Die Sophisten traten erstmalig als Wanderlehrer in den griechischen Stadtstaaten des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Erscheinung. Ihre selbstgewählte Bezeichnung als „Weise“ (von dem griechischen sophistês) bleibt ohne nähere Beschäftigung mit ihren Lehren nur eine vage Andeutung. Eine Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Lehren begann schon in der Antike und findet sich bis heute, ohne dass man zu einer auch nur annähernd eindeutigen Position darüber gelangt wäre. So hebt beispielsweise der Historiker Heuss (1962, S. 372) die bedeutende Rolle der Sophistik in seiner griechischen Geschichte hervor, indem er unter der Teilüberschrift „Die Antwort des Denkens“ die geistigen Errungenschaften der Zeit den Sophisten zuschreibt. Aber auch die Zeitgenossen und die unmittelbaren geistigen Erben fühlten sich herausgefordert zu den sophistischen Positionen Stellung zu beziehen. Ihr ist insbeonsdere Platon zu nennen, dessen politische Theorien zu einem großen Teil auf seiner Auseinandersetzung mit den Sichtweisen der Sophisten aufbauen.
Die Arbeit thematisiert in ihrem ersten Teile diese Auseinandersetzung Platons mit den Sophisten vor allem in den Diologen und "Gorgias", „Protagoras", „Theaitetos“, „Sophistae“ und „Kratylos“.
Darüber hinaus wird die Rehabilitation der Sophisten und ihrer Lehren, die insbesondere durch Hegel initiiert wurde, untersucht. Dabei steht nicht nur die im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert erfolgte generelle Neubewertung im Vordergrund. Es soll auch die zeitgenössisch-kritische Auseinandersetzung mit der hegelschen Sophistikdeutung anhand der Ausführungen von Held (1990) und Tenbruck (1996 a, b) thematisiert werden. Ebenso wie auch im Zusammenhang mit der hegelschen Sophistikdeutung soll im Besonderen der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Sophistik als eine oder die Aufklärungsbewegung des antiken Griechenlands gelten kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Platon und die Sophistik
2.1 Platons inhaltliche Auseinandersetzung mit den Sophisten
2.2 Die Wirkung Platons
2.3 Fazit
3. Die Rehabilitation der Sophisten – die Sophistik als Aufklärung?
3.1 Hegels Neubewertung der Sophistik
3.1.1 Grundlagen für die hegelsche Sichtweise auf die Sophistik
3.1.2 Die Veräußerlichung der ursprünglich spekulativen Dialektik
3.1.3 Die Bewusstwerdung der Subjektivität
3.1.4 kritische Aspekte der hegelschen Sophistikdeutung – die Sophistik als Aufklärung
3.1.5 Fazit
3.2 Die Sophistik bei Tenbruck
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur
5.3 Digitale Nachschlagewerke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das historische Bild der Sophisten sowie deren Rehabilitation durch Hegel und Tenbruck, wobei insbesondere die Fragestellung im Zentrum steht, inwiefern die Sophistik als eine frühe griechische Aufklärungsbewegung betrachtet werden kann.
- Darstellung der Sophisten in den platonischen Dialogen
- Methodik der philosophischen Auseinandersetzung Platons
- Analyse der hegelschen Neubewertung der Sophistik
- Kritische Reflexion der Sophistik als Aufklärungsbewegung
- Die soziologische Perspektive von Tenbruck auf die Sophistik
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Grundlagen für die hegelsche Sichtweise auf die Sophistik
Im Allgemeinen gilt es als problematisch überhaupt von einer einheitlichen geistigen Bewegung der Sophistik zu sprechen, da die uns vorliegenden Fragmente kein endgültiges Urteil erlauben und in wichtigen Punkten kontrovers und schwankend bleiben. Für Hegel stand dies außer Frage. Die Sophistik eröffnet sogar in der von ihm unterstellten systematischen Entwicklung der Philosophie einen neuen Abschnitt. Mit dem festen Platz, den er ihr in seiner Geschichte der Philosophie zuwies, wagte er den ersten Schritt zu einer neuen Sichtweise. Dabei ordnen sich seine Betrachtungen über die Sophisten nahtlos in sein Geschichtsverständnis und die Forderung nach einer neuen Epoche ein:
„Was schon einmal getan worden ist, muss nicht wiederholt werden. Man muss nicht wie Platon denken. In der Stufenfolge, die der ‚Weltgeist’ in der Geschichte wie in der Philosophie hinter sich gebracht hat, war alles von Notwendigkeit geleitet. Die Geschichte der Philosophie als das ‚Innerste der Weltgeschichte’ kennt keine blinden Einfälle und Zufälle. Denn die Weltgeschichte macht keine Fehler. Jeder Standpunkt hat an seiner Stelle sein Recht. Auch das Falsche trägt Wahres in sich durch die in ihm enthaltene Notwendigkeit, dazusein, um dem Wahren, das sich an ihm reibt, die Bahn zu bereiten. Die jeweils letzte Philosophie einer Zeit fasst die vorhergehenden Philosophien in sich, sie ist ihr Produkt und Resultat.“
Damit nehmen die Sophisten wie jede andere philosophische Strömung ihren Platz in der hegelschen Philosophie- und auch Weltgeschichte ein. In seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie arbeitet Hegel als übergreifende Hauptmerkmale der Sophistik auf der einen Seite die Veräußerlichung der ursprünglich spekulativen Dialektik und auf der anderen Seite die Bewusstwerdung der Subjektivität heraus. Beide Merkmale erklären danach auch das kulturelle Erscheinungsbild der Sophistik. Ihre Vertreter wurden zu den neuen Lehrern Griechenlands, insbesondere zu Lehrern der Rhetorik. Ebenso führt Hegel den aufklärerischen Charakter der Sophistik auf diese Merkmale zurück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Sophisten und deren problematische Quellenlage sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Platon und die Sophistik: Untersuchung der kritischen Haltung Platons gegenüber den Sophisten und deren Auswirkungen auf die philosophische Geschichtsschreibung.
2.1 Platons inhaltliche Auseinandersetzung mit den Sophisten: Analyse der methodischen und inhaltlichen Kritikpunkte Platons, insbesondere zur Vernunft und Wahrheit.
2.2 Die Wirkung Platons: Darstellung, wie Platon das Bild der Sophisten als Negativideal über Jahrhunderte prägte.
2.3 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der einseitig negativen Sichtweise Platons.
3. Die Rehabilitation der Sophisten – die Sophistik als Aufklärung?: Einleitung in den Bedeutungswandel der Sophistik-Rezeption durch Hegel.
3.1 Hegels Neubewertung der Sophistik: Untersuchung von Hegels philosophischer Einordnung der Sophistik als notwendiger geschichtlicher Prozess.
3.1.1 Grundlagen für die hegelsche Sichtweise auf die Sophistik: Analyse des hegelschen Geschichtsverständnisses in Bezug auf die Sophistik.
3.1.2 Die Veräußerlichung der ursprünglich spekulativen Dialektik: Erläuterung der dialektischen Methode als Mittel zur Lebensbewältigung der Griechen.
3.1.3 Die Bewusstwerdung der Subjektivität: Analyse der Reflexionsleistung der Sophisten als "sapere aude" der Aufklärung.
3.1.4 kritische Aspekte der hegelschen Sophistikdeutung – die Sophistik als Aufklärung: Diskussion der Kritik durch Klaus Held an der hegelschen Interpretation.
3.1.5 Fazit: Zusammenfassung von Hegels positiver Neubewertung im Kontext der Philosophiegeschichte.
3.2 Die Sophistik bei Tenbruck: Darstellung der soziologischen Perspektive Tenbrucks auf die Sophistik als Kulturerscheinung.
4. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Ergebnisse zur Sophistik-Rezeption und Aufklärungs-These.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur.
5.1 Quellen: Angabe der primär verwendeten Ausgaben.
5.2 Literatur: Angabe der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
5.3 Digitale Nachschlagewerke: Angabe der verwendeten digitalen Lexika.
Schlüsselwörter
Sophistik, Platon, Hegel, Tenbruck, Aufklärung, Dialektik, Subjektivität, Paideia, Protagoras, Vernunft, Philosophiegeschichte, Rhetorik, Antike, Relativismus, Eristik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die historische Wahrnehmung der Sophisten, angefangen bei der scharfen Kritik Platons bis hin zur positiven Neubewertung durch Hegel und Tenbruck, um die These der Sophistik als antike Aufklärungsbewegung zu prüfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik, die Entwicklung des Vernunftbegriffs sowie die soziologische Bedeutung der Sophisten als Lehrer in den griechischen Stadtstaaten.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die Sophistik nicht bloß als Scheinphilosophie abzutun ist, sondern als eine notwendige und aufklärerische Entwicklung in der Geistesgeschichte des antiken Griechenlands gelten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literatur- und Diskursanalyse, in der primär platonische Dialoge sowie neuere philosophische und soziologische Interpretationen (Hegel, Held, Tenbruck) miteinander verglichen und kritisch hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Platons polemischer Auseinandersetzung, Hegels systematischer Rehabilitierung der Sophistik und Tenbrucks soziologischer Deutung der Sophistik als notwendigem gesellschaftlichen Wandel vom Mythos zum Logos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sophistik, Aufklärung, Hegel, Platon, Subjektivität und Paideia charakterisiert.
Warum spielt der Dialog zwischen den Generationen laut Platon eine solche Rolle?
Platon argumentierte, dass Bildungsprozesse essenziell sind, um gesellschaftliches Wissen und Moral über Generationen hinweg zu erhalten; er sah die Sophisten als Bedrohung für diese Wissensweitergabe an, da er ihre Rhetorik für wahrheitsfern hielt.
Inwiefern beeinflusste die Schrift des Protagoras „Über die Götter“ die Zeitgenossen?
Protagoras' öffentliches Eingeständnis der Unwissenheit bezüglich der Existenz der Götter wirkte für die religiös geprägte Gesellschaft der Antike zutiefst verstörend und provozierte die Ablehnung konservativer Kreise.
- Quote paper
- Berno Bahro (Author), 2003, Die Rehabilitation der Sophistik - die Sophisten als Aufklärer? - Die Bildungstheorien der Sophisten und Platons: Pragmatischer Relativismus versus Idealismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78067