Seit Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist das Phänomen des technologischen Lock-ins nicht nur für Ökonomen von zunehmendem Interesse, sondern auch für Historiker und Soziologen. Für Wissenschaftler, die sich für die Interdependenzen von technologischem und ökologischem Wandel interessieren, gewinnt das Thema immer mehr an Bedeutung. Die zentrale Idee des Lock-ins ist, dass Technologien und technologische Systeme einem bestimmten Entwicklungspfad folgen, den man nur unter schwierigen und kostenintensiven Umständen wieder verlassen kann. D.h. sie entwickeln sich pfadabhängig.
Die in der Literatur entwickelten Erklärungsansätze für Lock-in-Phänomene wurden aufgegriffen, um die Beharrlichkeit bestimmter Institutionen zu begründen, da festgestellt wurde, dass Institutionen teilweise ebenso wie bestimmte Technologien einer pfadabhängigen Entwicklung folgen.
Des Weiteren ist das Lock-in-Phänomen in den letzten Jahren insbesondere im Zusammenhang mit seinen umweltökonomischen Auswirkungen von einigen Autoren erforscht worden. Diese Autoren stellen fest, dass eine pfadabhängige Entwicklung besonders bei Technologien der Energieerzeugung beobachtbar ist und dass in den meisten Volkswirtschaften die konventionelle Energieerzeugung dominiert. Trotz großer Fortschritte und Innovationen in der Technik derjenigen Energiesysteme, die auf regenerativen Energieträgern basieren, nimmt deren Anteil an der Energiebereitstellung nur geringfügig zu. Das heißt, es liegt einerseits ein Lock-in hinsichtlich der konventionellen Energieerzeugung vor und andererseits eine Ausgrenzung (Lock-out) der Nutzung regenerativer Energien.
Die Autoren versuchen jedoch nicht diese Lock-in- bzw. Lock-out-Situationen anhand der gängigen Modelle und Denkansätze zum Lock-in-Phänomen zu begründen, sondern stellen diese Situationen lediglich anhand der Verbreitung (bezogen auf den Primärenergieverbrauch) der verschieden Energiesysteme fest.
Diese Arbeit stellt einen Zusammenhang zwischen den allgemeinen Erklärungsansätzen des Lock-in-Phänomens und der festgestellten Lock-in- bzw. Lock-out-Situationen bei bestimmten Energiesystemen her.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Technologischer Lock-in
2.1 Technologische Paradigmen und Pfadabhängigkeit
2.2 Zunehmende Anwendungserträge
2.2.1 Lern- und Skaleneffekte
2.2.2 Netzwerkeffekte
2.2.3 Weitere Gründe für zunehmende Anwendungserträge
2.3 Allgemeine Kritik und eine zusammenfassende Aussage zum Lock-in
3. Institutioneller Lock-in und institutionelle Auswirkungen auf den technologischen Lock-in
4. Die umweltökonomische Bedeutung des Lock-in-Phänomens
5. Die Ausgrenzung der Windenergie durch technologischen Lock-in
5.1 Netzwerkeffekte in Form von Kapazitätseffekten in der Windenergienutzung
5.1.1 Netzwerkeffekte durch eine räumliche Verteilung von Windkraftanlagen
5.1.2 Zunahme der Kapazitätseffekte durch Windleistungsprognosen
5.1.3 Die Auswirkungen einer Optimierung der Anlagentechnik von Windkraftanlagen auf die schwankende Leistungsabgabe
5.1.4 Konklusionen
5.2 Ermittlung der Lern- und Skaleneffekte in der Windenergienutzung unter Anwendung des Erfahrungskurvenmodells
5.3 Der Einfluss der Institutionen auf die Windenergienutzung am Beispiel Deutschlands
5.4 Zusammenfassung
6. Resümee und politische Implikationen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Studienarbeit untersucht das Phänomen des technologischen sowie institutionellen Lock-ins, um zu verstehen, warum bestimmte ineffiziente Technologien in Volkswirtschaften dominieren und wie dies die Diffusion nachhaltiger Energiequellen hemmt. Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse der Windenergienutzung als Fallbeispiel, wobei geprüft wird, inwieweit das theoretische Lock-in-Modell die beobachtete Ausgrenzung (Lock-out) erneuerbarer Energien erklären kann.
- Grundlagen technologischer Pfadabhängigkeit und Lock-in-Mechanismen
- Positive Rückkopplungseffekte: Lern-, Skalen- und Netzwerkeffekte
- Die Wechselwirkung zwischen institutionellen Rahmenbedingungen und technologischem Wandel
- Umweltökonomische Implikationen der Dominanz fossiler Energiesysteme
- Empirische Untersuchung der Windenergienutzung (Netzwerk- und Kapazitätseffekte)
- Politische Fördermaßnahmen und deren Einfluss auf die Diffusion erneuerbarer Energien
Auszug aus dem Buch
2.1 Technologische Paradigmen und Pfadabhängigkeit
Die Ökonomik geht von der Vorstellung einer irreversiblen Entwicklung, aufbauend auf einem „historischen Prozeß“, aus. Der Fortschritt in der Technologie wird einerseits als sprunghaft und unvorhersehbar angesehen, andererseits folgt er aber auch bestimmten systematischen Gesetzmäßigkeiten. Die Entwicklung verläuft entlang einer bestimmten eingeschlagenen Richtungslinie (Erdmann 1993, S. 23). Diese geläufige Sichtweise wird in der relevanten Literatur als „pfadabhängige Entwicklung“ bezeichnet.
Nach Nelson und Winter (1977) folgen Innovationen einer „natürlichen Trajektorie“, deren Verlauf im Wesentlichen von den Erwartungen und Erfahrungen der Forscher und Techniker abhängt. Sie fassen dies unter dem Begriff des „technologischen Regimes“ (Nelson und Winter 1977, S. 57) zusammen, während Dosi (1982) den inhaltlich weitgehend gleichen Sachverhalt als „technologisches Paradigma“ bezeichnet. Alle drei genannten Autoren verweisen auf die Existenz von bestimmten Regeln, Prinzipien und Heuristiken, die das Denken und Handeln der Wissenschaftler und Techniker begrenzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen des technologischen Lock-ins ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Interdependenzen zwischen technologischem Wandel und ökologischen Systemen.
2. Technologischer Lock-in: Dieses Kapitel erläutert die Dynamiken, die zu einer Pfadabhängigkeit führen, insbesondere durch positive Rückkopplungseffekte wie Lern-, Skalen- und Netzwerkeffekte.
3. Institutioneller Lock-in und institutionelle Auswirkungen auf den technologischen Lock-in: Der Abschnitt untersucht, wie öffentliche Institutionen durch Regeln und Rahmenbedingungen ähnlichen Pfadabhängigkeiten unterliegen wie Technologien und diese verstärken können.
4. Die umweltökonomische Bedeutung des Lock-in-Phänomens: Hier wird der Begriff des Carbon Lock-ins eingeführt, um den technologischen und institutionellen Komplex der fossilen Energieerzeugung zu beschreiben.
5. Die Ausgrenzung der Windenergie durch technologischen Lock-in: Dieses Hauptkapitel analysiert empirisch, welche Rolle Netzwerk- und Lerneffekte bei Windkraftanlagen spielen und wie institutionelle Förderung die Verbreitung der Windenergie beeinflusst.
6. Resümee und politische Implikationen: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Möglichkeiten der Politik, durch gezielte Maßnahmen den Wandel technologischer Paradigmen zu unterstützen.
Schlüsselwörter
Lock-in-Phänomen, Pfadabhängigkeit, Windenergie, Netzwerkeffekte, Lerneffekte, Skaleneffekte, Institutionen, Carbon Lock-in, technologische Paradigmen, regenerative Energien, ökologischer Wandel, institutioneller Wandel, Energiepolitik, Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsdiffusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ökonomischen Theorie des Lock-in-Phänomens und untersucht, wie Technologien und Institutionen in pfadabhängige Entwicklungsmuster geraten, die den Durchbruch neuer, nachhaltigerer Alternativen erschweren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Analyse von Rückkopplungseffekten (Lern-, Skalen- und Netzwerkeffekte), die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen sowie die umweltökonomische Betrachtung fossiler vs. regenerativer Energiesysteme.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob die theoretischen Modelle des Lock-in-Phänomens ausreichen, um die geringe Verbreitung der Windenergie (Lock-out-Situation) zu erklären, oder ob andere Faktoren wie institutionelle Einflüsse stärker ins Gewicht fallen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung des Lock-in-Konzepts und wendet diese exemplarisch mittels einer Fallstudienanalyse auf die Windenergienutzung und die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Lock-in-Mechanismen und eine spezifische empirische Analyse der Windenergie, unter anderem durch die Anwendung des Erfahrungskurvenmodells und die Untersuchung von Kapazitätseffekten im Stromnetz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind Lock-in-Phänomen, Pfadabhängigkeit, Netzwerkeffekte, Carbon Lock-in und Windenergienutzung.
Warum ist das QWERTY-Beispiel in der Literatur so umstritten?
Das Beispiel des QWERTY-Keyboards dient in der Literatur oft als Illustration für ineffiziente Pfadabhängigkeit, wird jedoch von Kritikern wie Liebowitz und Margolis angezweifelt, da sie die Annahme bestreiten, dass Akteure an einer technisch unterlegenen Lösung festhalten würden, wenn bessere Alternativen deutlich überlegen wären.
Welche Rolle spielen Einspeisetarife bei der Entwicklung der Windenergie in Deutschland?
Die Arbeit identifiziert hohe Einspeisetarife als einen wesentlichen Grund für das massive Wachstum der installierten Windkraftkapazitäten in Deutschland, stellt jedoch auch fest, dass eine dauerhaft hohe Nachfrage durch Subventionen negative Effekte auf die kurzfristige Preisreduktion haben kann.
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- Florian Frank (Author), 2006, Das Lock-in-Phänomen: Eine Untersuchung anhand der Windenergienutzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77631