Einleitung
Verortung dieser Arbeit im Kontext des postkolonialen Diskurses
Im Rahmen dieser Examensarbeit habe ich mich mit den gesellschaftlichen Diskursen befasst, in denen Rassismus als ein Strukturmerkmal funktioniert. Meine Bearbeitung dieses Themas bezieht sich auf den Westen bzw. die Konstruktion des Westens. Aktuelle Relevanz ist gegeben durch die jüngere Darstellung des Orients und des Westens in Medien und Politik gerade seit dem 11. September 2001. Dabei ist für mich von besonderem Interesse, in welchem Rahmen ‚rassistische’ Diskurse stattfinden, was sie nützlich macht und aufrecht erhält. In diesem Zusammenhang beschäftige ich mich auch mit der Frage nach Identität, da ich die Beschaffenheit von Identität als untrennbar verbunden mit Abgrenzungs- und Identifikationsprozessen sehe.
Ich stütze mich in dieser Arbeit hauptsächlich auf Quellen aus dem anglo-amerikanischen Raum, jedoch auch auf europäische Texte aus England und Deutschland. In englischer Sprache gibt es eine anregende Fülle von Literatur zum postkolonialen Diskurs.
Mit dieser Arbeit möchte ich einen groben Umriss der geschichtlichen Zusammenhänge geben, in denen das Bild des Westens und seiner Antagonisten - des Ostens und Afrikas, der „Dritten Welt“ - als solches erwuchs und beleuchten, wie und weshalb rassistische Strukturen Teil des Fundaments der westlichen philosophischen / politischen Ordnung darstellen und dieses sichern, und ferner, wie sich innerhalb oder auch jenseits dessen Identitäten entwickeln und bedingen können.
Parallel dazu möchte ich die Ansätze einiger TheoretikerInnen, die sich mit postkolonialer Theorie beschäftigen, darstellen, um mir persönlich wichtige Anregungen und Sichtweisen vorzustellen.
Der scheinbar fundamentale Widerspruch zwischen Begriffen wie dem des Westens als reine, hohle Konstruktion und denselben Begriffen, die gleichwohl soziale Interaktion bestimmen, ist ein Kernpunkt dieser Arbeit.
Um die heutige Situation von Migranten, sowie die Beziehungen von indigenen und „zugewanderten“ Völkern und Individuen in der jetzigen Zeit annähernd nachvollziehen und die eigene Position ausmachen zu können, ist es als wichtig, sich der herrschenden Diskurse bewusst zu werden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Gesellschaftliche Diskurse bedingen die Perspektive aller Handelnden. Auch die Art der Unterscheidung, die zwischen dem Umfeld und dem Ich als Subjekt gemacht wird, hängt ab von gesellschaftlichen Diskursen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Verortung dieser Arbeit im Kontext des postkolonialen Diskurses
1.2. Inhaltlicher Aufbau
2. Rassistische Diskurse
2.1. Sprache und Diskurs
2.2. Das Konstrukt eines homogenen Westens
2.3. Prozesse der Reproduktion von Rassismen – „keeping western culture white“
2.4. Multikulturalismus als Lebensstil und rassistisches Strukturmerkmal
2.5. Hybridität
2.6. Dualismus als westliches Prinzip
2.7. Zur Möglichkeit eines Diskurses jenseits westlich geprägter Struktur
3. Rassismen und der Bedarf an Identifikation
3.1. Zur Funktion von Rassismen: die Konstruktion des Begriffs der Rasse
3.2. Rassistische Praktiken – eine Beschreibung sozialer Prozesse
3.3. Rasse / Ethnie / Nation : Parallelen dreier Begriffe
3.4. Der Sinn von Identität
3.5. Das Prinzip des „Anderen“ – Identitätskonstruktion mittels Abgrenzung
3.6. Ethnizität als Erfindung des Westens: Nationen als Ideologie der Moderne
4. Theoretische Ausgangspunkte
4.1. Das Verständnis von kultureller Differenz bei Ien Ang und Mark Terkessidis
4.2. Ethnizität und kulturelle Identität bei Stuart Hall :
4.3. Identität und der Status des „Anderen“ bei May Ayim
5. Ausblick
5.1. Der Beitrag des postkolonialen Diskurses zur Schaffung eines neuen Verständnisses von Identität
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht gesellschaftliche Diskurse, in denen Rassismus als Strukturmerkmal fungiert, und erforscht, wie die Konstruktion des „Westens“ untrennbar mit Identitäts- und Abgrenzungsprozessen verbunden ist. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie rassistische Strukturen die westliche Ordnung stützen und welche Möglichkeiten existieren, Identitäten jenseits dieser binären, hegemonialen Logik zu denken.
- Postkoloniale Kritik und die Dekonstruktion rassistischer Diskurse
- Die Funktion von Sprache als Machtmittel und Konstruktionsinstrument
- Das Konzept des „Westens“ als homogenes, ideologisches Konstrukt
- Identitätskonstruktion durch Abgrenzung und das Prinzip des „Anderen“
- Multikulturalismus und Hybridität als zentrale Konzepte der Auseinandersetzung
Auszug aus dem Buch
2.1. Sprache und Diskurs
Welche Rolle spielt die Sprache in der Verständigung über ein Bewusstsein ? Da Sprache das grundlegende Mittel der Verständigung darstellt, auf dem jede Theoriebildung und –analyse fusst, möchte ich zunächst auf sie eingehen.
Sprache ist eine Sammlung von Zeichen, welche Mittler sind zwischen einer Präsenz, über die sich unmittelbar nicht verständigen lässt und Subjekten, die die Wahrnehmung dieser Präsenz mitteilen wollen. Diese Mitteilung kann nur geschehen über Trennung, über eine Aufteilung in Subjekt und Objekt. Das Bindeglied zwischen Subjekt und Objekt bzw. das Element ihrer Trennung ist die Sprache. Verbale Sprache ist ein Mittel der wörtlichen Auseinander Setzung. Ein Bewusstsein zu 'haben', bedeutet, zu Unterscheidungen fähig zu sein. Dazu ist es nötig, sich als Subjekt getrennt von einem Objekt zu sehen, sich ausserhalb der Präsenz zu stellen. Mit diesem Sich-ausserhalb stellen meine ich nicht die Einnahme einer vermeintlich objektiven Position, sondern eine Versubjektivierung, die eine Verständigung über Wahrnehmung erst möglich macht und mithilfe derer das Erkennen der eigenen Position innerhalb des Geschehens möglich ist. In diesem Sinne handelt es sich um eine Trennung vom Unmittelbaren, um jene Unmittelbarkeit zu erkennen; es handelt sich nicht um einen Ausschluss durch Einbeziehung, sondern um eine Einbeziehung durch Ausschluss. Diese Trennung oder der Ausschluss wird vollzogen mittels Sprache. Das Bedürfnis der Mitteilung geht der Sprache jedoch immer voraus und begründet diese:
"Language is necessary in order for speech to be intelligible and to produce all of its effects; but the latter is necessary in order for language to be established; historically, the fact of speech always comes first."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung verortet die Arbeit im postkolonialen Diskurs und skizziert den Aufbau der Untersuchung sowie die theoretische Herangehensweise an Rassismus und Identität.
2. Rassistische Diskurse: Dieses Kapitel analysiert Sprache, das Konstrukt des „Westens“ und die Rolle des Multikulturalismus bei der Reproduktion rassistischer Machtverhältnisse.
3. Rassismen und der Bedarf an Identifikation: Hier wird der Zusammenhang zwischen Identität, nationalen Mythen und dem Ausschlussmechanismus durch „das Andere“ untersucht.
4. Theoretische Ausgangspunkte: Dieses Kapitel stellt Ansätze von Ien Ang, Stuart Hall und May Ayim vor, um die Vielfalt postkolonialer Theorien zur kulturellen Differenz zu beleuchten.
5. Ausblick: Der Ausblick diskutiert das Potenzial postkolonialer Perspektiven für eine Neuorientierung von Identität und die Überwindung monolithischer Denkstrukturen.
6. Bibliographie: Das Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Rassismus, Postkolonialismus, Identität, Diskurs, Westen, Hybridität, Sprache, Macht, Nation, Ethnie, Abgrenzung, Hegemonie, Multikulturalismus, Dekonstruktion, kulturelle Differenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie rassistische Strukturen in westlichen Gesellschaften funktionieren, wie Identitäten konstruiert werden und wie postkoloniale Kritik diese Muster dekonstruieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Dekonstruktion rassistischer Diskurse, die Rolle der Sprache als Machtmittel sowie das Spannungsfeld zwischen Identität, Nation und kultureller Differenz.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den „Westen“ als ein ideologisches Konstrukt zu entlarven und zu zeigen, dass Identität und Abgrenzung untrennbar mit Machtverhältnissen und rassistischen Strukturen verbunden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskurstheoretischen Analyse, die sich auf postkoloniale Theorien und Ansätze von Theoretikern wie Stuart Hall, Homi Bhabha und Edward Said stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse rassistischer Praktiken, der binären Logik des Westens, der Funktion von Sprache sowie der kritischen Auseinandersetzung mit Identitätsmodellen wie der Diaspora.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Rassismus, Postkolonialismus, Identität, Hybridität, Hegemonie und das Konstrukt des „Westens“.
Warum spielt das Konzept der Sprache eine so zentrale Rolle?
Die Autorin argumentiert, dass Sprache nicht nur zur Verständigung dient, sondern als Medium fungiert, das Wissen produziert, Wahrheiten definiert und somit essenziell an der Machtausübung beteiligt ist.
Welche Bedeutung hat das „Andere“ für den „Westen“?
Das „Andere“ fungiert als notwendiges Kontrastbild. Erst durch die Abgrenzung von einer als „anders“ definierten Gruppe kann sich der „Westen“ selbst als homogenes, privilegiertes und „normales“ Subjekt etablieren.
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- Christiana M. Wetzel (Author), 2002, Identität und die Dekonstruktion rassistischer Strukturen im Kontext postkolonialer Kritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77090