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Fernsehsucht oder – Emanzipation? Joshua Meyrowitz’ "Die Fernsehgesellschaft" im Spiegel von Heiko Michael Hartmanns Roman "MOI"

Title: Fernsehsucht oder – Emanzipation? Joshua Meyrowitz’ "Die Fernsehgesellschaft" im Spiegel von Heiko Michael Hartmanns Roman "MOI"

Thesis (M.A.) , 2005 , 94 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Magister Artium Sarah Stricker (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Der Streit um Verdienst oder Gefahr des Fernsehens ist älter, als die Flimmerkiste selbst. Seitdem haben sich die Argumente für oder wider vielleicht augenscheinlich vermehrt – Verblödung, Vermassung, Verrohung auf der einen; Wissensgewinn, Demokratisierung, globale Vernetzung der Menschen auf der anderen Seite – doch im Kern bleibt die Gretchenfrage gleich: Neue Medien – satanisch oder göttlich?
Satanisch, würde Heiko Michael Hartmanns Protagonist Fred Openkör zweifellos sagen, der als schleichend verfaulender Fleischballen dem grotesken Tod durch Zerplatzen entgegen sieht. Ein mysteriöser Virus, der sich über 50-Euro-Scheine verbreitet, zwingt den Buchmenschen in die verhasste Kommunität mit seinen MOI-Leidensgenossen (zugleich Abkürzung für Maladie d’Origine Inconnue als auch franz. Ich), die ihn mit ihrem Fernsehwahn schon mal einen Vorgeschmack auf das nahe Ende liefern – allen voran Kioskverkäufer Dupek, der das sinnlose bis Karies verursachende Einerlei seines Ladens in Form stumpfsinniger TV-Häppchen ins Krankenzimmer schleust.
Openkör ist gefangen in einem Paralleluniversum, in dem die, die er einst belächelte, seine ohnehin schon jämmerliche Existenz zur Hölle machen: der unerbittliche Zappingterrorist inklusive fernsehsüchtiger Sippschaft, der penetrante Sozialhelfer, der Pastor, der sich in lächerlicher Weise selbst zu infizieren sucht, usw.
Die Welt im Krankenzimmer ist eine verkehrte. Nur hier kann eine einfache Krankenschwester einen renommierten Anwalt, einen „Dr.“, mit einem Klaps auf den Po zurechtweisen. Im Mikrokosmos der MOI-Station werden erwachsene Männer zu hilflosen Kindern, die gewaschen und gefüttert werden, wird der Gebildete zum Spielball der „Dupeks“. Das Geld, einst verheißungsvoller Bote des Fortschritts ist hier Auslöser des schleichenden Verfalls. Professor Zahl, „die Realität in ihrer gröbsten Form“ hat als „geldgieriger Gliedabschneider“ die ärztliche Unantastbarkeit eingebüßt. Die alten Hierarchien sind aufgelöst – genauso wie in Joshua Meyrowitz’ „Fernsehgesellschaft“.
Der amerikanische Medientheoretiker geht davon aus, dass die traditionellen Unterschiede zwischen Menschen durch eine Trennung in separate Erfahrungswelten bewirkt und durch die Printmedien verstärkt werden. Die neuen Kommunikationsmittel wie Fernsehen, Telefon und Computer verwischen hingegen die Grenzlinien verschiedener Gruppen, indem sie zuvor getrennte Situationen miteinander kombinieren. Das Resultat ist die gleiche verkehrte Welt, die Hartmanns Ich-Erzähler zeichnet: Die Schwachen hinterfragen das Handeln der Mächtigen, die Kluft zwischen Kind und Erwachsenem verwischt, Frauen zwingen ihre Männer hinter den Herd, Autoritäten, Titel, etc. verlieren an Bedeutung.
Und genau darum ist das Fernsehen göttlich, würde Joshua Meyrowitz erwidern. Während nämlich Openkör den Untergang der Menschheit durch kollektiv infizierte Blödheit erwartet, sieht Meyrowitz die elektronischen Medien als zu begrüßendes Mittel der Demokratisierung und Emanzipation. Gleicher Befund, unterschiedliche Interpretation.
Allerdings besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen McLuhans global village und Openkör’schem Krankenzimmer: Auf der einen Seite haben wir die Medien als Körperextensionen, auf der anderen steht ein Virus, der die Menschen ihrer Extremitäten beraubt. Nach und nach verlieren die MOI-Kranken schier jegliche Verbindung zur Außenwelt, Hände, Nase, Stimme, bis sie schließlich im P-Raum abgeschlossen vom Rest der Menschheit einen obszönen Tod sterben. Openkör ist in sich selbst gefangen, im wahrsten Sinne des Wortes ego-zentrisch („Ich Ich Ich…! Mit solcher Lektüre hatte ich mein Leben vertan!“ ), ohne sich dabei selbst zu begreifen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die beiden Pole Fernseh-Sucht und -Emanzipation einander gegenüberzustellen und zu zeigen, inwieweit sie sich in Openkör als radikalem Fernsehkritiker und Dupek, dessen TV-Liebe in Fernsehsucht abdriftet, widerspiegeln, bzw. inwieweit der Roman valides Wissen zur Festigung oder Unterminierung der einzelnen Theorien zur Verfügung stellt. Dabei übernimmt die satanische Seite den Anfang, zum einen, weil die Negativargumente als in der Gesellschaft dominant weniger Überzeugungsarbeit bedürfen, zum anderen, um der Chronologie der Forschungstradition, die sich von einer stark abwehrenden zu einer vermehrt hoffnungsvollen Einschätzung des Fernsehens entwickelt hat, Rechnung zu tragen.
Über einen Abriss der Fernsehkritik von den vehementen Anfängen eines Adorno oder Anders zu den objektivierenden Analysen der Gegenwart, soll sich der Frage genähert werden: Was ist Sucht? Kann zwanghaftes Fernsehen die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllen? Gibt es eine Suchtpersönlichkeit und fällt Dupek als Fernsehbesessener unter diese Kategorie? Dabei werden neben literatur- und medienwissenschaftlichen Ansätzen auch neurophysiologische und psychologische Erkenntnisse Berücksichtigung finden, soweit das im Rahmen dieser Arbeit möglich ist.
Hieran schließt sich die weniger populäre, positive Darstellung des Fernsehens. Was kann die Flimmerkiste bei aller Schelte leisten? Vergangenheitsbewältigung? Wissensgewinn? Egalität? Die göttliche Seite gipfelt in Meyrowitz’ Analyse, der in den televisionären Auswirkungen eine emanzipatorische Kraft erkennt. Seine message: Fernsehen ist antiautoritär.
Die Zweiteilung in gut und böse kann jedoch, um These und Antithese nicht auseinander zu reißen, nicht starr eingehalten werden. Stattdessen finden sich Für und Wider teilweise Seite an Seite, ohne die dualistische Struktur ganz aufzulöse

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Böses Fernsehen

2.1 Kritik der Kulturindustrie

2.2 Von Massenmenschen und Menschenmassen

2.3 Unsichtbare Zensur

2.4 Die Macht der Bilder

2.5 Die Droge im Wohnzimmer

2.6 Openkör und die Flimmerkiste

3. Fernsehsucht

3.1 Geschichte der Sucht

3.2 Was ist Sucht?

3.3 Was macht die Sucht mit dem Süchtigen?

3.4 Dupeks und andere Suchtpersönlichkeiten

3.5 Warum das Abschalten so schwer fällt: Spiel Spaß und Stimmungslenkung

4. Paradigmenwechsel: Von der Sucht zur Emanzipation

4.1 Sein oder Schein. Was kommt zuerst?

4.2 Passiv oder aktiv

4.3 Das starre Publikum

5. Fernsehemanzipation

5.1 Fernsehen macht frei

5.2 Buch und Fernsehen

5.3 Das Öffentliche und das Private

5.4 Ort und Situation

5.5 Gruppenidentität, Sozialisation, Hierarchie

6. Schluss

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Fernsehen als potenziell süchtig machendem Medium und seiner gleichzeitigen Rolle als Instrument der gesellschaftlichen Emanzipation. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich Medienkonsum auf die individuelle Wahrnehmung, Sozialisation und das psychische Wohlbefinden auswirkt.

  • Kritische Analyse der Fernsehkritik und Kulturindustrie
  • Psychologische und soziologische Aspekte der Fernsehsucht
  • Einfluss des Fernsehens auf die Kindesentwicklung
  • Möglichkeiten zur emanzipatorischen Nutzung elektronischer Medien
  • Vergleichende Betrachtung von Buch- und Medienkultur

Auszug aus dem Buch

2.1 Kritik der Kulturindustrie

Eine der ersten und am häufigsten zitierten Medienprügeln gegen das Fernsehen stammt von Theodor W. Adorno, einem Kind der Frankfurter Schule, die sich ursprünglich mit der Frage nach den Faktoren, die eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse verhindern, beschäftigte. Medien und Kommunikation spielten in diesem Zusammenhang zunächst eine eher untergeordnete Rolle. Erst das immer deutlichere Hervortreten der so genannten Kulturindustrie – einen Terminus, den Adorno und Horkheimer erstmals in ihrer 1947 erscheinenden Dialektik der Aufklärung verwendeten – führte zu einer Analyse der Massenmedien, welche als Stimuli interpretiert wurden, die in der Lage seien, die Menschen von ihren tatsächlichen Bedürfnissen abzulenken.

Das Medium selbst jedoch fällt ins umfassende Schema der Kulturindustrie und treibt deren Tendenz, das Bewußtsein des Publikums von allen Seiten zu umstellen und einzufangen, als Verbindung von Film und Radio weiter.

Die Frankfurter sprachen gerne von Manipulation oder Verblendung, allen voran Adorno, der die Massen- oder Trivialkultur einer Hochkultur gegenüberstellte, die dem ökonomischen Imperialismus nicht unterliege.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung des Films und Fernsehens und führt in die Fragestellung ein, ob das Medium Fernsehen als „satanisch“ oder „göttlich“ zu bewerten ist.

2. Böses Fernsehen: Dieses Kapitel widmet sich der klassischen Medientheorie und Kritik, insbesondere der Frankfurter Schule, sowie der Problematik der Vermassung durch das Medium.

3. Fernsehsucht: Hier wird das Krankheitsbild der Fernsehsucht analysiert, Parallelen zu stoffgebundenen Süchten aufgezeigt und die Rolle von Suchtpersönlichkeiten diskutiert.

4. Paradigmenwechsel: Von der Sucht zur Emanzipation: Dieses Kapitel beschreibt den Wandel in der medienwissenschaftlichen Betrachtung hin zur aktiven Nutzung durch den Zuschauer und hinterfragt den Passivitätsvorwurf.

5. Fernsehemanzipation: Hier wird untersucht, wie Fernsehen als Instrument zur Aufarbeitung der Vergangenheit und als Katalysator für emanzipatorische Prozesse dienen kann.

6. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und medialer Überwältigung.

Schlüsselwörter

Fernsehen, Fernsehsucht, Kulturindustrie, Medientheorie, Emanzipation, Massenmedien, Suchtpersönlichkeit, Medienwirkung, Sozialisation, Passivität, Aktivität, Kritische Theorie, Medienkompetenz, Konsumgesellschaft, Identitätsbildung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit?

Die Arbeit analysiert die ambivalenten Auswirkungen des Fernsehens auf das Individuum und die Gesellschaft, unter Berücksichtigung sowohl kritischer als auch emanzipatorischer Ansätze.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Zu den Schwerpunkten gehören Medienkritik, Suchtforschung im Kontext elektronischer Medien, Medientheorien von Adorno bis Meyrowitz sowie die soziale Funktion von Fernsehen.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Arbeit fragt danach, ob Fernsehen eine zerstörerische Suchtquelle darstellt oder ob es, unter bestimmten Bedingungen, als Medium der Emanzipation und Demokratisierung fungieren kann.

Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?

Es werden medienwissenschaftliche, soziologische und psychologische Ansätze kombiniert, um sowohl theoretische Diskurse als auch empirische Befunde zu interpretieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik an der Kulturindustrie, die psychologische Fundierung der Fernsehsucht sowie die Diskussion über die aktive versus passive Rolle des Zuschauers.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Kulturindustrie, Suchtpersönlichkeit, Fernsehsucht, Emanzipation und die Auseinandersetzung zwischen Buch- und Bildkultur.

Wie bewerten die Autoren die "satanische" Sichtweise auf das Fernsehen?

Die Autoren referieren kritische Positionen wie die von Adorno, die das Fernsehen als Instrument der Manipulation und der Unterdrückung autonomer Urteilsbildung sehen.

Welche Rolle spielt das Buch "MOI" in der Analyse?

Der Roman dient als fiktionales Fallbeispiel für einen radikalen Fernsehkritiker und illustriert die extremen Auswirkungen von Fernsehsucht und medialer Isolation.

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Details

Title
Fernsehsucht oder – Emanzipation? Joshua Meyrowitz’ "Die Fernsehgesellschaft" im Spiegel von Heiko Michael Hartmanns Roman "MOI"
College
University of Mannheim  (Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse)
Grade
1,0
Author
Magister Artium Sarah Stricker (Author)
Publication Year
2005
Pages
94
Catalog Number
V78070
ISBN (eBook)
9783638786416
Language
German
Tags
Fernsehsucht Emanzipation Joshua Meyrowitz’ Fernsehgesellschaft Spiegel Heiko Michael Hartmanns Roman
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Magister Artium Sarah Stricker (Author), 2005, Fernsehsucht oder – Emanzipation? Joshua Meyrowitz’ "Die Fernsehgesellschaft" im Spiegel von Heiko Michael Hartmanns Roman "MOI", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78070
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