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Die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss' "Die Ermittlung"

Titre: Die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss' "Die Ermittlung"

Dossier / Travail de Séminaire , 2004 , 26 Pages , Note: 1,3

Autor:in: Jens Tanzmann (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Résumé Extrait Résumé des informations

Peter Weiss löst mit seinem Drama Die Ermittlung vor der Uraufführung im Jahre 1965 bei der Kritik heftige Proteste aus. Viele der Rezensenten assoziieren mit dem Bühnenwerk unmittelbar den Ausspruch Adornos: „[N]ach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch [...].“ – Gemäß diesem vielzitierten Diktum des Frankfurter Philosophen, welches wohl auf alle literarischen Gattungen und ebenso auf andere Kunstformen übertragen werden kann und in aktuellen Diskussionen über das Gedenken an den Holocaust noch immer angeführt wird –, wäre eine Literatur nach Auschwitz und erst Recht ein Theaterstück über Auschwitz nicht denkbar.
Peter Weiss gibt Adorno Recht darin, daß Auschwitz als Ganzes nicht faßbar sei, sondern lediglich ein Ausschnitt aus dieser Thematik künstlerisch umgesetzt werden könne. Allerdings ist für Weiss, gerade wegen der Unfaßbarkeit des Holocausts, die künstlerische Darstellung solcher Ausschnitte nötig, da der Fakt, daß die Schoah stattgefunden hat, „Bestandteil unseres Lebens ist“.
Der Dramatiker Weiss ist sich der Problematik der literarischen Ästhetisierung des Holocausts spätestens bei Erscheinen des Hochhuth Dramas Der Stellvertreter aus dem Jahr 1963, in dem der letzte Akt im Lager Auschwitz spielt, vollkommen bewußt. Noch 1964 schreibt er: „Wir müssen etwas darüber sagen. Doch wir können es noch nicht.“ Im Gespräch mit Girnus / Mittenzwei bemerkt er ebenfalls dazu: „Das Lager Auschwitz oder welches Lager auch immer auf der Bühne darzustellen, ist eine Unmöglichkeit. Ja eine Vermessenheit, es überhaupt nur zu versuchen, man kann diesen Gedankenkomplex überhaupt nur von heute aus im Rückblick beobachten und versuchen zu analysieren, was da vorgegangen ist.“
Weiter notiert er in den Anmerkungen zur Ermittlung, daß die Rekonstruktion des Prozesses über die Auschwitz-Täter ihm anfänglich ebenso unmöglich erschien, „wie es die Darstellung des Lagers auf der Bühne wäre.“ (9) Doch bereits kurz nach Beginn des Frankfurter Prozesses revidiert Weiss seine Ansicht in dieser Beziehung und merkt an: „zuerst dachte ich, es ließe sich nicht beschreiben, doch da es Taten sind, von Menschen an Menschen begangen –“ So entschließt sich Weiss, Auschwitz als Chiffre für das Äußerste, was Menschen anderen Menschen antun können, in der Ermittlung indirekt über den Frankfurter Prozeß auf die Bühne zu holen. In der Wahl seiner Mittel, die, wie er oben einräumt, dem Thema Holocaust nur sehr schwer gerecht werden können, geht er einen anderen Weg als Hochhuth. Er reduziert ihren Einsatz auf ein Minimum – ein Versuch, dem er übrigens sehr kritisch gegenübersteht, denn er äußert die Befürchtung, die Darstellung der Schrecken könne dem Rezipienten eine „heile Welt“ vorgaukeln – was natürlich nicht Sinn der Ermittlung sein soll. So rechtfertigt Weiss in seiner Rede anläßlich der Entgegennahme des Lessingpreises der Freien Hansestadt Hamburg am 23. April 1965 die Form der Ermittlung und stellt fest: „daß die Verwendung dieser kaum mehr tauglichen Mittel besser ist als das Schweigen und die Fassungslosigkeit.“
Die Art und Weise wie Peter Weiss das ihm vorliegende Material verarbeitet, interpretiert und auf die Bühne bringt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Daneben wird der Frage nachgegangen, welche Gestaltungsmittel der Autor benutzte und welche aufgrund des Themas Auschwitz versagen müssen. Abschließend soll Die Ermittlung im Kontext aktueller politischen Debatten um Vergangenheitsbewältigung und Erinnerung an den Holocaust in der Bundesrepublik betrachtet werden.
Im folgenden werden jedoch zunächst die biographischen Bezüge Weiss’ zur nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie und zum Ort Auschwitz aufgezeigt, dann in einem Exkurs das dokumentarische Theater als beliebtes Genre der sechziger Jahre vorgestellt und schließlich das Rohmaterial für Die Ermittlung, der Frankfurter Auschwitz-Prozeß, knapp skizziert.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Ermittlung – ein Theaterstück nach Auschwitz über Auschwitz?

I. Peter Weiss und Auschwitz

II. Exkurs: Das dokumentarische Theater der sechziger Jahre

III. Das historische Material der Ermittlung: Die Strafsache gegen Mulka u. a.

IV. Die Ermittlung als dokumentarisches Theaterstück

V. „Ganz normale Männer“ – Die Täter im Frankfurter Prozeß und in der Ermittlung

V.1 Der Angeklagte Mulka

V.2 Der Angeklagte Broad

V.3 Der Angeklagte Stark

V.4 Der Angeklagte Dr. Lucas

VI. Kritik an der Ermittlung und am Dokumentarischen der Ermittlung

VII. Resümee

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss’ Drama "Die Ermittlung". Ziel ist es zu analysieren, wie Weiss das historische Rohmaterial des Frankfurter Auschwitz-Prozesses künstlerisch verarbeitet, welche Gestaltungsmittel er dabei einsetzt und inwieweit er an die Grenzen der darstellerischen Möglichkeiten stößt.

  • Biographische Bezüge von Peter Weiss zur Shoah
  • Entwicklung und Theorie des dokumentarischen Theaters der 1960er Jahre
  • Historische Aufarbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses
  • Literarische Umsetzung und Ästhetisierung durch Peter Weiss
  • Kritische Auseinandersetzung mit der politischen Instrumentalisierung des Stücks

Auszug aus dem Buch

V. „Ganz normale Männer“ – Die Täter im Frankfurter Prozeß und in der Ermittlung

Zwei Jahre vor der Ermittlung war der für die Untersuchung der Massenvernichtung im Nationalsozialismus grundlegende Gerichtsreport Eichmann in Jerusalem von Hannah Arendt, der den Untertitel Ein Bericht über die Banalität des Bösen trägt, erschienen. Ähnlich Adolf Eichmann in Jerusalem versuchten die Angeklagten in Frankfurt sich als unschuldige und unbescholtene Bürger, die doch „alle in der Zwangsjacke [waren]“ zu präsentieren und zu inszenieren. Sie wandten dabei unterschiedliche Taktiken und Strategien an. Die meisten versuchten sich in die Anonymität des Herrschaftssystems zu flüchten oder beriefen sich konkret auf den Befehlsnotstand. Im folgenden Abschnitt sollen exemplarisch vier Angeklagte aus verschieden Funktionsbereichen des Lagers ausgewählt, ihre biographischen Hintergründe geschildert und die Frankfurter Aussagen mit denen, die Peter Weiss ihnen in den Mund legte, verglichen werden.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Ermittlung – ein Theaterstück nach Auschwitz über Auschwitz?: Das Kapitel führt in die Problematik ein, ob und wie der Holocaust literarisch und theatralisch darstellbar ist, und stellt Peter Weiss' Motivation für sein Drama vor.

I. Peter Weiss und Auschwitz: Hier werden die biographischen Berührungspunkte des Autors mit dem Nationalsozialismus und seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Ort Auschwitz beleuchtet.

II. Exkurs: Das dokumentarische Theater der sechziger Jahre: Dieses Kapitel verortet das Drama im Kontext des zeitgenössischen Genres des dokumentarischen Theaters und dessen ästhetischen sowie politischen Ansprüchen.

III. Das historische Material der Ermittlung: Die Strafsache gegen Mulka u. a.: Der Autor skizziert den Verlauf, die Akteure und die gesellschaftliche Bedeutung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses als Grundlage für das Theaterstück.

IV. Die Ermittlung als dokumentarisches Theaterstück: Dieses Kapitel analysiert die spezifische Dramaturgie und die formale Gestaltung der "Ermittlung", insbesondere die Anlehnung an Dante und die Reduktion auf dokumentarische Aussagen.

V. „Ganz normale Männer“ – Die Täter im Frankfurter Prozeß und in der Ermittlung: Hier werden vier exemplarische Täterprofile aus dem Prozess mit ihrer literarischen Darstellung im Drama verglichen.

VI. Kritik an der Ermittlung und am Dokumentarischen der Ermittlung: Das Kapitel widmet sich der zeitgenössischen politischen und literaturwissenschaftlichen Kritik, insbesondere dem Vorwurf der ideologischen Vereinfachung.

VII. Resümee: Das Resümee fasst die Bedeutung des Stücks für die deutsche Vergangenheitsbewältigung zusammen und diskutiert dessen fortwährende Relevanz für das kollektive Gedächtnis.

Schlüsselwörter

Peter Weiss, Die Ermittlung, Auschwitz-Prozess, Dokumentarisches Theater, Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Frankfurter Prozess, Ästhetisierung, Täter, Opfer, Erinnerungskultur, Strafsache Mulka, Literatur nach Auschwitz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie Peter Weiss den Frankfurter Auschwitz-Prozess in sein Drama "Die Ermittlung" transformierte und dabei die schwierige Grenze zwischen künstlerischer Ästhetisierung und historischer Dokumentation auslotet.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des dokumentarischen Theaters, der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in den 60er Jahren und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Diskurs über Erinnerung.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Arbeit untersucht, welche Gestaltungsmittel Peter Weiss einsetzte, um Auschwitz auf die Bühne zu bringen, und wie er das authentische Protokollmaterial in ein Oratorium in 11 Gesängen transformierte.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Dramentexte von Peter Weiss mit den historischen Protokollen des Auschwitz-Prozesses vergleicht und in den zeitgeschichtlichen Kontext einbettet.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Entstehungsgeschichte des Stücks, der Analyse von Täterprofilen (wie Mulka oder Stark) und der kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Instrumentalisierung des Werkes durch verschiedene Akteure.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind insbesondere: Dokumentarisches Theater, Auschwitz-Prozess, Vergangenheitsbewältigung, Ästhetisierung und literarische Erinnerungsarbeit.

Warum wählte Peter Weiss ausgerechnet die Form eines Oratoriums?

Die Form des Oratoriums in 11 Gesängen erlaubte es Weiss, die unvorstellbaren Verbrechen durch eine strenge, an Dante erinnernde Struktur zu ordnen und die Distanz zu wahren, die für eine kritische Auseinandersetzung ohne bloße "Unterhaltung" notwendig war.

Wie wurde das Stück politisch in der Zeit des Kalten Krieges wahrgenommen?

Das Stück wurde stark politisiert; während es im Westen teils als kommunistische Kapitalismuskritik kritisiert wurde, nutzte man es in der DDR, um die Aufmerksamkeit von eigenen Defiziten in der NS-Aufarbeitung abzulenken.

Welche Bedeutung kommt der "Dimitroff-These" in dieser Arbeit zu?

Die Dimitroff-These dient als Referenzpunkt für die Kritik an Weiss, da ihm vorgeworfen wurde, Auschwitz einseitig als "extremste Ausartung des Kapitalismus" darzustellen, was die Komplexität der nationalsozialistischen Ideologie ausblende.

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Résumé des informations

Titre
Die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss' "Die Ermittlung"
Université
Charles University in Prague
Cours
Hauptseminar Deutsche Literatur von 1945-68
Note
1,3
Auteur
Jens Tanzmann (Auteur)
Année de publication
2004
Pages
26
N° de catalogue
V77190
ISBN (ebook)
9783638833561
Langue
allemand
mots-clé
Holocaust Peter Weiss Ermittlung Hauptseminar Deutsche Literatur
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Jens Tanzmann (Auteur), 2004, Die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss' "Die Ermittlung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77190
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Extrait de  26  pages
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