Partnerin werden wieder wichtiger.

Untersuchungen haben ergeben, dass die erlebte Bedeutung von Sexualität für ältere Frauen – jedoch nicht für Männer – relativ stark mit der Ehezufriedenheit zu tun hat.

Es gibt aber auch die Situation, dass mit zunehmenden Ehejahren das Interesse am anderen Partner sinkt – man hat sich Auseinander gelebt.

Die Wahrscheinlichkeit sich im Alter von 60 Jahren oder älter neu zu verheiraten, liegt bei nur 0,015% (Heekerens, 1987, 1993, vgl. v. Sydow 1993, S. 114).

Bei Männern ist die „Neu-Ehe“ fünf- bis sechsmal so hoch wie bei Frauen. Grund dafür ist die differenzierte Heiratsneigung.

Der Hauptgrund ist aber der Wunsch nicht alleine zu sein, dass Sorgen und Umsorgt sein. Liebe und Zuneigung spielt nur in geringem Maß eine Rolle (vgl. v. Sydow 1993, S. 114). Sexualität in diesen „neuen Ehen“ älterer Menschen wird aber intensiver gelebt als vergleichsweise in der „Altehe“.

Eine weitere Form der Partnerschaft im Alter ist die heterosexuelle Freundschaft, in der sich beide dazu entschieden haben, die eigene Wohnung zu behalten.

Die Art der ausgeübten sexuellen Aktivität im Alter, ist nach wie vor der Geschlechtsverkehr mit einseitiger oder gegenseitiger manuell-genitaler Stimulation sowie allgemeiner Zärtlichkeit und Umarmung. Bei manchen Paaren ist die Bedeutung des Koitus aber völlig zurückgetreten, zugunsten allgemeiner Stimulation und Zärtlichkeit.

Untersuchungen dazu von (Person 1980, v. Sydow 1991) haben ergeben, dass Frauen in der Regel zwischen 60 und 65 Jahren und Männer im Durchschnitt mit dem 68. Lebensjahr keine koitale Aktivitäten, Geschlechtsverkehr, mehr haben.

Als Gründe dafür werden in den meisten Fällen der Verlust der Potenz des Mannes angegeben oder auch der Verlust des sexuellen Interesses bzw. Krankheiten verantwortlich gemacht.

Die Qualität und Quantität der Sexualität im Alter ist eben eine andere als in den Jugendjahren. Der Mensch ist durchaus in der Lage, ein für sich individuell erfülltes Sexualleben bis ins hohe Alter zuführen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die Partnerschaft, in der Frau und Mann alt werden, wie man diese ausgestaltet, belebt und gemeinsam genießt.

3. Soziale und gesellschaftliche Einflussfaktoren

3.1 Gesellschaftliche Werte und Normen

Unsere Gesellschaft, ist eine in sehr hohem Maße Jugend orientierte Gesellschaft. Über Jugend und Sexualität spricht man, sie umgibt uns tagtäglich, Sexualität junger oder jüngerer Menschen gehört in unser normales Vorstellungsbild.

Über Erotik und Sexualität wird heutzutage gesprochen wie nie zu vor. Offen und frei, zuweilen obszön, aber eher selten über die Sexualität älterer Menschen.

Schlägt man die Zeitungen auf, sieht man nur die junge, attraktive Frau oder den jungen, attraktiven Mann. Der ältere Mensch wird meist als liebe, alte, grau gewordene Oma oder Opa in den Medien dargestellt.

Na, und im Punkt Sexualität wird man über ältere Menschen in den täglichen Medien nichts oder nur sehr selten etwas finden. Hier wird ein gewisser Jugendwahn verbreitet und den Älteren Menschen wird so etwas, wie die Endzeitstimmung verkauft, damit diese sich dem Jugendwahn unterziehen und die Ratschläge und Produkte der Pharmakonzerne konsumieren. Es wird ihnen fast ein Schuldgefühl eingeredet, wenn sie sich nicht dem allseits kommerziellen Verjüngungs- und Vitalprogrammen anschließen.

Den älteren Menschen in unserer Gesellschaft gesteht man ein erfülltes Sexualleben nicht öffentlich zu, im Gegenteil, man findet es sogar lächerlich, wenn sich zwei ältere Herrschaften in der Öffentlichkeit küssen.

Der ältere Mensch wird in unserer Gesellschaft als asexuell bezeichnet, das bedeutet, dass die allgemeine Auffassungsgabe darin besteht, dass das geschlechtliche Sexualleben für diese Menschen nicht mehr wichtig ist.

Die sexuellen Aktivitäten der Eltern, werden von deren Kindern, egal welchen Alters diese sind oder wenn sie selber schon Erwachsene sind, als unheimlich angesehen (vgl. Rosenmayr 1978)

Die Ursache dessen wird darin gesehen, dass die Generationen der heute 70-jährigen noch nach den moralischen und religiösen Vorstellungen der Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts erzogen wurden. Diese Eltern haben dann ihre Kinder nach den gleichen moralischen und religiösen Vorstellungen erzogen. Bezeichnend dafür ist, dass diese Menschen nur selten ihre Lebenseinstellung bezüglich dem eigenem Sexualverhalten ändern.

In den gesellschaftlichen Werte- und Normenvorstellungen, ist das Thema der Sexualität im Alter ein von Mangel an Interesse gekennzeichneter Lebensbereich. Sexualität, insbesondere die genitale Sexualität von alternden Menschen, speziell aber die von alternden Frauen, ist ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft, aber auch in der Wissenschaft (vgl. Radebold 1984).

[...]

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Sexualität im Alter. Besonderheiten und Einflussfaktoren im Kontext sich verändernder Lebensumstände
Untertitel
Eine Studie zum Umgang und Erfahrungen von Altenpfleger/innen und Krankenpfleger/innen in ihrer Arbeit zum Thema Sexualität im Alter (anhand einer Untersuchung im Raum Bernburg)
Hochschule
Hochschule Merseburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
90
Katalognummer
V77045
ISBN (eBook)
9783638738224
ISBN (Buch)
9783638744416
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Alter, Besonderheiten, Einflussfaktoren, Kontext, Lebensumstände
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialpädagoge (FH) Frank Helling (Autor), 2007, Sexualität im Alter. Besonderheiten und Einflussfaktoren im Kontext sich verändernder Lebensumstände, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77045

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