Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Erzählung in den Geschichtswissenschaften. Anhand einer Auseinandersetzung mit dem Geschichtstheoretiker Hayden White wird untersucht, welche Bedeutung bestimmte Formen der Darstellung für historisches Wissen haben. Zugleich wird Whites Narrativismus auf seine Geltung und Rechtfertigung hin befragt. Narrativität verweist auf drei Problemfelder, die sich in den Geschichtswissenschaften stellen: Erstens, inwiefern Erklärungen in der Erforschung der Geschichte möglich sind. Zweitens, wie sich der Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaften bestimmen lässt. Und schließlich, wie es um den Anspruch von Historikern steht, wahre Aussagen über die Vergangenheit zu machen. Diese Fragen sind in dieser Auseinandersetzung mit Hayden White methodisch leitend und führen hin zu einer Rekonstruktion seiner Position als möglicher Antwort auf die Frage: „Was meinen wir, wenn wir von der ‚Geschichte’ reden?“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundkonzepte der Erklärung in der Geschichtswissenschaft
2.1. Die „Covering-Law-Theory” von C.G. Hempel
2.2. Die Intentionalistische Erklärung: von Wrights Handlungsmodell
2.3. Narrative Sätze: A.C. Danto
2.4. Narrativität als „kognitives Instrument“: Louis O. Mink
3. Die Rekonstruktion von Hayden White
3.1. Die konzeptuelle Matrix der Historiographie: Metahistory
3.1.1. Erklärung durch Erzählstruktur: Eine Typologie literarischer Gattungen
3.1.2. Formale Erklärungsmodelle
3.1.3. Erklärung durch ideologische Struktur
3.1.4. Die Konstitution des historischen Gegenstandes: Whites Tropologie
3.2. Zusammenfassung und Problemausblick
4. Konzepte der Narrativität
4.1. Geltungskriterien des Erzählens
4.1.1. Das Verhältnis von Moral und Erzählung
4.1.2. „Objektivität“ als Ästhetizismus und Utopieverbot
4.1.3. Ereignis und Erzählung I: Strukturalistische Elemente bei White
4.1.3.1. Die strukturalistische Erzähltheorie von Roland Barthes
4.1.3.2. Barthes Analyse des historischen Diskurses als Ideologiekritik
4.1.3.3. Tatsachen als erkenntnistheoretisches Problem bei Barthes und White
4.1.4. Ereignis und Erzählung II: White und Ricœur
4.2. Geltungsprobleme der Narration
4.2.1. Narrativisierung als gewalttätiger Akt
4.2.2. Narration als Fiktionalisierung
4.2.3. Whites Narrativismus als „Negativer Positivismus“
5. Perspektiven einer methodischen Reflexion
5.1. Kritik: White stellt sich dem Objektivitätsproblem nicht
5.1.1. Rüsens disziplinäre Matrix der Geschichtswissenschaft
5.1.2. Objektivität in der Geschichtswissenschaft
5.2. Perspektive auf einen methodischen Begriff von Narrativismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das wissenschaftstheoretische Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften unter besonderer Berücksichtigung des Konzepts von Hayden White. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Narrativität als kognitives Instrument zur Erkenntnis von Geschichte fungieren kann und welche Geltungsansprüche mit einer solchen narrativistischen Geschichtsauffassung verbunden sind.
- Wissenschaftstheoretische Grundlagen historischer Erklärungsmodelle
- Rekonstruktion und kritische Analyse von Hayden Whites Metahistory
- Die Rolle der Narration als "kognitives Instrument" bei Louis O. Mink
- Verhältnis zwischen historischer Forschung, Tatsachen und narrativer Darstellung
- Diskussion von Objektivitäts- und Geltungskriterien in der Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
3. Die Rekonstruktion von Hayden White
Nachdem auf den systematischen Standpunkt der Narrativität eingegangen wurde, soll jetzt bestimmt werden, was für ein Bild White von der Geschichtswissenschaft hat. Als Anregung nehme ich dafür Jörn Rüsens Überlegungen zur „disziplinären Matrix“ der Geschichtswissenschaft auf.
Rüsen definiert die disziplinäre Matrix als „die für die Geschichte als Fachdisziplin maßgeblichen Faktoren oder Prinzipien des historischen Denkens in ihrem systematischen Zusammenhang“.
Nach diesem Modell sind es fünf Faktoren, die die Geschichtswissenschaft charakterisieren und die sie in ein Verhältnis stellen zu dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, in dem sie betrieben wird. Ohne an dieser Stelle näher auf Rüsens eigener Durchführung dieses Vorschlags einzugehen, wird die Idee zur Charakterisierung von Whites Geschichtstheorie genutzt, um damit zu zeigen, welchen theoretischen Stellenwert Narrativität bei ihm hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der narrativen Strukturen bei Hayden White und Formulierung der Fragestellung nach der Geltung seines Narrativismuskonzepts.
2. Grundkonzepte der Erklärung in der Geschichtswissenschaft: Darstellung der wissenschaftstheoretischen Debatte zwischen Covering-Law-Theory, intentionalistischer Erklärung, narrativen Sätzen nach Danto und dem kognitiven Instrument der Narration nach Mink.
3. Die Rekonstruktion von Hayden White: Systematische Analyse von Whites Metahistory und seinem Kategorienschema zur Einordnung geschichtswissenschaftlicher Werke mittels Tropologie.
4. Konzepte der Narrativität: Eingehende Untersuchung der Geltungskriterien des Erzählens und der Problematik der Narrativität im Hinblick auf Wahrheit, Faktizität und Fiktionalisierung.
5. Perspektiven einer methodischen Reflexion: Kritische Auseinandersetzung mit Whites Narrativismus und Entwicklung von Lösungsansätzen durch den Einbezug der "disziplinären Matrix" von Jörn Rüsen und Perspektiven für eine methodische Reflexion.
Schlüsselwörter
Hayden White, Narrativität, Historiographie, Geschichtswissenschaft, Metahistory, historische Erklärung, Tropologie, Erzählstruktur, Objektivität, kognitives Instrument, Epistemologie, Roland Barthes, Louis O. Mink, Jörn Rüsen, narrative Rationalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretische Rolle narrativer Strukturen in der modernen Geschichtsschreibung, fokussiert auf das Werk des amerikanischen Theoretikers Hayden White.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen historischer Erklärung, die Rolle der Narration für das Verständnis von Geschichte sowie die Problematik von Wahrheit und Objektivität in narrativen Darstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Whites Narrativismus als wissenschaftstheoretischen Begriff zu hinterfragen und zu prüfen, ob sein Ansatz methodologisch für die Geschichtswissenschaft nutzbar gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine wissenschaftstheoretische Rekonstruktion und Analyse der geschichtstheoretischen Konzepte von White, Mink, Barthes und Rüsen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Erklärungsproblem in der Geschichtswissenschaft diskutiert, dann Whites Metahistory-Modell rekonstruiert und anschließend die Geltungsprobleme des narrativen Ansatzes kritisch untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe definieren den Kern der Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Narrativität, historiographische Metahistory, Tropologie, kognitives Instrument, ideologische Implikation und das Problem der Objektivität.
Inwiefern spielt der Strukturalismus eine Rolle für White?
White rezipiert strukturalistische Ansätze, insbesondere von Roland Barthes, um die Autoreferentialität historischer Texte zu unterstreichen und die Idee einer bloßen Repräsentation von Realität zu kritisieren.
Warum wird Jörn Rüsen in der Arbeit thematisiert?
Rüsen dient als Gegenentwurf oder Ergänzung zu White; sein Modell der "disziplinären Matrix" soll helfen, Narrativität wieder mit wissenschaftlichen Geltungsansprüchen und Intersubjektivität zu versöhnen.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich Whites Ansatz?
Die Arbeit stellt fest, dass White zwar grundlegende rhetorische Strukturen der Historie aufdeckte, sein Ansatz jedoch durch die scharfe Trennung von Forschung und Darstellung wissenschaftliche Geltungsansprüche weitgehend auflöst.
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- Magister Artium (M.A.) Philosophie Christian Adam (Author), 2003, Das Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77291