Was traut der Mensch sich zu? Wie definiert er seine Rolle in der Geschichte? Die Debatten über „das Ende der Geschichte“, über den „Kampf der Kulturen“ und selbstverschuldeten Klimawandel, über die „neue Unübersichtlichkeit“, die Individualisierung und das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Sub- und Staatensystemen scheinen das Damoklesschwert über dem menschlichen Selbstbewusstsein schweben zu lassen. Wer will, findet ohne weiteres eine Vielzahl von Indizien, die den Schluss nahe legen, „wir“, also die Menschen, hätten den „göttlichen Auftrag“ einer vernünftigen Weltbemächtigung und –bestellung verfehlt oder zumindest noch nicht vollendet. Die Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma führt zu einem altbekannten Wettstreit, nämlich dem zwischen den konservativen und den nach Fortschritt eifernden Kräften. Die einen suchen in der Vergangenheit und in tradierten Vorstellungen nach Lösungen, die anderen glauben an einzigartige Herausforderungen, die nur mit neuen Entwürfen gemeistert werden können. Auch heute erhitzen derartig antagonistische Positionen, beispielsweise in Gestalt der Bestrebungen zur Reaktivierung der mittelalterliche Landwirtschaft („biologischer Landbau“) gegen die Umsetzung „fortschrittlichen“ Gen-Foods, die Gemüter und liefern den Stoff für nicht selten polemische Auseinandersetzungen. Muss es also weitergehen oder sollte es wie früher sein?
Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage wird wohl nicht möglich sein. Aber tatsächlich ist zu beobachten, dass in den meisten Abschnitten der Geschichte eines der beiden Topoi den Zeitgeist bestimmt hat. Das menschliche Selbstvertrauen – wie auch sein Selbstmisstrauen – wächst und schwindet im Einklang mit den Blüte- und Wartezeiten der Historie, wobei es insgesamt durch einen in der Vorstellungskraft zunehmend überblickbaren, zeitlichen Horizont eine größere Projektionsfläche bekommt. Damals wie heute wird mit solchen Projektionen – optimistischen wie pessimistischen Visionen – Politik gemacht, also mit gesellschaftlich vermittelten Ideen Gesellschaft geformt. Das vorherrschende Konzept von Zeitlichkeit ist im pragmatischen Ringen um Lösungen als (vielleicht) Voraussetzungsloses oft auch das nicht explizit Miteinbedachte. Es strukturiert das Denken und das Denkbare unbemerkt, stillschweigend, solange es nicht zum Gegenstand von Reflexionen wird (wobei auch diese durch eine vorgeschaltete Zeitkonzeption strukturiert sind). Vielleicht traut sich der Mensch umso mehr zu, je mehr er die Zeit zu beherrschen oder wenigstens zu verstehen glaubt. Als Zirkelkonstruktion, die als Selbstgeschaffenes das Schaffen strukturiert, um dann wiederum das Geschaffene zu verzeitlichen, hat sie jedenfalls einfache wie komplexe Antworten zum Problem „Werden und Vergehen“ inspiriert. Außerdem ist die Konzeption, welche der Mensch von Zeit hat, ein mächtiges – wenn nicht das mächtigste – Strukturmerkmal seiner individuellen wie auch sozialen Existenz. Der Letzteren widmet sich diese Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ziel und Gegenstand der Arbeit
1.2 Aufschlüsselung der Quellen: Die tabellarische Übersicht
1.3 Vergleichbare Untersuchungen
1.4 Theoretische Ausrichtung
2 Theoretisch-Methodische Grundlegung
2.1 Definitionen
2.2 Hypothesenbildung und Nahtstellen der Analyseebenen
2.3 Darstellung von Zivilisationstheorie und strukturierender Inhaltsanalyse
2.3.1 Der Zivilisationsbegriff
2.3.2 Norbert Elias: Die Zivilisationstheorie
2.3.3 Mannheim und Elias: Die Konfigurationsanalyse
2.3.4 Grundannahmen
2.3.5 Der Prozess der Zivilisation
2.3.6 Qualitative Inhaltsanalyse
3 Operationalisierung von Zivilisationstheorie und strukturierender Inhaltsanalyse
3.1 Anwendung der Zivilisationstheorie in dieser Untersuchung
3.2 Anwendung der strukturierenden Inhaltsanalyse in dieser Untersuchung
3.2.1 Bestimmung des Ausgangsmaterials
3.2.2 Vorverständnis, Entstehungssituation und formale Struktur
3.2.3 Bestimmung relevanter Textbestandteile; Ankerbeispiele
4 Zeitkonzeptionen im Wandel I: Zur Anthropologie der Zeit
4.1 Der Ursprung der Zeit als menschliche Synthesetätigkeit
4.2 Zeit in der Antike
4.3 Zeit im Mittelalter
4.4 Zeit in der Neuzeit
4.5 Exkurs: Materialisierung der Zeit am Beispiel der Uhr
5 Zeitkonzeptionen im Wandel II: Fortschritt und Utopie
5.1 Materialisierungen von Zeit I: Die Idee des Fortschritts
5.1.1 Zur Begriffsgeschichte
5.1.2 Die „Beste aller Welten“: Fortschritt in der Antike
5.1.3 Transzendentale Meditationen: Der Fortschritt im Mittelalter
5.1.4 Der neuzeitliche Fortschrittsbegriff
5.2 Materialisierungen von Zeit II: Die Entdeckung der Utopie
5.2.1 Zum Begriff der Utopie
5.2.2 Die Utopie in der Antike und im Mittelalter
5.2.3 Die Utopie in der Neuzeit: Entstehungshintergrund
5.2.4 Entstehung und Konsolidierung der neuzeitlichen Utopie
6 Tendenzen im Wandel der Zeitkonzeptionen
6.1 Die Ablösung zyklischer durch lineare Zeitkonzeptionen
6.2 Die veränderte Erfahrung und Reflexion der Geschichte
6.3 Die Entwicklung philosophischer Zeitbegriffe
6.4 Die Durchsetzung des objektiven Zeitbegriffs
6.5 Die Realisierung der Möglichkeit zeitlicher Koordination
6.6 „Zivilisierung“ der Zeitkonzeptionen
7 Strukturierende Inhaltsanalyse: Platon, Mercier und Orwell
7.1 Platon: politeia – Die ewige Gegenwart
7.1.1 Zusammenfassung zeitlich relevanter Textbestandteile
7.1.2 Form und Inhalt der politeia
7.1.3 Biographie Platons
7.1.4 Kontext des Werkes
7.2 Louis-Sébastien Mercier: L’An 2440, Rev.. – Die Macht der Zukunft
7.2.1 Zusammenfassung zeitlich relevanter Textbestandteile
7.2.2 Form und Inhalt von L’An 2440
7.2.3 Biographie Merciers
7.2.4 Kontext des Werkes
7.3 George Orwell: 1984 – Die Destruktion der Zeit
7.3.1 Zusammenfassung zeitlich relevanter Textbestandteile
7.3.2 Form und Inhalt von 1984
7.3.3 Biographie Orwells
7.3.4 Kontext des Werkes
8 Synthetisierung der Ergebnisse und vergleichende Stellungnahme
8.1 Kategoriengeleiteter Vergleich der untersuchten Utopien
8.2 Form, Inhalt und Inspirationsraum der Utopien
8.3 Vergleich zeitkonzeptioneller Tendenzen
8.4 Hypothesenprüfung und Abschließendes
8.5 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die zentraleuropäische Kulturentwicklung in Bezug auf den Wandel von Zeitkonzeptionen zu untersuchen. Im Fokus steht dabei die Frage, wie gesellschaftliche Gefüge und die Wahrnehmung von Zeit durch "herausragende Figuren" und literarische Utopien beeinflusst wurden und wie sich diese Prozesse wechselseitig zur Konstitution von Gesellschaftsstrukturen verhalten.
- Die Genese und der Wandel von Zeitkonzeptionen auf Makro-, Meso- und Mikro-Ebene.
- Die Rolle der literarischen Utopie als Medium zur Vermittlung von Zeitvorstellungen.
- Methodische Verknüpfung von Zivilisationstheorie (Norbert Elias) mit qualitativer Inhaltsanalyse (Philipp Mayring).
- Vergleichende Analyse exemplarischer Utopien (Platons Politeia, Merciers L'An 2440, Orwells 1984).
- Reflexion über die gesellschaftliche Konstruktion der Zeit und die Macht von "Zeitgeistern".
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Ursprung der Zeit als „menschliche Synthesetätigkeit“
„Zu den frühesten Zeitmaßstäben gehörten die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne.“ Diese, so lernen wir von Elias, konnten von den Menschen allerdings nur schwer in ein einheitliches Bild integriert werden, sodass sie lediglich „eine große Menge von Einzelereignissen, ohne klare Zusammenhänge oder allenfalls mit ziemliche unstabilen Phantasiezusammenhängen“ erlebten.
Hier kündigt sich bereits die Eliassche Basisthese an, der zufolge die Zeit, die er in ihrer substantivischen Form als Irreführung betrachtet, ein synthetisierendes Konstrukt des Menschen ist. Und da diese Synthese (Elias vermeidet den Begriff der Abstraktion, da man Zeit nicht weiter abstrahieren könne) anfangs nur auf einem sehr einfachen Niveau möglich ist, fehlen dem Ursprungsmenschen die nötigen Begriffe, das Phänomen über dessen konkrete Erfahrung hinaus zu erfassen – die Nacht versteht er als „Schlaf“, den Monat als „Mond“. Eine zunächst begrifflose Gruppe erlebt ein „Wirrwarr von vagen, unsteten Signalen, ein kaleidoskopartigen Wandel, ein verwirrendes Kommen und Gehen von Lichtern, Formen und anderen Sinneswahrnehmungen.“ Aus den regelmäßig wiederkehrenden Lichtsignalen von gestern und heute werden erst nach einer langen Wissenstradition Begriffe wie „Mond“ abstrahiert und so das diffuse Ineinanderfließen von Erfahrungen in eine identitätsstiftende Unterscheidungsfähigkeit überführt. Diese auf dem Gedächtnis basierende Fähigkeit ist auch die Grundlage für die Entstehung des Bewusstseins, ohne dass die darauf folgende Menschheitsentwicklung undenkbar ist. Zeitbestimmung hängt also in der Frühphase von der Beobachtung natürlicher, nicht-menschlicher Ereignisse ab, die durch ihre Regelmäßigkeit einen bleibenden Bezugsrahmen für den in kleinen sozialen Enklaven lebenden Menschen schaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik kultureller Sinnsysteme und das Verständnis von Zeit ein, definiert den Untersuchungsgegenstand und begründet die methodische Vorgehensweise.
2 Theoretisch-Methodische Grundlegung: Dieser Abschnitt erarbeitet die notwendigen Begriffsdefinitionen und stellt die theoretischen Ansätze von Norbert Elias und Philipp Mayring für die Analyse dar.
3 Operationalisierung von Zivilisationstheorie und strukturierender Inhaltsanalyse: Hier wird dargelegt, wie die theoretischen Konzepte praktisch auf die Untersuchung der ausgewählten Utopien und der Zeitkonzeptionen angewendet werden.
4 Zeitkonzeptionen im Wandel I: Zur Anthropologie der Zeit: Das Kapitel untersucht den Ursprung der menschlichen Zeitvorstellung und die Genese dieser Konzepte von der Antike bis in die Neuzeit.
5 Zeitkonzeptionen im Wandel II: Fortschritt und Utopie: Der Fokus liegt auf der semantischen Genese der Begriffe Fortschritt und Utopie als zentrale "Epiphänomene" und ihrer Bedeutung für das kulturelle Selbstverständnis.
6 Tendenzen im Wandel der Zeitkonzeptionen: Es werden die langfristigen Entwicklungstendenzen zusammengefasst, darunter die Linearisierung der Zeit, die Veränderung der Geschichtsreflexion und die Ökonomisierung von Zeit.
7 Strukturierende Inhaltsanalyse: Platon, Mercier und Orwell: Dieser Teil führt die konkrete Analyse der drei Utopien durch, indem explizite Urteile extrahiert und mit historisch-biographischen Daten verknüpft werden.
8 Synthetisierung der Ergebnisse und vergleichende Stellungnahme: Die Arbeit schließt mit einer vergleichenden Bewertung der Utopien, einer Überprüfung der Ausgangshypothese und einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Zeitkonzeption, Zivilisationstheorie, Utopie, Fortschritt, Zeitsemantik, Norbert Elias, Gesellschaftsstruktur, Zeitgeschichte, Historische Soziologie, Kulturproduktion, Moderne, Strukturierende Inhaltsanalyse, Zeitgeist, Transformation, Sinnstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die gesellschaftliche Konstruktion der Zeit durch den Wandel von Zeitkonzeptionen, wobei sie insbesondere die Rolle literarischer Utopien als Medium zur Vermittlung dieser Konzepte analysiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Prozess der Zivilisation nach Norbert Elias, der Bedeutungswandel von Fortschritt und Utopie sowie die historische Entwicklung von Zeitkonzeptionen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, wie Zeitkonzeptionen das gesellschaftliche Selbstverständnis prägen und ob die ausgewählten literarischen Utopien den historischen Wandel von Zeitverständnissen gewissermaßen vorweggenommen oder beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert die soziologische Zivilisationstheorie von Norbert Elias mit einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring, um sowohl latente Strukturen als auch explizite Aussagen in den Texten zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Konzepte von Zeit, Fortschritt und Utopie und führt eine strukturierte inhaltliche Untersuchung von Platons "Politeia", Merciers "L'An 2440" und Orwells "1984" durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zeitkonzeption, Zivilisationstheorie, Utopie, Fortschritt, Zeitsemantik, Zeitgeist und Gesellschaftsstruktur.
Was unterscheidet Platons Konzept von dem von Mercier?
Platon konzipiert Zeit als zyklisch und orientiert sich an einer ewigen, statischen Vernunftordnung, während Mercier bereits das geschichtsphilosophische Fortschrittsmodell der Aufklärung nutzt und Geschichte als linear gerichteten Entwicklungsprozess begreift.
Warum wählt der Autor ausgerechnet Orwells "1984"?
Orwells Werk dient als Dystopie und Gegenpol, da es die totale Zerstörung und Manipulation von Geschichte und Zeit thematisiert, was die Konsequenzen einer totalitären Kontrolle des Bewusstseins besonders drastisch verdeutlicht.
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- Christof Niemann (Author), 2007, Utopie und Zeitsemantik - Zur gesellschaftlichen Konstruktion der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77764