Die Figurengestaltung in der narrativen Darstellung des historischen Romans und der Historiographie bei Alfred de Vigny und Jules Michelet: ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung/Problemstellung der Arbeit

1. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsschreibung vor dem 19. Jahrhundert

2. Geschichtsbewußtsein im Zeichen des Individuums
2.1. Chateaubriand
2.2. 'Deshistorisation' und Ursprungssuche

3. Problematik der Historiographie
3.1. Strukturen historiographischer Formen
3.2. Prämissen historiographischer Diskursformen

4. Bedeutung der 'historischen Imagination'

5. Parallelität von 'romantischem' Historiograph und Romanautor

6. Geschichtskonzeption des Historiographen Michelet
6.1. Narrative Struktur in Michelets Historiographie
6.2. Konspiration von Cinq-Mars und De Thou
6.2.1. Cinq-Mars
6.2.2. De Thou
6.2.3. Le peuple

7. Geschichtskonzeption des 'Poeten' Vigny
7.1. Dramennahe Figurendarstellung
7.2. Konspiration von Cinq-Mars
7.2.1. Der Protagonist Cinq-Mars
7.2.2. Parallelisierung der Figuren: Cinq-Mars - König
7.2.3. Le peuple

8. Schlußwort

9. Literaturverzeichnis

0. Einleitung/Problemstellung der Arbeit

Ausgehend vom Vergleich typischer Erzählverfahren im historischen Roman des 19. Jahrhunderts mit historiographischen Werken der nämlichen Epoche lassen sich - allgemein begründet im Geschichtsverständnis der Zeit - zwei wesentliche Kategorien des jeweils Dargestellten ausmachen: die Beschreibung von Ereignissen in der Bedingtheit ihrer Anlage und Folgewirkung einerseits, sowie insbesondere die Deskription bzw. Ausgestaltung der handelnden Figuren in Physionomie, Charakterbild und Bedeutungsschwere für den Her- und Fortgang des Geschehens andererseits.

Diese Darstellungsverfahren im historiographischen wie im narrativen Diskurs stehen in nachweislicher Abhängigkeit sowohl zur Geschichtskonzeption des jeweiligen Autors allgemein, als auch zu seinem Verständnis bzw. Bild von der betreffenden darzustellenden Epoche im Besonderen, das in Zusammenhang steht mit einer Problematisierung der Erfaßbarkeit bestimmender Konstituenten menschlicher Existenz.

Schwerpunkt dieser Arbeit soll sein, jene erzähltechnischen Strukturen der Figurendarstellung basierend auf der zugrunde gelegten Geschichtskonzeption anhand zweier Beispiele aus dem narrativen und historiographischen Diskurs des 19. Jahrhunderts herauszuarbeiten und vergleichend zu erläutern.

Die grundsätzlich - oder besser 'erklärtermaßen' - andere Ausgangslage von Romancier und Historiograph gerade in der Anlage der Figuren mag ein Kommentar Michelets zu Vignys Personnagen in "Cinq-Mars" zeigen:

"Vigny a traité les grands hommes des temps modernes comme les héros légendaires de l'Antiquité, qui symbolisaient aux yeux des anciens une époque et une race."[1]

Allein die Argumentationsstruktur Michelets in diesem Kommentar deutet auf den Bewußtseinsgrad einer "historischen Gesinnung"[2] des Historiographen im 19. Jahrhundert, welches Maigron als das "siècle [...] de l'histoire"[3] bezeichnet wissen möchte.

Bevor die genannten Autoren mit den ihnen eigenen Darstellungsweisen untersucht werden, soll gezeigt werden, inwiefern die von Foucault nachgewiesene "discontinuité" auf dem "champs épistémologique"[4] und die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Wissen[5] die tradierten Diskursformen verändern bzw. nachweisbar in ihnen fortwirken:

"...on voit que le système des positivités a changé d'une façon massive au tournant du XVIIIe et du XIXe siècle. Non pas que la raison ait fait des progrès mais c'est que le mode d'être des choses et de l'ordre qui en les repartissant les offre au savoir a profondément altéré."[6]

So ändert sich nämlich Wahrnehmung und Bedeutung nicht nur des einzelnen Individuums innerhalb der Geschichte, sondern auch das allgemeine - eigentlich seit Menschengedenkren vorhandene - Bewußtsein von der Geschichte der Menschheit mit der inhärenten Problematik einer verläßlichen Übermittlung bzw. sinntragenden Vermittlung von 'Geschichte'.

Sowohl im historischen Roman des 19. Jahrhunderts als auch in der - vergleichsweise eindrücklichen - Geschichtsschreibung zum Beispiel Michelets wird die Gebundenheit der Individuuen in ihrer "destinée" an das allgemeine, nur vermeintlich objektiv wahrnehmbare Fortschreiten der Zeit exemplarisch nachvollziehbar.

1. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsschreibung vor dem 19. Jahrhundert

Der Blick auf die Personnagen in Roman und Historiographie der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts kann nicht ohne eine vorherige Klärung der Bedeutung des Phänomens "Geschichte" für die geistige, wissenschaftliche und schließlich literarische Situation jener Zeit erfolgen. Zu klären ist der Status geschichtlichen Bewußtseins einer "pensée moderne"[7] am Ende des "âge classique", die nicht nur Voraussetzung der Produktion geschichtsbezogener Werke im weitesten Sinne (Geschichtsphilosophie, Roman, Historiographie, etc.) und begeisterte Rezeption derselben war, sondern gerade jene fundamentale Veränderung des Epistemewandels versinnbildlicht, die für die weitere Beschäftigung - nunmehr wissenschaftlicher - Art mit der Menschheitsgeschichte im Gegensatz zu vorangehenden Zeiten prägend bestimmt.

Der noch teleologischen, am biblisch-heilsgeschichtlichen Schema Orientierung Bossuets im 17. Jahrhundert, für welche ein unerschütterlicher, überall erkennbarer Glaube an die "Providence divine" prägend war, folgen im 18. Jahrhundert insgesamt viele Utopien (wie z.B. Voltaire, "Candide"; Diderot, "Supplément au voyage de Bougainville"; Marivaux, "L'île des esclaves"), deren teils pessimistische Grundhaltung bezüglich menschlicher Herrschaftsformen implizit Kritik an der so gelagerten christlichen Geschichtseinstellung enthält.

Voltaire, dem Bossuet als negatives Beispiel gilt, unterwirft die Geschichtsdarstellung seinen drei thematisch bestimmenden Passionen[8]. Während Kirche und Religion sich eher in einer 'crise collective' befinden, übernimmt die Geschichte - so weit und vage sie auch verstanden sein mag - einen existenzsichernden Platz im Denken Voltaires. Die wertende Beschreibung des vorangehenden, philosophisch herausragenden Jahrhunderts ergeben die Prämissen des voltairschen historischen Diskurses. Der Herrscher des "siècle le plus glorieux"[9] wird als 'aufgekärter' Monarch rehabilitiert.

Voltaires Art der Geschichtsschreibung als "homme des lumières" wird vor allem bestimmt von einer 'histoire des idées', die als Geistesgeschichte die eigentliche Grundlage des nationalen Bewußtseins und die vergangenen Epochen in der steten Fortentwicklung der "raison" vereint, an deren Höhepunkt stehend er schreiben kann. Sein Anspruch der 'besten' Perspektive findet darin seine Rechtfertigung.

Ohne erklärtermaßen über einen geschichtsphilosophischen Ansatz zu verfügen, und stets vom die Menschheit tragenden Nexus zwischen menschlichem Geist und allgemeinem "devenir" gelenkt, verfaßt er innovativ eine "histoire universelle", die durch das minutiöse Sammeln von Fakten und Quellen dem Rezipienten eine möglichst genaue Vorstellung der Geisteshaltung einer Epoche zu vermitteln sucht, ohne die Darstellung jedoch sinnlos mit Details zu überfrachten oder den Blick für das von ihm als das 'Wesentliche' erkannte zu verlieren. Um jedoch seiner Darstellung den beanspruchten Wahrheitscharakter zuschreiben zu können und von jedem Eindruck der Legendendichtung zu befreien, tritt die Frage nach der Möglichkeit historisch authentischer Darstellungsweisen in den Vordergrund. Er erläutert die Problematik im Zusammenhang mit der "Histoire du siècle de Louis XIV":

"Il y longtemps que j'ai assemblé quelques matériaux pour faire l'histoire du siècle de Louis XIV. Ce n'est pas tout simplement la vie de ce prince que j'écris, ce ne sont point les annales de son régime; c'est plutôt l'histoire de l'esprit humain, puisée dans le siècle le plus glorieux à l'esprit humain."[10]

Die Problematik der "Form" historischer Darstellung ist erkannt, wenn er sich einerseits verbietet, von den vermeintlichen historischen Größen jene "trop beaux portraits"[11] zu zeichnen, an denen gemeinhin der rückblickend gute oder schlechte Verlauf der Geschichte festgemacht wird. Zwar arbeitet er exakt an den Quellen entlang, erwartet jedoch von seiner Arbeit mehr als die bloße Erstellung von nur chronologisch ablaufenden Annalen, die der Bedeutung historischer Ereignisse im Gesamtzusammenhang des "esprit des hommes"[12] nie gerecht werden können.

2. Geschichtsbewußtsein im Zeichen des Individuums

2.1. Chateaubriand

Was Palmade für das Phänomen Geschichte feststellt, nämlich daß sie sich verändert und zwar mit dem Leben verändert ("Parce la vie et le monde changent, l'histoire a changé"[13] ), gilt insbesondere für die Geschichtsschreibung im neuen Jahrhundert, an dessen Auftakt der vermeintliche 'Erfinder' des Romantisme mit seinem Werk Génie du christianisme [14] steht. Chateaubriand, dessen omnipräsenter Einfluß auf die literarische Produktion der aufkommenden Romantik entscheidend prägt, nimmt mit seinem Werke das melancholische Gefühl der jungen literarischen Generation des mal du siècle vorweg und schafft in der großangelegten Verteidigung des Christentums jene kausale Interferenz zwischen kulturell schöpferischer Tätigkeit und christlicher Nationalvergangenheit, durch welche erst der Boden des "engloument pour le roman historique"[15] bereitet wird, wobei Chateaubriand seinerseits die literarischen Werke Scotts und die von ihm inaugurierte Strömung des historischen Romans kritisiert[16].

Hier soll nun die Bedeutung von Geschichte erläutert werden, die ihr in jener Hymne auf den Geist des Christentums zukommt, rezipiert in einer, der Nachrevolutionszeit eigenen Stimmung. Diese wird einerseits als antikirchlich und antireligiös beschrieben, trägt aber andererseits auch die Suche nach neuen Kategorien der Orientierung symptomatisch in sich, resultierend aus der Erfahrung der Revolution, die nicht nur die Gesellschaft als Kollektiv, sondern das Individuum in seiner Existenz erschüttert.

Geschichte überhaupt entbehrt in der Konzeption Chateaubriands jeder Vorstellung von Heterogenität. Sie selbst, ihre kritische Darstellung und die Art, sie zu überliefern, bleibt an die Fortentwicklung des Christentums, seines "génies" gebunden. Der Autor unternimmt sogar den Versuch, den ihm würdig erscheinenden und gleich nach Bossuet zu nennenden "premier historien de France"[17], Voltaire - erklärtermaßen Gegner einer religiösen Auffassung der Historie und Verfechter der menschlichen "raison" als höchstem Gut - christlich-religiösen Geist für die Abfassung seiner historiographischen Werke zu unterstellen:

"...c'est qu'en déclamant contre la réligion, ses plus belles pages sont des pages chrétiennes,..."[18]

Die rechte Geschichtsschreibung nach Chateaubriand fußt aber nicht allein in der obligatorischen Bindung an den christlichen Geist, sondern - und auch hier wird keine Alternative zu seinen theoretischen Entwicklungen geduldet - in einer stark national fixierten Geisteshaltung, die das französische Volk vor allen anderen - insbesonderen europäischen - Nationen[19] heraustreten läßt:

"Grâce au génie du christianisme, nous allons montrer qu'en histoire l'esprit français a presque atteint la même perfection que dans les autres branches de la littérature."[20]

Das neuerliche Interesse an Wesen und Art der Geschichtsschreibung kann demnach nicht losgelöst von einem neuerwachten, nach Bestätigung und Anerkennung strebenden Nationalgefühl gesehen und verstanden werden.

Ein Historiograph, der im Sinne Chateaubriands also die geschichtliche Wahrheit aus dem Bewußtsein einer 'destinée divine' herausschreibt, charakterisiert sich im Gegensatz zu den - ohne Zweifel - hoch anzusetzenden Geschichtsschreibern der Antike[21] durch die Qualität seines Glaubens:

"Chez les anciens, il fallait être docte pour écrire; parmi nous, un simple chrétien, livré, pour seule étude, à l'amour de Dieu a souvent composé un admirable volume;"[22]

In der 'Histoire de l'histoire'[23] erhält Chateaubriand seinen Platz im Zusammenhang mit der Historiographie weniger durch seine eigenen historiographischen Fähigkeiten und Werke[24], sondern dadurch, daß gerade im Génie du christianisme die Disposition und Bereitschaft einer Gesellschaft hin zu jenem Wandel in der Geistesgeschichte erkennbar wird, an dessen Beginn die Romantik als komplexe Periode steht. Ihre weitreichenden Veränderungen sind nicht nur an der hier im Interesse stehenden Literatur- und Geschichtsschreibung zu erkennen:

" ...son [Chateaubriand] oeuvre [...] prépare la nouvelle école historique, dont les maîtres ont pu le revendiquer comme patron, comme éveilleur..."[25]

Die der Romantik vorgreifenden, erstmals umfassend formulierten Ansätze geben nicht nur der Literatur den kreativen Schub, auch die historiographische Schreibweise empfängt so ihren "nouveau souffle"[26].

2.2. 'Deshistorisation' und Ursprungssuche

Daß die Veränderungen freilich tiefer anzusetzen sind, als nur auf der Ebene einer 'bloßen' Veschiebung geistesgeschichtlicher Prämissen, zeigt die neu entdeckte Rolle des Individuums innerhalb des historischen Verständnisses. So erfolgt nicht nur eine Bewußtwerdung, die den Glauben an eine göttliche "histoire providence" ersetzt durch eine Geschichtsvorstellung, in welcher der Menschheit und letztlich dem Einzelnen eine aktive, historisch relvante Rolle zukommt. Anders formuliert, "durchzieht Anfang des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Anteil des Menschen an der willentlichen Gestaltbarkeit der Welt gegenüber dem Plan"[27] der göttlichen Vorsehung die gesamte Diskussion der romantischen Geschichtsschreibung.

Eine Analogie der Epoche der aufkomenden Romantik zum 12. Jahrhundert zu ziehen scheint nicht nur insofern möglich, als daß in der Geschichtsschreibung und eben in der Literatur mit der Gattung des hitstorischen Romans Themen und stofflich überliefertes Gut aus dem moyen âge herangezogen wird. Umgekehrt erscheint die von Le Goff aufgeworfene Frage nach der möglichen Verkankerung der 'neuen' Gattung im Mittelalter in Anbetracht ähnlich gelagerter, dem Anfang des 19. Jahrhunderts vergleichbarer Veränderungen sinnvoll:

"Il me semble que la cause en [accrochement à l'histoire, An. d. Verf.] est le sentiment d'insécurité qui a dominé et orienté pendant longtemps les hommes de Moyen Age. Insécurité intellectuelle aussi bien que matérielle."[28]

Eben dieses Phänomen einer Rückversicherung menschlicher Existenz, deren Grundlage in der erkennbaren Vergänglichkeit der Zeit sich immer mehr verwischt, gilt für das beginnende 19. Jahrhundert, verstanden als ein 'Punkt', an welchem die Menschheit sich ihrer selbst, der Mensch sich seiner selbst in seiner Geschichtlichkeit neu bewußt wird:

"L'homme s'est constitué au début du XIXe siècle en corrélation avec ses historicités, avec toutes ces choses enveloppées sur elles-mêmes et indiquant [...] l'identité inaccessible de leur origine."[29]

In der Zeit, in der sich die modernen Wissenschaften wie zum Beispiel die der modernen Philologie als solche erst herausbilden, muß die Selbstsituierung des Menschen auf eine Leerstelle verweisen, denn das klassische Wissenssystem ("épistemè classique") versagt, nach welchem die menschliche Natur in genau definierten und vorhersehbaren funktionellen Abhängigkeiten zur Natur als solcher befand, eine "science de l'homme" innerhalb des "discours commun" nicht denkbar oder besser nicht 'darstellbar' war[30]. Bestand die Souveränität des Menschen zuvor noch in der Fähigkeit zu "benennen" und damit zu klassifizieren, so sieht er sich nun analog zu den ihn betreffenden Wissenschaften[31] mit seiner eigenen Geschichtlichkeit konfrontiert, die ihn gewissermaßen zu einem "retour à l'origine" zwingt, ihn rückhaltlos der Zeit und Zeitlichkeit aussetzt. Denn im Gegensatz zu allen anderen 'zeitlichen' Dingen fehlt dem Menschen jene origine, die zu finden die Hauptsorge der 'pensée moderne' eignet. Dieser erkannte 'Mangel' versinnbildlicht den steten Konflikt der Menschheit mit den "choses", deren Kalender sich immer weiter zurückblättern läßt, in welchem aber - an einem gewissen Punkt angelangt - der Mensch als solcher nicht mehr erscheint[32].

Das System des "savoir classique" entpuppt sich nun als eine 'Notverschmelzung' zweier gänzlich uneinheitlicher Geschichten, deren "Asymmetrie" niemals ihren Ausgleich finden kann. Jeder weitere Versuch, der geradezu paradox dennoch unternommen wird[33], dringt damit tiefer in die Domäne der Ursprungsfrage vor, wobei sich jener 'Ursprung' nur weiter zurückzieht und mehr und mehr verwischt[34].

Das kritische Bewußtsein von Zeit und Zeitlichkeit erscheinen für Foucault als Prämissen der pensée moderne. In ihnen findet sich jenes Dilemma angelegt, welches die menschliche Existenz bestimmt, nämlich die bedingungslose Anerkennung der 'finitude' des Menschen, welche jede Beziehung zur postulierten 'Ganzheit' der fortschreitenden Zeit als un-denk-bar erkennt. Dieser mode d'être des Menschen auf der steten Suche nach seiner Identität über einen definierten Ursprung, erzwingt geradezu die unendlich andauernde Wiederholung:

"...la pensée moderne est vouée, de fond en comble, à la grande préoccupation du retour, au souci de recommencer, à cette étrange inquiétude sur place qui la met en devoir de répéter la répétition."[35]

Im Unterschied zu den Dingen kennzeichnet den Menschen der 'malaise' des "nackten Zustands", in welchem er sich in einer "forme nue de l'historicité"[36] befindet.

Unvermeidlich ergibt sich daraus die Frage nach der Geschichte als "la mère de toutes les sciences de l'homme"[37], die eigentlich das verläßliche Gedächnis der Menschen (mit allen notwendigen Einschränkungen und Vorbehalten) sein sollte. Sie allein kann in ihrer Entwicklung als wahre "science de l'homme" vor allen anderen sciences humaines gelten, im Sinne einer "mémoire humaine"[38].

Doch gerade die Art der Geschichtsschreibung, die bis ins 19. Jahrhundert das menschiche Geschichtsverständnis leitet und sichert, findet sich im "grand bouleversement de l'épistémè"[39] zerbrochen und bar jeder vorgefertigten Einheitlichkeit oder Verläßlichkeit. Nach Jahrhunderten der als gesichert geltenden Einteilung aller Phänomene durch den herrschenden savoir classique sieht sich der Mensch nunmehr mir 'Leerstellen' konfrontiert, die klar zwischen den festgelegten Wissensdomänen hervortreten. Die sogenannte "déshistorisation" des Menschen ergibt sich aus der nicht mehr möglichen eindeutigen Zuordnung seiner selbst:

"L'être humain n'a plus d'histoire: ou plutôt, puisqu'il parle, travaille et vit, il se trouve en son être propre, tout enchevêtré à des histoires qui ne lui sont ni subordonnées ni homogènes. [...] l'homme qui apparaît au début du XIXe siècle est "déshistorisé".[40]

[...]


[1] In der "Préface" der 1827 erschienenen, von Michelet angefertigten Übersetzung von Vicos "Principii di una scienza nuova d'intorno alla comune natura delle nazioni" (1725). MICHELET, J.: Principes de la philosphie de l'histoire. Traduits de la Scienza nuova de Giambattista Vico. In: MICHELET, J.: Oeuvres complètes. Paris, 1971. Bd. 1, S. 420.

[2] AUERBACH, E.: Mimesis. Tübingen/Basel, 1994. Zuerst 1946. S.44.

[3] MAIGRON, L.: Le roman historique à l'époque romantique. Paris, 1912. S. 205.

[4] FOUCAULT, M.: Les mots et les choses. Paris, 1966. S.13.

[5] Vergl. FOUCAULT, M.: ebd., S. 13/14.

[6] FOUCAULT, M.: ebd., S. 14. Kursiv nicht im Original.

[7] FOUCAULT, M.: ebd., S. 344.

[8] "Voltaire a eu [...] trois passions: la religion, l'histoire et la justice." GUITTON, E.: Voltaire. In: Universalis. Paris, 1993. Bd. 19. S. 1039.

[9] VOLTAIRE: Lettre à M. l'Abbé Dubos, 1738. Zitiert nach: EHRARD, J./PALMADE, G.P. (Hg.): L'histoire. Paris, 1965. S. 164.

[10] VOLTAIRE: ebd., S. 164.

[11] GOLDZINK, J.: Histoire de la littérature française. XVIIIe siècle. Paris, 1988. S. 146.

[12] VOLTAIRE: ebd., S. 164.

[13] PALMADE, G.P.: L'histoire. In: Universalis. Paris, 1993. Bd. 9, S. 362.

[14] CHATEAUBRIAND, R.-F.: Le génie du christianisme. Paris, 1966. Zuerst 1802.

[15] COUTY, D.: Histoire de la littérature française. XIXe siècle. Paris, 1988. Bd. 1, S. 108.

[16] Vergl. v.a. CHATEAUBRIAND, R.-F.: Essai sur la littérature anglaise, 1836.

[17] CHATEAUBRIAND, R.-F.: Le génie du christianisme. Paris, 1966. (Flammarion). Zuerst 1802. Bd. 1, S. 446.

[18] CHATEAUBRIAND, R.-F.: ebd., S. 446.

[19] Vergl. z.B. die Ausführungen über "les anglais." In: CHATEAUBRIAND; R.-F.: ebd., S. 444.

[20] CHATEAUBRIAND, R.-F.: ebd., S. 444.

[21] "...rappeler au lecteur que [...] les historiens de l'antiquité sont [...] supérieurs aux nôtres." CHATEAUBRIAND; R.-F.: ebd., S. 444.

[22] CHATEAUBRIAND, R.-F.: ebd., S. 446.

[23] Vergl. EHRARD, J./PALMADE, G.P. (Hg.): ebd., S. 53.

[24] "Chateaubriand [...] n'est pas un historien." EHRARD, J./PALMADE, G.P. (Hg.): ebd., S. 53. Von den Mémoires d'outre-tombe (1841) soll hier abgesehen werden.

[25] EHRARD, J./PALMADE, G.P.: (Hg.): ebd., S. 53.

[26] EHRARTD, J./PALMADE, G.P.: (Hg.): ebd., S. 53.

[27] GUDE, J.: Geschichtsschreibung und Romantik. Diss.. Hannover, 1996. S. 36.

[28] LE GOFF, J.: Naissance du roman historique au XIIe siècle? In: NRF 238 (Oktober 1972). S. 170/171.

[29] FOUCAULT, M: ebd., S. 341.

[30] FOUCAULT, M: ebd., S. 321/322.

[31] "...de la biologie, de l'économie et de l'étude du langage..." FOUCAULT, M.: ebd., S. 368.

[32] "...elle remonte à un calendrier où l'homme ne figure pas." FOUCAULT, M.: ebd., S. 342.

[33] "...paradoxalement..." FOUCAULT, M.: ebd., S. 344.

[34] "...l'origine elle-même [...] remonte jusqu'à soi dans la dynastie de son archaïsme." FOUCAULT, M.: ebd., S. 345.

[35] FOUCAULT, M.: ebd., S. 345.

[36] "...c'est une forme nue de l'historicité humaine." FOUCAULT, M.: ebd., S. 381/382.

[37] FOUCAULT, M.: ebd., S. 378.

[38] FOUCAULT, M.: ebd., S. 378.

[39] FOUCAULT, M.: ebd., S. 379.

[40] FOUCAULT, M.: ebd., S. 380.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die Figurengestaltung in der narrativen Darstellung des historischen Romans und der Historiographie bei Alfred de Vigny und Jules Michelet: ein Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanistik)
Veranstaltung
Historischer Roman
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
44
Katalognummer
V7798
ISBN (eBook)
9783638149358
ISBN (Buch)
9783640898817
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Figurengestaltung, Darstellung, Romans, Historiographie, Alfred, Vigny, Jules, Michelet, Vergleich, Historischer, Roman
Arbeit zitieren
Gerdi Ziegler (Autor), 1998, Die Figurengestaltung in der narrativen Darstellung des historischen Romans und der Historiographie bei Alfred de Vigny und Jules Michelet: ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7798

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